Homosexualität bleibt schwieriges Thema
Was bedeutet das apostolische Schreiben des Papstes für
die katholische Familienpolitik? Die Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins
hat die 184 Seiten gelesen und verrät uns ihre Prognose des Umgangs der
Katholiken mit familiären Konflikten und modernen Konstellationen.
Anne Françoise Weber: Über zwei Jahre hat der Prozeß
gedauert: Umfragen fanden statt, Arbeitspapiere wurden vorbereitet, zweimal
tagten Synodenväter und Beobachter und Beobachterinnen aus aller Welt in Rom,
um über die Themen Ehe und Familie zu diskutieren. Nun hat Papst Franziskus aus
dem Ganzen ein nachsynodales apostolisches Schreiben – so der Fachbegriff –
gemacht. Vor einiger Zeit wurde es in Rom veröffentlicht. "Amoris Laetitia"
lautet der lateinische Titel traditionsgemäß nach den ersten beiden Worten
des Textes, denn der erste Satz lautet: "Die Freude der Liebe, die in
den Familien gelebt wird, ist auch die Freude der Kirche."
Aber ganz so
einfach ist es ja doch nicht mit dieser Freude der Liebe. Es gibt Konflikte,
Gewalt, Trennungen, und es gibt Familien, die dem klassischen Schema Vater,
Mutter, Kinder nicht mehr entsprechen. Damit muß die katholische Kirche umgehen
und das alles mit ihrer Lehre in Einklang bringen. Wie nun der Papst diese
Dinge sieht, welche Schlüsse er aus dem synodalen Prozeß zieht und welche
Vorgaben er als Oberhaupt der katholischen Kirche macht, darüber habe ich vor
der Sendung mit Marianne Heimbach-Steins gesprochen. Sie ist katholische
Theologin, Professorin für Christliche Sozialethik an der Universität Münster
und leitet dort das Institut für christliche Sozialwissenschaften. Was ist
für sie die wichtigste Botschaft des immerhin 184 Seiten langen Dokuments?
Marianne Heimbach-Steins: Zunächst einmal denke ich, schon
der Titel gibt wieder einen Tenor vor, und das ist eine ganz wichtige
Botschaft, daß der Papst über die Wirklichkeit von Familie, von Ehe und
Partnerschaft und Familie unter dem Vorzeichen der Freude und der Liebe
sprechen möchte. Das ist nicht immer so selbstverständlich gewesen in der
katholischen Lehre über diese Themen, und für Papst Franziskus ist das ganz
klar sozusagen ein Leitwort seines Pontifikates, seiner Verkündigung, daß er
die "Freude des Evangeliums" – das war schon mal ein Titel eines sehr
Lehrschreiben – ins Zentrum stellt, von daher versucht, einen durchaus realistischen
Blick auf die Wirklichkeit, auch auf komplexe Wirklichkeiten zu richten. Das
scheint mir eine zentrale Botschaft auch zu sein, die aus diesem neuen großen
Schreiben heraus spricht.
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| Foto-Deutschlandfunk-Kultur |
Sakramente als Nahrung für die Schwachen
Weber: Ziemlich ausführlich geht der Papst auch auf
besondere Situationen ein, unter die dann auch die geschiedenen
Wiederverheirateten fallen. Da stößt er jetzt nun die Lehre nicht komplett um,
daß diese Katholiken im Prinzip keine Eucharistie empfangen sollen, aber er
schreibt neben allgemeinen Bemerkungen zur Prüfung der Situation auch noch in
zwei Fußnoten, daß die Sakramente eine Hilfe sein können und daß sie Nahrung
für die Schwachen, nicht Belohnung für die Vollkommenen sein sollen. Warum
handelt er so ein zentrales Thema in letztlich zwei Fußnoten ab? Können Sie
sich das erklären?
Heimbach-Steins: Ich sehe das etwas anderes: Ich würde nicht
sagen, daß das Thema nur in den Fußnoten abgehandelt wird, sondern man muß den
Gesamtduktus des Textes sehen, um die Bedeutung dieses Themas einzuschätzen.
Ich glaube, Papst Franziskus hat von den Synodenprozessen her ganz stark den
Impetus aufgenommen, dieses Thema der Beteiligung, der Integration – er spricht
von Eingliederung aller – in die Gemeinschaft der Kirche als einen Prozeß,
einen pastoralen Prozeß ganz hoch zu hängen und diesen pastoralen Prozeß in ein
gutes Verhältnis zu der Lehre der Kirche über die Unauflöslichkeit der Ehe zu
setzen. Das führt dazu, daß er natürlich das Bild dieser auf lebenslange Treue
angelegten Ehe, die im Sakrament besiegelt wird und die sich die Eheleute selbst
versprechen vor Gott, das macht er stark, und gleichzeitig sagt er, es ist eben
eine dynamische Wirklichkeit, und wir müssen uns dieser Wirklichkeit öffnen und
stellen und sie in den jeweiligen konkreten Situationen anschauen und nicht
einfach so ein Schwarz-Weiß-Bild – hier die Norm, da die Wirklichkeit, die der
Norm nicht entspricht –, und dann ist da eben ein Bruch, eine Diskrepanz, die
wir aufgrund der Treue zum Sakrament nicht heilen können. Darüber will er
hinweg.
Weber: Am Anfang schreibt er auch sehr explizit, man könne
im jeden Land oder in jeder Region besser inkulturierte Lösungen suchen, die
eben örtlichen Traditionen und Herausforderungen gemäß sein können. Ist das
dann ein Auftrag an die Priester vor Ort, die Einzelfälle vor diesem Hintergrund
zu prüfen, oder geht es dann doch um einen Auftrag an die Ortskirchen und ihre
Bischofskonferenzen, da gemeinsame Regelungen zu finden?
Heimbach-Steins: Die Eingangsbemerkungen zu der Bedeutung
dieser Überlegungen in dem Schreiben sind ganz, ganz entscheidend für die
Rezeption und für die Aufgabe, die da auf jeden einzelnen Seelsorger, natürlich
auch auf die jeweils örtlich verantwortlichen Bischöfe zukommen, in einer sehr
wachen Wahrnehmung der lokalen Situation, der kulturellen Situation, der Rahmenbedingungen,
unter denen in einem bestimmten Kontext Familie gelebt wird, anzuschauen und
dann aber nicht nur wiederum dafür allgemeine Normen stark zu machen, sondern
wirklich den Einzelfall pastoral anzuschauen, und das nicht über die Köpfe der
Betroffenen hinweg, sondern mit den Betroffenen, mit den Menschen, die ganz
konkret ihre Lebensgeschichte vor Gott reflektieren wollen. Das macht er sehr
stark, indem er, so wie das auch in den Synodenprozessen sich schon
abzeichnete, einen neuen starken Akzent auf das individuelle Gewissen legt, auf
das Gewissen der Menschen, die in Familienwirklichkeiten leben, auch auf das
Gewissen derer, die als Seelsorgende mit diesen Menschen unterwegs sind. Das,
glaube ich, ist eine ganz entscheidende Botschaft, eine ganz entscheidende
Weichenstellung, die der Papst auch mit diesem Schreiben noch mal bekräftigt,
die sehr seinem Verständnis des Verhältnisses von Lehre und Leben entspricht.
Dafür ist außer dem Stichwort des Gewissens das für den Papst sehr typische
Stichwort der Unterscheidung ganz besonders wichtig, das in seinem Denken als
Jesuit eine zentrale Rolle spielt.
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| Foto-Taz. |
Respekt für Homosexuelle
Weber: In Deutschland ist dieses Thema der
wiederverheirateten Geschiedenen sehr zentral. Gehen Sie davon aus, daß die
Bischofskonferenz sich da noch mal klar zu Wort melden wird oder daß man sich
da doch eher zurückhält und das den einzelnen Seelsorgern überläßt?
Heimbach-Steins: Ich vermute schon, daß die Kirche in
Deutschland in Gestalt ihrer Verantwortungsträger sich mit diesem Thema weiter
intensiv befassen wird, zumal auch aus dem deutschen Sprachzirkel in der
zweiten Synode wesentliche Impulse für das Thema gekommen sind, und das
natürlich – gerade weil das Thema so bedeutend und auch in der Öffentlichkeit
der deutschen Kirche so hoch angesiedelt ist –, natürlich jetzt nicht einfach
im individuellen Arbeitsalltag der Seelsorgenden und der Menschen verschwindet
oder nur dort angesiedelt sein wird. Ich glaube, daß das uns weiter
beschäftigen wird und einem sehr konstruktiven Sinn beschäftigen kann.
Weber: Der Papst schreibt von der Vielfalt familiärer
Situationen, und er ruft dazu auf, homosexuelle Menschen zu respektieren und
ihre Würde zu achten. Er stellt aber trotzdem noch mal sehr deutlich klar, daß
es keine Analogien zwischen homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem, ich
zitiere, "Plan Gottes über Ehe und Familie geben kann". Wieso ist in
diesem Punkt so wenig Spielraum?
Heimbach-Steins: Also in diesem Punkt geht das Schreiben des
Papstes nicht über das hinaus, was das letzte Synodendokument festgehalten
hat. Das hat über diese Fragen in beiden Synoden intensive Debatten gegeben,
und ganz offensichtlich ist es so, daß hier in unterschiedlichen Teilen der
Weltkirche je nach gesellschaftlichem, kulturellem Kontext die Diskussionsspielräume
offenbar sehr, sehr unterschiedlich sind. Meine vorsichtige erste
Einschätzung ist, der Papst hat jetzt mit dem nachsynodalen Schreiben versucht,
an den Punkten zu intensivieren, die Diskussion weiterzuführen aus der Synode,
an denen auch im gesamtkirchlichen Spektrum eine Konsensbildung
vorangeschritten ist im Rahmen der Synoden.
Bei dem Thema Homosexualität, Umgang mit Menschen in
homosexuellen Lebensgemeinschaften hat sich das in den Synoden als extrem
schwierig erwiesen. Von daher habe ich den Eindruck, er läßt das im Moment
liegen, könnte man sagen, auf dem Stand, der in den Synoden erreicht worden
ist, der nicht wirklich über den Katechismus der Weltkirche hinausgeht. Ich
würde aber ergänzen, daß mit dem Grundduktus, den der Papst vorstellt und den
er aus den Synodenprozessen heraus verstärkt, für meine Begriffe, mit diesem
pastoralen Weg, mit der Betrachtung der konkreten einzelnen Situationen, mit
dem starken Werben für das Wahrnehmen der Gewissensverantwortung aller Beteiligten,
daß hier im Grunde genommen ein Weg eröffnet wird, der auch für weitere Fragen,
die im Moment noch nicht als spruchreif oder als entscheidbar angesehen werden,
Wege geöffnet werden, auf denen man weitergehen können wird. Das ist zumindest
die Hoffnung, die ich daran knüpfen würde.
Vorsichtige Äußerungen zur Gender
Weber: Sie haben in Ihren eigenen Forschungen in früheren
Dokumenten der katholischen Kirche Sichtbehinderung in Bezug auf eine
Genderperspektive festgestellt. Wie sieht es jetzt hier aus? Der Papst
schreibt ja viel über Frauen, er spricht auch von der Unterscheidung zwischen
sex und gender, also biologischem Geschlecht und sozial-kulturellen
Rollenzuschreibungen. Sind jetzt alle Sichtbehinderungen weg?
Heimbach-Steins: Nein. Ich glaube nicht. Das Schreiben ist
vergleichsweise zurückhaltend im Umgang mit diesem Thema. Der Papst macht sehr
deutlich seine Wertschätzung für jeden Einsatz für die Würde und die Rechte der
Frauen. Er hat in einem Abschnitt des Textes die Ablehnung dessen, was in
manchen kirchlichen Kreisen unter dem Stichwort Genderideologie verhandelt
wird, aufgegriffen. Auch das entspricht dem, was in den letzten
Synodendokumenten zu lesen war. Es kommt aber vorsichtiger daher, als wir das
in manchen früheren kirchlichen Dokumenten lesen mußten, konnten, je nachdem,
wie man das interpretiert. Ich glaube, daß es da tatsächlich noch viel zu tun
gibt. Ich würdige die Vorsicht, mit der insgesamt dieses Thema angefaßt wird
als eine ganz behutsame Signalsetzung, auch hier ist nicht das letzte Wort
gesprochen. Man muß noch mal genauer gucken, wo wird denn hier der
Ideologievorwurf gesehen, was wird da wie verstanden, worauf bezieht man das
überhaupt. Das ist in den kirchlichen Dokumenten meistens nicht so richtig klar,
wer eigentlich die Gegner sind. Hier ist auf jeden Fall für meine Begriffe eine
Baustelle, an der wir weitere Forschungen, weitere Diskussionen, weitere
Klärungsarbeit auch im kirchlichen Spektrum unbedingt brauchen.
Weber: Die ersten Einschätzungen gehen weit auseinander:
Den einen fehlen große Veränderungen in der Lehre, den anderen fehlt ein klares
Festhalten daran, die beklagen dann eine zu große Liberalisierung. Was fehlt
Ihnen denn als katholische Sozialethikerin in diesem päpstlichen Schreiben?
Heimbach-Steins: Ich habe wahrgenommen zum Beispiel, daß die
Äußerungen zu den Fragen der Bevölkerungsentwicklung weltweit vorsichtiger
sind, als wir es manchmal kennen, daß sie aber auch vielleicht noch nicht
Lösungen anbieten für die Fragen, die sich hier in sehr unterschiedlicher Weise
in den unterschiedlichen Regionen im Norden und im Süden der Welt darstellen.
Das wäre für mich ein Thema, an dem sozialethisch unbedingt weiterer
Klärungsbedarf ist. Ich denke, daß die sehr guten Ansätze zur Wahrnehmung der
großen Vielfalt von Wirklichkeiten, auch von bedrängten Wirklichkeiten der
Menschen in Armutssituationen der Menschen in Migrationssituationen und so
weiter, daß hier sehr gute Ansätze sind, die wir aber natürlich auch
sozialethisch, auch in der kirchlichen Lehre unbedingt weiterentwickeln müssen,
wenn wir uns die dramatischen Situationen in der Welt anschauen. Ich glaube,
daß wir bei dem Thema Geschlechterverhältnisse wirklich weiterschauen müssen
und hier nicht nur jeweils die Situation auf die Frauen wahrnehmen, sondern
wirklich das Verhältnis von Männern und Frauen in unterschiedlichen
Gesellschaften und die Weiterentwicklung eines wirklich gleichberechtigten
Miteinanders. IN dem Zusammenhang würde ich aber gerne noch ein positives Wort
sagen: Was mir an dem Schreiben sehr aufgefallen ist, ist, daß die
Subjektposition der Kinder ganz erfreulich wahrgenommen wird.
Weber: Vielen Dank, Marianne Heimbach-Steins, Professorin
für Christliche Sozialethik an der Universität Münster!(Deutschlandfunk-Kultur)



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