Sexarbeit: Der vielleicht ehrlichste Job der Welt
Sex mit klaren Spielregeln, und man verdient sogar Geld dabei: Unser Autor hat als Escort gearbeitet und damit eine Fantasie vieler Menschen ausgelebt.
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Acht Jahre lang habe ich als Escort gearbeitet. Man könnte
auch sagen, ich habe Sexarbeit gemacht, aber die Bezeichnung "Escort"
gefällt mir besser. Ich finde, sie trifft den Kern der Sache: Man begleitet
Menschen beim Sex. Angefangen habe ich damit während des Studiums. Selten hatte
ich mehr als zwei Verabredungen pro Woche und nie aus finanzieller Not. Das tat
der Sexarbeit gut. Ich konnte mir meine Kundinnen und Kunden sorgfältig
aussuchen.
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Die meiste Zeit verbrachte ich mit vier Stammkunden.
Seit ich im privaten Kreis offen darüber rede, melden sich
bei mir die verschiedensten Leute, manchmal auch völlig Unbekannte. Sie alle
überlegen, selbst als Escort zu arbeiten, und möchten von mir mehr darüber
erfahren. Meiner Meinung nach beruht Sexarbeit vor allem auf eigenem Erkunden.
Escort ist vielfältig. Es geht dabei oft, aber nicht nur, um Sex – immer geht
es aber um Kommunikation. Wenn es überhaupt irgendeine von vornherein
feststehende Regel gibt, dann die, dass sich alles im Prozess entscheidet. Man
beginnt damit und findet allmählich heraus, was man mit wem machen kann und wie
weit man gehen möchte.
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Pascal Schaefers hat als Escort einiges erlebt.
Er findet, dass Sexarbeit als
eine Dienstleistung unter vielen angesehen werden sollte. Da dies noch immer
nicht der Fall ist, schreibt er unter Pseudonym. Für das Magazin
"Neon" verfasst er eine Kolumne über seine Erfahrungen.
In den vergangenen Jahren habe ich mit gut 50 Menschen
darüber diskutiert, warum sie den Beruf Escort so faszinierend finden. Zwei
Grundsätze, die auch für mich selbst gelten, teilen die meisten:
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Wenn man es tut, dann nicht wegen des Geldes. Und auch um das Stillen einer versteckten Sexsucht geht es nicht.
Eher scheinen die vielen Interessierten von offenem,
freizügigen und gefahrlosen Sex zu träumen. Sie sind zwischen 20 und 40 Jahre
alt, sehen auf verschiedene Weisen gut aus und kommen in ihrem Leben mit sich
und anderen gut zurecht. Sie diskutieren polygame Lebensweisen und versuchen,
ihr Leben so zu gestalten, dass sie aus Herausforderungen etwas lernen können.
Meistens sind diese Menschen, wie auch ich, mit sich selbst und ihrer sexuellen
Attraktivität im Reinen, sie kennen sich selbst und wissen sehr genau, was sie
tun. Ihr sexuelles und kulturelles Kapital ist groß. Ist es da verwunderlich,
dass sie versucht sind, dieses Kapital auch auf den monetären Sexmarkt zu
tragen?
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Wie gelingt ein Sexleben?
Interessanterweise unterschieden sich die Beweggründe, von
denen mir die potenziellen Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter erzählten, gar
nicht so stark von denen meiner Kundschaft. Die Mehrheit der an Sexarbeit
Interessierten erhofft sich die Lösung eines zugleich privaten wie
gesellschaftlichen Problems: Wie lässt sich die immer wieder behauptete, aber
doch so schwierige Trennung von Sex und Liebe praktisch realisieren? Wie geht
man damit um, dass Dating diese Trennung unterläuft, indem es immer die Option
auf Sex und auf Liebe verheißt? Wie gelingt, kurz gesagt, ein Sexleben, das
nicht sogleich vom Liebesleben mit all seinen Schwierigkeiten überlagert wird?
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Wie sehr das Liebesleben in den vergangenen Jahrzehnten verunsichert wurde, hat die Soziologin Eva Illouz in Büchern wie Warum Liebe weh tut und Die neue Liebesordnung untersucht. E. L. James' Fifty Shades of Grey habe nur deshalb so erfolgreich sein können, schreibt Illouz, weil es eine Antwort auf die Krise der romantischen Zweierbeziehung bietet. In klassischen Groschenromanen oder Liebesfilmen sind die Rollen klar verteilt. Der Ritter erlöst irgendwann das Burgfräulein, und der krönende Kuss macht klar, was danach garantiert noch folgt. Heute hingegen, so Illouz' These, braucht es einen sexuellen Vertrag, damit zwei unabhängige, emanzipierte Individuen sich romantisch aneinander binden können. Nun hat die in Fifty Shades of Grey geschilderte Beziehung mit den Gepflogenheiten in der echten BDSM-Szene eher wenig zu tun. Dort beruht alles auf einer strengen Definition von Grenze und Grenzüberschreitung: Je klarer der zeitliche und örtliche Rahmen der Begegnung festgesetzt ist, desto lustvoller können die Spielpartnerinnen und Spielpartner sich darauf einlassen, ihr gewöhnliches Ich für eine Weile zu transzendieren.
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So frei wie noch nie – und unsicherer als je
In Fifty Shades of Grey muss der Vertrag dafür herhalten,
die komplexen Aspekte einer Liebes- und Gefühlsbeziehung zu regulieren. In
modernen Beziehungen ist zum Glück der Beteiligten – oder zu ihrem Unglück –
alles verhandelbar. Mister Grey und Miss Steele führen vor, dass eine
vertragliche Regelung das Problem der Verlustängste und Kontrollzwänge zwar
nicht ganz vergessen macht, dass sie aber doch eine zeitgenössische Antwort auf
eine sehr dringliche Frage bietet: wie Liebe heute überhaupt noch funktionieren
soll.
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Sexarbeit verspricht nun, das von Illouz benannte Problem nicht von der Seite der Liebe, sondern von der Seite des Sex zu lösen. Setzen wir in Illouz' These einmal Sexarbeit an die Stelle von BDSM: "Sexarbeit [vorher: BDSM] ist eine brillante Lösung für die strukturelle Instabilität des Sexlebens, gerade weil es sich um ein immanentes, in einer hedonistischen Definition des Subjekts verankertes Ritual handelt, das Gewissheit über Rollen, Lust [vorher: Schmerzen] und die Kontrolle der Lust sowie die Grenzen des Konsenses verspricht."
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Sex zur Selbstverwirklichung
Trotz oder vielleicht gerade wegen der Orientierung auf Sex
only, mit der die Menschen Plattformen wie Tinder oder Grindr nutzen können,
sind sie im Vollzug ihres eigenen Sexlebens verunsichert. Theoretisch sind sie
so frei wie nie zuvor, praktisch aber von all den Möglichkeiten überfordert,
die sich ihnen bieten. Es mag etwas abenteuerlich klingen, aber wer als
Sexarbeiter tätig ist, kann dieses Problem innerhalb einer geschäftlichen
Routine lösen. Als Escort kann man sich sicher sein, dass zwei Dinge, die im
Zwischenmenschlichen sehr unsicher geworden sind, immer gegeben sind: ein
vereinbarter Rahmen, in dem der Sex stattfinden soll, und das Begehren, das zu
diesem Sex führt.
Seit der sexuellen Revolution in den sechziger und siebziger
Jahren ist die Sexualität zu einem der zentralen Räume für Selbstverwirklichung
geworden. Aber wer lebt heute wirklich in einem Umfeld, in dem so offen über
sexuelle Dinge gesprochen werden kann wie zum Beispiel über kulinarische
Vorlieben? In welchen gesellschaftlichen Räumen kann ein sexuelles Begehren
ohne jedes Tabu thematisiert und ausgelebt werden? Wahrscheinlich ist eine
solche Offenheit den Frauen noch viel weniger gestattet als den Männern (was
Männer allerdings nicht davon befreit, sich zu fragen, auf welcher
Machtstruktur das beruht).
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Wo, wann, was und zu welchem Preis
Wie kompliziert es sein kann, sexuell offen zu leben,
erfährt man in Internetforen wie Joyclub: Singles und Paare, die sich hier zum
sexuellen Austausch zusammenfinden, sind oft sehr angestrengt damit
beschäftigt, ihre vermeintlich größere Freiheit zu verwalten. Aufwendige
Verhandlungen führen zu streng reglementierten Dates, bei denen zum Beispiel
nicht geküsst und ansonsten nur Analsex durchgeführt werden darf. Natürlich nur
einmal im Monat oder nur einmal mit jeder Person, damit kein Übersprung aus
diesem festen Rahmen ins äußere Leben stattfindet. Wäre es da nicht einfacher,
die eigene Sexualität gleich im Rahmen von Sexarbeit zu organisieren? Wer was
von wem verlangen darf, ist dann Teil einer finanziellen Transaktion, die im
Idealfall von allen Teilnehmern einvernehmlich eingegangen wird.
Natürlich ist mir bewusst, dass ich aus der Position eines
weißen, männlichen und wirtschaftlich abgesicherten Escorts über Prostitution
spreche, und dass auch die Menschen aus meinem Bekanntenkreis, die sich für
Escort interessieren, solche Privilegien teilen. Niemand zwingt uns dazu, es zu
tun, weder ein gewalttätiger Zuhälter noch die blanke wirtschaftliche Not.
Viele Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter genießen solche Privilegien nicht, sie
sind unfreiwillig in die Prostitution geraten oder aus Geldnot darauf
angewiesen, möglichst viele Kunden zu bekommen. Für mich war käuflicher Sex
immer nur das, was er idealerweise sein sollte, für viele Prostituierte aber
leider nicht ist: eine geregelte Dienstleistung unter vielen.
Wenn man Sexarbeit in diesem Sinn ausführt, dann ist man als
Escort in einer ziemlich starken Verhandlungsposition. Wo, wann, zu welchem
Preis, was genau man mit welchem Kunden tun möchte und was nicht: Mit ein wenig
Erfahrung lernt man, die Begegnungen so zu gestalten, dass man sein eigenes
Verlangen zuverlässig befriedigen kann. Für mich gehörte dazu auch, dass ich
mit Menschen Sex hatte, die meinem üblichen Attraktivitätsschema nicht
entsprachen oder denen ich in meinem gewöhnlichen Umfeld nie begegnet wäre.
Reiche, aber auch arme Menschen, gläubige, neurotische, desintegrierte oder
sehr erfolgreiche Menschen, Menschen mit Behinderungen oder sozialen
Kontaktproblemen. Wenn man sich darauf einlässt, kann man mit fast jeder Person
intensive, intime Momente erleben. Und neben alledem hat man, auch wenn es
einmal nicht so spannend gewesen sein sollte, noch gutes Geld verdient.
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Den Weg von der Fantasie zur Realität gehen wenige
Man könnte nun einwenden, dass nur eine spontan entstandene
Leidenschaft den besten Sex ermöglicht. Ich habe bestimmt nichts gegen
spontanes, unvoreingenommenes Kennenlernen. Aus meiner Zeit als Escort weiß ich
aber, dass für mich persönlich der sexuelle Austausch gegen Geld eine ganz
andere, viel direktere Art der Hingabe ermöglicht. Viele moralische Bedenken
aus der Lebenswelt spielen keine Rolle mehr: Kann ich meiner Vorliebe für Dirty
Talk direkt nachgehen oder muss ich mich dafür schämen? Muss ich die Person
wirklich erst im Restaurant bei mir um die Ecke kennenlernen? Kann ich nachher
trotzdem allein einschlafen?
Kann ich zu bestimmten Dingen nein, zu anderen
aber ausdrücklich ja sagen?
Auch der Akt der Bezahlung hatte für mich immer ein
erotisches Moment der Anerkennung. Wer kennt dieses Gefühl nicht: Ein Handwerk,
das man zuvor als Hobby für oder mit Freunden betrieben hat – sei es ein
Instrument zu spielen, Nähen oder Kochen – wird plötzlich von jemandem bestellt
und bezahlt. Das eigene Können wird auf einer höheren Ebene bestätigt.
Sexarbeit verlangt eine ganz besondere Zugewandtheit. Jemanden auszuführen und
einen Abend mit guten Gesprächen, Anzüglichkeiten, Verführungen und einer
finalen Ekstase zu erleben, ist eine komplexe soziale und körperliche
Herausforderung. Wenn man sie gut meistern will, dann muss man nicht nur auf
eine bestimmte Weise heiß, man muss auch taktvoll, witzig und empathisch sein.
Wer für solches Können bezahlt wird, ist offensichtlich begehrenswert. Ich
jedenfalls hatte an der Sexarbeit nicht nur Spaß, ich empfand durch sie auch
eine immense persönliche Bestätigung.
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Frauen wollen Kontrolle
In meinen Gesprächen über Sexarbeit zeigte sich aber auch
ein deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern. Männer, insbesondere die
hetero- oder bisexuellen, scheinen ein besonders großes Bedürfnis zu haben,
begehrt und bestätigt zu werden. Dieses Verlangen war sicher auch einer der
Gründe, weswegen ich mich mit 22 Jahren bei Gayromeo anmeldete, um erotische
Massagen anzubieten.
Bei den interessierten Frauen steht die Gewissheit, begehrt
zu werden, seltener im Mittelpunkt. Viel eher geht es ihnen um die Möglichkeit,
bestimmte Aspekte ihres eigenen sexuellen Verlangens selbstbestimmt ausleben zu
können. Die Utopie, die diese Frauen auf die Sexarbeit projizieren, hat viel
mit Kontrolle zu tun: das tun zu können, worauf sie Lust haben, und zugleich
die Hoheit darüber zu bewahren, wann, wie, wo und mit wem es geschieht. Es
erscheint wie ein Klischee aus dem 19. Jahrhundert, aber offenbar sehen viele
meiner Gesprächspartnerinnen in der Sexarbeit eine Möglichkeit, selbstbestimmt
und frei den eigenen sexuellen Neigungen nachzugehen.
Für Männer besteht der
Reiz der Sexarbeit eher darin, überhaupt einmal als das Objekt der Begierde zu
gelten.
Wirklich ausprobiert haben es von den vielen interessierten
Männern und Frauen dann nur sehr wenige. Wie bei allen sexuellen Dingen besteht
wohl auch hier zwischen einem Phantasma und der lebbaren Realität eine sehr
große Kluft. Diese Kluft sagt viel aus über die Gesellschaft, in der wir leben.
Nicht nur die Angst vor Missbrauch oder Kontrollverlust spielt dabei eine Rolle.
Sondern auch die Angst vor sozialer Ächtung durch Partner und Freunde.
Über weibliche Prostituierte wird härter geurteilt
Diese Angst ist sehr berechtigt. Auch ich habe meine Arbeit
in den ersten Jahren heimlich gemacht, nur die engsten Freunde wussten darüber
Bescheid. Als ich nach ungefähr zwei Jahren immer offener damit umging,
bemerkte ich, wie positiv meine Mitmenschen reagierten. Sie fragten mich aus,
fanden mich plötzlich sogar attraktiver. Aber, wie ich feststellen musste,
leider nur deshalb, weil ich ein Mann bin. Meine Kolleginnen berichteten eher
davon, wie Freunde und Partner sich mit der Zeit von ihnen abwandten.
Frauen, die sich aus freien Stücken prostituierten, wird auf
verschiedene Weise unterstellt, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Spricht man
öffentlich über Sex und Sexarbeit, und dazu zählt die Arbeit als Escort genauso
wie das Schreiben eines Artikels darüber, dann wird man zum Ziel missgünstiger
Polemiken. Auch deshalb schreibe ich unter Pseudonym.
So schön die Vorstellung ist, sich durch Escort gewisse Freiräume
schaffen zu können, so klar ist auch, dass die meisten Menschen solche
Freiheiten nicht mit ihrem Leben vereinbaren können. Sexarbeit erscheint als
Abbild einer mehr oder weniger bewussten Sehnsucht nach einem anderen gesellschaftlichen
Zustand. Vielleicht bleibt deshalb die Sexarbeit der Raum, in dem die
lustvollen Dinge wirklich lustvoll verhandelt werden. (von Pascal Schaefer-Zeit online)













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