Freitag, 20. Oktober 2017



Regenbogenfamilien 

 

Zwei Mamas und zwei Papas 

 

Wie geht Familie, wenn Mutter und Vater lesbisch und schwul sind? Die Geschichte von Lenja, einem ganz normalen Mädchen mit einer außergewöhnlichen Familie.

Lenja Moser kommt am Ende eines langen Tages zur Welt, sechs Minuten vor Mitternacht, sie ist 53 Zentimeter groß und 3320Gramm schwer, am Köpfchen hat sie einen dunklen Schopf. Die Eltern heißen Petra Moser & Daniel Nicolai, verbunden durch ein Et-Zeichen, genau so steht es in der Geburtsanzeige, die kurz nach diesem 29. Mai 2009 in einer Zeitung erscheint. Lenja freue sich auf eine bunte Familie, heißt es da, darunter steht ein Zitat des Philosophen Paul Watzlawick: "In der Wahl seiner Eltern kann man nicht vorsichtig genug sein!"

Foto-Regenbogenfamilien
Petra, damals 40, und Daniel, 45, eint zu diesem Zeitpunkt nichts außer dem Baby. Keine Beziehung zueinander, keine Liebe füreinander. Sie haben keine gemeinsame Wohnung, führen kein gemeinsames Konto. Das erste Mal begegnet waren sie einander erst im Jahr davor. Der Ort, an dem sie sich getroffen hatten, heißt www.spermaspender.de.
Es gibt kaum Fragen im Leben, die folgenreicher sind: Möchte ich ein Kind? Petra und Daniel hatten für sich eine Antwort darauf gefunden - aber eben jeder für sich. Offen blieb die Frage, die kaum weniger wichtig erscheint als die nach dem ob: mit wem? In den Beziehungen, die sie führten, war kein Nachwuchs zu erwarten. 

Petra ist lesbisch, Daniel schwul.
Ein sonniger Tag im Juli 2009, im Garten vor einem unauffälligen zweistöckigen Haus in Oggersheim, einem Stadtteil von Ludwigshafen. Lenja liegt links von Petra in einer Kinderwippe. Sie trägt einen gestreiften Strampler und weiße Söckchen; auf dem rosa Schnuller ist eine Tigerente abgebildet. Hinter ihr wachsen die Blumen in kundig geordneter Wildheit, auf dem Tisch steht gesunder Kuchen.



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Rechts von Petra sitzt ihre Freundin, Rita. Die beiden hatten einander im Selbstverteidigungskurs kennengelernt. Rita hat sich in die jüngere Frau verliebt und ihren Mann verlassen. Im Garten erzählt sie nun viel ausführlicher und emotionaler als Petra, ihre Locken wackeln dann immer.
Wie andere Menschen, von denen hier erzählt wird, heißt auch Rita in Wirklichkeit anders. Keine Familie ist wie die andere, jede ist auf ihre Art kompliziert, jeder Beteiligte hat seine ganz eigene Sicht auf die Wahrheit, und so will oder soll nicht jeder mit aufs Porträt. Beziehungen verändern sich, man verliebt sich, entliebt sich, verlässt, wird verlassen, zumal in einem Zeitraum von acht Jahren, die zwischen den ersten und den jüngsten Besuchen bei der Familie liegen, in Oggersheim, Frankfurt, Speyer und schließlich Amsterdam.

Petra, in Gemüt und Frisur ruhiger als Rita, ist auf dem Papier Biologin und Erlebnispädagogin. Aber eigentlich baut sie Spielplätze. Sie bohrt und hämmert und schraubt, auf dass Kinder dort klettern und hüpfen und graben. Sie hatte in den vergangenen Jahren immer stärker gespürt, dass sie sich kümmern musste, wollte sie irgendwann ein eigenes Kind dort draußen spielen sehen.
Zu dritt in einem Haushalt leben, das kannte Petra bereits. Nicht nur, weil sie selbst ein Einzelkind ist, sondern auch, weil Rita eine Tochter aus einer früheren Beziehung mit in Petras Haus gebracht hatte: Lisa. Es hat eine Weile gedauert, bis Lisa die Freundin ihrer Mutter akzeptierte. Zehn Jahre wohnte sie bei den zwei Frauen. Nun war sie erwachsen und nach Berlin gezogen. Petra wollte ein eigenes Kind.



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2009 kam sie auf die Welt, als Tochter einer lesbischen Mutter und eines schwulen Vaters
An die Ehe für alle und damit an die realistische Möglichkeit, in Deutschland ein Kind zu adoptieren, war damals noch nicht zu denken. Und selbst wenn: Sich den konservativen Strukturen anzupassen, dankbar zu sein für dieses Zugeständnis, das hätte Petra gar nicht gewollt. Sie zählt sich zu einer Zwischengeneration von Homosexuellen, die zwar nicht mehr strikt unter sich bleibt und permanent und überall für ihre Rechte kämpft, die sich aber auch noch nicht vollkommen vom Community-Gedanken verabschiedet hat. Sie und Rita, die ohnehin Ehe-müde war, haben sich auch nie verpartnern lassen. "Warum werden nicht Regelungen für Familien getroffen, ohne den Ehe-Fokus?", sagt Petra.

Acht Jahre und viele Debatten später, im Sommer des Wahljahres 2017, konnte es der Politik auf einmal gar nicht schnell genug gehen mit dem Ehe-Fokus. Ruckzuck stimmte die Mehrheit im Bundestag für das neue Gesetz, es regnete bunte Konfetti. 

Homosexuelle dürfen seit dem 1. Oktober heiraten und eben Kinder adoptieren. Aber damit beginnt nicht die Zeit der Regenbogenfamilien. Die gibt es längst.
Tausende Homosexuelle haben wie Petra und Daniel in Deutschland Kinder bekommen, offizielle Zahlen gibt es nicht, was in der inoffiziellen Natur der Sache liegt. Schwule und Lesben mussten stets ungewöhnliche Wege finden, um ungewöhnliche Familien zu gründen. Doch nicht nur diejenigen, die kürzlich im Bundestag mit Nein stimmten, fragen sich: Wie viel Ungewöhnlichkeit verträgt ein Kind? Wie kompliziert kann die Suche nach dem einfachen Familienglück sein?
Petra wählte die Methode, Mutter zu werden, nach dem Ausschlussprinzip. Eine Adoption im Ausland? "Ich kenne Chile, ich war dort oft im Urlaub. Da wäre das wohl möglich. Aber das war uns zu undurchsichtig." Der Bekanntenkreis? "Wir sind alle Männer durchgegangen, da war keiner dabei. Wir wollten aber auch keinen anonymen Spender suchen." So seien sie im Internet gelandet, erzählt Petra im Garten. Lenja schläft
.
Foto-Regenbogenfamilien

Ein anderer Tag, derselbe Sommer 2009, auch über Frankfurt strahlt die Sonne. In Daniels Wohnung ist alles an seinem Platz, ein schickes Apartment, eingerichtet mit Bedacht und Stil. Ein Wickeltisch fehlt allerdings. Daniel, ein großer, schlanker Mann mit Brille, Kinnbart und dunkelblauen Augen, Leiter des English Theatre in der Stadt, erzählt von seinen Optionen. Eine Leihmutterschaft? "Gibt es ja nicht in Deutschland. In Israel ginge das, für viel Geld. Aber dass eine Mutter das Baby, das in ihr gewachsen ist, abgeben muss, das fand ich schräg." Eine geneigte Bekannte? "Gibt es nicht." Es blieb das Internet.

Mit seinem Freund Jaap, damals 47, traf er mehrere Paare, die sich auf seine Annonce gemeldet hatten. Die Mainzer schieden aus, zu klemmig, die aus Wiesbaden waren ihm zu einfach gestrickt. Daniel war vorsichtig, "als schwuler Mann denkt man ja auch: Vielleicht quetscht die dich finanziell aus". Die Erwartungen an das Leben sollten übereinstimmen, an das eigene wie an das des Kindes. Mit einer rechten Zeugin Jehovas, sagt er, da ginge das nicht.
Petra, liberale Naturwissenschaftlerin, bekam mehr als ein Dutzend Antworten auf ihre Anzeige. Sie las Daniels Mail und arrangierte ein Treffen, in einem Café am Wasserturm in Mannheim. "Das war schon eine lustige Situation", sagt sie. Als Daniel kleinlaut zugab, dass er ab und zu raucht, mussten sie alle lachen. Weder dem vorgelegten Attest noch dem Spermiogramm haben die Zigaretten geschadet.



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Drei, vier Mal trafen sie sich noch, mit jedem Gespräch wuchs das Vertrauen. Nicht nur, weil sich Petra und Daniel sympathisch waren. Sondern auch, weil entscheidende Fragen geklärt wurden, systematisch und akribisch. Vieles, was für Hetero-Paare selbstverständlich ist, mussten die beiden erst ausdiskutieren. So wie bei klassischen Familiengründungen die gegenseitige Zuneigung als Fundament dient, so fühlten sich Petra und Daniel durch die Vernunft des jeweils anderen beruhigt.
Nach Klärung aller Fragen fehlte nur noch ein Detail: die Befruchtung

Einen Menschen bedingungslos zu lieben, stand nicht am Anfang ihrer Beziehung, es war das Ziel. Doch dem Weg dorthin fehlte es keineswegs an Bedingungen. Daniel hielt die Abmachungen in einer Mail fest. Sie gleicht einem Vertrag:

"1. Schwangerschaft - Daniel findet es gut, dass alle empfohlenen Tests gemacht werden. Wir sind beide über 40. (...) Daniel muss nicht unbedingt bei Geburt sein. Wäre aber gerne informiert und will mit Daumen drücken. Gerne Hilfe in Zeit direkt nach Schwangerschaft, wenn P&R das wünschen.

2. Lebensmittelpunkt des Kindes ist die Wohnung von P&R und ihr Wohnort. Entscheidung über Namen: P&R (netter in Überlegung mit D). Beschneidung (falls es ein Junge wird), ich bin nicht dafür. Wir sollten über die Vor- und Nachteile sprechen. Daniel evtl. mehr Erfahrung. ;-)

3. Wie viel Kontakt zu Daniel - Bis zum 2. Lebensjahr häufiger Kontakt anbieten. Auch Babysitting bei P&R, so dass das Kind D. kennenlernt. Besuch ab dem 2. Lebensjahr des Kindes: Mindestens einmal im Monat. Auch gemeinsame Ausflüge, Projekte, Kindergartenfeste. Später (so Kind das will) Besuch bei Daniel, evtl. auch übers Wochenende.

4. Verantwortlichkeit - Eine Mutter verstirbt - Kind bleibt bei der anderen Mutter, vermehrter Einsatz von D., um zu helfen. (Testament). Beide Mütter versterben - Kind kommt zu Daniel. Evtl. andere Pflegeeltern sollten wir absprechen. (Testament) Daniel verstirbt - P&R halten für Kind Kontakt mit Großeltern, kann auch sporadisch sein.


5. Daniel wird nicht als Vater eingetragen. Testament über Pflegeelternschaft.

6. Finanzielles - Daniel ist für den 'normalen' Lebensunterhalt des Kindes nicht verantwortlich. Daniel möchte sich an 'besonderen' Anschaffungen beteiligen. Daniel will sich natürlich an Geschenken zu Festen beteiligen."



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Nur ein Detail fehlte noch, eine biologische Formalie: 
die Befruchtung. Als Petra ihren Eisprung hatte, rief sie Daniel an. Der fuhr die eineinhalb Autostunden von Frankfurt nach Oggersheim, und nach einer freundlichen Begrüßung verschwand er im Schlafzimmer, alleine, in der Hand eine Plastikspritze. Als er seinen Teil beigetragen hatte zum Plan, reichte er Petra die jetzt in ein Handtuch gewickelte Spritze. Nun zog sie sich zurück ins Schlafzimmer. Ob sie das würdelos fanden? "Miteinander zu schlafen, das wäre in unserer Situation würdelos gewesen", sagt er.

Schon dieser erste Versuch war erfolgreich gewesen. Neun Monate später, am 29. Mai 2009, sechs Minuten vor Mitternacht, wurden Petra und Daniel nicht bloß Mutter und Vater, sondern Elternteile im Wortsinn, verbunden in einem wimmeligen und bunten Familienpuzzle.
Kann eine so verstreute Familie zu sich finden?

Petra, Rita und das Baby wohnen zu dritt in Oggersheim. Daniel darf sie unterstützen, wenn P&R das wünschen. Elternzeit kann er sich dafür nicht nehmen. Keine Behörde weiß von seiner Vaterschaft. Im Gegensatz zu den Frauen, die sich mit Generalvollmachten und Willenserklärungen ausgestattet haben, verzichtet Daniel auf Sicherheiten. Wenn Petra etwas zustoßen sollte, sieht er das Kind am besten weiter bei Rita aufgehoben, der Co-Mutter. Auf der Geburtsurkunde ist ein Strich, wo sein Name stehen könnte.

Aber er hat Lenja. Regelmäßig kommt er vorbei, um sie zu sehen, mit ihr ist er so geduldig, wie es ihm mit anderen Menschen unmöglich ist. Und er entwickelt nebenbei eine gewisse Freude daran, mit dem Kinderwagen am Haus des Altkanzlers entlangzuspazieren. Helmut Kohl (CDU), der Anfang der 80er-Jahre eine "geistig-moralische Wende" wider den Zeitgeist ausgerufen hatte, hätte ihn von seinem Haus aus sehen können: den Vater, der nie Vater hätte werden dürfen.

Kinder in Regenbogenfamilien haben eines gemeinsam: Sie sind alle Wunschkinder

Daniel wollte schon seit Jahren ein Kind. Nicht, um sich fortzupflanzen, sondern um ein Vater zu sein. Seinen eigenen Erzeuger hat er nie kennengelernt. John war ein amerikanischer Soldat, der noch vor der Geburt seines Sohnes wieder in die USA versetzt wurde und nie mehr zurückkam. Daniels Mutter hat sich deshalb lange Zeit Vorwürfe gemacht. Ihr Junge war sechs Jahre alt, als sie mit ihrem heutigen Mann zusammenkam. Fritz sollte Daniel fortan wie ein Vater sein. Auch, als der Junge in der Pubertät erkannte, dass er schwul ist.



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Das war Mitte der 70er-Jahre, in einer Zeit, die heute irre weit weg erscheint. Gerade erst war der Paragraf 175 entschärft worden, der sexuelle Handlungen von Schwulen unter Strafe stellte. 1994 wurde er endgültig gestrichen, da war Daniel schon 30. Als nach der Ära Kohl die rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder (SPD) das Lebenspartnerschaftsgesetz beschlossen hat, war er 37. Die jüngste Gesetzesänderung nun, von Angela Merkel (CDU) auf die Agenda gebracht, von ihr persönlich aber abgelehnt, kam für den heute 53-Jährigen zu spät - Jaap und er hatten bereits vor einem Jahr in den Niederlanden geheiratet.

Für Daniels wie auch für Petras Eltern ist Lenja das einzige Enkelkind. Neben seligen Omas und Opas hat das Mädchen aber auch einige Angehörige, für deren Verwandtschaftsgrad der gängige Beziehungswortschatz keine Begriffe kennt: Wie ist Lenja mit der Mutter des Sohnes des Mannes ihres Vaters verwandt? Oder mit der Tochter der Lebensgefährtin der Mutter?


Es sind dies unwichtige Fragen, verglichen mit den grundsätzlicheren: 
Kann eine so verstreute Familie zu sich finden? Wo sich doch genug Familien, die natürlicher geformt und konventioneller organisiert sind, ständig um ihr Glück bemühen müssen; wo schon Familien, die auf eingespieltere Verhältnisse vertrauen können, täglich um den eigenen Bestand kämpfen. Kann das auf Dauer gut gehen?

Acht Jahre später. Es regnet, und Lenja ist unglücklich. Zwei Minuten lang. Sie sitzt auf der Rückbank von Petras grünem Kastenwagen und sieht die Tropfen über die Fensterscheiben ziehen. Gleich beginnt die Reitstunde. Menno, sagt Lenja, jetzt muss sie eine Regenhose anziehen. Sie reitet, so oft sie kann. Sogar im Urlaub in Chile sei sie auf dem Pferd gesessen, sagt sie. Dort sei das Wetter besser, "das nächste Mal will ich da mal in die Berge reiten und in den Wäldern übernachten". Wenn sie lächelt, zeigen sich große, weiße Zähne, die dunkelblauen Augen leuchten. Aus dem Baby mit dem dunklen Schopf ist ein großes und sportliches, ein offenes und fröhliches Mädchen geworden. Die blonden Haare hält ein rosa Haargummi zusammen. Als das Auto hält, springt sie hinaus in den Matsch, rennt zu dem Pferd und klopft ihm freundschaftlich auf den Hals.

Über der Spüle hängt ein Schild: "Ein bisschen verrückt ist völlig normal ..."
Petra unterhält sich mit den anderen Müttern. Sie trägt die Haare ein wenig länger als früher, ein paar weiße haben sich unter die braunen gemischt. Das Brillengestell ist dicker geworden, sie selbst wirkt immer noch athletisch. Mit Lenja ist sie mittlerweile nach Speyer gezogen. Rita, die damals im Garten noch fürchtete, sie werde 70 sein, wenn Lenja mal das Haus verlassen würde, war da längst ausgezogen. Petra und sie hatten sich getrennt, als Lenja noch ein Kleinkind war. Rita und das Mädchen bekamen sich noch über Jahre zu sehen. Heute gibt es keinen Kontakt mehr. Eine komplizierte Angelegenheit, eine Familienangelegenheit eben.



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Nach dem Reiten führt Lenja durch die Wohnung. In ihrem Zimmer knarzt der Boden, über dem Stockbett hängt ein Drache. In der Küche kleben über der Spüle von Lenja gemalte Bilder, daneben hängt ein Schild: "Ein bisschen verrückt ist völlig normal ..." Petra bietet Kaffee mit Sojamilch an, während Lenja mit den Nachbarskindern zum Spielen nach draußen läuft. Eine Drittklässlerin hat anderes zu tun, als ihre eigene Familie zu analysieren, selbst wenn diese sich von den meisten anderen unterscheidet.




Als sie noch kleiner war, hat Lenja den Leuten erzählt, sie habe zwei Mamas und zwei Papas. Aber irgendwann hat sie Rita und auch Jaap einfach beim Vornamen genannt. Daniels Mann ist ihr heute eher ein lustiger Onkel. Wenn Lenja sich mit Freundinnen über deren Eltern unterhält und später fragt, ob Daniel und Petra auch mal zusammen waren, dann sagt ihre Mutter: "Nein, aber wir wollten dich beide gerne haben."
Kinder von Co-Eltern haben eines gemeinsam: Sie sind alle Wunschkinder. Im Idealfall entwickeln sich um sie herum Verbindungen, die zuvorderst ihrem Wohl dienen. Das entstandene Wimmelbild definiert sich nicht durch die Klarheit seiner Umrisse. Die Architekten, mit denen Petra auf den Spielplätzen zu tun hat, würden sagen: Die Form folgt der Funktion, die Gestalt leitet sich von ihrem Zweck ab.

Petra und Daniel haben einen gemeinsamen Google-Kalender
Wie starr oder flexibel diese Form sein darf, wie eng oder weit der Begriff der Familie zu fassen ist, dazu gibt in der Gesellschaft so viele Meinungen wie Gefühle. Gegner der jüngsten Gesetzesänderung verweisen auf Tradition und auf Religion. Die Ehe sei für ihn nun mal "eine Verbindung zwischen Mann und Frau", sagte etwa Thomas de Maizière (CDU). Die Befürworter fordern gleiches Recht für alle. Martin Schulz (SPD) sagte, mit dem entsprechenden Beschluss habe die Politik nachgeholt, "was in unserer Gesellschaft längst verwirklicht ist und von vielen Menschen auch bejaht wird". Tatsächlich sprachen sich bei einer Umfrage des Instituts Insa im Juni 75 Prozent der Bürger für die Ehe für alle und 66 Prozent für das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare aus. Die Forschung immerhin hat eine recht klare Antwort auf die Glaubensfrage. 2007 bereits hat das Justizministerium eine Studie in Auftrag gegeben, die sich mit Regenbogenfamilien beschäftigte. "Lesbische Mütter und schwule Väter stehen in ihrer elterlichen Kompetenz heterosexuellen Eltern in nichts nach", heißt es da. Ihren Familien mangele es nicht an Fürsorglichkeit und Zugewandtheit. Wenn die Kinder Diskriminierung erführen, lernten sie fast alle, konstruktiv damit umzugehen.

Einmal war eine Freundin zu Besuch bei Lenja, sie fragte beim Essen, ob Schwule nicht behinderte Kinder bekämen. Sie haben dann alle am Tisch zu Lenja geschaut und festgestellt, dass das da nicht viel dran sein könne. So aß man zufrieden weiter.




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Lenja hat oft Besuch, und sie ist auch oft zu Besuch. Wenn Petra viel arbeiten muss, passen ihre Eltern auf die Enkelin auf, mit einer Erfüllung, wie sie Großeltern vorbehalten ist. Auch Nachbarn und Freunde helfen mit, "früher wurden Kinder ja auch von Dorfgemeinschaften aufgezogen", sagt Petra. Sie weiß, dass sie Glück hat mit ihrem Umfeld, ist speziell sie ja nicht nur Teil eines Puzzles. Als Alleinerziehende steht sie im Zentrum dieses Wimmelbildes.
 


Die Werte der neumodischen Eltern klingen am Ende doch recht altmodisch
Daniel wohnt noch immer in Frankfurt, 100 Kilometer von Speyer entfernt. Spontane Besuche sind kaum möglich. Petra und Daniel sind weiterhin sehr verschieden. Sie fotografiert gerne, er ist gerne mit auf dem Foto. Sie verbringt ihre Arbeitstage mit Handwerkern, er diskutiert mit Schauspielern. Lenja fährt mit Mama zum Zelten, mit Papa in bequeme Hotels; von Petra bekommt sie Outdoor-Kleidung, mit Daniel geht sie shoppen. Die organisatorischen Strukturen, in denen Lenja aufwächst, sind mit denen einer Scheidungsfamilie vergleichbar, die emotionalen keineswegs - die Eltern sind nicht zusammen, aber sie begegnen einander ohne den Ballast sich einst Liebender.

Ritas Tochter, Lisa, die immer noch in engem Kontakt mit Petra und Lenja steht, ist nicht das einzige wirkliche Scheidungskind im Umfeld. Da gibt es auch noch, und spätestens hier wird es unübersichtlich, Helen, 14, und Karen, 11, die Töchter von Petras neuer Freundin: Birgit aus Karlsruhe. Vor zwei Jahren sind sie zusammengekommen. Birgit und ihr Ex-Mann waren da längst getrennt, sie haben sich auf ein Wechselmodell geeinigt: Eine Woche sind die Kinder bei ihr, die nächste bei ihm.

Die Frauen, die Kinder, Daniel und Jaap, sie sehen einander durch schmale gemeinsame Zeitfenster. Petra und Daniel haben dafür einen gemeinsamen Google-Kalender. Der führt Lenja und ihren Vater alle zwei bis drei Wochen zusammen. Was sie bei ihm darf und was nicht, welche Rituale es zu pflegen gilt, wird unter den Eltern besprochen. "Damit Madame mir nicht auf der Nase herumtanzt", sagt Daniel mit dem Lächeln eines Vaters, der sich nur allzu gerne auf der Nase herumtanzen lässt.
Petra hat mittlerweile handschriftlich verfügt, dass Daniel der Vater ihrer Tochter ist. Der Zettel liegt bei Freunden, für den Fall der Fälle. Eines von Daniels Lieblingswörtern, wenn er über die gewachsene Beziehung zu Petra spricht, ist "n'sync", synchronisiert. Es ist eine neumodische Bezeichnung für altmodische Tugenden: Man einigt sich auf Werte wie Verantwortung, Vernunft, Respekt, Vertrauen, die Liebe zum gemeinsamen Kind. Bekannt sind auch die Herausforderungen der Regenbogenfamilie im Alltag, haben sie doch weniger mit dem Aspekt des Regenbogens zu tun als mit dem Wesen einer Familie: Wann wird geimpft? Auf welche Schule soll Lenja? Wer kann sie dort abholen? Warum ist der/die manchmal so stur? Wer spricht mit Lenja darüber, was in der Welt passiert? Geht es unserer Tochter gut?

Im Sommer 2017 wird Petra gleich zweimal von der deutschen Geschichte überrascht. Am 30. Juni stimmt der Bundestag für die Ehe für alle, und einen Tag später wird der in ihrer alten Heimat Oggersheim verstorbene Helmut Kohl in ihrer neuen Heimat Speyer beigesetzt. Kohl, der im Alter noch seine ganz persönliche geistig-moralische Wende erlebte: 2013 war er am Tegernsee Trauzeuge bei der Verpartnerung eines alten, homosexuellen Freundes.

Daniel hat den geschichtsträchtigen Sommer zu gehörigen Teilen im Auto verbracht. Er pendelt zwischen Frankfurt, Speyer und auch Amsterdam. Dort sitzt er nun mit einer seiner Ab-und-zu-Zigaretten auf dem Balkon von Jaaps Wohnung. Drinnen in der Küche zeigt der Gastgeber bei Rotwein und Käse Hochzeitsfotos her. Auf einem Boot haben sie gefeiert, mit 30 Gästen. Lenja bekam bei der Zeremonie eine eigene Torte und einen Hammer. Mit dem klopfte sie auf den Tisch und vermählte die beiden symbolisch. Nach dem Bild, das die schicken Bräutigame zeigt, verliebt und im Kreise ihrer Verwandten, könnte man das Familienalbum zuklappen.

Aber da ist noch Jaaps Geschichte, er erzählt sie in charmant gefärbtem Deutsch. Sie handelt auch von einer Regenbogenfamilie, aber von einer, die gescheitert ist.

"Ich bin doch keine Samenbank!" Der Satz war der Anfang vom Ende eines Traums
Mitte der Neunzigerjahre lernt Jaap ein lesbisches Paar kennen. Eng sind sie nicht, und doch fragt ihn eine der beiden, wie es für ihn wäre, Vater zu werden. Jaap lässt der Gedanke nicht mehr los. Nach einer Weile sagt er zu. "Die Frauen wollten die Eltern sein, aber ich sollte ein klarer Vater sein." Auch sie hantieren mit den Plastikspritzen, aber so schnell wie später bei Daniel und Petra klappt es nicht. Mehr als ein Jahr vergeht, bis die eine schwanger wird. Doch auf einmal sind die Frauen sehr fordernd - nun will auch die andere ein Kind. Sie ruft Jaap an und schlägt vor, sich baldmöglichst zur Zeugung zu treffen. "Warum wollten sie das übers Telefon klären? Ich sagte: Ich bin doch keine Samenbank!" Die Frauen sind furchtbar gekränkt.

Im September 1996 kommt David zur Welt. Jaap erfährt davon durch eine Karte. Als Vater eingetragen ist er nicht. Das Regenbogenmodell, das ihm im Guten viel Freiheit einräumt, verweigert ihm nun im Schlechten sein Recht. Er ist abhängig von der Gnade der beiden Frauen. Erst nach zwei Wochen erlauben sie ihm, das Kind zu sehen, auf neutralem Boden, im Café l'Opera in Amsterdam. "Ein schönes Café. Aber kein schöner Ort, um sein eigenes Kind kennenzulernen. Ich war trotzdem sehr gerührt." Jaaps Eltern dürfen David nur einmal sehen. Er ist ihr einziger Enkel. Zwar hat Jaap zwei heterosexuelle Geschwister, doch die sind beide kinderlos geblieben. Jaap sagt lächelnd: "Der schwule Sohn war die letzte Hoffnung."

Fünf Jahre lang sollte er damals keinen Kontakt zu seinem Sohn haben. Erst 2001 kommt ein Brief. Davids Mutter schreibt, dass ihr Sohn nach seinem Vater frage. Jaap ist erleichtert, sie treffen sich. Bis heute stehen sie in gutem Kontakt. Die beiden Frauen indes sind längst getrennt. Die Familie ist zerbrochen. Vielleicht ist am Ende nicht glücksentscheidend, wie gut die Einzelteile des Puzzles zusammenpassen, sondern wie gut sie zusammenhalten. Jaap sagt: "Schön, dass ich mit Lenja erleben darf, dass es auch anders geht."

Ein paar Wochen nach Daniels Besuch in Amsterdam ist der Sommer vorbei, in Deutschland werden die Kragen aufgestellt und die Laubbläser angeworfen. Die Sorgen, es könnte wieder rauer werden im Land, nach dem Erfolg der selbsternannten Wertepfleger bei der Bundestagswahl, gehen am 1. Oktober kurz unter im Konfettiregen. Lenja, Daniel und Jaap können nicht mitfeiern, als an diesem Tag die ersten Homo-Ehen geschlossen werden. Die drei sind in Italien. Herbstferien.
Im Winter wird Lenja mit Petra wieder nach Chile fliegen. Sie wird dort mit den Erwachsenen in die Berge reiten und im Zelt übernachten dürfen, das große Abenteuer einer Achtjährigen. Wahrscheinlich wird es wie immer ein bisschen verrückt und völlig normal. Und es kann gut sein, dass Lenja damit sehr glücklich ist.( von Martin Wittmann-SZ)


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