«Moralische Werturteile sind fehl am Platz»
Kondomloser Analverkehr unter Schwulen galt bis vor wenigen Jahren ausnahmslos als grosses Gesundheitsrisiko und war dementsprechend verpönt – sowohl in der Szene als auch in der Gesellschaft. Heute steht fest: Die Thematik muss differenziert betrachtet werden.
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Nicht ohne Kondom.» So lautet eine der bekanntesten und
einfachsten Safer-Sex-Regeln überhaupt. Sie begegnet einem überall – sei es im
Aufklärungsunterricht in der Schule, sei es auf Plakaten oder in Broschüren zur
Prävention von Geschlechtskrankheiten.
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Kondom als Rettung
Für Schwule wurde das Präservativ im Zuge der Aidskrise zentral. Es sorgte für einen verlässlichen Schutz vor dem HI-Virus und damit vor Aids – einer Krankheit, die während der Achtziger- und Neunzigerjahre zahlreiche Opfer in den Gay-Communitys forderte. Mit Nachdruck wurde mehreren Generationen schwuler Männer die lebenssichernde Regel eingebläut, nur mit Gummi Analsex zu haben – und viele befolgen diese Regeln seither.
Für Schwule wurde das Präservativ im Zuge der Aidskrise zentral. Es sorgte für einen verlässlichen Schutz vor dem HI-Virus und damit vor Aids – einer Krankheit, die während der Achtziger- und Neunzigerjahre zahlreiche Opfer in den Gay-Communitys forderte. Mit Nachdruck wurde mehreren Generationen schwuler Männer die lebenssichernde Regel eingebläut, nur mit Gummi Analsex zu haben – und viele befolgen diese Regeln seither.
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Anlehnung ans Reiten
Es gibt aber auch jene, die eine Verwendung von Kondomen ablehnen und ohne den entsprechenden Schutz anal verkehren. Diese Praktik wird gemeinhin mit einem hohen HIV-Infektionsrisiko in Verbindung gebracht und als «Barebacking» bezeichnet. Der englische Ausdruck wurde der Reiter- sowie der US-amerikanischen Rodeosprache entlehnt, wo er für «Reiten ohne Sattel» steht. Die sexuelle Bedeutungsvariante ist unterdessen in der Alltagssprache etabliert und hat gar den Weg in offizielle Englischwörterbücher gefunden.
Es gibt aber auch jene, die eine Verwendung von Kondomen ablehnen und ohne den entsprechenden Schutz anal verkehren. Diese Praktik wird gemeinhin mit einem hohen HIV-Infektionsrisiko in Verbindung gebracht und als «Barebacking» bezeichnet. Der englische Ausdruck wurde der Reiter- sowie der US-amerikanischen Rodeosprache entlehnt, wo er für «Reiten ohne Sattel» steht. Die sexuelle Bedeutungsvariante ist unterdessen in der Alltagssprache etabliert und hat gar den Weg in offizielle Englischwörterbücher gefunden.
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«Ohne Kondom» nicht gleich «ungeschützt»
Der Begriff ist dabei nicht unumstritten. Geprägt haben ihn HIV-positive schwule Männer, die untereinander bewusst auf Kondome verzichten. «Bei dieser Strategie geht es gerade darum, dass keine Neuinfektionen mehr stattfinden können», erklärt Tim Schomann, Leiter der Präventionskampagne «Ich weiss was ich tu» der Deutschen AIDS-Hilfe.
Der Begriff ist dabei nicht unumstritten. Geprägt haben ihn HIV-positive schwule Männer, die untereinander bewusst auf Kondome verzichten. «Bei dieser Strategie geht es gerade darum, dass keine Neuinfektionen mehr stattfinden können», erklärt Tim Schomann, Leiter der Präventionskampagne «Ich weiss was ich tu» der Deutschen AIDS-Hilfe.
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«Barebacking» als Begriff wurde der Reiter- sowie der
US-amerikanischen Rodeosprache entlehnt, wo er für «Reiten ohne Sattel» steht.
Heute werde «Barebacking» jedoch als Bezeichnung für
kondomlosen Analverkehr im Allgemeinen verwendet – und dabei oft mit
ungeschütztem Sex gleichgesetzt. «Es wird nicht danach unterschieden, ob
zwischen den Beteiligten tatsächlich Übertragungsrisiken bestehen.» Dadurch
komme dem Sex mit Kondom insofern eine überhöhte Bedeutung zu, als er zum
einzigen sicheren und damit «richtigen» Verhalten emporgehoben werde, wie es
Schomann gegenüber der Mannschaft beschreibt. «Verkannt wird dabei, dass es
heute mehrere Schutzstrategien gibt, die genauso wirksam sind wie Kondome.»
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Vom Ausdruck «Barebacking» hält Schomann deshalb nicht viel.
«Wir versuchen, den Terminus zu vermeiden. Es handelt sich um einen
schillernden Begriff, der besonders im kommerziellen Bereich verwendet wird.»
So gebe es eine ganze Reihe von Angeboten – von Sexpartys bis hin zu
Pornofilmen – die mit dem «Faszinosum Bareback» beworben würden. «Über die
Infektionswahrscheinlichkeit sagt das Wort aber nichts mehr aus.»
Schutz durch PrEP und Therapie
Auch Vinicio Albani, Redaktor und Berater «Dr. Gay» bei der Aids-Hilfe Schweiz, thematisiert diesen Punkt. «Es ist mehr als fraglich, ob ‹Barebacking› als Begriff überhaupt noch dasselbe bedeutet wie in früheren Zeiten, als das Kondom die einzige Schutzmöglichkeit war», sagt er im Gespräch mit der Mannschaft. Was HIV angehe, so stelle heute auch die Präexpositionsprophylaxe PrEP eine Safer-Sex-Methode dar.
Auch Vinicio Albani, Redaktor und Berater «Dr. Gay» bei der Aids-Hilfe Schweiz, thematisiert diesen Punkt. «Es ist mehr als fraglich, ob ‹Barebacking› als Begriff überhaupt noch dasselbe bedeutet wie in früheren Zeiten, als das Kondom die einzige Schutzmöglichkeit war», sagt er im Gespräch mit der Mannschaft. Was HIV angehe, so stelle heute auch die Präexpositionsprophylaxe PrEP eine Safer-Sex-Methode dar.
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Zudem stehe der Grossteil der HIV-Positiven in der Schweiz
unter einer wirksamen antiretroviralen Therapie. «Die Virenlast der Betroffenen
befindet sich unter der Nachweisbarkeitsgrenze, sodass sie nicht mehr
ansteckend sind», führt Albani aus. Mehrere seiner Freunde schliefen am
liebsten mit HIV-Positiven, deren Virenlast unterdrückt ist. «Auf diese Weise
fühlen sie sich am sichersten. Das ist gar keine schlechte Strategie.» Auf
diesen «Schutz durch Therapie» weist auch Tim Schomann hin: «In Deutschland
erhalten die meisten HIV-Positiven eine medikamentöse Behandlung, die eine
Virentransmission auf negative Partner ausschliesst.»
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«Bewusste Inkaufnahme»
Eine Übertragungsgefahr besteht jedoch unverändert in jenen Fällen, in denen
ein HIV-negativer Mann die PrEP nicht nimmt und ohne Kondom mit Partnern
schläft, deren HIV-Status er nicht kennt. Einer, der diese Gefahr bisweilen in
Kauf nimmt, ist Jev. Der 26-jährige Biologiestudent lebt in Zürich und hat seit
mehreren Jahren fast ausschliesslich ohne Gummi Analverkehr. Dies, weil es
«einfach viel geiler, spontaner und natürlicher ist», so Jev gegenüber der
Mannschaft. Noch sei er HIV-negativ. «Mir ist aber klar, dass sich das
jederzeit ändern kann.» Zwar bevorzuge er positive Sexpartner, die den Virus
dank Therapie nicht mehr weitergeben können. «Es kommt aber auch vor, dass ich
über den Serostatus des anderen nicht Bescheid weiss – in diesen Fällen nehme
ich das Infektionsrisiko bewusst auf mich.»
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Eine veränderte Einstellung zu HIV
Die Frage nach dem «Warum» beantwortet Jev damit, dass sich seine Sicht auf HIV über die Jahre verändert habe. Zur Erklärung holt er etwas aus. Er erzählt davon, wie er seine Sexualität mit 17 zu erforschen begonnen habe und kurz darauf mit seinem ersten Freund zusammengekommen sei. «Mit ihm führte ich während zweieinhalb Jahren eine monogame Beziehung.» Nach der Trennung fing Jev an, seine Sexualität «richtig auszuleben», wie er es nennt. Dabei habe Analverkehr meist geschützt stattgefunden. «Doch dann kam es zu einer Romanze mit einem Mann, der mir nach kurzer Zeit offenbarte, dass er HIV-positiv sei», erzählt Jev. «Dies war mein erster Kontakt mit dem Thema und brachte meine Aufklärung ins Rollen.» Jev lernte immer mehr HIV-Positive kennen.
Die Frage nach dem «Warum» beantwortet Jev damit, dass sich seine Sicht auf HIV über die Jahre verändert habe. Zur Erklärung holt er etwas aus. Er erzählt davon, wie er seine Sexualität mit 17 zu erforschen begonnen habe und kurz darauf mit seinem ersten Freund zusammengekommen sei. «Mit ihm führte ich während zweieinhalb Jahren eine monogame Beziehung.» Nach der Trennung fing Jev an, seine Sexualität «richtig auszuleben», wie er es nennt. Dabei habe Analverkehr meist geschützt stattgefunden. «Doch dann kam es zu einer Romanze mit einem Mann, der mir nach kurzer Zeit offenbarte, dass er HIV-positiv sei», erzählt Jev. «Dies war mein erster Kontakt mit dem Thema und brachte meine Aufklärung ins Rollen.» Jev lernte immer mehr HIV-Positive kennen.
Menschen, die «dank der heutigen Medikamente ganz normal
leben können», wie er es beschreibt. «Für Personen meines Alters ist HIV nicht
das Gleiche wie für ältere Generationen. Ich habe nie miterleben müssen, dass
eine Person aus meinem Umfeld an den Folgen der Infektion leidet.» Das Einzige,
was er sehe, seien seine Freunde, die «täglich eine Pille schlucken und ein
heiteres Leben führen». Seine ehemals gehegte Einstellung, wonach ein positiver
HIV-Befund dem sicheren Tod gleichkomme, habe sich relativiert – was dazu
führte, dass er heute fast nur noch ohne Kondom Sex hat. Und dennoch – der
Gedanke an den Virus lässt Jev nicht kalt. «Ich gehe drei bis vier Mal jährlich
zum Test, das ist unerlässlich. Ausserdem habe ich vor, noch diesen Herbst mit
der PrEP anzufangen.»
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«Jedes Mal Lotto spielen»
Vergleichbares berichtet Simon aus Basel. Er hat rund ein- bis zweimal pro Monat Sex ohne Präservativ, die PrEP nimmt er nicht. «Bei mir fing das vor eineinhalb Jahren an», so der 43-Jährige. Damals endete seine langjährige Beziehung, in der es fast nie zu Analverkehr gekommen war. «Nach der Trennung lebte ich diesen Aspekt vermehrt aus», so Simon. «Dabei hatte ich immer wieder Erektionsprobleme, sobald ich ein Kondom benutzte.» Irgendwann sei es «einfach einmal ohne passiert, und das Gefühl war so viel besser, die Lust so viel grösser». Seither bevorzugt Simon kondomlosen Geschlechtsverkehr, legt es aber nicht darauf an.
Vergleichbares berichtet Simon aus Basel. Er hat rund ein- bis zweimal pro Monat Sex ohne Präservativ, die PrEP nimmt er nicht. «Bei mir fing das vor eineinhalb Jahren an», so der 43-Jährige. Damals endete seine langjährige Beziehung, in der es fast nie zu Analverkehr gekommen war. «Nach der Trennung lebte ich diesen Aspekt vermehrt aus», so Simon. «Dabei hatte ich immer wieder Erektionsprobleme, sobald ich ein Kondom benutzte.» Irgendwann sei es «einfach einmal ohne passiert, und das Gefühl war so viel besser, die Lust so viel grösser». Seither bevorzugt Simon kondomlosen Geschlechtsverkehr, legt es aber nicht darauf an.
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«Nach jedem Mal schiesst es mir erneut durch den Kopf: Ach
Scheisse, jetzt schwitze ich wieder bis zum nächsten Test.»
«Sagen wir es so: Wenn es sich ergibt, dann bin ich gerne
dabei.» In der Regel – und bevorzugt – schläft Simon mit «zwei, drei Bekannten,
die HIV-positiv sind und unter wirksamer Medikation stehen. So fühle ich mich
sicher». Und wenn er Männer trifft, die er nicht kennt? Dann erkundige er sich
meistens nach ihrem Status und vertraue ihnen einfach. «Das ist natürlich ein
Risiko», gibt Simon zu Bedenken. Ein Risiko, das er derzeit eingeht, wenngleich
es ihn auch belastet. «Nach jedem Mal schiesst es mir erneut durch den Kopf:
Ach Scheisse, jetzt schwitze ich wieder bis zum nächsten Test.» Sein Blut lässt
Simon alle drei Monate kontrollieren. «Zurzeit bin ich HIV-negativ. Aber jedes
Mal erneut Lotto spielen?» Das sei alles andere als ideal, weshalb er gerne mit
der PrEP beginnen würde. «Leider ist es aber nicht ganz einfach, an die
Tabletten zu kommen.»
Teure Angelegenheit
Damit spricht Simon die Tatsache an, dass das HIV-Medikament Truvada sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland viel kostet. Eine Monatspackung schlägt mit rund 800 Euro – beziehungsweise 900 Franken – zu Buche. Diese Kosten werden in beiden Ländern nur dann von den Krankenkassen übernommen, wenn das Präparat zur Therapierung bereits Infizierter eingesetzt wird. Soll das Medikament vorbeugend verwendet werden – als PrEP eben – liegt es allein am Konsumenten, den stolzen Preis zu bezahlen. In der Schweiz besteht immerhin die Möglichkeit, billigere Generika aus dem Ausland zu bestellen. Damit alleine ist es aber noch nicht getan, denn für eine sichere und effiziente Prophylaxe sind regelmässige Blut- und Urinkontrollen beim Arzt notwendig.
Damit spricht Simon die Tatsache an, dass das HIV-Medikament Truvada sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland viel kostet. Eine Monatspackung schlägt mit rund 800 Euro – beziehungsweise 900 Franken – zu Buche. Diese Kosten werden in beiden Ländern nur dann von den Krankenkassen übernommen, wenn das Präparat zur Therapierung bereits Infizierter eingesetzt wird. Soll das Medikament vorbeugend verwendet werden – als PrEP eben – liegt es allein am Konsumenten, den stolzen Preis zu bezahlen. In der Schweiz besteht immerhin die Möglichkeit, billigere Generika aus dem Ausland zu bestellen. Damit alleine ist es aber noch nicht getan, denn für eine sichere und effiziente Prophylaxe sind regelmässige Blut- und Urinkontrollen beim Arzt notwendig.
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«Es ist enorm wichtig, dass
PrEP-Nutzer während der gesamten Einnahme medizinisch betreut werden», betont
Vinicio Albani.
Komplizierter präsentiert sich die Lage in Deutschland, wo
ein direkter Generikaimport über die Hersteller nicht erlaubt ist. Legal kann
man die Billigmedikamente nur einführen, indem man sie bei der Einreise im
Handgepäck bei sich trägt. Zwar ist seit dem 1. August ein Truvada-Generikum
des Herstellers Hexal zur prophylaktischen Verwendung auf dem deutschen Markt
zugelassen. Die erhoffte grosse Kosteneinsparung bleibt aber noch aus: «Das
Hexal-Produkt ist nach Auspreisung rund 26 Prozent billiger als das Original»,
so Tim Schomann von der Deutschen AIDS-Hilfe. «Das reicht nicht. Wir fordern
die weitere, drastische Senkung der PrEP-Preise.» Es müsse möglich sein, dass
ein jeder, der die Tabletten brauche, einen regulären, bezahlbaren Zugang dazu
erhalte. «Das würde verhindern, dass sich Menschen die Medikamente auf eigene
Faust beschaffen. Manche machen das heute schon, zum Teil ohne ärztliche
Begleitung. Damit sind aber hohe Risiken verbunden.»
Darüber reden
Jev und Simon gehen in ihrem Umfeld relativ offen damit um, dass sie bisweilen ungeschützten Sex haben. «Es kommt auf mein Gegenüber an», wie Simon sagt. Mit Leuten, die HIV nach wie vor mit einem Todesurteil gleichsetzen, spreche er nicht darüber. Seinen Freunden gegenüber mache er aber kein Geheimnis daraus. «Einige sind ängstlich und besorgt, andere haben Mühe, mein Verhalten zu verstehen», so Simon – und fügt an, dass derartige Reaktionen ja auch nicht unbegründet seien. Und Jev? Er ist der Ansicht, dass die Schwulen in diesen Fragen oft am gleichen Strang zögen. «Und im Gespräch mit Heteros hat die Thematik schon zu interessanten Unterhaltungen geführt.
Jev und Simon gehen in ihrem Umfeld relativ offen damit um, dass sie bisweilen ungeschützten Sex haben. «Es kommt auf mein Gegenüber an», wie Simon sagt. Mit Leuten, die HIV nach wie vor mit einem Todesurteil gleichsetzen, spreche er nicht darüber. Seinen Freunden gegenüber mache er aber kein Geheimnis daraus. «Einige sind ängstlich und besorgt, andere haben Mühe, mein Verhalten zu verstehen», so Simon – und fügt an, dass derartige Reaktionen ja auch nicht unbegründet seien. Und Jev? Er ist der Ansicht, dass die Schwulen in diesen Fragen oft am gleichen Strang zögen. «Und im Gespräch mit Heteros hat die Thematik schon zu interessanten Unterhaltungen geführt.
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Viele von ihnen haben eine überholte Einstellung zu HIV», so
Jev. Er kriege aber auch immer wieder seltsame Meinungen und Kommentare zu
hören. Das Repertoire reiche von Leuten, die ihm «im Chat Moralpredigten
halten», bis hin zu Typen, die nach einer Sexsession ohne Kondom meinten, ob er
es denn nicht gefährlich fände, das Sperma eines Fremden zu schlucken. Solche
Fragen würden ihm zeigen, dass teilweise noch Aufklärungsarbeit nötig ist, sagt
Jev. «Manche glauben, ungeschützter Analverkehr sei eine kleinere Gefahr als
das Schlucken von Sperma – das sollte nicht sein. Und auch die veraltete,
falsche Meinung, wonach der Aktive beim ungeschützten Analsex kein
Ansteckungsrisiko hat, scheint noch immer im Gedankengut einiger Leute verhaftet
zu sein.»
Andere Männer, die gerne auf Kondome verzichten, finden
Simon und Jev an verschiedenen Orten. «Auf Gayromeo oder Grindr, zum Beispiel»,
sagt Simon. «Auf den Profilen der Apps wird heute ja oft angegeben, wie man es
am liebsten macht.» Ansonsten besuche er gelegentlich einschlägige Partys, in
deren Darkrooms «es dann ziemlich zur Sache geht». Auch Jev trifft seine
Partner online, «manchmal in Sexclubs oder selten in Cruising-Areas», wie er
erzählt. Seiner Ansicht nach könne man durchaus von «einer Art Bareback-Szene»
reden, die dank der PrEP in letzter Zeit einen Aufschwung erfahre. «Plötzlich
mischen sich auch HIV-Negative unter die mehrheitlich Positiven.»
Ähnlich sieht es Vinicio Albani. Er kenne eine Gruppe von
Leuten, die ausschliesslich ohne Kondom Sex hätten. Oft handle es sich um
HIV-Positive mit unterdrückter Virenlast, oder um Negative auf PrEP. «Eine
allgemeine Aussage darüber, wer genau mit wem schläft, lässt sich allerdings
nicht machen.» Ebenso wenig existiere der «typische Barebacker». Zum Teil wäre
man wohl recht überrascht, welche Personen welche Vorlieben hätten, meint
Albani. «Vielleicht stellt man den Lederbären eher in die ‹Bareback-Ecke› als
den unschuldig wirkenden Twink – aber solche Pauschalisierungen sind meist
unzutreffend und gefährlich.»
Suche nach Nähe
In Diskussionen rund ums «Barebacking» kommt oft auch das sogenannte Bug-Chasing («Virenjagd») zur Sprache – das Phänomen, wonach sich HIV-negative Bug-Chaser bei HIV-Positiven absichtlich mit dem Virus anstecken. Letztere gelten dabei als Gift-Giver («Geschenkgeber»). Sie sind die «Spender», sozusagen, die das Virus als ein Geschenk an den anderen weiterreichen. Die Beweggründe für ein solches Verhalten können ganz verschieden sein. «Manchen Männern dient dies als Mittel, um Beziehungen zu formen», schreibt Tim Dean. Der US-amerikanische Englischprofessor hat mit «Unlimited Intimacy: Reflections on the Subculture of Barebacking» ein Buch zum Thema verfasst. «Bei meinen Recherchen habe ich gelernt, dass Schwule nicht nur des Kicks wegen ungeschützten Sex haben», führt der Autor aus. «Vielmehr wollen einige dabei auch Intimität und Verletzlichkeit erleben.» Die Weitergabe von HIV als «etwas Greifbares» stehe dabei als «Symbol für eine emotionale Verbundenheit zwischen zwei Menschen».
In Diskussionen rund ums «Barebacking» kommt oft auch das sogenannte Bug-Chasing («Virenjagd») zur Sprache – das Phänomen, wonach sich HIV-negative Bug-Chaser bei HIV-Positiven absichtlich mit dem Virus anstecken. Letztere gelten dabei als Gift-Giver («Geschenkgeber»). Sie sind die «Spender», sozusagen, die das Virus als ein Geschenk an den anderen weiterreichen. Die Beweggründe für ein solches Verhalten können ganz verschieden sein. «Manchen Männern dient dies als Mittel, um Beziehungen zu formen», schreibt Tim Dean. Der US-amerikanische Englischprofessor hat mit «Unlimited Intimacy: Reflections on the Subculture of Barebacking» ein Buch zum Thema verfasst. «Bei meinen Recherchen habe ich gelernt, dass Schwule nicht nur des Kicks wegen ungeschützten Sex haben», führt der Autor aus. «Vielmehr wollen einige dabei auch Intimität und Verletzlichkeit erleben.» Die Weitergabe von HIV als «etwas Greifbares» stehe dabei als «Symbol für eine emotionale Verbundenheit zwischen zwei Menschen».
Nicht überbewerten
Ein weiteres Motiv, erklärt Vinicio Albani von der Aids-Hilfe Schweiz, könne bei manchen auch darin bestehen, dass sie eine HIV-Infektion für fast unvermeidlich hielten in der Szene. «Sie entscheiden sich deshalb bewusst für eine Ansteckung, um dadurch die permanente Angst davor loszuwerden.» Dass Bug-Chasing vorkomme, sei möglich, so Albani. Seiner Ansicht nach handelt es sich aber eher um ein Phänomen der Neunziger- und Nullerjahre, das nicht überbewertet werden sollte.
Ein weiteres Motiv, erklärt Vinicio Albani von der Aids-Hilfe Schweiz, könne bei manchen auch darin bestehen, dass sie eine HIV-Infektion für fast unvermeidlich hielten in der Szene. «Sie entscheiden sich deshalb bewusst für eine Ansteckung, um dadurch die permanente Angst davor loszuwerden.» Dass Bug-Chasing vorkomme, sei möglich, so Albani. Seiner Ansicht nach handelt es sich aber eher um ein Phänomen der Neunziger- und Nullerjahre, das nicht überbewertet werden sollte.
«Mit den heutigen Schutzmassnahmen ist es sehr wohl möglich,
in der Szene zu verkehren, Sex zu haben und sich nicht zu infizieren», so der
Experte. «Und ich denke, dass dies den meisten bewusst ist.» Auch Tim Schomann
von der Deutschen AIDS-Hilfe ist vorsichtig, was das Bug-Chasing angeht. «Wir
haben uns diesbezüglich mit Fachpersonen kurzgeschlossen und sie nach ihrer
Einschätzung gefragt», erklärt er. «Die Epidemiologen sprechen von einer
Randerscheinung, die sich in der Statistik der Neudiagnosen nicht bemerkbar
macht.» Schomann hält das Ganze für «Aufschneiderei – da wird viel behauptet,
in der Realität ist das eher selten».
Zentral: Testen und vorsorgen
Safer-Sex-Debatten drehen sich meist nicht nur um HIV, sondern auch um weitere sexuell übertragbare Infektionen (STI) wie Chlamydien, Gonorrhö, Hepatitis und Syphilis. «Sowohl die PrEP als auch eine effektive antiretrovirale Behandlung machen es möglich, ohne nennenswertes HIV-Infektionsrisiko kondomlosen Analsex zu haben», sagt Tim Schomann. Dem werde oft entgegengehalten, dass einen diese Methoden aber «vor allem anderen» nicht bewahrten. «Und das stimmt», erklärt Schomann. «Allerdings muss man sich bewusst sein, dass das Kondom hier ebenfalls nicht immer ausreichend Schutz bietet.» So werden die erwähnten STI häufig auch durch Oralsex weitergegeben, bei Syphilis zum Beispiel kann bereits Küssen genügen.
Safer-Sex-Debatten drehen sich meist nicht nur um HIV, sondern auch um weitere sexuell übertragbare Infektionen (STI) wie Chlamydien, Gonorrhö, Hepatitis und Syphilis. «Sowohl die PrEP als auch eine effektive antiretrovirale Behandlung machen es möglich, ohne nennenswertes HIV-Infektionsrisiko kondomlosen Analsex zu haben», sagt Tim Schomann. Dem werde oft entgegengehalten, dass einen diese Methoden aber «vor allem anderen» nicht bewahrten. «Und das stimmt», erklärt Schomann. «Allerdings muss man sich bewusst sein, dass das Kondom hier ebenfalls nicht immer ausreichend Schutz bietet.» So werden die erwähnten STI häufig auch durch Oralsex weitergegeben, bei Syphilis zum Beispiel kann bereits Küssen genügen.
«Heutzutage kann man Sex ohne Kondom haben und trotzdem
verantwortungsvoll handeln – das soll man anerkennen»
Laut Schomann haben Untersuchungen gezeigt, dass PrEP-Nutzer,
die auf Gummis verzichten, zwar vermehrt von den «anderen
Geschlechtskrankheiten» betroffen sind als Männer, die Kondome verwenden. Da
sie in der Regel aber in ein engmaschiges Test- und Vorsorgeangebot eingebunden
seien, würden die Infektionen früh erkannt und behandelt. «Erste Daten aus
Ländern wie England zeigen, dass die STI-Ansteckungsraten insgesamt
zurückgehen.» Vinicio Albani weist an dieser Stelle darauf hin, dass eine
Impfung gegen Hepatitis A und B sehr wichtig sei. «Gerade Hepatitis B wird sehr
schnell und einfach übertragen. Es kann daher nicht schaden, einen
Kontrollblick in den Impfausweis zu werfen.»
Breiteres Repertoire, mehr Auswahl
Über einen Punkt soll das bisher Gesagte nicht hinwegtäuschen: «Unter Schwulen ist das Kondom nach wie vor die erste Wahl, um sich zu schützen», sagt Tim Schomann. Daran habe auch die Tatsache nichts geändert, dass eine zunehmende Anzahl schwuler Männer nebst dem Kondom zusätzliche Schutzstrategien erprobe und in ihr Repertoire aufnehme. «Das ist eine wichtige und gute Entwicklung, die für die Präventionsarbeit eine grosse Bereicherung darstellt», mein Schomann. «Und für viele Menschen ist es auch eine Entlastung – sie können nun zwischen verschiedenen Safer Sex-Methoden wählen.» Aussagen, die auch Vinicio Albani unterstützt. «Heutzutage kann man Sex ohne Kondom haben und trotzdem verantwortungsvoll handeln – das soll man anerkennen», erklärt Albani. Wichtig sei, dass man sich mit den Risiken sowie den Schutzmöglichkeiten, die heute zur Verfügung stehen, auseinandersetze und entsprechende Erkundigungen einhole. «Und», fügt Albani an, «man sollte die Thematik wertungsfrei betrachten und nicht verteufeln – sonst sind wir schnell bei der Moral, und das finde ich heikel.»(von Markus Stehle –die Mannschaft)
Über einen Punkt soll das bisher Gesagte nicht hinwegtäuschen: «Unter Schwulen ist das Kondom nach wie vor die erste Wahl, um sich zu schützen», sagt Tim Schomann. Daran habe auch die Tatsache nichts geändert, dass eine zunehmende Anzahl schwuler Männer nebst dem Kondom zusätzliche Schutzstrategien erprobe und in ihr Repertoire aufnehme. «Das ist eine wichtige und gute Entwicklung, die für die Präventionsarbeit eine grosse Bereicherung darstellt», mein Schomann. «Und für viele Menschen ist es auch eine Entlastung – sie können nun zwischen verschiedenen Safer Sex-Methoden wählen.» Aussagen, die auch Vinicio Albani unterstützt. «Heutzutage kann man Sex ohne Kondom haben und trotzdem verantwortungsvoll handeln – das soll man anerkennen», erklärt Albani. Wichtig sei, dass man sich mit den Risiken sowie den Schutzmöglichkeiten, die heute zur Verfügung stehen, auseinandersetze und entsprechende Erkundigungen einhole. «Und», fügt Albani an, «man sollte die Thematik wertungsfrei betrachten und nicht verteufeln – sonst sind wir schnell bei der Moral, und das finde ich heikel.»(von Markus Stehle –die Mannschaft)














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