Der Regenbogenkiez in Schöneberg ist in Gefahr
Berlins tolerantester Kiez gerät immer öfter in den Schlagzeilen. In Schöneberg häufen sich homophobe Übergriffe und Raubtaten.
Das "Sally Bowles" an der Eisenacher Straße liegt
mitten im Regenbogenkiez. Wer sich an einem Wochenende abends auf einen der
Außenplätze setzt, kann beobachten, warum das Schöneberger Gebiet als eines von
zehn kriminalitätsbelasteten Orten in Berlin gilt. Die 200 Meter zwischen
Fugger- und Courbierestraße werden dann zum "Laufsteg". Junge
Männer, viele davon aus Rumänien und Bulgarien, sind auf der Suche nach
Freiern. Viele von ihnen sind nur wenige Wochen im Kiez und konkurrieren mit
den alteingesessenen Strichern. Kommen Alkohol und Drogen hinzu, wird die
Stimmung aggressiv.
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| Foto-BerlinerZeitung |
"Ich kenne viele vom Sehen her", sagt Sebastian
Ungruhe, Chef vom "Sally Bowles". Seine Bar liegt mitten in Berlins
bekanntestem Schwulenkiez. Schon oft seien Besucher belästigt worden. Die
Palette reiche vom harmlosen Fragen nach Zigaretten bis zum Entblößen vor Gästen.
Ungruhe hat schon häufiger ein Machtwort gesprochen oder Menschen, die belästigt
wurden, Zuflucht in seiner Bar gegeben. "Dieser Kiez lebt von seiner
Toleranz. Deshalb kommen so viele Menschen gern hierher. Und das soll auch so
bleiben", sagt Ungruhe.
Von den Strichern selbst will keiner seinen Namen in der
Zeitung lesen. Die meisten reagieren abweisend, wenn sie Kamera und
Notizblock sehen. Einer sagt, daß er "Adonis" heiße. Seine Freunde,
die um ihn herum stehen, aber nicht reden wollen, lachen. Viele Stricher geben
sich Fantasie-Namen. "Ich bin nur ein paar Wochen hier", sagt der
junge Mann. Dann gehe es für ihn weiter in eine andere Stadt. Streß wolle er
keinen. Den gebe es nur, wenn seine Kunden nicht zahlen oder um den Preis
feilschen wollen. Die Spanne liege bei ihm zwischen 25 und 70 Euro. "Ich
mache aber keinen Sex", sagt er. Das heißt: Anfassen ist okay, Bilder
machen auch. Er sei schließlich nicht schwul, sagt Adonis. Und für Personen, die
Freier ausrauben würden, habe er auch kein Verständnis.
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Das mache das
Geschäft kaputt.
Der Regenbogenkiez ist, was seine Kriminalität betrifft,
homogener als es auf den ersten Blick wirkt. Viele Stricher kommen aus
denselben Dörfern in Rumänien. Großfamilien wie in Neukölln oder Flüchtlinge
aus Afghanistan, dem Irak und Syrien sind hier indes kaum unterwegs. Sie
machen um das Viertel einen Bogen.
Kiez mit traditionsreicher Geschichte
Der Regenbogenkiez hat eine stolze Geschichte. Bereits zu
Beginn des 20. Jahrhunderts konzentrierte sich laut Bezirk rund um die Motz-,
die Nollendorf-, die Eisenacher Straße und die Fuggerstraße die Berliner
Homosexuellenszene. In dem Kiez liegen zahlreiche schwulen- und
lesbenfreundliche Kneipen, Restaurants, Cafés, Hotels und Geschäfte.
Wahrzeichen ist die nachts regenbogenfarbig beleuchtete Kuppel des U-Bahnhofs.
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Seit ein paar Jahren ist Berlins tolerantester Kiez aber
immer öfter in den Schlagzeilen. Neu ist, daß es auch Meldungen über
Haßkriminalität gibt. Das heißt: Menschen werden gezielt wegen ihrer sexuellen
Orientierung angegriffen. Diese Form der Kriminalität geht oft einher mit Raub.
Viele dieser Taten werden mit dem "Antanz-Trick" durchgeführt. Erst
vor wenigen Wochen wurde nach Informationen der Berliner Morgenpost ein
prominenter homosexueller Künstler im Regenbogenkiez auf dem Weg zu einer Feier
zusammengeschlagen und ausgeraubt. Anzeige erstattet er nicht – aus Angst vor
Öffentlichkeit.
Ende vergangenen Jahres zog der Betreiber der
"Lieblingsbar" die Reißleine und schloß sogar sein Lokal. Als Grund
hatte er die steigende Kriminalität rund um die Eisenacher Straße genannt.
Viele Gäste würden die Gegend aus Angst vor Übergriffen meiden, hieß es
damals. Andere Wirte aus dem Kiez halten das für übertrieben, wenngleich auch
sie die aggressiven jungen Männer, die Gäste belästigen, kennen. Man müsse
das Problem endlich offen ansprechen. Es sei aber nicht so schlimm, daß man
deshalb seine Bar gleich schließen müsse, sagt Ungruhe.
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| Foto-Morgenpost |
Seit Jahren steigende Kriminalitätszahlen
Der Blick in die Statistik stützt indes beide Thesen. Die
Polizei registrierte in den vergangenen Jahren immer mehr Straftaten – auch
solche mit homophobem Hintergrund. Seit einigen Monaten gibt das Zahlenwerk
allerdings auch Anlaß zur Hoffnung. In vielen Deliktsbereichen stagnieren die
Zahlen oder sind leicht rückläufig. Allerdings weiß niemand, wie hoch die
Dunkelziffer ist. Viele Opfer gehen aus Scham nicht zur Polizei – auch wenn
Ermittler dringend dazu raten. Das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo weist seit
Jahren auf diesen Umstand hin und fordert einen behutsamen Umgang mit
Betroffenen.
Beim Umgang mit aggressiven jungen Männern hat Maneo-Leiter
Bastian Finke auch eine klare Meinung. "Es ist zum einen wichtig, Regeln
klar durchzusetzen und deutlich zu machen, daß im Regenbogenkiez keine
rechtsfreien Räume existieren", sagt er. Hier sei die Polizei gefordert,
die schnell und gezielt reagieren müsse, die Durchsetzung der Regeln sicherstelle
und Straftaten systematisch verfolge. Doch der Maneo-Chef mahnt auch einen
differenzierten Blick auf die Lage an. "Prostitution im Kiez ist nicht
das zentrale Problem. Ein großes Problem sind Personen, die vorgeben, auf den
Strich zu gehen, sich jedoch eigentlich auf Beutezug befinden", sagt er. Diese
Täter würden die Offenheit von Menschen ausnutzen und Szene-Gäste anmachen,
um sie dann auszunehmen.
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Anti-Gewalt-Projekt
"Wir haben im Nollendorf-Kiez zu viele Übergriffe erlebt"
Bastian Finke ist der Leiter des schwulen
Anti-Gewalt-Projekts Maneo in Schöneberg. Er fordert einen behutsamen Umgang
mit Betroffenen.
Im Regenbogenkiez rund um den Nollendorfplatz sorgen
aggressive Stricher für Unruhe. Im Gespräch erklärt der Leiter des schwulen
Anti-Gewalt-Projektes Maneo, Bastian Finke, wo sexuelle Gewalt anfängt.
Wo beginnt für Sie ein sexueller Übergriff?
Bastian Finke: Hier gibt es klare Definitionen. Der
Übergriff beginnt für uns dort, wenn eine Handlung unerwünscht erfolgt, verbal,
nonverbal oder körperlich, und die Würde des Menschen verletzt. Dazu zählt, daß
Nein gesagt oder angezeigt wird und diese Grenze trotzdem überschritten wird.
Manchmal bringen Menschen aus Angst, Scham und Unsicherheit ein klares Nein
nicht über die Lippen oder trauen sich nicht, dies mit ihrem Verhalten
anzuzeigen. Manchmal brauchen Menschen Zeit, ihre Situation zu realisieren.
Wie sollte ich regieren, wenn ich selbst betroffen bin,
jemanden kenne, der betroffen ist oder wenn ich sexuelle Gewalt beobachte?
Ich habe die Erfahrung gemacht, daß Menschen Zeit, Ruhe und
einen sicheren Ort brauchen, um über ihre Situation zu reden. Oft wenden sich
Betroffene an enge Vertrauenspersonen. Die sollten bei Fragen auch selbst das
Gespräch mit professionellen Beratungsstellen suchen. Wir bei Maneo bieten
sowohl Betroffenen als auch Menschen, die sich um Betroffene kümmern, Zeit,
Ruhe, Gespräche und einen sicheren Ort an.
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Sollte man auf jeden Fall professionelle Hilfe in Anspruch
nehmen?
Unter professioneller Hilfe verstehe ich Personen, die
eine fachliche Ausbildung durchlaufen haben. Die Opferhilfearbeit bietet
entsprechende fachliche Zusatzausbildungen für Personen, die mit betroffenen
Menschen arbeiten. In Berlin gibt es zahlreiche Fachstellen, die über
qualifiziertes Personal verfügen. An diese können sich betroffene Menschen
wenden und diese würde ich auch empfehlen. Meiner Erfahrung nach ist es oft
hilfreich, daß wir auch Vertrauenspersonen, an die sich betroffene Menschen
gewandt haben, in die Arbeit mit einbeziehen, weil die professionelle Hilfe mit
der Hilfe durch Vertrauenspersonen Hand in Hand gehen kann.
Was ist, wenn ich im Alltag Zeuge sexueller Gewalt werde?
Zuallererst Betroffenen beistehen, sie in Sicherheit
bringen oder, wenn das nicht möglich ist, sofort Polizei und Rettungsdienst verständigen.
Die Würde und die Wünsche einer betroffenen Person sind dabei unbedingt zu
beachten. Es ist wichtig, daß darauf eingegangen wird. Das kann auch bedeuten,
daß Betroffene erst mal nur Schutz suchen, noch keine Aussage machen wollen.
Bei einer Strafverfolgung, eben auch einer späteren Strafverfolgung, ist jedoch
zu beachten, daß Beweismittel immer eine sehr wichtige Rolle spielen. Jede
Spur, also auch jede Verletzung, sollte dokumentiert werden. Jugendliche und
Erwachsene, die noch keine Anzeige erstatten wollen, können sich an die
Gewaltschutzambulanz der Charité wenden, wo Spuren auch ohne vorherige Anzeige
gesichert werden können. Mitarbeiter der Gewaltschutzambulanz können auch zu
uns in unsere Räume kommen, um an Betroffenen Spuren zu sichern. Unser Ziel ist
erst einmal, Betroffene zu stabilisieren. Menschen wurde gewaltsam die Regie
und Kontrolle über sich geraubt. Deshalb ist es ungemein wichtig, ihnen diese
Kontrolle wieder zurückzugeben.
Ist der Regenbogenkiez für Sie ein sicherer Kiez?
Der Regenbogenkiez ist ein offener Kiez, an dem viele
unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen. Es ist schwierig, wenn hier
pauschal von einem sicheren oder auch unsicheren Raum gesprochen wird. Wir
haben in den vergangenen Jahren im Regenbogenkiez viel zu viele Übergriffe und
Gewaltstraftaten erlebt. Wir sehen, daß die Anzahl der Taten langsam abnimmt.
Auch wenn die Zahlen weniger werden, wird es noch lange dauern, bis auch die
gewachsene Verunsicherung vieler Menschen abnimmt. Es ist unser Bemühen und
unser Ziel, gemeinsam mit der Polizei, dem Bezirksamt, Gewerbetreibenden und
Anwohnern Kriminalität aus dem Regenbogenkiez zurückzudrängen.(von Alexander Dinger-morgenpost)







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