»Viele derjenigen, die so viel von Respekt sprechen, haben nichts gegen kapitalistische Ausbeutung.«
Beim Lesben- und Schwulenverband wird über bessere Arbeitsbedingungen gestritten
Belastende Arbeit, befristete Verträge
Beschäftigte des Bildungswerks des Lesben- und
Schwulenverbands Berlin-Brandenburg setzen sich für bessere Arbeitsbedingungen
ein. Doch der Geschäftsführer spricht ihrer Gewerkschaft die Legitimation ab.
»Ich habe noch nie so wenig Wertschätzung erfahren für meine
Arbeit wie beim Lesben- und Schwulenverband«, stand auf dem Schild, das sich
Katrin Meinert* umgehängt hatte. Ihre Kollegin Mika Peters* mahnte auf ihrem
Schild den Respekt an, der auch das Ziel ihrer Vereinsarbeit sei. Der Kollege,
der neben ihr stand, teilte auf seinem Schild mit: »Ich traue mich nicht
wirklich, über die Missstände zu reden.«
Die drei arbeiten beim Bildungs- und Sozialwerk des Lesben-
und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg (BLSB). Seit Monaten setzen sie sich
für bessere Arbeitsbedingungen ein. Zunächst hatten sie sich an die
Dienstleistungsgewerkschaft Verdi gewandt, wählten dann aber die Basisgewerkschaft
Freie Arbeiterinnen- und Arbeiterunion (FAU) als Interessenvertretung.
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| Foto-FAS |
Am Donnerstag vergangener Woche haben sie mit einer
Kundgebung vor dem Büro des BLSB in Berlin-Schöneberg den Arbeitskonflikt
öffentlich gemacht und Flyer mit ihren vier zentralen Forderungen an die
Passanten verteilt. Sie fordern einen Tarifvertrag, die Anerkennung der
FAU-Betriebsgruppe als innerbetriebliches Mitbestimmungsorgan, die Entfristung
ihrer Arbeitsverträge und die Einrichtung einer innerbetrieblichen
Beschwerdestelle. »Es ist absurd, dass der BLSB, der es sich zur Aufgabe
gemacht hat, für Respekt und gegen Diskriminierung anzutreten, diesen
Grundsätzen im eigenen Betrieb keine Beachtung schenkt«, kritisiert Meinert.
Keine Freizeit, Burn-out, Sorgen um die Zukunft
Die Beschäftigten im Bildungswerk haben ein großes
Aufgabengebiet. Dazu gehört die Bekämpfung von Homophobie im Fußball ebenso wie
die Arbeit an Schulen und in Jugendeinrichtungen. In den vergangenen Jahren ist
die Arbeit mit Flüchtlingen in den Mittelpunkt gerückt. Vor allem aus Syrien,
aber auch anderen Staaten der Region seien viele queere Menschen nach
Deutschland gekommen. »Sie sind vor den repressiven Zuständen in ihren
Heimatländern geflohen und dann in den Flüchtlingsunterkünften vielfach erneut
Diskriminierung ausgesetzt. In den vergangenen Monaten haben viele von ihnen
bei uns Unterstützung gesucht«, erzählt Peters. Alle Beschäftigten betonen, wie
sehr sie ihre Tätigkeit schätzten, aber auch, wie belastend sie sei. Ein Indiz
ist die steigende Zahl der Erkrankungen in den vergangenen Monaten. Was die
Beschäftigten des BSLB hier ansprechen, kennzeichnet viele Tätigkeiten im sozialen
Bereich. Die Beschäftigten haben oft keine Freizeit mehr und kämpfen angesichts
der Belastungen mit Burn-out und Überlastung. Da ist es besonders widrig, wenn
sich engagierte Beschäftigte Sorgen um ihre Zukunft machen müssen.
»Stellen Sie sich vor: Jedes Jahr zu Weihnachten wissen Sie
noch nicht, ob Sie im neuen Jahr Ihren Job noch haben werden.« Mika Peters*,
seit fünf Jahren Beschäftigte des BLBS
»Stellen Sie sich vor: Jedes Jahr zu Weihnachten wissen Sie
noch nicht, ob Sie im neuen Jahr Ihren Job noch haben werden«, klagt Peters.
Sie arbeitet seit fünf Jahren beim Bildungs- und Sozialwerk des BLSB. Wie bei
den meisten Beschäftigten ist ihr Arbeitsvertrag befristet. »Jedes Jahr muss
ich mich neu bewerben und immer wieder besteht die Unsicherheit, ob ich
weiterbeschäftigt werde«, schildert auch Kerstin Kronert* die prekäre Situation
der etwa 20 Beschäftigten des BLSB. »Entfristung jetzt«, lautete eine
Parole, die sie bei der Kundgebung vor dem BLSB-Büro riefen.
Doch Geschäftsführer Jörg Steinert argumentiert mit Sachzwängen. Die Befristung sei der alljährlichen Mittelbewilligung für den Verein geschuldet.
»Es bleibt bislang bei einer Projektförderung, die eine
Befristung von Arbeitsverträgen für die jeweilige Projektlaufzeit mit sich
bringt«, sagte er dem queeren Magazin Blu. Steinert weist darauf hin, dass der
Berliner Senat bisher nicht über einen Antrag auf institutionelle Förderung
seines Vereins entschieden habe. Mit dieser Förderungsform würde größere
Planungssicherheit gewährleistet.
Der FAU-Sekretär Daniel Pfeiffer widerspricht diesen
Argumenten. Es sei durchaus möglich und in vielen Vereinen mit Projektförderung
übliche Praxis, die Beschäftigten mit unbefristeten Verträgen zu beschäftigen,
sagte er der Jungle World. Daher akzeptiert Pfeiffer auch Steinerts Begründung
für die jüngsten Kündigungen von 16 BLSB-Beschäftigten nicht. Für
Steinert handelt es sich um turnusmäßige Entlassungen zum Ende der
Projektförderung und nicht um ein Druckmittel in den Verhandlungen zwischen der
FAU und dem Verein. »Es gibt keine Verhandlungsbasis, wenn die Arbeitgeberseite
sich weigert, den Beschäftigten eine Perspektive über das Jahresende hinaus zu
gewährleisten«, sagte Pfeiffer. Daher sei die Tarifkommission der FAU gezwungen
gewesen, die Gespräche mit dem BLSB abzubrechen. Pfeiffer weist auch darauf
hin, dass mehrere Beschäftigte abgemahnt wurden.
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| Foto-Fau-Magdeburg |
»Die FAU besitzt die Legitimation, einen Tarifvertrag
abzuschließen«
»Die FAU hat die Gespräche abgebrochen. Daher sehen wir
keine Veranlassung, zu deren Forderungen oder Behauptungen Stellung zu nehmen«,
sagte Steinert der Jungle World. Damit umging er die Frage, ob er sich eine
Wiederaufnahme der Gespräche mit der Basisgewerkschaft vorstellen könne. In
einer Stellungnahme für Blu sprach er der FAU die gewerkschaftliche
Legitimation ab. »Gemäß Rechtsprechung des Landesarbeitsgerichts Berlin und des
Kammergerichts ist die FAU nicht tariffähig. Sie ist damit im Gegensatz zu
richtigen Gewerkschaften nicht zum Abschluss von verlässlichen Tarifverträgen
berechtigt. Die Rechtmäßigkeit von Arbeitskampfmaßnahmen leitet sich nach
ständiger Rechtsprechung aus der Tariffähigkeit ab. Daher sind
Arbeitskampfmaßnahmen, die durch die FAU initiiert werden, rechtswidrig.«
Für die FAU ist das inakzeptabel. Hier spreche ausgerechnet
der Geschäftsführer des BLSB, der sich den Kampf gegen Diskriminierung zur
Aufgabe gemacht habe, den Beschäftigten das Grundrecht ab, sich in der
Gewerkschaft ihrer Wahl zu organisieren, moniert Pfeiffer. »Die FAU Berlin ist
im BLSB die Mehrheitsgewerkschaft und besitzt somit die Legitimation, einen
Tarifvertrag abzuschließen«, stellt Pfeiffer klar.
In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob sie dafür stark
genung ist. Bei der Kundgebung war die Entschlossenheit der Beschäftigten
spürbar. Einige wurden nachdenklich, als ein Passant mit Blick auf die Parolen
auf den Schildern zu Bedenken gab: »Viele derjenigen, die so viel von Respekt
sprechen, haben nichts gegen kapitalistische Ausbeutung.« * Name von der
Redaktion geändert. (von Peter Nowak-
Junle World )




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