Samstag, 7. Oktober 2017



Schwul macht cool

Die Heteromänner von heute sind dabei, den schwulen Life­s‍tyle zu übernehmen, sagt Stilexperte Clifford Lilley


Über Jahrhunderte seien Schwule für die breite Öffentlichkeit kein Thema gewesen, meint Clifford Lilley. Kein Mensch kümmerte sich um sie, und es gab damals keinen, der schwulen Life­s‍tyle verkörperte oder gar imitierte, denn so etwas gab es einfach nicht. Homosexuelle ver­s‍teckten sich in aller Regel. Schillernde Persönlichkeiten wie Oscar Wilde, die ihr «Anderssein» mit einer grünen Nelke am Revers thematisierten oder glorifizierten, waren die Ausnahme. Doch sie galten als «queer», also schräg, deformiert und abartig, weswegen man sie verfolgte und unterdrückte. Erst in den späten sechziger und siebziger Jahren wurden die Homosexuellen auch öffentlich «sichtbar», und das positiv besetzte Wort «gay» kam in Mode.

Foto-Tumbir
Als die Schwulen dann endlich «aus dem Busch» kamen, entwickelte sich so etwas wie ein schwuler Life­s‍tyle. Es gab Treffpunkte, Viertel oder Ferienorte wie Ibiza oder Mykonos, wo Schwule vorurteilsfrei und ohne Repression zusammenkommen konnten, und es ent­s‍tand eine Art von schwulem Dreßcode, also dieser ganze körperbewußte Habitus. Man zeigte seine Muskeln. Ein geripptes Tanktop wurde so etwas wie das er­s‍te schwule Outfit. In der westlichen Kultur wurden Schwule bald als die schöneren, attraktiveren und besser angezogenen Männer wahrgenommen. Daß sie auch den Mädchen gefielen, weckte den Neid und manchmal auch den Zorn vieler heterosexueller Männer.

Die wichtig­s‍ten schwulen «Ikonen» der letzten vierzig Jahre kamen aus dem Pop- oder Mode-Busineß, sei das Freddie Mercury in den siebziger Jahren oder George Michael oder Jean-Paul Gaultier in den achtziger Jahren. Heute ist Tom Ford so etwas wie das Vorzeigemodell des modernen (schwulen) Mannes. Er ist ein attraktiver und zeitgemässer Mann, der das Maximum aus sich macht, und das ist sehr modern. Ob schwul oder nicht, das ist nicht mehr das zentrale Thema. Denn auch wir Schwule sind letztlich ganz normale Menschen, und entsprechend ziehen wir uns an. Man braucht nicht mehr mit seinen Kleidern zu illustrieren, daß man schwul ist. Sieht Kurt Aeschbacher etwa typisch schwul aus? Er zieht sich gut an, aber das können Heteros auch.
Generell läßt sich sagen: Der Mann ist weicher und feiner geworden, er hat seine feminine Seite entdeckt. Dennoch haben noch immer viele Heteros große Angst davor, in irgendeiner Weise «schwul» auszusehen. Das ist paradox, denn sie haben die wichtig­s‍ten Merkmale des schwulen Life­s‍tyles längst übernommen. Heute sehen ja sogar Teenager aus wie früher die Schwulen, mit Ohrringen, Gel in den Haaren und rasierten Achselhöhlen. Es gibt keine eindeutigen Signale mehr. Man kann schwule Männer vielleicht noch an ihrem Habitus identifizieren, aber nicht mehr an ihren Kleidern.

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Der moderne Mann, ob hetero oder schwul, macht Pediküre und Maniküre und rasiert sein Körperhaar. Das Thema ist heute absoluter Mainstream, und es wird auch Geld mit den Schwulen verdient. Der Markt hat sie als konsumfreudige Zielgruppe entdeckt, sogar im prüden Amerika, wo es inzwischen im Fernsehen Familienshows gibt, in denen schwule Männer die Hauptrolle spielen. Jene, die früher als Schwuchteln und Perverse verschrien wurden, sind heute also die neuen Vorzeigemänner.

Und jetzt? Schwule haben noch immer mehr Spaß an Mode, Körperpflege, Tanz, Kultur und Etikette. Heteros sind dagegen eher an Autos, Rasenmähern und Fußball interessiert. Das sind keine Gegensätze, sondern komplementäre Qualitäten. Der Hetero kann deshalb vom schwulen Mann lernen, wie man mit seiner Garderobe umgeht, etwas attraktiver aussieht und weniger «Puff» im Kleiderschrank hat. Und der Schwule kann vom Hetero vielleicht endlich lernen, wie man Zündkerzen wechselt oder einen Frei­s‍toß ausführt. Aufgezeichnet von Jeroen van Rooijen

Der in Südafrika geborene Clifford Lilley (51) ist freischaffender Stylist und Image-Consultant in Zürich. www.clifford-lilley.com.(NZZ)

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