Samstag, 25. November 2017



Hört auf, bei Transmenschen immer nur an schillernde Dragqueens zu denken 

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und

Trans* Menschen sind mehr als: „Hast du noch/schon deinen Penis?“

Einige lassen ihr altes Leben nach dem Outing einfach hinter sich. Sie suchen ihr Glück in einem neuen Job, neuer Stadt und neuem Umfeld. Von ihrer Vergangenheit weiß dort fast niemand.
Häufiger wird heute über Trans-Themen gesprochen. Manch eine*r mag geradezu von einem Trans-Hype sprechen. Gut ist: Gefühlt immer mehr transsexuelle Menschen trauen sich, sich zu outen und teilen ihre Geschichte. Aber die meisten wollen genau das nicht: als trans erkennbar sein.


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Das Outing und die die Einleitung von Schritten wie einer Hormontherapie und Namensänderung, um das Geschlecht der gefühlten Identität anzupassen, sind für viele eine Phase, die nach Abschluss auch in der Vergangenheit verbleiben soll. Das Ziel: Endlich glücklich im richtigen Geschlecht zu werden. Um das zu erreichen, wagen manche einen extremen Schritt. Sie beginnen irgendwo noch mal ganz von vorn, gehen undercover.


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Keine*r will die Dorf-Transe sein, die Aufklärungsarbeit leisten muss
Die Gründe können Erfahrungen mit Mobbing und Anfeindungen sein. In der Schule, auf der Arbeit oder auf der Straße. Oder es ist diese niemals endende Neugier, das ständige Ausfragen und die Sensationslust. Das Gerede und Tuscheln von Bekannten – Wusstest du, die war ja mal ein Mann –, die zu diesem extremen Schritt verleiten. Sie haben einfach keine Lust darauf abgestempelt, auf die eigene Geschichte reduziert und dann als Diversity-Beauftragte im Bekanntenkreis tätig zu werden.


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So ist es auch bei Linda*, die es ans andere Ende der Republik nach Sachsen verschlagen hat. Manchmal wünscht sie sich schon, offener mit ihrer Geschichte umgehen zu können. Als Musikerin würde sie gerne ihre Erfahrungen auf künstlerische Art verarbeiten. Doch der gesellschaftliche Rechtsruck und die Hetze gegen Minderheiten machen ihr Angst.


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Sie weiß, dass nicht alle transsexuelle Menschen das Privileg haben, völlig in der Masse unterzugehen, weil manche mit ihrem Aussehen hervorstechen. Sie berichtet von einem gemeinsamen Party-Erlebnis mit einer Freundin, die auch trans ist: „In einem ruhigen Moment sprach mich ein Türsteher darauf an, dass ich mich von ‚ihm‘ [ihrer Freundin] besser fernhalten soll, denn ‚er‘ sei krank. Nicht, dass ich mir ‚was einfinge‘. Ich war sprachlos.“ Es sind solche Erlebnisse, die Linda das Gefühl geben, besser still zu bleiben und ihre Identität nicht an die große Glocke zu hängen.


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Manche werden unbeabsichtigt völlig unsichtbar
Nicht immer verschwinden Transmenschen aber bewusst in der Versenkung. „Ich habe immer angenommen, die Leute würden es eigentlich merken. Aber in dem Moment, wo man als Frau gelesen wird, spielt das Trans-Sein gar keine Rolle mehr“, sagt Jessica Purkhardt, die für die Frankfurter Grünen in der Stadtverordnetenversammlung sitzt. Weil sie sich in der Queerpolitik engagiert, haben Leute angenommen sie sei lesbisch. Noch absurder wurde es, als sie mit anderen Aktivist*innen zusammensaß, die sagten: „Wir müssen jetzt endlich mal dieses Trans-Thema bearbeiten, aber wir kennen niemanden der trans ist.“

In dem Moment, wo man als Frau gelesen wird, spielt das Trans-Sein gar keine Rolle mehr.“
Es wirkt, als hätten die meisten Leute gar nicht auf dem Schirm, dass sich in ihrem Bekanntenkreis auch transsexuelle Personen befinden könnten. Als eher harmloses Erlebnis beschreibt Purkhardt Situationen, in denen sie nach Tampons gefragt wurde. „Wenn das von Menschen kam, die mich seit fünf Jahren kennen und von meiner Vergangenheit wissen, läuft da aber auch irgendwas falsch“, sagt sie. Schlimmer seien aber Situationen gewesen, in denen sie offene Diskriminierung gegen trans erlebt habe. Einmal spielte Purkhardt in einer thailändischen Filmproduktion eine Frau in einer Reisegruppe. In einer Szene sollte die Reisegruppe dann auf Transfrauen zeigen und sich über die „Transformer“ lustig machen.

Karten auf den Tisch. Einstehen für die eigene Identität
Irgendwann wurden Purkhardt diese absurden Situationen zu viel: „Man stößt im im Privatleben auf Widersprüche. Es ist schwierig solidarisch zu sein, wenn andere Transfrauen angemacht werden.“ Dann kam der unausweichliche Moment, in dem sie ihre Identität mehr in den Vordergrund rückte. Es ging ihr nicht allein um Solidarität, sondern auch darum zu zeigen, dass man auch geoutet glücklich sein kann.


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 „Wer sollen denn die Vorbilder sein, wenn es sonst überhaupt keine gibt?“ Mittlerweile gibt Purkhardt Vorträge zu Trans-Themen und schreibt eine Kolumne für Gab, das queere Stadtmagazin aus Frankfurt am Main. Doch sie kann nachvollziehen, dass nicht alle ihr Gesicht für diese Aufgabe hergeben wollen. Man laufe schnell Gefahr, nur noch über die Trans-Schiene wahrgenommen zu werden. Dabei weiß sie, dass sie auch in anderen Feldern mit Expertise glänzen kann.
Volle Transparenz. Und dann?
Doch für viele ist das Risiko zu hoch. Der Schritt, vollkommen offen mit der eigenen Geschichte zu leben, lässt sich schließlich kaum mehr zurücknehmen. Auch Jessica kennt diese Angst. Man wisse einfach nicht, wie es weitergeht, wenn man den Mund aufmacht und für die Sichtbarkeit der eigenen Identität kämpfe.


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Deswegen entschieden sich so viele gegen diesen Schritt. Linda drückt es so aus: „Man kommt gut klar, solange es niemand weiß. Nichts an mir würde sich durch ein Outing ändern und trotzdem würden manche mich dann plötzlich hassen. Das würde nur Ärger bedeuten, also spiele ich bei deren heteronormativem Gesellschaftsbild einfach mit.“
* Name der Person wurde geändert.

Trans* Menschen sind mehr als: „Hast du noch/schon deinen Penis?“

In Deutschland dürfen homosexuelle Menschen jetzt heiraten. Alles super, könnte man meinen. Wenn es um die Anerkennung transidenter Menschen geht, tun wir uns allerdings unverhältnismäßig schwer. Ein Kommentar


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Seit Jahren suche ich vergeblich im deutschen Raum nach erfolgreichen trans* Personen. Ich bin selbst transident. Klar, das Interesse an trans*-Themen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Für mich persönlich war das ein großer Ansporn, mich stärker politisch zu engagieren. Allerdings fehlt es noch immer an prominenten Fürsprecher*innen in der deutschen Öffentlichkeit. Transidente Prominente, mit denen ich aufgewachsen bin, wie Kim Petras (machte Schlagzeilen, weil sie sich bereits mit 16 einer geschlechtsangleichenden Operation unterzog), Balian Buschbaum (Ex-Olympia-Sportler) oder Lorielle London (DSDS, Dschungelcamp), erlangten in diversen Trash-Medien kurzlebige Bekanntheit durch ihre Lebensgeschichte. Nicht für das, was sie zu sagen hatten. Auch von Ex-Schlagerdiva Romy Haag hört man heute nur noch wenig, weil in den deutschen Medien Frauen über 50 kaum einen Platz haben.


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Immerhin schaffte es vor zwei Jahren Pari Roehi als erste trans* Kandidatin in Heidi Klums Model-Show – nur um in der dritten Runde gleich wieder rauszufliegen. Mit Giuliana und Melina sind in der letzten Staffel gleich zwei trans* Frauen in der Show dabei. Auch hier geht es in der Inszenierung scheinbar wieder nur um Operationen und Kindheitserlebnisse. Wenn ich Titel wie Giuliana und Melina wurden als Jungen geboren lese, möchte ich schreien.

Wir sind mehr als eine Coming-out-Story
Das Problem ist: Das Interesse an trans* Personen ist geprägt von Sensationslust und einer Reduzierung auf Körperlichkeiten. Es flaut ab, sobald die Coming-out-Story der Akteur*innen verbraucht wurde. Die Wortlaute der Berichte sind zudem immer gleich und strotzen von Formulierungen, die Betroffene selbst als diskriminierend ablehnen. Egal wie oft erklärt wird, dass Geschlechtsumwandlung (richtig: Geschlechtsangleichung) unzutreffend ist, weil Menschen nicht wie durch eine Operation plötzlich zu Männern oder Frauen werden und sich nicht allein über Genitalien definieren, findet sich der Begriff dennoch in einer Vielzahl von Artikeln. Auch bei mir kam in Gesprächen mit Journalist*innen das Thema Operationen wiederholt auf den Tisch, dabei sollte es doch niemanden etwas angehen. Ich frage doch auch nicht ständig Menschen mit verschwörerischem Blick, was sie in ihrer Hose haben.


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Vielleicht wäre es an der Zeit, trans* Persönlichkeiten auch einmal Raum einzuräumen, weil sie eine fundamental andere Sicht auf die Welt mitbringen, die sich zwar in ihrer Biografie begründet, aber über sie hinausgeht? Gerade trans* Kinder und Jugendliche, die viel Mobbing und Diskriminierung erfahren müssen, haben starke Vorbilder in den Medien verdient. Ich bin es leid von den Medien vermittelt zu bekommen, dass für trans* Frauen nicht mehr Erfolg drin ist als ein bis zwei Jahre Reality-TV.

Ein Blick in andere Länder lohnt sich
Obwohl es für LGBTQ-Rechte in den USA seit dem Amtsantritt von Donald Trump nicht sonderlich rosig aussieht, konnte die neue Welle der trans* Bewegung den US-amerikanischen Mainstream erobern und ihr Erfolg ist auch 2017 noch immer ungebrochen.

Insbesondere Transfrauen mischen in den USA die Karten des Medien- und Modebetriebes neu, sind dabei besonders erfolgreich und können mit gesellschaftspolitischen Debattenbeiträgen glänzen. Alexandra Billings und Laverne Cox haben in Amazons Transparent und Netflix‘ Orange is the New Black feste Rollen in zwei sehr erfolgreichen Serien der letzten Jahre, Janet Mock ist eine erfolgreiche Journalistin mit eigener TV-Show, It-Girl Hari Nef erobert die New Yorker Modewelt und Jen Richards Web-Miniserie Her Story über die Dating-Erfahrungen von Transfrauen war 2016 für die Emmy-Awards nominiert. Das schönste an dieser Aufzählung ist, dass sie nicht erschöpfend ist.


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In England wächst man jetzt gay auf
Das ist kein rein US-amerikanisches Phänomen. Auch in Großbritannien gibt es Hoffnungsschimmer. Die Insel, bei der viele nur noch an den Brexit und eine nicht enden wollende Regierungszeit von Theresa Mays Konservativen denken mögen, wird seit einigen Jahren aufgemischt von der jungen trans* Aktivistin Paris Lees. Für BBC Radio 1 produzierte sie 2013 die Dokumentation The Hate Debate, die sich mit Homo- und Transphobie, Rassismus und Islamophobie auseinandersetzte und Lees zur ersten trans* Frau überhaupt machte, die eine Show der BBC moderierte. 2017 war sie in Olly Alexanders (Frontsänger Years & Years) TV-Doku Growing Up Gay zu sehen.

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Und Deutschland?
Ich hoffe, dass wir hier einfach nur etwas langsamer sind als anderswo. Denn leider scheinen viele trans* Personen mit ihren Anliegen hierzulande gegen verschlossene Türen zu rennen. Vielleicht ändert sich ja bald mal was? In Zeiten des gesellschaftlichen Rollbacks und des erstarkenden Rechtspopulismus, der massiv gegen gesellschaftliche Minderheiten hetzt, wäre das ein wichtiges Zeichen. Ich wünsche mir, dass mehr Medienmachende den Mumm haben, neue Wege einzuschlagen und trans* Personen in Zukunft mehr als eine Coming-out-Story zugestehen. (von Nyke Slawik-ze.tt)



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