Regenbogenfamilien
Zwei Mamas und zwei Papas
Wie geht Familie, wenn Mutter und Vater lesbisch und schwul
sind? Die Geschichte von Lenja, einem ganz normalen Mädchen mit einer
außergewöhnlichen Familie.
Lenja Moser kommt am Ende eines langen Tages zur Welt, sechs
Minuten vor Mitternacht, sie ist 53 Zentimeter groß
und 3320Gramm schwer, am Köpfchen hat sie einen dunklen Schopf. Die Eltern
heißen Petra Moser & Daniel Nicolai, verbunden durch ein Et-Zeichen, genau
so steht es in der Geburtsanzeige, die kurz nach diesem 29.
Mai 2009 in einer Zeitung erscheint. Lenja freue sich auf eine
bunte Familie,
heißt es da, darunter steht ein Zitat des Philosophen Paul Watzlawick: "In
der Wahl seiner Eltern kann man nicht vorsichtig genug sein!"
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| Foto-Regenbogenfamilien |
Petra, damals 40, und Daniel, 45, eint zu diesem
Zeitpunkt nichts außer dem Baby. Keine Beziehung zueinander, keine Liebe
füreinander. Sie haben keine gemeinsame Wohnung, führen kein gemeinsames Konto.
Das erste Mal begegnet waren sie einander erst im Jahr davor. Der Ort, an dem
sie sich getroffen hatten, heißt www.spermaspender.de.
Es gibt kaum Fragen im Leben, die folgenreicher sind: Möchte
ich ein Kind? Petra und Daniel hatten für sich eine Antwort darauf gefunden -
aber eben jeder für sich. Offen blieb die Frage, die kaum weniger wichtig
erscheint als die nach dem ob: mit wem? In den Beziehungen, die sie führten,
war kein Nachwuchs zu erwarten.
Petra ist lesbisch, Daniel schwul.
Ein sonniger Tag im Juli 2009, im Garten vor einem
unauffälligen zweistöckigen Haus in Oggersheim, einem Stadtteil von
Ludwigshafen. Lenja liegt links von Petra in einer Kinderwippe. Sie trägt einen
gestreiften Strampler und weiße Söckchen; auf dem rosa Schnuller ist eine
Tigerente abgebildet. Hinter ihr wachsen die Blumen in kundig geordneter
Wildheit, auf dem Tisch steht gesunder Kuchen.
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Rechts von Petra sitzt ihre Freundin, Rita. Die beiden
hatten einander im Selbstverteidigungskurs kennengelernt. Rita hat sich in die
jüngere Frau verliebt und ihren Mann verlassen. Im Garten erzählt sie nun viel
ausführlicher und emotionaler als Petra, ihre Locken wackeln dann immer.
Wie andere Menschen, von denen hier erzählt wird, heißt auch
Rita in Wirklichkeit anders. Keine Familie ist wie die andere, jede ist auf
ihre Art kompliziert, jeder Beteiligte hat seine ganz eigene Sicht auf die
Wahrheit, und so will oder soll nicht jeder mit aufs Porträt. Beziehungen
verändern sich, man verliebt sich, entliebt sich, verlässt, wird verlassen,
zumal in einem Zeitraum von acht Jahren, die zwischen den ersten und den
jüngsten Besuchen bei der Familie liegen, in Oggersheim, Frankfurt, Speyer und
schließlich Amsterdam.
Petra, in Gemüt und Frisur ruhiger als Rita, ist auf dem
Papier Biologin und Erlebnispädagogin. Aber eigentlich baut sie Spielplätze.
Sie bohrt und hämmert und schraubt, auf dass Kinder dort klettern und hüpfen
und graben. Sie hatte in den vergangenen Jahren immer stärker gespürt, dass sie
sich kümmern musste, wollte sie irgendwann ein eigenes Kind dort draußen
spielen sehen.
Zu dritt in einem Haushalt leben, das kannte Petra bereits.
Nicht nur, weil sie selbst ein Einzelkind ist, sondern auch, weil Rita eine
Tochter aus einer früheren Beziehung mit in Petras Haus gebracht hatte: Lisa.
Es hat eine Weile gedauert, bis Lisa die Freundin ihrer Mutter akzeptierte.
Zehn Jahre wohnte sie bei den zwei Frauen. Nun war sie erwachsen und nach
Berlin gezogen. Petra wollte ein eigenes Kind.
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2009 kam sie auf die Welt, als Tochter einer lesbischen
Mutter und eines schwulen Vaters
An die Ehe für alle und damit an die realistische
Möglichkeit, in Deutschland ein Kind zu adoptieren, war damals noch nicht zu
denken. Und selbst wenn: Sich den konservativen Strukturen anzupassen, dankbar
zu sein für dieses Zugeständnis, das hätte Petra gar nicht gewollt. Sie zählt
sich zu einer Zwischengeneration von Homosexuellen, die zwar nicht mehr strikt
unter sich bleibt und permanent und überall für ihre Rechte kämpft, die sich
aber auch noch nicht vollkommen vom Community-Gedanken verabschiedet hat. Sie
und Rita, die ohnehin Ehe-müde war, haben sich auch nie verpartnern lassen.
"Warum werden nicht Regelungen für Familien getroffen, ohne den
Ehe-Fokus?", sagt Petra.
Acht Jahre und viele Debatten später, im Sommer des
Wahljahres 2017, konnte es der Politik auf einmal gar nicht schnell genug
gehen mit dem Ehe-Fokus. Ruckzuck stimmte die Mehrheit im Bundestag für das
neue Gesetz, es regnete bunte Konfetti.
Homosexuelle dürfen seit dem 1. Oktober
heiraten und eben Kinder adoptieren. Aber damit beginnt nicht die Zeit der
Regenbogenfamilien. Die gibt es längst.
Tausende Homosexuelle haben wie Petra und Daniel in
Deutschland Kinder bekommen, offizielle Zahlen gibt es nicht, was in der
inoffiziellen Natur der Sache liegt. Schwule und Lesben mussten stets ungewöhnliche
Wege finden, um ungewöhnliche Familien zu gründen. Doch nicht nur diejenigen,
die kürzlich im Bundestag mit Nein stimmten, fragen sich: Wie viel
Ungewöhnlichkeit verträgt ein Kind? Wie kompliziert kann die Suche nach dem
einfachen Familienglück sein?
Petra wählte die Methode, Mutter zu werden, nach dem
Ausschlussprinzip. Eine Adoption im Ausland? "Ich kenne Chile, ich war
dort oft im Urlaub. Da wäre das wohl möglich. Aber das war uns zu
undurchsichtig." Der Bekanntenkreis? "Wir sind alle Männer
durchgegangen, da war keiner dabei. Wir wollten aber auch keinen anonymen
Spender suchen." So seien sie im Internet gelandet, erzählt Petra im
Garten. Lenja schläft
.
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Ein anderer Tag, derselbe Sommer 2009, auch über
Frankfurt strahlt die Sonne. In Daniels Wohnung ist alles an seinem Platz, ein
schickes Apartment, eingerichtet mit Bedacht und Stil. Ein Wickeltisch fehlt
allerdings. Daniel, ein großer, schlanker Mann mit Brille, Kinnbart und
dunkelblauen Augen, Leiter des English Theatre in der Stadt, erzählt von seinen
Optionen. Eine Leihmutterschaft? "Gibt es ja nicht in Deutschland. In
Israel ginge das, für viel Geld. Aber dass eine Mutter das Baby, das in ihr
gewachsen ist, abgeben muss, das fand ich schräg." Eine geneigte Bekannte?
"Gibt es nicht." Es blieb das Internet.
Mit seinem Freund Jaap, damals 47, traf er mehrere
Paare, die sich auf seine Annonce gemeldet hatten. Die Mainzer schieden aus, zu
klemmig, die aus Wiesbaden waren ihm zu einfach gestrickt. Daniel war
vorsichtig, "als schwuler Mann denkt man ja auch: Vielleicht quetscht die
dich finanziell aus". Die Erwartungen an das Leben sollten übereinstimmen,
an das eigene wie an das des Kindes. Mit einer rechten Zeugin Jehovas, sagt er,
da ginge das nicht.
Petra, liberale Naturwissenschaftlerin, bekam mehr als ein
Dutzend Antworten auf ihre Anzeige. Sie las Daniels Mail und arrangierte ein
Treffen, in einem Café am Wasserturm in Mannheim. "Das war schon eine
lustige Situation", sagt sie. Als Daniel kleinlaut zugab, dass er ab und
zu raucht, mussten sie alle lachen. Weder dem vorgelegten Attest noch dem
Spermiogramm haben die Zigaretten geschadet.
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Drei, vier Mal trafen sie sich noch, mit jedem Gespräch
wuchs das Vertrauen. Nicht nur, weil sich Petra und Daniel sympathisch waren.
Sondern auch, weil entscheidende Fragen geklärt wurden, systematisch und
akribisch. Vieles, was für Hetero-Paare selbstverständlich ist, mussten die
beiden erst ausdiskutieren. So wie bei klassischen Familiengründungen die
gegenseitige Zuneigung als Fundament dient, so fühlten sich Petra und Daniel
durch die Vernunft des jeweils anderen beruhigt.
Nach Klärung aller Fragen fehlte nur noch ein Detail: die
Befruchtung
Einen Menschen bedingungslos zu lieben, stand nicht am
Anfang ihrer Beziehung, es war das Ziel. Doch dem Weg dorthin fehlte es
keineswegs an Bedingungen. Daniel hielt die Abmachungen in einer Mail fest. Sie
gleicht einem Vertrag:
"1. Schwangerschaft - Daniel findet es gut, dass alle
empfohlenen Tests gemacht werden. Wir sind beide über 40. (...) Daniel
muss nicht unbedingt bei Geburt sein. Wäre aber gerne informiert und will mit
Daumen drücken. Gerne Hilfe in Zeit direkt nach Schwangerschaft, wenn P&R
das wünschen.
2. Lebensmittelpunkt des Kindes ist die Wohnung von P&R
und ihr Wohnort. Entscheidung über Namen: P&R (netter in Überlegung mit D).
Beschneidung (falls es ein Junge wird), ich bin nicht dafür. Wir sollten über
die Vor- und Nachteile sprechen. Daniel evtl. mehr Erfahrung. ;-)
3. Wie viel Kontakt zu Daniel - Bis zum 2. Lebensjahr
häufiger Kontakt anbieten. Auch Babysitting bei P&R, so dass das Kind D.
kennenlernt. Besuch ab dem 2. Lebensjahr des Kindes: Mindestens einmal im
Monat. Auch gemeinsame Ausflüge, Projekte, Kindergartenfeste. Später (so Kind
das will) Besuch bei Daniel, evtl. auch übers Wochenende.
4. Verantwortlichkeit - Eine Mutter verstirbt - Kind bleibt
bei der anderen Mutter, vermehrter Einsatz von D., um zu helfen. (Testament).
Beide Mütter versterben - Kind kommt zu Daniel. Evtl. andere Pflegeeltern
sollten wir absprechen. (Testament) Daniel verstirbt - P&R halten für Kind
Kontakt mit Großeltern, kann auch sporadisch sein.
5. Daniel wird nicht als Vater eingetragen. Testament
über Pflegeelternschaft.
6. Finanzielles - Daniel ist für den 'normalen'
Lebensunterhalt des Kindes nicht verantwortlich. Daniel möchte sich an
'besonderen' Anschaffungen beteiligen. Daniel will sich natürlich an Geschenken
zu Festen beteiligen."
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Nur ein Detail fehlte noch, eine biologische Formalie:
die
Befruchtung. Als Petra ihren Eisprung hatte, rief sie Daniel an. Der fuhr die
eineinhalb Autostunden von Frankfurt nach Oggersheim, und nach einer
freundlichen Begrüßung verschwand er im Schlafzimmer, alleine, in der Hand eine
Plastikspritze. Als er seinen Teil beigetragen hatte zum Plan, reichte er Petra
die jetzt in ein Handtuch gewickelte Spritze. Nun zog sie sich zurück ins
Schlafzimmer. Ob sie das würdelos fanden? "Miteinander zu schlafen, das
wäre in unserer Situation würdelos gewesen", sagt er.
Schon dieser erste Versuch war erfolgreich gewesen. Neun
Monate später, am 29. Mai 2009, sechs Minuten vor Mitternacht, wurden
Petra und Daniel nicht bloß Mutter und Vater, sondern Elternteile im Wortsinn,
verbunden in einem wimmeligen und bunten Familienpuzzle.
Kann eine so verstreute Familie zu sich finden?
Petra, Rita und das Baby wohnen zu dritt in Oggersheim.
Daniel darf sie unterstützen, wenn P&R das wünschen. Elternzeit kann er
sich dafür nicht nehmen. Keine Behörde weiß von seiner Vaterschaft. Im
Gegensatz zu den Frauen, die sich mit Generalvollmachten und Willenserklärungen
ausgestattet haben, verzichtet Daniel auf Sicherheiten. Wenn Petra etwas
zustoßen sollte, sieht er das Kind am besten weiter bei Rita aufgehoben, der
Co-Mutter. Auf der Geburtsurkunde ist ein Strich, wo sein Name
stehen könnte.
Aber er hat Lenja. Regelmäßig kommt er vorbei, um sie zu
sehen, mit ihr ist er so geduldig, wie es ihm mit anderen Menschen unmöglich
ist. Und er entwickelt nebenbei eine gewisse Freude daran, mit dem Kinderwagen
am Haus des Altkanzlers entlangzuspazieren. Helmut Kohl (CDU), der Anfang der
80er-Jahre eine "geistig-moralische Wende" wider den Zeitgeist
ausgerufen hatte, hätte ihn von seinem Haus aus sehen können: den Vater, der
nie Vater hätte werden dürfen.
Kinder in Regenbogenfamilien haben eines gemeinsam: Sie sind alle Wunschkinder
Daniel wollte schon seit Jahren ein Kind. Nicht, um sich
fortzupflanzen, sondern um ein Vater zu sein. Seinen eigenen Erzeuger hat er
nie kennengelernt. John war ein amerikanischer Soldat, der noch vor der Geburt
seines Sohnes wieder in die USA versetzt wurde und nie mehr zurückkam. Daniels
Mutter hat sich deshalb lange Zeit Vorwürfe gemacht. Ihr Junge war sechs Jahre
alt, als sie mit ihrem heutigen Mann zusammenkam. Fritz sollte Daniel fortan
wie ein Vater sein. Auch, als der Junge in der Pubertät erkannte, dass er
schwul ist.
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Das war Mitte der 70er-Jahre, in einer Zeit, die heute irre weit weg erscheint. Gerade erst war der Paragraf 175 entschärft worden, der sexuelle Handlungen von Schwulen unter Strafe stellte. 1994 wurde er endgültig gestrichen, da war Daniel schon 30. Als nach der Ära Kohl die rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder (SPD) das Lebenspartnerschaftsgesetz beschlossen hat, war er 37. Die jüngste Gesetzesänderung nun, von Angela Merkel (CDU) auf die Agenda gebracht, von ihr persönlich aber abgelehnt, kam für den heute 53-Jährigen zu spät - Jaap und er hatten bereits vor einem Jahr in den Niederlanden geheiratet.
Für Daniels wie auch für Petras Eltern ist Lenja das einzige
Enkelkind. Neben seligen Omas und Opas hat das Mädchen aber auch einige
Angehörige, für deren Verwandtschaftsgrad der gängige Beziehungswortschatz
keine Begriffe kennt: Wie ist Lenja mit der Mutter des Sohnes des Mannes ihres
Vaters verwandt? Oder mit der Tochter der Lebensgefährtin der Mutter?
Es sind dies unwichtige Fragen, verglichen mit den
grundsätzlicheren:
Kann eine so verstreute Familie zu sich
finden? Wo sich doch genug Familien, die natürlicher geformt und
konventioneller organisiert sind, ständig um ihr Glück bemühen müssen; wo schon
Familien, die auf eingespieltere Verhältnisse vertrauen können, täglich um den
eigenen Bestand kämpfen. Kann das auf Dauer gut gehen?
Acht Jahre später. Es regnet, und Lenja ist unglücklich.
Zwei Minuten lang. Sie sitzt auf der Rückbank von Petras grünem Kastenwagen und
sieht die Tropfen über die Fensterscheiben ziehen. Gleich beginnt die
Reitstunde. Menno, sagt Lenja, jetzt muss sie eine Regenhose anziehen. Sie
reitet, so oft sie kann. Sogar im Urlaub in Chile sei sie auf dem Pferd
gesessen, sagt sie. Dort sei das Wetter besser, "das nächste Mal will ich
da mal in die Berge reiten und in den Wäldern übernachten". Wenn sie
lächelt, zeigen sich große, weiße Zähne, die dunkelblauen Augen leuchten. Aus
dem Baby mit dem dunklen Schopf ist ein großes und sportliches, ein offenes und
fröhliches Mädchen geworden. Die blonden Haare hält ein rosa Haargummi
zusammen. Als das Auto hält, springt sie hinaus in den Matsch, rennt zu dem
Pferd und klopft ihm freundschaftlich auf den Hals.
Über der Spüle hängt ein Schild: "Ein bisschen verrückt
ist völlig normal ..."
Petra unterhält sich mit den anderen Müttern. Sie trägt die
Haare ein wenig länger als früher, ein paar weiße haben sich unter die braunen
gemischt. Das Brillengestell ist dicker geworden, sie selbst wirkt immer noch
athletisch. Mit Lenja ist sie mittlerweile nach Speyer gezogen. Rita, die
damals im Garten noch fürchtete, sie werde 70 sein, wenn Lenja mal
das Haus verlassen würde, war da längst ausgezogen. Petra und sie hatten sich
getrennt, als Lenja noch ein Kleinkind war. Rita und das Mädchen bekamen sich
noch über Jahre zu sehen. Heute gibt es keinen Kontakt mehr. Eine komplizierte
Angelegenheit, eine Familienangelegenheit eben.
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Nach dem Reiten führt Lenja durch die Wohnung. In ihrem
Zimmer knarzt der Boden, über dem Stockbett hängt ein Drache. In der Küche
kleben über der Spüle von Lenja gemalte Bilder, daneben hängt ein Schild:
"Ein bisschen verrückt ist völlig normal ..." Petra bietet Kaffee mit
Sojamilch an, während Lenja mit den Nachbarskindern zum Spielen nach draußen
läuft. Eine Drittklässlerin hat anderes zu tun, als ihre eigene Familie zu
analysieren, selbst wenn diese sich von den meisten anderen unterscheidet.
Als sie noch kleiner war, hat Lenja den Leuten erzählt, sie
habe zwei Mamas und zwei Papas. Aber irgendwann hat sie Rita und auch Jaap
einfach beim Vornamen genannt. Daniels Mann ist ihr heute eher ein lustiger
Onkel. Wenn Lenja sich mit Freundinnen über deren Eltern unterhält und später
fragt, ob Daniel und Petra auch mal zusammen waren, dann sagt ihre Mutter:
"Nein, aber wir wollten dich beide gerne haben."
Kinder von Co-Eltern haben eines gemeinsam: Sie sind alle
Wunschkinder. Im Idealfall entwickeln sich um sie herum Verbindungen, die
zuvorderst ihrem Wohl dienen. Das entstandene Wimmelbild definiert sich nicht
durch die Klarheit seiner Umrisse. Die Architekten, mit denen Petra auf den
Spielplätzen zu tun hat, würden sagen: Die Form folgt der Funktion, die Gestalt
leitet sich von ihrem Zweck ab.
Petra und Daniel haben einen gemeinsamen Google-Kalender
Wie starr oder flexibel diese Form sein darf, wie eng oder
weit der Begriff der Familie zu fassen ist, dazu gibt in der Gesellschaft so
viele Meinungen wie Gefühle. Gegner der jüngsten Gesetzesänderung verweisen auf
Tradition und auf Religion. Die Ehe sei für ihn nun mal "eine Verbindung
zwischen Mann und Frau", sagte etwa Thomas de Maizière (CDU). Die
Befürworter fordern gleiches Recht für alle. Martin Schulz (SPD) sagte, mit dem
entsprechenden Beschluss habe die Politik nachgeholt, "was in unserer
Gesellschaft längst verwirklicht ist und von vielen Menschen auch bejaht
wird". Tatsächlich sprachen sich bei einer Umfrage des Instituts Insa im
Juni 75 Prozent der Bürger für die Ehe für alle
und 66 Prozent für das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare
aus. Die Forschung immerhin hat eine recht klare Antwort auf die
Glaubensfrage. 2007 bereits hat das Justizministerium eine Studie in
Auftrag gegeben, die sich mit Regenbogenfamilien beschäftigte. "Lesbische
Mütter und schwule Väter stehen in ihrer elterlichen Kompetenz heterosexuellen
Eltern in nichts nach", heißt es da. Ihren Familien mangele es nicht an
Fürsorglichkeit und Zugewandtheit. Wenn die Kinder Diskriminierung erführen,
lernten sie fast alle, konstruktiv damit umzugehen.
Einmal war eine Freundin zu Besuch bei Lenja, sie fragte
beim Essen, ob Schwule nicht behinderte Kinder bekämen. Sie haben dann alle am
Tisch zu Lenja geschaut und festgestellt, dass das da nicht viel dran sein
könne. So aß man zufrieden weiter.
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Lenja hat oft Besuch, und sie ist auch oft zu Besuch. Wenn
Petra viel arbeiten muss, passen ihre Eltern auf die Enkelin auf, mit einer
Erfüllung, wie sie Großeltern vorbehalten ist. Auch Nachbarn und Freunde helfen
mit, "früher wurden Kinder ja auch von Dorfgemeinschaften
aufgezogen", sagt Petra. Sie weiß, dass sie Glück hat mit ihrem Umfeld,
ist speziell sie ja nicht nur Teil eines Puzzles. Als Alleinerziehende steht
sie im Zentrum dieses Wimmelbildes.
Die Werte der neumodischen Eltern klingen am Ende doch recht
altmodisch
Daniel wohnt noch immer in
Frankfurt, 100 Kilometer von Speyer entfernt. Spontane Besuche sind
kaum möglich. Petra und Daniel sind weiterhin sehr verschieden. Sie fotografiert
gerne, er ist gerne mit auf dem Foto. Sie verbringt ihre Arbeitstage mit
Handwerkern, er diskutiert mit Schauspielern. Lenja fährt mit Mama zum Zelten,
mit Papa in bequeme Hotels; von Petra bekommt sie Outdoor-Kleidung, mit Daniel
geht sie shoppen. Die organisatorischen Strukturen, in denen Lenja aufwächst,
sind mit denen einer Scheidungsfamilie vergleichbar, die emotionalen keineswegs
- die Eltern sind nicht zusammen, aber sie begegnen einander ohne den Ballast
sich einst Liebender.
Ritas Tochter, Lisa, die immer noch in engem Kontakt mit
Petra und Lenja steht, ist nicht das einzige wirkliche Scheidungskind im
Umfeld. Da gibt es auch noch, und spätestens hier wird es unübersichtlich,
Helen, 14, und Karen, 11, die Töchter von Petras neuer Freundin:
Birgit aus Karlsruhe. Vor zwei Jahren sind sie zusammengekommen. Birgit und ihr
Ex-Mann waren da längst getrennt, sie haben sich auf ein Wechselmodell
geeinigt: Eine Woche sind die Kinder bei ihr, die nächste bei ihm.
Die Frauen, die Kinder, Daniel und Jaap, sie sehen einander
durch schmale gemeinsame Zeitfenster. Petra und Daniel haben dafür einen
gemeinsamen Google-Kalender. Der führt Lenja und ihren Vater alle zwei bis drei
Wochen zusammen. Was sie bei ihm darf und was nicht, welche Rituale es zu
pflegen gilt, wird unter den Eltern besprochen. "Damit Madame mir nicht
auf der Nase herumtanzt", sagt Daniel mit dem Lächeln eines Vaters, der
sich nur allzu gerne auf der Nase herumtanzen lässt.
Petra hat mittlerweile handschriftlich verfügt, dass Daniel
der Vater ihrer Tochter ist. Der Zettel liegt bei Freunden, für den Fall der
Fälle. Eines von Daniels Lieblingswörtern, wenn er über die gewachsene
Beziehung zu Petra spricht, ist "n'sync", synchronisiert. Es ist eine
neumodische Bezeichnung für altmodische Tugenden: Man einigt sich auf Werte wie
Verantwortung, Vernunft, Respekt, Vertrauen, die Liebe zum gemeinsamen Kind.
Bekannt sind auch die Herausforderungen der Regenbogenfamilie im Alltag, haben
sie doch weniger mit dem Aspekt des Regenbogens zu tun als mit dem Wesen
einer Familie: Wann
wird geimpft? Auf welche Schule soll Lenja? Wer kann sie dort abholen? Warum
ist der/die manchmal so stur? Wer spricht mit Lenja darüber, was in der Welt
passiert? Geht es unserer Tochter gut?
Im Sommer 2017 wird Petra gleich zweimal von der
deutschen Geschichte überrascht. Am 30. Juni stimmt der Bundestag für die
Ehe für alle, und einen Tag später wird der in ihrer alten Heimat Oggersheim
verstorbene Helmut Kohl in ihrer neuen Heimat Speyer beigesetzt. Kohl, der im
Alter noch seine ganz persönliche geistig-moralische Wende
erlebte: 2013 war er am Tegernsee Trauzeuge bei der Verpartnerung
eines alten, homosexuellen Freundes.
Daniel hat den geschichtsträchtigen Sommer zu gehörigen
Teilen im Auto verbracht. Er pendelt zwischen Frankfurt, Speyer und auch
Amsterdam. Dort sitzt er nun mit einer seiner Ab-und-zu-Zigaretten auf dem
Balkon von Jaaps Wohnung. Drinnen in der Küche zeigt der Gastgeber bei Rotwein
und Käse Hochzeitsfotos her. Auf einem Boot haben sie gefeiert,
mit 30 Gästen. Lenja bekam bei der Zeremonie eine eigene Torte und
einen Hammer. Mit dem klopfte sie auf den Tisch und vermählte die beiden
symbolisch. Nach dem Bild, das die schicken Bräutigame zeigt, verliebt und im
Kreise ihrer Verwandten, könnte man das Familienalbum zuklappen.
Aber da ist noch Jaaps Geschichte, er erzählt sie in
charmant gefärbtem Deutsch. Sie handelt auch von einer Regenbogenfamilie, aber
von einer, die gescheitert ist.
"Ich bin doch keine Samenbank!" Der Satz war der
Anfang vom Ende eines Traums
Mitte der Neunzigerjahre lernt Jaap ein lesbisches Paar
kennen. Eng sind sie nicht, und doch fragt ihn eine der beiden, wie es für ihn
wäre, Vater zu werden. Jaap lässt der Gedanke nicht mehr los. Nach einer Weile
sagt er zu. "Die Frauen wollten die Eltern sein, aber ich sollte ein
klarer Vater sein." Auch sie hantieren mit den Plastikspritzen, aber so
schnell wie später bei Daniel und Petra klappt es nicht. Mehr als ein Jahr
vergeht, bis die eine schwanger wird. Doch auf einmal sind die Frauen sehr
fordernd - nun will auch die andere ein Kind. Sie ruft Jaap an und schlägt vor,
sich baldmöglichst zur Zeugung zu treffen. "Warum wollten sie das übers
Telefon klären? Ich sagte: Ich bin doch keine Samenbank!" Die Frauen sind
furchtbar gekränkt.
Im September 1996 kommt David zur Welt. Jaap
erfährt davon durch eine Karte. Als Vater eingetragen ist er nicht. Das
Regenbogenmodell, das ihm im Guten viel Freiheit einräumt, verweigert ihm nun
im Schlechten sein Recht. Er ist abhängig von der Gnade der beiden Frauen. Erst
nach zwei Wochen erlauben sie ihm, das Kind zu sehen, auf neutralem Boden, im
Café l'Opera in Amsterdam. "Ein schönes Café. Aber kein schöner Ort, um
sein eigenes Kind kennenzulernen. Ich war trotzdem sehr gerührt." Jaaps
Eltern dürfen David nur einmal sehen. Er ist ihr einziger Enkel. Zwar hat Jaap
zwei heterosexuelle Geschwister, doch die sind beide kinderlos geblieben. Jaap
sagt lächelnd: "Der schwule Sohn war die letzte Hoffnung."
Fünf Jahre lang sollte er damals keinen Kontakt zu seinem
Sohn haben. Erst 2001 kommt ein Brief. Davids Mutter schreibt, dass
ihr Sohn nach seinem Vater frage. Jaap ist erleichtert, sie treffen sich. Bis
heute stehen sie in gutem Kontakt. Die beiden Frauen indes sind längst
getrennt. Die Familie ist zerbrochen. Vielleicht ist am Ende nicht
glücksentscheidend, wie gut die Einzelteile des Puzzles zusammenpassen, sondern
wie gut sie zusammenhalten. Jaap sagt: "Schön, dass ich mit Lenja erleben
darf, dass es auch anders geht."
Ein paar Wochen nach Daniels Besuch in Amsterdam ist der
Sommer vorbei, in Deutschland werden die Kragen aufgestellt und die Laubbläser
angeworfen. Die Sorgen, es könnte wieder rauer werden im Land, nach dem Erfolg
der selbsternannten Wertepfleger bei der Bundestagswahl, gehen am 1. Oktober
kurz unter im Konfettiregen. Lenja, Daniel und Jaap können nicht mitfeiern, als
an diesem Tag die ersten Homo-Ehen geschlossen werden. Die drei sind in
Italien. Herbstferien.
Im Winter wird Lenja mit Petra wieder nach Chile fliegen.
Sie wird dort mit den Erwachsenen in die Berge reiten und im Zelt übernachten
dürfen, das große Abenteuer einer Achtjährigen. Wahrscheinlich wird es wie
immer ein bisschen verrückt und völlig normal. Und es kann gut sein, dass Lenja
damit sehr glücklich ist.( von Martin Wittmann-SZ)










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