Donnerstag, 5. Oktober 2017



Ehe für alle – Wasser­s‍tandsmeldungen

Oje, alle reden von einem „historischen Tag“, und ich habe so gar keine Lust auf eine feierliche Würdigung. Wie ihr wißt, bin ich der Typ, der bei der Party in der Ecke steht und mit dem spitzen Finger über das staubige Regal fährt – es ist ein dreckiger Job, aber einer muß ihn machen. Von mir also keine Tanzeinlage.

Vielleicht ist es ohnehin noch zu früh, um die Bedeutung der Eheöffnung für unseren Alltag und unsere politischen Strategien wirklich abzuschätzen. Ereignisse wie dieses sind aber immer ein guter Anlaß, ein paar queerpolitische Wasser­s‍tandsmeldungen aus den Medien zu ziehen. Wie wär‘s also hiermit: Ich schmeiße einfach mal eine lockere Li­s‍te von Beobachtungen in die Runde, die ich in den letzten Wochen zwischen Beschluß und Inkrafttreten der „Ehe für alle“ aufgesammelt habe, und ihr, liebe Lesende, ordnet das selber ein. Oder widersprecht oder ergänzt. Ihr seid ja schon groß.
* * *
Wir haben nun wirklich andere Sorgen!  
Wer diesen Satz in letzter Zeit nicht hundertmal gelesen hat, hat vielleicht ein glücklicheres Leben als ich. Ich werde ernsthaft über meinen Medienkonsum nachdenken.
Bald werden wir Kinder, Tiere und Haushaltsgeräte heiraten können. Wir sehen die Zeichen der Apokalypse in Kanada, den USA, Spanien, den Niederlanden: Nach Öffnung der Ehe geht die Sonne nicht mehr auf, Frauen werden unfruchtbar, Kinder wissen nicht mehr, ob sie Männlein oder Weiblein sind, Sittenstrolche in Röcken lungern zu Dutzenden in Damentoiletten herum, Menschen heiraten Zimmerpflanzen, giftige Heuschrecken kriechen aus den Brunnen. Wer glaubte, mit queerfeindlichem Gaga sei es jetzt endlich mal gut, hat sich gründlich geirrt.

Manches ändert sich also gar nicht. Das Abendland geht unter wie gehabt. Ist doch irgendwie auch beruhigend. Der soziale Zusammenhalt, den allein die heterosexuelle Kleinfamilie durch verläßliche Vererbung der gesellschaftsrelevanten Neurosen garantieren kann, zerbröselt durch linke Gleichmacherei und schwulen Hedonismus wie eh und je. Wir perversen Staatsfeind:innen können halt nur das Eine: Gesellschaften zer­s‍tören und sonst gar nichts (das „gar“ bitte mit Marlene-Dietrich-haft gerolltem „r“ lesen).

Neu ist: Auch die „Ehe für alle“ wird in den Strudel fremdenfeindlicher Paranoia hineingesogen. Denn natürlich wird die jetzt unvermeidbare staatliche Förderung der Polygamie („für alle“, ver­s‍teh­s‍te?) die Islamisierung unseres Vaterlandes vorantreiben wie nichts zuvor. Nur so als Beispiel. In Wirklichkeit ist es wahrscheinlich noch viel schlimmer, aber davon erfährt man in der Lügenpresse ja nichts.

Das kommt alles viel zu plötzlich. 150 Jahre seit der er­s‍ten Forderung nach einer gleichgeschlechtlichen Ehe durch Karl Heinrich Ulrichs und ein Vierteljahrhundert seit der „Aktion Standesamt“ des LSVD waren einfach nicht genügend Zeit, um über dieses sensible Thema mal in Ruhe nachzudenken. Unverschämt, daß das jetzt so plötzlich übers Knie gebrochen wird, und eine Frechheit gegenüber den Betroffenen, die viel lieber noch ein paar Jahrzehnte auf einen wirklich gut durchdachten Gesetzentwurf gewartet hätten. Mit nur 80% Zu­s‍timmung ist die Gesellschaft einfach noch nicht so weit. Besonders empört über die mangelnde Gelegenheit zur Diskussion sind natürlich er­s‍tens die Union, die jede Diskussion seit Jahren blockiert und zweitens die katholische Kirche, die Dogmen eh besser findet als Debatten und son­s‍tigen demokratischen Schnickschnack.

Wenn man den Schmuddelkram ver­s‍teckt, flutscht es mit der Mehrheit. Wir lernen für die Zukunft: Von der „Homo-Ehe“, die so unschön nach Sexualität und Randgruppe klang, wollte ver­s‍tändlicherweise niemand so recht was hören. Die „Ehe für alle“ dagegen geht Nachrichtensprecher:innen und Politiker:innen einfach viel cremiger über die Zunge. Die jugendfreie und geradezu Bibelkreis-taugliche Entsexualisierung des zentralen Schlagworts war kein Zufall, sondern ein gezielter Coup einer konzertierten Kampagne.

Foto-Privat
Tolle neue Unsichtbarkeits-Optionen tun sich auf. Weil jetzt die verräterische Kategorie „verpartnert“ in Dokumenten durch ein neutrales „verheiratet“ ersetzt wird, können wir uns nun endlich offiziell verpaaren, ohne uns am Arbeitsplatz und bei Behörden zu outen. Das ist super. Ich kann den geliebten Menschen heiraten und dann niemandem erzählen, wer er ist. Gleich­s‍tellung, um unsichtbar zu werden, hurra! Wer hätte davon nicht geträumt?
(Michael Kauch, Stefan Kaufmann, dem Magazin „Männer“ und 625 anderen gefällt das.)
Überraschung: Die Ehe ist etwas Konservatives. Grüne erklären Konservativen, daß die Ehe doch eigentlich eine zutiefst konservative Angelegenheit sei und die Konservativen also dafür sein müßten. Konservative erklären Grünen, daß die Ehe doch eigentlich eine zutiefst konservative Angelegenheit sei und die Grünen also dagegen sein müßten. Wird da eigentlich niemand stutzig?
Die Betroffenen haben verdient, daß man gegen die Ehe für alle beim Verfassungsgericht klagt. Denn betroffene Paare wollen Rechtssicherheit, und wie könnte man die besser her­s‍tellen als durch die Anfechtung ihrer demokratisch beschlossenen und bereits in Kraft getretenen Rechte? Aber würdigt das undankbare Pack etwa das fürsorgliche Engagement der CSU?

Die Union war schon immer für alle Rechte, die sie damals bekämpft hat. Sicher nur irgendein dummes Mißver­s‍tändnis.
Man kann nicht mehr über Homosexualität berichten, ohne mit dem Satz „Die Ehe für alle ist beschlossen“ zu beginnen. Es ist ein bißchen wie damals, als hunderte von Journalist:innen es für originell hielten, ihren Medienbeitrag mit „Berlin hat einen schwulen Bürgermei­s‍ter“ zu eröffnen. Heute wie damals ist diese Standardeinleitung geprägt von einer seltsamen Mischung aus Auf-die-eigene-Schulter-klopfen für diese unfaßbare Toleranzlei­s‍tung und ungläubigem Staunen darüber, daß wir das wirklich schon im 21. Jahrhundert hinbekommen haben.

Die Eheöffnung ist irgendwie witzige Folklore. Die wichtig­s‍ten Fragen sind jetzt: „Was ziehe ich dazu an?“ („Ein wenig Gold, ein wenig Glitzer, ein wenig Regenbogen.“) und „Welches Gebäck reiche ich dazu?“ („Regenbogenfarben heben die Stimmung und schmecken in diesem Brot besonders lecker.“)
Wichtig ist natürlich, was fanatische Endzeitprediger aus der Antike heute dazu sagen würden. Aber damit müssen deren Fans selber klarkommen.
Apropos Religion: Alle muslimischen Bundestags-Abgeordneten haben für die Eheöffnung ge­s‍timmt. Müßten nicht wenig­s‍tens die total dagegen sein? Auf was zum Teufel kann man sich eigentlich noch verlassen, wenn nicht mal auf die eigenen Vorurteile?

Lesben und Schwule haben doch Privilegien! Nicht wenige der Vorzeigepaare, die gerade munter alle Medien bevölkern, berichten von mehrfachen Ja-Worten, die sie dem selben Menschen gegeben haben. Das können Heteros nicht so leicht. Wer es geschickt ange­s‍tellt hat, kann bis zu vier offizielle Liebesschwüre sammeln: Erst zur „Hamburger Ehe“ ohne alle Rechte, dann zur „Begründung einer Lebenspartnerschaft“ im örtlichen Liegenschaftsamt, dann vielleicht zur Segnung in der prote­s‍tantischen Dorfkapelle der Nachbargemeinde (weil der eigene Pfarrer von seiner Gewissensfreiheit Gebrauch machte), und jetzt zur Eheschließung im geschmückten Rathaussaal. Jedesmal Torte und alles ohne Scheidung. So romantisch kann Diskriminierung sein!

Man nimmt den Heteros doch etwas weg. Auch wenn alle betonen, das sei gar nicht so. Nämlich ihr irrationales Überlegenheitsgefühl und die Ehe als Allein­s‍tellungsmerkmal. Ein Kommentator auf tagesschau.de fragt bang: „Muß ich jetzt schreiben: ‚verheiratet – nicht homo‘?“ Wir müssen die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Und ihnen erklären, warum diese Sorgen sie als arrogante Dummdödel entlarven.
Das Gesetz liefert hilflose Kinder dem Zugriff von perversen Kinderfickern aus. Das kann man nicht nur in den Kommentarspalten der asozialen Hetzwerke nachlesen, sondern auch in der FAZ oder beim Kasseler Biologie-Professor Ulrich Kutschera. Die verblüffende These, die Letztere vereint: Schwulen fehle die „Inzest-Hemmung“, die auf eine mirakulöse Weise nur Heterosexuelle davon abhält, adoptierte Kinder zu vergewaltigen. Die FAZ hat gerade trotz Rüge des Presserates erklärt, künftig genau so weiterzündeln zu wollen.

Foto-Mannbild
Es bleibt dabei: Diskriminieren ist ein Menschenrecht. Die Menschen, denen man gleiche Rechte verwehrt, müssen Respekt vor denen haben, die dafür agitieren, daß das so bleibt. Man muß ja wohl noch homophob sein dürfen, ohne dafür gleich als homophob angefeindet zu werden.
Diverse Schmierblättchen aller Kategorien lassen darüber ab­s‍timmen, ob Artikel 3 des Grundgesetzes auch für Lesben und Schwule gelten soll. Und das sogar jetzt noch, wo das Gesetz durch ist. Danke, Leute, so fühlt sich Demokratie gut an. Für euch.

Offene Menschenfeindlichkeit wird immer noch als akzeptabler und notwendiger Teil einer ausgewogenen Debatte verkauft. Die ganzen homo- und transfeindlichen Nasen hocken schon wieder in jeder TV-Diskussion. 1Live, der Jugendsender des WDR, konfrontiert eine junge Lesbe mit der homophoben Hetze einer Chri­s‍tin und verharmlost das Ganze als „Meinungau­s‍tausch“. Die Lesbe muß sich u.a. mit der Aussage herumschlagen, Homosexualität sei eine Sünde und eine Krankheit (offenbar geht beides gleichzeitig). Die vollkommen ungleiche und unausgewogene Situation, in der ausschließlich eine Person die andere in einem Kernbereich ihrer Persönlichkeit beleidigt und herabsetzt, während die zweite sich rechtfertigen muß, wird mit dem Slogan „Zwei Menschen, zwei Meinungen“ verschleiert. Wir freuen uns schon auf die Folgen „Arisches Jungmädel trifft Roberto Blanco – Welche Rasse ist wirklich die bessere?“ und „Holocaust-Leugner diskutiert mit Buchenwald-Häftling – Alles Ansichtssache.“ Hatten wir gehofft, endlich nicht mehr diese ganze Scheiße anhören zu müssen? Pu­s‍tekuchen. Nicht nur bei queeren Themen hat Journalismus immer weniger mit Fakten oder gar Verantwortung zu tun.

Die Homos wollen das Eherecht doch selber nicht. Denn da kennt einer einen Schwulen, der ist auch dagegen. Und da. Und da auch.
Die Ehe muß eigentlich ganz abgeschafft werden. Minde­s‍tens aber das Ehegattensplitting. Schön, daß endlich mal ein bißchen Bewegung in die Diskussion über eine pragmatische Familienpolitik kommt und daß dabei auch die Ehe-Privilegien kritisch beäugt werden. Einen seltsamen Beigeschmack hat es leider, daß diese Kritik ausgerechnet in inhaltlicher Verbindung mit der Eheöffnung aufkommt, als müßten diese Privilegien erst in dem Moment in Frage ge­s‍tellt werden, da Schwule und Lesben einbezogen werden. Schade ist vor allem, daß diese Diskussion offenbar jetzt schon wieder voll­s‍tändig verebbt ist.

Noch eine Überraschung: Die strukturelle Diskriminierung hat sich immer noch nicht erledigt! Ist das nicht seltsam? Kinder und Jugendliche werden in der Schule immer noch gemobbt, queere Menschen krankenhausreif geprügelt, es gibt immer noch Hetze in Politik, Religion und Medien, Entlassungen von queeren Ange­s‍tellten, die Suizidraten unter queeren Jugendlichen sind nicht über Nacht gesunken. Das Neue ist: Wenn man darüber berichtet, muß man jetzt den Satz „Die Ehe für alle ist da“ an den Anfang stellen (s.o.) und sein Staunen darüber signalisieren, daß die Ausdehnung gesetzlicher Paarprivilegien jahrhundertealten, strukturell verankerten Haß nicht schlagartig auflösen kann. (Zur Erinnerung: Der schwule Bürgermei­s‍ter hatte diese magische Fähigkeit auch nicht.)

Die Eheöffnung macht alle schwul! Minde­s‍tens aber ein paar Journalist:innen endgültig gaga.
CSDs, Gruppen und Organisationen müssen sich fragen lassen, ob sie jetzt überhaupt noch notwendig sind. Haben wir wirklich den Eindruck erweckt oder zumindest zugelassen, der einzige Zielpunkt der gesamten queeren Bewegungsgeschichte sei schon immer die Eheöffnung gewesen? Wenn wir heute die vielen anderen Ziele neu erklären müssen (oder sogar selbst überlegen, welche das eigentlich mal waren), dann ist in den letzten Jahren eindeutig was schiefgelaufen, liebe queere Geschwi­s‍ter. Es ist Zeit für eine gründliche Neuorientierung!(derZaunfink)

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