Montag, 5. Februar 2018

Ich bin etwas, was du nicht siehst & Sind wir nicht alle ein bisschen H?

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Ich bin etwas, was du nicht siehst

Wenn es sein muss, kann ich mich unsichtbar machen. Ziemlich oft genügt es schon, wenn ich dafür den Kopf schief lege und die Klappe halte. Und die Hand meiner Freundin loslasse natürlich. Und zack, sind Teile meiner Identität nicht mehr zu sehen. Gelegentlich kann das hilfreich sein. Bei Grenzkontrollen nach Russland zum Beispiel, wenn man durch Berlin-Marzahn laufen muss oder unbehelligt in einem sächsischen Dorf einen Kaffee trinken will. Scheiße fühlt es sich trotzdem an. 


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Das kann jeder Fußballfan bestätigen, dem man sämtliche Fan-Utensilien abnimmt, jeder Instagram-Junkie, dem man die Selfie-Kamera abklebt und jedes verliebte Paar, dessen Hände man voneinander trennt. Ohne derart wichtige Bestandteile der Identität wird jeder zu einem unsichtbaren Menschen in der Masse. So funktionieren wir: Was wir nicht sehen können, existiert nicht. Der Mensch 3.0 geht sogar noch weiter: Wenn mich niemand sieht, existiere ich nicht.


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Solange ich mir also nicht alle Lesben-Klischees auf einmal aneigne oder mir "I love my girlfriend" auf mein T-Shirt drucken lasse, wird die Mehrzahl davon ausgehen, dass ich eine weiße, heterosexuelle Frau und damit Teil der Mehrheitsgesellschaft bin. Das kann, wie gesagt, nützlich sein. Vor allem aber ist das absichtliche Unsichtbarmachen für viele Homosexuelle und Queers eine Überlebensstrategie.


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Dass es darüber hinaus auch ein Privileg sein kann, wurde mir klar, als ich den Film Moonlight sah.
Der diesjährige Oscar-Gewinner erzählt vom Erwachsenwerden von Chiron, einem Jungen in einem, vorsichtig formuliert, perspektivarmen und dysfunktionalen Umfeld. Großartige Kamera, starke Bilder und die Abwesenheit von Worten – aber als Geschichte per se nicht bahnbrechend. Bahnbrechend wird sie, wenn man realisiert, dass der gesamte Cast ausschließlich aus schwarzen Schauspielerinnen und Schauspielern besteht. Bahnbrechend ist, dass Chiron zu einem schwulen Mann heranwächst. 


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Einem schwarzen, schwulen Mann.
Und plötzlich ist der Großteil des durchschnittlichen deutschen Zuschauerraums unsichtbar. Weil keiner von ihnen ein Identifikationsobjekt geliefert bekommt, das den Nenner "weiß" teilt. Um wieder sichtbar zu werden, bedarf es einer kleinen Transferleistung: dem Nenner "Mensch". Bestenfalls wirft dieser Erkenntnisgewinn Fragen auf: Wie fühlt es sich zum Beispiel an, wenn große Teile des Ichs unsichtbar gemacht werden, weil sie einfach nicht stattfinden?


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Wie schwarze schwule Männer im Kino zum Beispiel. Oder dicke sexy Frauen, die weder depressiv noch lustig sind. Pin-up-taugliche Lesben, die keine Männer ermorden und trotzdem nicht mit ihnen schlafen wollen. Glückliche, tanzende Menschen mit Behinderungen. Wie alle, die nicht weiß, nicht hetero, nicht körpernormiert sind.

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Sichtbarkeit ist die Basis für Selbstakzeptanz. Das wurde gerade durch eine Studie der Harvard Universität belegt, die besagt, dass nach Einführung der Ehe für alle in den USA die Selbstmordrate von LGBTQ-Jugendlichen um 14 Prozent gesunken ist. Gesellschaftliche Akzeptanz rettet nachweislich Leben.

Ein guter Grund, öfter mal einen Schritt von dem eigenen Ego zurückzutreten und ein paar Schritte in anderen Schuhen zu laufen. Sich einen Tag im Rollstuhl durch die Stadt bewegen. Für einen Tag Hand in Hand mit einer gleichgeschlechtlichen Person über die Straße gehen. Ein paar Stunden Kopftuch tragen oder Kippa. Es funktioniert, wenngleich begrenzt. 


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Kein weißer Mensch kann in die Schuhe einer Person of Color schlüpfen, und kein weißer Mensch wird je erfahren, wie es sich anfühlt, schwarz zu sein. Was dennoch bleibt, um den Schmerz der Unsichtbarkeit verstehen zu lernen: hinsehen und zuhören. Schließlich ist Empathie eine der herausragenden menschlichen Fähigkeiten, und Empathie? Empathie geht immer.


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Sind wir nicht alle ein bisschen H

Wenn es wirklich Männer gäbe, die sich eine Fake-Freundin mieten, um auf Familienfeiern zu prunken: Ella wär ausgebucht. Sie ist witzig und warm, hat einen Doktor in Komparatistik, backt den besten Rotweinkuchen der nördlichen Hemisphäre, liebt Lipgloss und hat trotzdem nicht vergessen, wie man einen Hammer hält. Ella ist ein Traum. Finden alle. Nur ihre Eltern nicht. 


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Denn Ella ist lesbisch. Und das ist im Kanon einer gläubigen Baptistenfamilie im ländlichen Westen der USA der größtmögliche Alptraum. Zum inneren Ausgleich haben ihre Eltern Trump gewählt. Oder aus Rache an Ella. Sie hat wochenlang geheult. Denn auch wenn Trump bis heute noch kein Einreiseverbot für Homosexuelle verhängt hat, gibt ein Blick auf sein nahes Umfeld wenig Anlass zur Hoffnung, dass ausgerechnet unsere Randgruppe von seinem Irrsinn verschont bleibt.

Niemöller, just saying.
Nun unterscheidet sich, soweit ich weiß, die Bibel, aus der Baptisten beten, nicht wesentlich von der, aus der Niemöller predigte. Und nur etwas von der, die Seehofer in der Nachttischschublade liegen hat. Inklusive der Gebote, die an vierter Stelle fordern: Ehre deinen Vater und deine Mutter. Was nicht drin steht ist: dass auch Eltern ihre Kinder ehren sollen. Vermutlich haben die diversen Götter das als selbstverständlich vorausgesetzt, von wegen Menschenverstand. 

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Funktioniert meistens auch, zumindest, bis die süßeste, tollste und schlauste Stupsnase einen eigenen Charakter ausbildet. Dann kommen selbst liebende Eltern durchaus mal an den Punkt, an dem sie den Spross nur noch scheiße finden. Aber ist das ein Grund, gleich eine Partei zu wählen, die das eigene Kind pathologisiert, und es als krank oder pervers oder fehlgeleitet definiert? Wahrscheinlich klingt der Beschützerinstinkt ab, wenn das Kind Schema F verlässt. #Regrettingparenthood? Pech gehabt. 

Man kann das eigene Kind schließlich nicht zurückgeben wie ein dysfunktionales Elektrogerät oder wechseln wie den Internetprovider, bloß weil es Martin Walser oder Helene Fischer vergöttert oder beide. Oder weil es eben lesbisch ist oder schwul oder trans. 


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Vielleicht sollten Eltern wie die von Ella die Welt mal mit einem anderen Blick betrachten. Denn an der Hand des eigenen queeren Kindes sieht die politische Weltlage gleich ganz anders aus – und sie ist selten schöner. Selbstmordrate bei queeren Teens? Vier- bis siebenmal höher. Anzahl von homofeindlichen Straftaten? In Deutschland 2016 um 20 Prozent gestiegen. Dazu 73 Länder auf der Welt, in denen das Kind kriminell ist, weil es liebt, wen es liebt und neun, in denen es dafür sogar ziemlich legal hingerichtet werden darf. 

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Wenn bei diesen Fakten der Beschützerinstinkt dann wieder anspringt: Bitte keinesfalls auf die Populisten hören, die poltern, dass die Muslime an den Hassverbrechen schuld wären. Sind sie nicht. Der Hass ist schuld an Hassverbrechen. Dagegen hilft es nicht, mitzuhassen, egal wen. Dagegen hilft Liebe. Wenn aber die Familien queerer Menschen populistische Parteien wählen, ist das keine Liebe, es ist Verrat. Egal ob in den USA, in Deutschland oder sonst wo. 

Denn auch wenn die Wenigsten das immer präsent haben: Homosexuell oder queer zu sein war schon immer und ist per se politisch. Einfach, weil wir nicht der heterosexuellen Norm entsprechen. 2017 geht aber noch einen Schritt weiter – durch das Agieren Donald Trumps ist es plötzlich wieder ein Politikum, überhaupt eine Frau zu sein! Eine Erkenntnis, die 50 Prozent der Weltbevölkerung zusammenzucken ließ. Und marschieren. An geschätzten 600 Orten rund um den Globus, mit Pussy-Mützen und ohne. 


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Für Ella waren die Women's-Märsche kathartisch. Wegen des Empowerments, und auch, weil Männer mitliefen. Heteros, weil sie Frauen lieben, Schwule wegen Lady Gaga, Cher und Madonna. Und alle wegen Niemöller.


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Allies nennen sie das in den USA, von Alliierte, vulgo Verbündete. Ist übrigens eine der möglichen Definitionen des "A" in der viel belächelten Alphabet-Suppe LGBTIQA. Aber ganz ehrlich: Es geht es schon lange nicht mehr darum, ob man L ist oder G oder B oder T oder I oder Q. Auch nicht um A. Es geht um Solidarität und um den einen Buchstaben, der alle anderen Wortketten überflüssig macht. Ganz handlich: H für Humans. Einfach Mensch.(Zeit-online)







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