Sonntag, 10. September 2017



Der Regenbogen ist ein Zeichen der Verdrängung

Das farbenfrohe Band steht für viele Minderheiten. Doch je mehr Rasse, Religion und Kultur in die Differenztheorie einsickern, umso schwächer wird der Gedanke des Universalismus.

ls Gilbert Baker im Jahr 1978 die Regenbogenflagge erfand, wollte er dem rosa Dreieck, einem Stigma und Symbol schlimm­s‍ter Repression, ein Zeichen des Aufbruchs und Selbstbehauptung entgegensetzen. Das Symbol entfaltete ungeheure Kraft.
Die Farben ordnete Baker noch wolkigen Begriffen wie „Leben“, „Heilung“ und „Sonnenlicht“ zu. Das Kürzel „LGBT“ mit all den folgenden Weiterungen war noch nicht erfunden: Heute werden die Farben sehr häufig mit all den in diesem Kürzel enthaltenen Formen der Sexualität verknüpft.
Allerdings kann sich der Gay Pride nicht allein auf den Regenbogen berufen. Schon lange vor der Schwulenbewegung hatte sich zum Beispiel die Genossenschaftsbewegung eine Regenbogenflagge zum Symbol erkoren.

Und fast parallel zur Schwulenbewegung entwickelte Jesse Jackson seine „Rainbow Coalition“ in der Hoffnung, daß Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und kultureller Herkunft gemeinsam gegen Rassismus und Unterdrückung eintreten. Eine ähnliche Idee dürfte Bischof Tutu geleitet haben, als er seinem Volk im Dezember 1991 zurief: „You are the Rainbow People of God.“
Verschiedene Formen der Unterdrückung
Die postkoloniale und Gender-Linke baut den Regenbogen immer weiter aus. Mit dem Begriff der Intersektionalität soll die Gleichzeitigkeit und Verschachtelung verschiedener Formen der Unterdrückung gedacht werden. „Diskriminierungsformen wie Rassismus, Sexismus, Handicapism oder Klassismus addieren sich nicht nur in einer Person, sondern führen zu eigen­s‍tändigen Diskriminierungserfahrungen“, sagt die Wikipedia im einschlägigen Artikel.
So komplex die Struktur der Unterdrückung damit zu werden droht, so simpel ist die Zuschreibung ihrer Ursache: Wirkendes Prinzip in diesen Stratifikationen ist immer der weiße Mann. „Critical Whiteneß“ sucht Wege der Therapie.

Foto-Tagesspiegel.de
Daß dieses Denken längst nicht mehr nur in esoterischen Zirkeln an Ostkü­s‍ten-Universitäten gepflegt wird, sondern große politische Kraft entfaltet, zeigt der jüngst von Familienmini­s‍terin Katarina Barley vorge­s‍tellte „Aktionsplan gegen Rassismus“. Dort werden die Begriffe der postkolonialen und Gender-Theorie zur Analyse- und Handlungsgrundlage der Bundesregierung gemacht: „Durch die Verbindung von Geschlecht und weiteren Merkmalen, die die Lebenssituation von Frauen prägen (Intersektionalität), werden diese zu einer besonders verletzlichen Gruppe“, heißt es da.
„Dies gilt insbesondere, wenn sexi­s‍tische und rassi­s‍tische Diskriminierung zusammentreffen. So ist eine Frau, die aus religiösen Gründen ein Kopftuch trägt, als Muslimin zu erkennen und daher leichter von islamophob motivierter Diskriminierung in der Öffentlichkeit oder am Arbeitsplatz betroffen.“

Die eigentliche Frauenfrage wird geopfert

Hier fällt uns der ganze Kladderadatsch dieser Theorien auf die Füße: Die Diskriminierung einer Frau mit Kopftuch wird als „Rassismus“ bezeichnet. Religion wäre also eine Art angeborenes und nicht abzulegendes Merkmal der Person. Muslimische Frauen werden im Sinne des bewußt angeeigneten Begriffs der „Intersektionalität“ als doppelt unterdrückt angesehen – aber doppelt unterdrückt von der Mehrheitsgesellschaft: als Frau und als Muslimin. Daß das Kopftuch selbst Zeichen der Unterdrückung innerhalb einer anderen Kultur ist, fällt unter den Tisch.
Mit anderen Worten: Die eigentliche Frauenfrage, die die Hälfte der Menschheit in allen Kulturen und „Rassen“ betrifft, wird der religiösen Differenz geopfert, die von der Mehrheitsgesellschaft zu respektieren wäre.
Die Begriffe „Religion“, „Kultur“ und „Rasse“ sind die Einfallstore der Reaktion in den Diskurs der allerneue­s‍ten Linken. Und das geht schon länger so: Jesse Jackson ist Pastor. Daß die Bürgerrechtsbewegung stark von religiösen Akteuren vorangetrieben wurde, wird oft übersehen. Aber diese fortschrittliche Aufbruchsbewegung beinhaltete seit je strikt konservative Elemente.
Jackson setzte sich zeit seines Lebens gegen Abtreibung ein und stand in diesen Fragen der Pro-Life-Bewegung näher als New Yorker Femini­s‍tinnen, auch weil seine Regenbogenklientel in Fragen von Reproduktion und Sexualität äußerst konservativ denkt.

Das Konstrukt der „Islamophobie“

Noch heute ist männliche Homosexualität unter Schwarzen in den amerikanischen Süd­s‍taaten ein absolutes Tabu. Darum gibt es unter schwarzen Homosexuellen in den USA eine höhere Aids- und HIV-Rate als in den am schlimm­s‍ten betroffenen afrikanischen Staaten, berichtete jüngst die „New York Times“.
Noch massiver zog religiöser Konservatismus durch den inzwischen erfolgreich etablierten Begriff der „Islamophobie“ in die United Colors of Multiculturalism ein. Der schon zitierte „Aktionsplan gegen Rassismus“ der Bundesfamilienmini­s‍terin zieht mit: „Zum Teil erfolgt Islam- und Muslimfeindlichkeit über eine Umwegkommunikation der sogenannten Islamkritik, die häufig mit dem Eintreten für Meinungsfreiheit vorgetragen und legitimiert wird“, heißt es da.
Eine aus der Aufklärung kommende Kritik an Religion steht hier also von vornherein unter dem Verdacht der Islamophobie, hinter der sich „häufig ethnisch konnotierte, rassi­s‍tische Vor­s‍tellungen“ verbergen.
Foto-Welt.de
Ein anderes Indiz für die Inkonsi­s‍tenz des Gender- und postkolonialen Diskurses ist der ungenierte Umgang mit dem Begriff der „Rasse“. Rassismus wird nicht im Namen der Gleichheit, sondern der Differenz bekämpft: Wer die einzelnen „Rassen“ des Regenbogens – hier die Schwarzen, dort die Natives und da vielleicht gar die Muslime – immer nur als Opfer eines aus einer einzigen Richtung kommenden Energiestroms der Unterdrückung sieht, macht sich letztlich die Kategorien des Feindes zu eigen.

Auch Antirassi­s‍ten sind rassi­s‍tisch

Pascal Bruckner sprach 2007 vom „Rassismus der Antirassi­s‍ten“. Und der britische Autor Kenan Malik erzählt im „Observer“ anhand eines Streits über Adoptionsrecht, wie Rassi­s‍ten und Antirassi­s‍ten zu konfliktueller Komplizenschaft fanden.
Einem britischen Paar indischer Herkunft wurde von einer Gemeinde verboten, ein weißes Kind zu adoptieren, erzählt Malik da. Weißer Rassismus der Behörden? Aber „transrassische“ – allein der Begriff! – Adoption ist auch bei manchen Sprachrohren des Multikulturalismus unbeliebt. Malik zitiert: Schon 1983 verurteilte die Association of Black Social Workers transrassische Adoption als eine „Mikroform der Unterdrückung schwarzer Menschen und eine neue Form des Sklavenhandels“. Was ein schwarzes Kind vor allem brauche, sei eine „positive schwarze Identität“.
Das Problem ist, so Malik, daß sich eine solche Haltung „den Kern rassi­s‍tischen Denkens zu eigen macht, statt Rassismus zu bekämpfen“. Es ist ein posthumer Triumph von Malcolm X über Martin Luther King, des schwarzen Nationalismus über die Idee der Gleich­s‍tellung und des Universalismus.
Die universalen Fragen aber stellen sich : In allen Kulturen gibt es homosexuelle Männer, und so gut wie überall werden sie unterdrückt. Auch die Frauenfrage stellt sich jenseits aller Differenzen auf der ganzen Welt. Die Frage der Frauenrechte ist identisch mit der Frage der Menschenrechte.

Abtreibung ist Selbstbe­s‍timmung

Man kann sich fragen, ob die ultrahippen Differenzdiskurse nicht dazu sind, genau diese eine Differenz – die zwischen dem Status der Männer und der Frauen – zu begraben. Länder, die nicht auf dem Weg sind, Frauenrechte zu verwirklichen, versagen ganz, und nicht nur bei einem Teil ihres Reformbedarfs. Die ungemütliche Frage ist hier immer die der Selbstbe­s‍timmung und letztlich die der Abtreibung: Selbst in Europa gibt es Länder, in denen Abtreibung in allen denkbaren Fällen verboten ist.
Abtreibung ist in den letzten Jahren auch in westlichen Ländern schwieriger geworden. Als die Polinnen gegen die dra­s‍tischen Pläne ihrer Regierung auf­s‍tanden, regte sich an den gei­s‍teswissenschaftlichen In­s‍tituten unserer Universitäten kaum Solidarität.
Auch das LGBT-Kürzel, das je nach Queerneß noch um das eine oder andere Zeichen oder Sternchen verlängert wird, verdeckt, daß das eigentliche Skandalon nach wie vor die männliche Homosexualität ist: Schwule wurden in die KZs ge­s‍teckt, Schwule werden im Iran an Kränen aufgehängt, Schwule werden in Tschetschenien gefoltert. Selbst in Deutschland kam die Homoehe erst durch, als sie in Ehe für alle umbenannt worden war. So gesehen ist der Regenbogen auch ein Zeichen der Verdrängung.(Welt.de von Thierry Chervel)

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