«Wir klären auf – durch unsere blosse Existenz»
In vielerlei Hinsicht gestaltet sich der Alltag von
Regenbogenfamilien gleich wie derjenige traditioneller Familien. Das
Wohlergehen der Kinder etwa ist gleichermassen gewahrt. In jenen Bereichen, in
denen noch Unterschiede bestehen, ist nicht zuletzt der Staat gefordert.
Die Forschung spricht eine klare Sprache: Kindern, die bei
gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen, geht es gut. Die juristische
Fakultät der renommierten US-amerikanischen Columbia-Universität zum Beispiel
evaluierte 79 wissenschaftliche Studien zum Thema. Der Befund: 75 der Studien
zogen das Fazit, daß Kinder schwuler oder lesbischer Elternpaare gegenüber
anderen Kindern nicht benachteiligt sind. «Wir identifizierten nur vier
Untersuchungen, die zum gegenteiligen Schluß kamen», schreibt das Forschungsteam
auf whatweknow.law.columbia.edu.
Allerdings seien diese vier Studien zu relativieren, da sie ausschließlich
Kinder berücksichtigten, deren Eltern geschieden oder getrennt lebten. «Es ist
bekannt, daß das Wohlergehen der Kinder zusätzlichen Risiken unterliegt, wenn
sich die Familienstruktur auf diese Weise ändert. Deshalb sind die vier
Analysen nicht zuverlässig», wird ausgeführt. Alles in allem, so die
Schlußfolgerung, «ergibt sich aus der vorhandenen Forschung der überwältigende
Konsens, daß es Kindern in keiner Weise schadet, wenn sie schwule oder
lesbische Eltern haben.»
Repräsentative deutsche Umfrage
Dieses Ergebnis deckt sich mit den Resultaten wissenschaftlicher Untersuchungen
aus Ländern wie den Niederlanden oder Deutschland. Im Jahr 2009 etwa erschien
die erste repräsentative Studie zur Situation deutscher Kinder in
Regenbogenfamilien. Durchgeführt wurde sie von der Universtität Bamberg,
befragt wurden damals über 1000 Eltern in homosexuellen Lebensgemeinschaften
und 693 Kinder. Die Erkenntnisse werden auf aerzteblatt.de wie folgt
zusammengefaßt: «Regenbogeneltern sind genauso gute Eltern wie heterosexuelle
Paare, das Kindeswohl ist bei ihnen ebenso gewahrt wie in anderen Familien.»
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| Foto-The Huffington Post Australia |
Das Pferd mal andersrum aufzäumen
Ausführlich mit dem Thema befaßt hat sich Katja Irle – die Journalistin
schrieb ein ganzes Buch dazu. Während eines halben Jahres pflegte sie intensive
Kontakte zu insgesamt fünf Familien, besuchte diese oft. «Ich wollte sie
kennenlernen und sehen, wie sie wirklich leben», so Irle. Mit weiteren Familien
habe sie regelmässig telefoniert, insgesamt mit rund fünfzehn. Die Familien
waren dabei ganz unterschiedlich zusammengesetzt. Ein klassisch lesbisches Paar
wirkte mit, ein schwules Paar, das per Leihmutterschaft zum Väterglück gekommen
war, aber auch zwei lesbische Mütter und zwei schwule Väter, die das Kind in
einer Viererkonstellation gemeinsam großziehen. «Eine gewisse Vielfalt war
mir wichtig – Regenbogenfamilie ist nicht gleich Regenbogenfamilie.»
LGBT – die besseren Eltern?
Der Titel von Katja Irles Buch lautet «Das Regenbogenexperiment – sind Schwule und Lesben die besseren Eltern?». Eine Überschrift, die je nach Auffassung durchaus provoziert. «Den Verantwortlichen beim Verlag und mir war von Anfang an klar, daß man dies als Provokation auffassen könnte», sagt die Autorin gegenüber der Mannschaft. Sie habe sich aber aus einem ganz bestimmten Grund für den Titel entschieden. «Bis jetzt ging man in den Diskussionen immer von der gegenteiligen Frage aus: Können Schwule und Lesben überhaupt Kinder erziehen? Sollten sie das überhaupt dürfen?» Ihr sei es darum gegangen, den Spieß einmal umzudrehen und darauf zu verweisen, daß Homosexuelle «natürlich gute, und manchmal eben auch bessere Eltern sein können. Es gibt einige wenige Studien, wonach Regenbogenfamilien vorurteilsfreier erziehen, ihre Kinder sozial sehr kompetent und emotional stabiler sind.»
Der Titel von Katja Irles Buch lautet «Das Regenbogenexperiment – sind Schwule und Lesben die besseren Eltern?». Eine Überschrift, die je nach Auffassung durchaus provoziert. «Den Verantwortlichen beim Verlag und mir war von Anfang an klar, daß man dies als Provokation auffassen könnte», sagt die Autorin gegenüber der Mannschaft. Sie habe sich aber aus einem ganz bestimmten Grund für den Titel entschieden. «Bis jetzt ging man in den Diskussionen immer von der gegenteiligen Frage aus: Können Schwule und Lesben überhaupt Kinder erziehen? Sollten sie das überhaupt dürfen?» Ihr sei es darum gegangen, den Spieß einmal umzudrehen und darauf zu verweisen, daß Homosexuelle «natürlich gute, und manchmal eben auch bessere Eltern sein können. Es gibt einige wenige Studien, wonach Regenbogenfamilien vorurteilsfreier erziehen, ihre Kinder sozial sehr kompetent und emotional stabiler sind.»
«Von Kindesbeinen an haben wir selbst Stigmatisierung
erlebt. Wir wissen, was es heißt, diskriminiert zu werden.»
«Die besseren Eltern sind wir nicht, nur weil wir LGBT
sind», ist Maria von Känel überzeugt. Sie ist die Geschäftsführerin vom
Dachverband Regenbogenfamilien, gemeinsam mit ihrer Frau Martina hat sie zwei
Kinder im Grundschulalter. Daß viele gleichgeschlechtliche Eltern aber bewußt
versuchten, ihren Kindern Werte wie Toleranz und Mitgefühl zu vermitteln, sei
nicht von der Hand zu weisen. «Von Kindesbeinen an haben wir selbst
Stigmatisierung erlebt. Wir wissen, was es heißt, diskriminiert zu werden», so
von Känel. «Anderen soll das nicht widerfahren – wir versuchen, unsere Kinder
entsprechend zu erziehen.» Daß dies auch viele Heterosexuelle täten, läge aber
auf der Hand.
Die gleichen Fragen
Dieser Einschätzung entsprechen auch Katja Irles Erkenntnisse bezüglich der
elterlichen Qualitäten. Ihrer Ansicht nach seien schwule und lesbische Eltern
wie alle anderen auch, machten dieselben Fehler, sorgten sich wegen derselben
Dinge. «Kriegen wir einen Platz in der Kinderkrippe? Wie vereinbaren wir den
Job, die Erziehung der Kinder und das Paarleben?» Homosexuelle stellten sich
grundsätzlich die gleichen Fragen, so Irle, und sie habe von ihnen die gleichen
Antworten gehört.
Stabilität entscheidend
Was das Kindeswohl angeht, so ist auch die Autorin davon überzeugt, daß der Nachwuchs gleichgeschlechtlicher Eltern keine Nachteile erleidet. Ausschlaggebend für das Wohlbefinden eines Kindes sei die sichere, liebevolle Bindung zu einer Bezugsperson. Ob zwei Väter oder zwei Mütter diese Bezugspersonen darstellten, spiele keine Rolle. «Viel entscheidender als die Geschlechtsidentität und die sexuelle Orientierung der Eltern ist deren Beziehung zum Kind und die Stabilität innerhalb der Familie – das hat die Wissenschaft bestätigt, und das ist auch meine persönliche Meinung.» Darüber hinaus hält sie es im Hinblick auf die Identitätssuche der Kinder für unerläßlich, daß diese über ihre Herkunft informiert werden. «Daraus ergibt sich gerade für homosexuelle Eltern bisweilen die Frage, wie sie den Kindern diese Thematik erklären und die Drittperson – den Samenspender oder die Leihmutter – in den Alltag einbinden wollen.» Jene Familien, mit denen sie gesprochen habe, seien mit einer Ausnahme alle im Kontakt mit den entsprechenden Personen, sagt Irle. Gleicher Ansicht ist auch Maria von Känel. «Wir empfehlen, daß man die Kinder darüber aufklärt, wie sie entstanden sind – das stärkt.»
Was das Kindeswohl angeht, so ist auch die Autorin davon überzeugt, daß der Nachwuchs gleichgeschlechtlicher Eltern keine Nachteile erleidet. Ausschlaggebend für das Wohlbefinden eines Kindes sei die sichere, liebevolle Bindung zu einer Bezugsperson. Ob zwei Väter oder zwei Mütter diese Bezugspersonen darstellten, spiele keine Rolle. «Viel entscheidender als die Geschlechtsidentität und die sexuelle Orientierung der Eltern ist deren Beziehung zum Kind und die Stabilität innerhalb der Familie – das hat die Wissenschaft bestätigt, und das ist auch meine persönliche Meinung.» Darüber hinaus hält sie es im Hinblick auf die Identitätssuche der Kinder für unerläßlich, daß diese über ihre Herkunft informiert werden. «Daraus ergibt sich gerade für homosexuelle Eltern bisweilen die Frage, wie sie den Kindern diese Thematik erklären und die Drittperson – den Samenspender oder die Leihmutter – in den Alltag einbinden wollen.» Jene Familien, mit denen sie gesprochen habe, seien mit einer Ausnahme alle im Kontakt mit den entsprechenden Personen, sagt Irle. Gleicher Ansicht ist auch Maria von Känel. «Wir empfehlen, daß man die Kinder darüber aufklärt, wie sie entstanden sind – das stärkt.»
Langer Weg zum Wunschkind
Einen Unterschied zwischen Regenbogenfamilien und klassischen Konstellationen
beschreibt Katja Irle im Hinblick auf die Zeit vor der Ankunft des Kindes.
«Diese Phase gestaltet sich bei Homosexuellen oft grundlegend anders.» Eine
spontane Entstehung des Kindes – das liegt in der Natur der Sache – sei sehr
selten. «In der Regel muß die Elternschaft von langer Hand geplant werden. Der
Weg zum Kind ist für Schwule und Lesben sehr viel komplizierter, steiniger und
länger», beschreibt es Irle. Dementsprechend erscheint ihr auch das viel
zitierte Argument plausibel, wonach Regenbogeneltern meist sehr viel Fürsorge
in die Erziehung der Kinder geben. «Es handelt sich in der Regel um
Wunschkinder.»
Regenbogeneltern mit erhöhtem Erziehungsstreß
Auf einen weiteren Unterschied zwischen gegen- und gleichgeschlechtlichen
Eltern weist die zuvor erwähnte Studie der Universität Bamberg hin. Sie spricht
vom sogenannten «Erziehungsstreß», von dem homosexuelle Eltern häufiger
berichteten. Dieser Streß, so wird vermutet, wird bei Letzteren dadurch
ausgelöst, daß Regenbogenfamilien zum Teil noch Skepsis entgegengebracht wird.
«Klar, dieses Gefühl kennen wir», bestätigt Maria von Känel, «und so ergeht
es auch anderen Paaren, die wir kennen. Die Gegner gleichgeschlechtlicher
Eltern wollten und wollen aufzeigen, daß unsere Kinder leiden.» Gegenwind könne
immer wieder einmal aufkommen, zu einem gewissen Grad gehörten
Diskriminierungserfahrungen zum Alltag. «Das reicht vom Kind, das wegen der
religiösen Einstellung seiner Eltern nicht zur Geburtstagsfeier unserer
Tochter kommen darf, bis hin zum Vater, der meiner Frau nach wie vor die Hand
nicht gibt, wenn sie unseren Sohn zum Fußballtraining bringt.»
Insofern hätten Regenbogeneltern einen Mehraufwand zu
bewältigen – sie stehen vor der Aufgabe, sich auf zusätzliche Art und Weise auf
ihr Mütter- und Vätersein einzustellen. «Zum einen müssen wir uns mit
kritischen Fragen auseinandersetzen und die angemessenen Reaktionen darauf
verinnerlichen», erklärt von Känel. Dabei sei es wichtig, gelassen zu bleiben.
«Zum anderen gilt es, uns selbst und auch die Kinder bewußt zu stärken und auf
allfällige Probleme vorzubereiten.» An dieser Stelle weist Maria von Känel
darauf hin, daß sich nicht nur Regenbogenfamilien in dieser Situation befänden.
«Alle, die einer Minderheit angehören, werden mit solchen Fragen konfrontiert –
so zum Beispiel auch Familien aus anderen Ethnien.»
«Unsere Tochter hat erst vor kurzem wieder erzählt, ein paar
neue Mitschüler hätten ihr zuerst nicht geglaubt, daß sie zwei Mütter habe.»
Ehrlich darüber reden
Eine wichtige Voraussetzung, um innerhalb der Familie mit solchen
Herausforderungen umgehen zu können, ist laut von Känel eine offene
Kommunikationskultur. «Wir sprechen die Dinge sehr direkt an und machen
gegenüber unseren Kindern kein Geheimnis daraus, daß das Thema sowohl ihnen als
auch uns als Familie regelmässig begegnen wird.» Immer, wenn die Kinder eine
neue Schulstufe erreichten, immer, wenn neue Kinder in die Klasse kämen,
könne die unkonventionelle Familienkonstellation erneut zur Sprache kommen.
Manchmal finde sie es schon erstaunlich, so von Känel. «Als Regenbogenfamilie
leistet man Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit allein durch die Tatsache,
daß man existiert. So hat unsere Tochter zum Beispiel erst vor kurzem wieder
erzählt, ein paar neue Mitschüler hätten ihr zuerst nicht geglaubt, daß sie
zwei Mütter habe.»
Politische Forderung
In dieser Hinsicht sieht Maria von Känel den Staat vermehrt in der Pflicht: «Es
wäre wichtig, daß dieser Verantwortung übernimmt, aktiv Aufklärungsarbeit
betreibt und auf den Abbau gesellschaftlicher Vorurteile hinarbeitet.» Es dürfe
nicht nur darum gehen, daß Regenbogeneltern und ihre Kinder endlich rechtlich
gleichgestellt würden, so von Känel. Vielmehr müsse das Konzept der
Diversität in grundlegender Art und Weise positiv besetzt werden. «Derzeit
liegt es noch allzu sehr an den Minderheiten, sich stets aufs Neue aktiv für
ihre Rechte einzusetzen», meint von Känel.
Natürlich würden schon vielerorts entsprechende Bemühungen
unternommen und gute Projekte durchgeführt, um besonders die Jugend für Fragestellungen
rund ums Thema Vielfalt zu sensibilisieren. «In der Klasse unserer beiden
Kinder wurden etwa die verschiedenen Familienformen behandelt», freut sich von
Känel. Noch entspreche dies aber nicht einer flächendeckenden Praxis.
Verbesserungspotential sieht sie nicht zuletzt auch im Bereich der behördlichen
Erhebungen. «In den neuen Familienbericht des Bundesrates zum Beispiel flossen
nur jene Regenbogenfamilien mit ein, bei denen die Eltern in einer
eingetragenen Partnerschaft leben.» Alle anderen Konstellationen, in denen
homosexuelle Eltern und ihre Kinder eine Familie bilden, blieben in den Statistiken
unberücksichtigt – mit dem Resultat, daß die Realität nur ungenügend abgebildet
wird. «An Beispielen wie diesem merkt man, daß es weiterhin viel
Öffentlichkeitsarbeit braucht.»(von Markus
Stehle die Mannschaft)



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