Kritik ist keine Hetze
In Deutschland, aber wohl nicht nur dort, scheint das Moralisieren wieder einmal die politische Urteilskraft zu schwächen. Das führt zur Verwechslung von Kritik mit Hetze.
Wörter und Begriffe haben ihre Konjunktur und ihre
Konnotationen. Wenn Begriffe, die einen historischen Echoraum haben, plötzlich
wieder Mode werden, ist das eine Überlegung wert.
Da ist das Wort «Hetze», das seit einiger Zeit die Runde
macht. Menschen mit Gedächtnis erinnert es an einen Straftatbestand der DDR
namens «Boykotthetze». Darauf konnte die Todesstrafe stehen. Gemeint waren,
neben Spionage, «Staatsverleumdung» oder «staatsgefährdende Propaganda».
Faktisch zielte der Vorwurf auf abweichende Meinungen, also auf die
Meinungsfreiheit.
Das ist vielleicht nicht jedem bewußt, der den Terminus
benutzt. Doch wer denkt dabei nicht an die Judenhetze des «Stürmer», an die
nationalsozialistische Propaganda also? Das allerdings ist so ziemlich das
größte Geschütz, das man im Meinungsstreit auffahren kann.
Mir persönlich ist das Wort das erste Mal im Jahre 2011
nahe gerückt, als eine Rezensentin meine Kritik an der deutschen Bundeskanzlerin
als «Hetze» bezeichnete – eine Kritik an Angela Merkel, pikanterweise vom
Standpunkt ihrer einst marktliberalen Positionen von vor 2005 aus. Zum Haß auf
Merkel hatte ich nicht aufgerufen, auch nicht zu ihrer Vernichtung, und von
Staatsverleumdung ist in einer Demokratie gottlob nicht bereits die Rede, wenn
man die Regierung kritisiert.
Die Königsdisziplin
Kritik ist Hetze? Das wäre eine erstaunliche Karriere, war
doch die radikalkritische Infragestellung des Gegebenen einst die
Königsdisziplin jedes Menschen, der einmal Intellektueller werden wollte. Bis
vor kurzem verstand sich jedenfalls von selbst, daß insbesondere eine
CDU-geführte Regierung das legitime Ziel solcher Kritik hergab. An den
Sozialdemokraten kritisierte man höchstens, daß sie nicht links genug seien.
Heute aber findet es ein von der «FAZ» zum «Spiegel» gewechselter Journalist
ungehörig, «wenn selbst Intellektuelle gegen Politiker wettern» und «Panik
stiften», denn daraus folgten Taten – wie die Messerattacke auf die spätere
Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker im Oktober 2015. Auch das ein
beliebtes Bild: Wer hat nicht schon alles mitgeschossen oder mitgestochen
nach Meinung vieler gouvernementaler Journalisten, bevor noch der Tatbestand
geklärt war, weil seine Verlautbarungen ein Klima erzeugt hätten, das andere
zur Gewalt geradezu nötige?
Also: Wer die Politik der Merkel-Regierung kritisiert, ist
ein Hetzer und ein Brandstifter, also: ein Rechtsextremer? Kritik ist Aufstachelung
zu Mord und Totschlag?
Dann wäre «Angst schüren» die Vorstufe dazu. Einst gehörte
Angst zum deutschen Nationalheiligtum, und allein der Aufschrei «Ich habe
Angst» rechtfertigte umfassende Maßnahmen weit über Erste Hilfe hinaus.
Bisher galt es stets als Tugend, auch schon einmal voreilig und ohne fundierten
Nachweis Alarm zu schlagen, etwa was die Schädlichkeit von Lebensmitteln
betrifft oder die Bedeutung eines Erdbebens in Japan für die Sicherheit von
Kernkraftwerken in Deutschland.
Für eine kritische Begutachtung der Massenmigration nach
Europa aber gilt das nicht. Wer zu Willkommensrufen keinen Anlaß sieht,
verbreite Panik, heißt es nun. «Angst schüren» ist dann verwerflich, wenn die
Panikmacher nicht zu der anerkannten Spezies der Klimaapokalyptiker zählen oder
nicht wenigstens Anti-Atomkraft-«Aktivisten» und antikapitalistische Systemkritiker
sind.
Merke: Wer mahnt und warnt, ist ein guter, wer Angst schürt,
ein schlechter Mensch.
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Der Generalverdacht
Ein ganz schlechter Mensch aber ist einer, der einen
«Generalverdacht» ausspricht. Doch wenn Politiker davor warnen, Menschen wegen
ihrer Abstammung, oft gleichgesetzt mit ihrer Religionszugehörigkeit, unter
«Generalverdacht» zu stellen, dann sind davon pikanterweise die «Biodeutschen»
ausgenommen, die jedes Verdachts würdig sind, insbesondere, wenn es sich um Sachsen
handelt. (Das sind ganz finstere Gestalten, die in einem Landzipfel weit
im Osten Deutschlands hausen.)
Der «Kampf gegen Rechts» rechtfertigt offenbar einiges. Doch
diese Art von Kampf gegen das Erzböse gebiert Monster. Wenn Menschen besten
Gewissens öffentlich erklären, das Schlimmste an den Anschlägen in Brüssel
sei, daß sie von «den Rechten» instrumentalisiert werden könnten, zeugt das von
einer atemberaubenden Mitleidlosigkeit mit den Opfern des islamistischen
Terrors. Woher die verschobene Wahrnehmung? Was läßt einen deutschen Politiker
wie Heiko Maas, immerhin Justizminister, nach den Pariser Terroranschlägen
vom Januar 2015 demonstrativ in einer Moschee knien, als ob dort die wahren
Opfer anzutreffen seien?
Und was sagt uns das, wenn sich Politiker beständig im Ton
vergreifen, von Pack, Mob und Pöbel sprechen, lauter Hetzer und Heuchler
unterwegs sehen und in «Wutbürgern» eine «Schande für Deutschland» erkennen
(Finanzminister Schäuble)? Ist es wirklich derzeitig vordringlich, deutsche
Nazis ausfindig zu machen und auszuschalten? Oder vernehmen wir hier nichts
anderes als die Fassungslosigkeit einer abgehobenen Elite, denen das Volk
begegnet ist, der ungezogene Lümmel, der sich anmaßt, in Angelegenheiten von
elementarer Bedeutung mitreden zu wollen?
Gewiß, auch beim Stimmvieh ist der Ton rauher geworden, seit
jeder, auch wer weder sprachlich noch inhaltlich auf höchstem Niveau
operiert, seine Meinung herausstammeln oder -stottern darf.
Im digitalen Zeitalter meldet sich eben auch die Plebs zu Wort, und die
macht oft und gern kurzen Prozeß. Davon aber aufs große Ganze zu schliessen,
wozu auch wehleidig gestimmte Journalisten neigen, ist nichts anderes als –
ein Generalverdacht.
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Aufgeladene Vokabeln
Mein Verdacht ist ein anderer. Warum kann, was geschieht,
nicht ohne solch aufgeladene Vokabeln benannt werden? Natürlich sind
Brandanschläge zu verurteilen, mit aller verbalen Entschiedenheit, selbst wenn
man den Täter noch nicht kennt. Natürlich ist der Gewalt zu wehren, egal, gegen
wen sie sich richtet. Häuser abzufackeln, ist ein Verbrechen, der Aufruf zum
Haß ist es ebenfalls, egal, woher er kommt. Doch mich irritiert die Renaissance
von Vokabeln, die aus der Kiste des Klassenkampfs stammen. Oder aus der Kiste
des «antifaschistischen Kampfs» der bolschewistischen Linken.
So klingt das jedenfalls, wenn vor dem «Beifall von der
falschen Seite» gewarnt wird oder Argumenten entgegengehalten wird, daß sie nur
«den Populisten» dienten: wie in alten Zeiten, als die Kommunisten sogar
die Sozialdemokraten unter die «Faschisten» zählten. Denn mal ehrlich: Wer
den «Kampf gegen Rechts» für wichtiger hält als den Kampf gegen den islamistisch
inspirierten und begründeten Terrorismus, hat entweder
einen gewaltigen Knick in der Optik oder lebt im vergangenen Jahrhundert,
als der real existierende Sozialismus noch viele Völker glücklich machte.
Doch vielleicht sind wir bereits im (rhetorischen)
Bürgerkrieg? Der Ministerpräsident Sachsens, jenes Landstrichs, der unter
Generalverdacht steht, meinte kürzlich zu in der Tat häßlichen Szenen in zwei
sächsischen Dörfern, gemünzt auf «grölende» Einwohner und ohne höheren Wissensstand
über die wirklichen Vorkommnisse: «Das sind keine Menschen, die so was tun. Das
sind Verbrecher.»
Sind Verbrecher keine Menschen? Haben sie, und etwas anderes
kann ja kaum gemeint sein, etwa nicht den unter Menschen üblichen Umgang zu
gewärtigen? Gilt für sie nicht, was doch in vielen Debatten als höchstes Gut
gilt: das Menschenrecht? Gehören sie – eliminiert?
Nun ja, was geht uns das an, das deutsche Syndrom einmal
wieder, mag der glückliche Schweizer denken. Doch nicht nur in Deutschland
scheint das Moralisieren die Politik verdrängt zu haben – und die Propaganda
den Meinungsstreit. Es wäre für ganz Europa und die kommenden Jahre nützlich,
man könnte den Disput wieder üben. Denn jeder Konsens ist erzwungen, der ohne
sachliche Auseinandersetzung zustande kommt. Doch vom offenen Streit scheinen
wir uns jeden Tag weiter zu entfernen.
Cora Stephan lebt als Publizistin und Schriftstellerin in
Deutschland und Frankreich. Eben ist bei Kiepenheuer & Witsch ihr neues
Werk «Ab heute heisse ich Margo» erschienen.NZZ



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