"Schwulenheilung" auf dem Vormasch?
Homosexualität als Krankheit: In Brasilien dürfen Psychologen neuerdings Schwule und Lesben "therapieren". Doch auch in Deutschland sind solche "Therapieangebote" nicht illegal. Experten fordern deshalb ein Verbot.
Es ist ein Rückschlag für die Rechte von Homosexuellen
in Brasilien: Diese Woche genehmigte Bundesrichter Waldemar de
Carvalho in Brasilia die psychologische
"Umwandlungstherapie" von schwulen und lesbischen Menschen. Sein
Urteil gab in Teilen einer Klage von konservativen Psychologen statt,
die sich durch das seit 1999 in dem Land geltende Verbot von solchen
"Heilverfahren" eingeschränkt fühlten.
Der brasilianische Rat der Psychologen kündigte
zwar an, umgehend in Berufung zu gehen. Dennoch empört die Entscheidung
Menschen im ganzen Land. "Hinter der 'Schwulenheilung‘ steckt
eine absurde Einstellung, die es Betroffenen noch schwerer macht, sich selbst
zu akzeptieren. Was in Wahrheit geheilt werden muß, ist die Homophobie in
unserer Gesellschaft!" , fordert zum Beispiel die
39-jährige Tatiana Idalgo Zanforlin Vieira aus der Nähe von São Paulo
gegenüber der DW.
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| Foto-stern.de |
"Homosexualität ist Sünde"
Obwohl offiziell bislang nicht erlaubt, gibt es im
Verborgenen in Brasilien durchaus Therapieangebote, mit denen
die sexuelle Orientierung von Menschen verändert werden
soll. Meist kommen sie aus einem religiös-fundamentalistischen Umfeld,
insbesondere von den in Brasilien sehr einflußreichen
evangelikalen Kirchen.
Die evangelikalen Freikirchen sprechen in Brasilien Massen an - und sehen Homosexualität meist als Sünde
Niemand weiß das besser als Sergio Viula, der sich heute zu
seiner Homosexualität bekennt, aber sie zuvor mehr als 18 Jahre lang
unterdrückt hat: Er war selbst evangelikaler Pfarrer. "Ich bin
in einem sehr konservativen Umfeld aufgewachsen und war verzweifelt, als ich
als Jugendlicher merkte, daß etwas mit mir 'nicht stimmt'", so der
48-Jährige. Seine ersten homosexuellen Erfahrungen hielt
er aus Angst streng geheim. Dann lernte er durch einen Bekannten
eine evangelikale Kirche kennen.
Nach Orientierung und Gewißheiten suchend, ließ sich Viula
schnell vom Charisma der Prediger, den eingängigen Reden und
den lebendigen Gottesdiensten in den Bann
ziehen und lernte: Homosexualität ist eine Sünde. Heute sagt
er kopfschüttelnd: "Ich war naiv, habe mich leicht manipulieren
lassen - und selbst geholfen, andere zu manipulieren."
Von Therapie zu Therapie
Bald leistete Viula für
die Evangelikalen Überzeugungsarbeit auf der Straße, drückte
Homosexuellen auf Gay-Paraden Flyer in die Hand. Er ließ sich zum Pfarrer
ausbilden und gründete mit zwei Kollegen 1997 die NGO "Bewegung für
eine gesunde Sexualität" (MOSES). "Ziel war ganz klar, Schwulen und
Lesben dazu zu bringen, heterosexuell zu werden", so Viula. Gebete, Fasten,
Hypnose, Drama- und Gesprächstherapie, - all das machte Viula selbst durch
und brachte auch andere dazu.
"Ich war absolut fanatisch, mein Umfeld hatte mich
überzeugt, daß meine Sexualität ein Problem ist, das ich mithilfe von
Jesus lösen kann." Doch nicht nur auf göttlichen Beistand wurde gesetzt:
Auch Psychologen, die mit Viulas NGO zusammenarbeiteten,
versuchten in Therapiesitzungen Homosexuelle, meist Schwule, zu
"heilen". "Man hat es offiziell eher 'Beratung‘ oder
so etwas genannt und hängte es nicht an die große Glocke, denn eigentlich war
es ja nicht erlaubt", erinnert sich Viula."Einige der
Psychologen wurden aber erwischt und angeklagt."
Heute bezeichnet sich Viula als Atheist und lebt offen mit seinem
Partner in Rio de Janeiro. Das Schlüsselerlebnis für die Kehrtwende in Viulas
Leben: Ein Aufenthalt in Singapur, wo er einen Mann kennenlernte und mit ihm
die Nacht verbrachte: "Da konnte ich mich einfach nicht mehr selbst
belügen. Ich habe erkannt, daß das einfach Teil meiner Persönlichkeit
ist." 2003 outete er sich. Im gleichen Jahr trennte er sich
auch von seiner Frau, mit der 14 Jahre verheiratet war und mit der er zwei
Kinder hat. Viula ist nun überzeugt: Sogenannte Konversionstherapeuten richten
bei den Hilfesuchenden Schaden an, anstatt ihnen zu helfen, und sind zudem
auch unwissenschaftlich.
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| Foto-ndr. |
Konversionstherapien: In Deutschland nicht verboten
Dirk Schulz, Genderforscher an der Universität zu Köln,
sieht das ähnlich: "Die Annahme, Homosexualität heilen zu können, ist
aus wissenschaftlicher Sicht höchst problematisch. Allein schon, weil sie
voraussetzt, daß Homosexualität eine Krankheit oder ein Problem
ist."
Dabei hat auch die Weltgesundheitsorganisation
(WHO) Homosexualität schließlich Anfang der 1990er von der Liste der
psychischen Krankheiten gestrichen. Sie spricht heute von einer "falschen
Pathologisierung nicht-heterosexueller Verhaltensweisen".
Doch es gibt einen kleinen Teil von - meist im religiösen
Umfeld angesiedelten - Wissenschaftlern und Medizinern, die auch
heute noch anders denken und Therapien anbieten, mit deren Hilfe
die vermeintliche Krankheit oder Störung "geheilt" oder
zumindest gelindert werden kann. Die "Schwulenheilung" ist unter
anderem in den USA und in einigen lateinamerikanischen
Ländern verbreitet, obwohl sie teilweise wie bislang in Brasilien
offiziell verboten ist.
In der Verantwortung der Ärztekammern
Anders verhält es sich übrigens
in Deutschland; derartige Therapieangebote sind hierzulande nicht
illegal. Zwar spricht sich die Bundesärztekammer gegen solche
Verfahren aus, aber ein gesetzliches Verbot existiert nicht. Auf eine
Kleine Anfrage der Grünen hin antwortete
die Bundesregierung dieses Jahr, Homosexualität sei keine Krankheit und
bedürfe daher auch keiner Behandlung. Die Sanktionierung von Angeboten,
die Menschen schädigen können, läge aber zunächst in der Verantwortung
der Ärztekammern.
Ein Verbot also nicht notwendig? Genderforscher Schulz
findet: "Konversionstherapien sollten sehr wohl verboten werden, denn sie
pervertieren etwas, was natürlich ist. Anstatt eine Person zu etwas machen
zu wollen, das sie nicht ist, sollten Therapien beim Denken einer Person ansetzen
und ihr helfen, sich nicht so unwohl zu fühlen."
In Brasilien ist angesichts der großen Zuwächse,
die evangelikale Kirchen zu verzeichnen haben, ein Verbot von
"Schwulenheilungen" wohl noch wichtiger. So ist unter
anderem mit Marcelo Crivella ein evangelikaler Hardliner Bürgermeister
von Rio de Janeiro geworden, der aus seiner Homophobie keinen Hehl macht.
Der ehemalige Pfarrer und heute offen homosexuell
lebende Sergio Viula ist dennoch zuversichtlich, daß die Berufung des
Psychologenrats erfolgreich ist und Konversionstherapien verboten bleiben.
Aber daß sich auf lange Sicht etwas in den Köpfen der Menschen
ändere, dafür könne nur eine bessere Aufklärung sorgen, glaubt
er. (Redaktion DW)



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