Schwul macht cool
Die Heteromänner von heute sind dabei, den schwulen Lifestyle zu übernehmen, sagt Stilexperte Clifford Lilley
Über Jahrhunderte seien Schwule für die breite
Öffentlichkeit kein Thema gewesen, meint Clifford Lilley. Kein Mensch kümmerte
sich um sie, und es gab damals keinen, der schwulen Lifestyle verkörperte
oder gar imitierte, denn so etwas gab es einfach nicht. Homosexuelle versteckten
sich in aller Regel. Schillernde Persönlichkeiten wie Oscar Wilde, die ihr «Anderssein»
mit einer grünen Nelke am Revers thematisierten oder glorifizierten, waren die
Ausnahme. Doch sie galten als «queer», also schräg, deformiert und abartig,
weswegen man sie verfolgte und unterdrückte. Erst in den späten sechziger und
siebziger Jahren wurden die Homosexuellen auch öffentlich «sichtbar», und das
positiv besetzte Wort «gay» kam in Mode.
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| Foto-Tumbir |
Als die Schwulen dann endlich «aus dem Busch» kamen,
entwickelte sich so etwas wie ein schwuler Lifestyle. Es gab Treffpunkte,
Viertel oder Ferienorte wie Ibiza oder Mykonos, wo Schwule vorurteilsfrei und
ohne Repression zusammenkommen konnten, und es entstand eine Art von schwulem
Dreßcode, also dieser ganze körperbewußte Habitus. Man zeigte seine Muskeln.
Ein geripptes Tanktop wurde so etwas wie das erste schwule Outfit. In der
westlichen Kultur wurden Schwule bald als die schöneren, attraktiveren und
besser angezogenen Männer wahrgenommen. Daß sie auch den Mädchen gefielen,
weckte den Neid und manchmal auch den Zorn vieler heterosexueller Männer.
Die wichtigsten schwulen «Ikonen» der letzten vierzig
Jahre kamen aus dem Pop- oder Mode-Busineß, sei das Freddie Mercury in den
siebziger Jahren oder George Michael oder Jean-Paul Gaultier in den achtziger
Jahren. Heute ist Tom Ford so etwas wie das Vorzeigemodell des modernen
(schwulen) Mannes. Er ist ein attraktiver und zeitgemässer Mann, der das
Maximum aus sich macht, und das ist sehr modern. Ob schwul oder nicht, das ist
nicht mehr das zentrale Thema. Denn auch wir Schwule sind letztlich ganz normale
Menschen, und entsprechend ziehen wir uns an. Man braucht nicht mehr mit seinen
Kleidern zu illustrieren, daß man schwul ist. Sieht Kurt Aeschbacher etwa
typisch schwul aus? Er zieht sich gut an, aber das können Heteros auch.
Generell läßt sich sagen: Der Mann ist weicher und feiner
geworden, er hat seine feminine Seite entdeckt. Dennoch haben noch immer viele
Heteros große Angst davor, in irgendeiner Weise «schwul» auszusehen. Das ist
paradox, denn sie haben die wichtigsten Merkmale des schwulen Lifestyles
längst übernommen. Heute sehen ja sogar Teenager aus wie früher die Schwulen,
mit Ohrringen, Gel in den Haaren und rasierten Achselhöhlen. Es gibt keine
eindeutigen Signale mehr. Man kann schwule Männer vielleicht noch an ihrem
Habitus identifizieren, aber nicht mehr an ihren Kleidern.
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| Foto-Mannarte |
Der moderne Mann, ob hetero oder schwul, macht Pediküre und
Maniküre und rasiert sein Körperhaar. Das Thema ist heute absoluter Mainstream,
und es wird auch Geld mit den Schwulen verdient. Der Markt hat sie als konsumfreudige
Zielgruppe entdeckt, sogar im prüden Amerika, wo es inzwischen im Fernsehen
Familienshows gibt, in denen schwule Männer die Hauptrolle spielen. Jene, die
früher als Schwuchteln und Perverse verschrien wurden, sind heute also die
neuen Vorzeigemänner.
Und jetzt? Schwule haben noch immer mehr Spaß an Mode,
Körperpflege, Tanz, Kultur und Etikette. Heteros sind dagegen eher an Autos,
Rasenmähern und Fußball interessiert. Das sind keine Gegensätze, sondern
komplementäre Qualitäten. Der Hetero kann deshalb vom schwulen Mann lernen, wie
man mit seiner Garderobe umgeht, etwas attraktiver aussieht und weniger «Puff»
im Kleiderschrank hat. Und der Schwule kann vom Hetero vielleicht endlich
lernen, wie man Zündkerzen wechselt oder einen Freistoß ausführt.
Aufgezeichnet von Jeroen van Rooijen
Der in Südafrika geborene Clifford Lilley (51) ist freischaffender
Stylist und Image-Consultant in Zürich. www.clifford-lilley.com.(NZZ)



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