Der Regenbogen ist ein Zeichen der Verdrängung
Das farbenfrohe Band steht für viele Minderheiten. Doch je mehr Rasse, Religion und Kultur in die Differenztheorie einsickern, umso schwächer wird der Gedanke des Universalismus.
ls Gilbert Baker im Jahr 1978 die Regenbogenflagge erfand,
wollte er dem rosa Dreieck, einem Stigma und Symbol schlimmster Repression,
ein Zeichen des Aufbruchs und Selbstbehauptung entgegensetzen. Das Symbol
entfaltete ungeheure Kraft.
Die Farben ordnete Baker noch wolkigen Begriffen wie
„Leben“, „Heilung“ und „Sonnenlicht“ zu. Das Kürzel „LGBT“ mit all den
folgenden Weiterungen war noch nicht erfunden: Heute werden die Farben sehr
häufig mit all den in diesem Kürzel enthaltenen Formen der Sexualität verknüpft.
Allerdings kann sich der Gay Pride nicht allein auf den
Regenbogen berufen. Schon lange vor der Schwulenbewegung hatte sich zum
Beispiel die Genossenschaftsbewegung eine Regenbogenflagge zum Symbol erkoren.
Und fast parallel zur Schwulenbewegung entwickelte Jesse
Jackson seine „Rainbow Coalition“ in
der Hoffnung, daß Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und kultureller Herkunft
gemeinsam gegen Rassismus und Unterdrückung eintreten. Eine ähnliche Idee
dürfte Bischof Tutu geleitet haben, als er seinem Volk im Dezember 1991 zurief:
„You are the Rainbow People of God.“
Verschiedene Formen der Unterdrückung
Die postkoloniale und Gender-Linke baut den Regenbogen immer
weiter aus. Mit dem Begriff der Intersektionalität soll die Gleichzeitigkeit
und Verschachtelung verschiedener Formen der Unterdrückung gedacht werden.
„Diskriminierungsformen wie Rassismus, Sexismus, Handicapism oder Klassismus addieren
sich nicht nur in einer Person, sondern führen zu eigenständigen
Diskriminierungserfahrungen“, sagt die Wikipedia im einschlägigen Artikel.
So komplex die Struktur der Unterdrückung damit zu werden
droht, so simpel ist die Zuschreibung ihrer Ursache: Wirkendes Prinzip in
diesen Stratifikationen ist immer der weiße Mann. „Critical
Whiteneß“ sucht Wege der Therapie.
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| Foto-Tagesspiegel.de |
Daß dieses Denken längst nicht mehr nur in esoterischen
Zirkeln an Ostküsten-Universitäten gepflegt wird, sondern große politische
Kraft entfaltet, zeigt der jüngst von Familienministerin Katarina Barley
vorgestellte „Aktionsplan gegen Rassismus“. Dort werden die Begriffe der
postkolonialen und Gender-Theorie
zur Analyse- und Handlungsgrundlage der Bundesregierung gemacht: „Durch die
Verbindung von Geschlecht und weiteren Merkmalen, die die Lebenssituation von
Frauen prägen (Intersektionalität), werden diese zu einer besonders
verletzlichen Gruppe“, heißt es da.
„Dies gilt insbesondere, wenn sexistische und rassistische
Diskriminierung zusammentreffen. So ist eine Frau, die aus religiösen Gründen
ein Kopftuch trägt, als Muslimin zu erkennen und daher leichter von islamophob
motivierter Diskriminierung in der Öffentlichkeit oder am Arbeitsplatz
betroffen.“
Die eigentliche Frauenfrage wird geopfert
Hier fällt uns der ganze Kladderadatsch dieser Theorien auf
die Füße: Die Diskriminierung einer Frau mit Kopftuch wird als „Rassismus“
bezeichnet. Religion wäre also eine Art angeborenes und nicht abzulegendes
Merkmal der Person. Muslimische Frauen werden im Sinne des bewußt angeeigneten
Begriffs der „Intersektionalität“ als doppelt unterdrückt angesehen – aber
doppelt unterdrückt von der Mehrheitsgesellschaft: als Frau und als Muslimin.
Daß das Kopftuch selbst Zeichen der Unterdrückung innerhalb einer anderen
Kultur ist, fällt unter den Tisch.
Mit anderen Worten: Die
eigentliche Frauenfrage, die die Hälfte der Menschheit in allen Kulturen
und „Rassen“ betrifft, wird der religiösen Differenz geopfert, die von der
Mehrheitsgesellschaft zu respektieren wäre.
Die Begriffe „Religion“, „Kultur“ und „Rasse“ sind die
Einfallstore der Reaktion in den Diskurs der allerneuesten Linken. Und das
geht schon länger so: Jesse Jackson ist Pastor. Daß die Bürgerrechtsbewegung
stark von religiösen Akteuren vorangetrieben wurde, wird oft übersehen. Aber
diese fortschrittliche Aufbruchsbewegung beinhaltete seit je strikt
konservative Elemente.
Jackson setzte sich zeit seines Lebens gegen Abtreibung ein
und stand in diesen Fragen der Pro-Life-Bewegung näher als New Yorker Feministinnen,
auch weil seine Regenbogenklientel in Fragen von Reproduktion und Sexualität
äußerst konservativ denkt.
Das Konstrukt der „Islamophobie“
Noch heute ist männliche Homosexualität unter Schwarzen in
den amerikanischen Südstaaten ein absolutes Tabu. Darum gibt es unter
schwarzen Homosexuellen in den USA eine höhere Aids- und HIV-Rate als in den am
schlimmsten betroffenen afrikanischen Staaten, berichtete jüngst die „New
York Times“.
Noch massiver zog religiöser Konservatismus durch den
inzwischen erfolgreich etablierten Begriff der „Islamophobie“
in die United Colors of Multiculturalism ein. Der schon zitierte „Aktionsplan
gegen Rassismus“ der Bundesfamilienministerin zieht mit: „Zum Teil erfolgt
Islam- und Muslimfeindlichkeit über eine Umwegkommunikation der sogenannten
Islamkritik, die häufig mit dem Eintreten für Meinungsfreiheit vorgetragen und
legitimiert wird“, heißt es da.
Eine aus der Aufklärung kommende Kritik an Religion steht
hier also von vornherein unter dem Verdacht der Islamophobie, hinter der sich
„häufig ethnisch konnotierte, rassistische Vorstellungen“ verbergen.
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| Foto-Welt.de |
Ein anderes Indiz für die Inkonsistenz des Gender- und
postkolonialen Diskurses ist der ungenierte Umgang mit dem Begriff der „Rasse“.
Rassismus wird nicht im Namen der Gleichheit, sondern der Differenz bekämpft:
Wer die einzelnen „Rassen“ des Regenbogens – hier die Schwarzen, dort die
Natives und da vielleicht gar die Muslime – immer nur als Opfer eines aus einer
einzigen Richtung kommenden Energiestroms der Unterdrückung sieht, macht sich
letztlich die Kategorien des Feindes zu eigen.
Auch Antirassisten sind rassistisch
Pascal
Bruckner sprach 2007 vom „Rassismus der Antirassisten“. Und der britische
Autor Kenan Malik erzählt im „Observer“ anhand eines Streits über
Adoptionsrecht, wie Rassisten und Antirassisten zu konfliktueller
Komplizenschaft fanden.
Einem britischen Paar indischer Herkunft wurde von einer
Gemeinde verboten, ein weißes Kind zu adoptieren, erzählt Malik da. Weißer
Rassismus der Behörden? Aber „transrassische“ – allein der Begriff! – Adoption
ist auch bei manchen Sprachrohren des Multikulturalismus unbeliebt. Malik
zitiert: Schon 1983 verurteilte die Association of Black Social Workers
transrassische Adoption als eine „Mikroform der Unterdrückung schwarzer
Menschen und eine neue Form des Sklavenhandels“. Was ein schwarzes Kind vor
allem brauche, sei eine „positive schwarze Identität“.
Das Problem ist, so Malik, daß sich eine solche Haltung „den
Kern rassistischen Denkens zu eigen macht, statt Rassismus zu bekämpfen“. Es
ist ein posthumer Triumph von Malcolm X über Martin Luther King, des schwarzen
Nationalismus über die Idee der Gleichstellung und des Universalismus.
Die universalen Fragen aber stellen sich : In allen Kulturen
gibt es homosexuelle Männer, und so gut wie überall werden sie unterdrückt.
Auch die Frauenfrage stellt sich jenseits aller Differenzen auf der ganzen
Welt. Die Frage der Frauenrechte ist identisch mit der Frage der
Menschenrechte.
Abtreibung ist Selbstbestimmung
Man kann sich fragen, ob die ultrahippen Differenzdiskurse
nicht dazu sind, genau diese eine Differenz – die zwischen dem Status der
Männer und der Frauen – zu begraben. Länder, die nicht auf dem Weg sind,
Frauenrechte zu verwirklichen, versagen ganz, und nicht nur bei einem Teil
ihres Reformbedarfs. Die ungemütliche Frage ist hier immer die der Selbstbestimmung
und letztlich die der Abtreibung: Selbst in Europa gibt es Länder, in denen
Abtreibung in allen denkbaren Fällen verboten ist.
Abtreibung ist in den letzten Jahren auch in westlichen
Ländern schwieriger geworden. Als die Polinnen gegen die drastischen Pläne
ihrer Regierung aufstanden, regte sich an den geisteswissenschaftlichen Instituten
unserer Universitäten kaum Solidarität.
Auch das LGBT-Kürzel,
das je nach Queerneß noch um das eine oder andere Zeichen oder Sternchen
verlängert wird, verdeckt, daß das eigentliche Skandalon nach wie vor die
männliche Homosexualität ist: Schwule wurden in die KZs gesteckt, Schwule
werden im Iran an Kränen aufgehängt, Schwule werden in Tschetschenien
gefoltert. Selbst in Deutschland kam die Homoehe erst durch, als sie in Ehe für
alle umbenannt worden war. So gesehen ist der Regenbogen auch ein Zeichen der
Verdrängung.(Welt.de von Thierry Chervel)



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