Was heißt schon Geschlecht?
“Ich Tarzan, du Jane“ – die Zeiten sind vorbei, in denen das biologische Geschlecht eines Menschen unverrückbar seine Identität bestimmte. Doch um die Anerkennung von Vielfalt und vermeintlichen “Genderwahn“ tobt auf einmal wieder ein Kulturkampf.
Jeder Mensch hat ein Geschlecht. Das ist eine Binsenweisheit
– oder nicht? Was ist das eigentlich, Geschlecht? Ist jeder Mensch entweder
Mann oder Frau, ein Leben lang? Kann er oder sie das Geschlecht wechseln? Ist
mit dem Geschlecht festgelegt, wen er oder sie sexuell begehrt? Bestimmt das
Geschlecht das Verhalten oder die Gefühle?
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Zu diesen Fragen wird viel geforscht. Und es gibt sehr
differenzierte, ernsthafte Antworten. Eine davon ist der in den
Sozialwissenschaften geprägte Begriff vom “Gender“. Gender heißt zunächst nur
Geschlecht. Wer aber von Gender spricht, erkennt an, daß das biologische
Geschlecht allein (im Englischen “sex“) keinen Menschen vorbestimmt. Neben
körperlichen Faktoren spielen Identitätsfragen, sexuelles Begehren,
gesellschaftliche Normen eine Rolle. In deren Zusammenspiel können sich
vielfältige Formen von Geschlecht entwickeln. Und das gefällt nicht jedem.
Unter dem verleumderischen Slogan “Genderwahn“ tobt derzeit
ein Kulturkampf von rechts gegen alles, was die zweigeschlechtliche und
hierarchische Ordnung der Geschlechter infrage stellt. Rechtspopulistische,
ultrakonservative und christlich-fundamentalistische Gruppierungen und
Publizisten wettern gegen jede Kritik am traditionellen Geschlechterverständnis,
gegen eine Modernisierung der Geschlechterverhältnisse, gegen Gleichstellungspolitik.
“Gender“ ist für sie zum Inbegriff all dessen geworden, was sie bekämpfen:
geschlechtliche Vielfalt, Ehe für alle, Gleichstellung in Wirtschaft und
Arbeitsleben, Politik und Gesellschaft, das Recht auf
Schwangerschaftsabbruch und sexuelle Selbstbestimmung.
Die AfD plakatiert “Stoppt den Gender-Wahn“. In mehreren
Bundesländern gehen Gruppen auf die Straße, die sich “Besorgte Eltern“ oder
“Demo für alle“ nennen. Sie demonstrieren gegen die Reform von Lehrplänen zur
Sexualerziehung, welche die Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt zum Ziel haben.
Sie spielen sich als Retter der traditionellen Kleinfamilie auf – obwohl die
meisten heutigen jungen Familien weder gerettet werden wollen noch müssen.
Zu ihrem Idealbild gehören ein Vater als Ernährer, eine
Mutter, idealerweise als Hausfrau oder höchstens Teilzeitbeschäftigte, und
mehrere biologisch eigene Kinder. Die öffentliche Sphäre ist dem Mann
vorbehalten, die private der Frau. In dieser Arbeitsteilung scheinen sie nur
als sich ergänzende Einheit vollständig. Daß in dieser Einheit der Mann die
hierarchisch höhere Stellung und mehr Macht hat, spielt keine Rolle.
Auch gesellschaftliche Ungleichheiten zwischen Männern und
Frauen, etwa auf dem Arbeitsmarkt oder in der Politik, werden mit deren
Unterschiedlichkeit legitimiert. Aber gibt es sie wirklich, eine
Unterschiedlichkeit, die mit der Natur, der Biologie oder einer göttlichen
Ordnung begründet werden kann?
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Symptom des Erstarkens der Neuen Rechten
Immer gleiche Behauptungen sollen diese rückwärtsgewandte
Sichtweise untermauern: Ob Mann oder Frau liegt vom ersten Schrei bis zum
letzten Atemzug fest. Die Ehe ist eine Verbindung zwischen Mann und Frau. Die
Ehe für gleichgeschlechtliche Partner zerstört die Familie. Ein
Sexualkundeunterricht, der sexuelle Vielfalt thematisiert, sexualisiert
unschuldige Kinder, verwirrt Jugendliche in der Pubertät und fördert Mißbrauch.
Und schließlich: Gender Mainstreaming – ein Konzept, um die geschlechtsspezifische
Wirkung politischer Entscheidungen zu überprüfen – ist ein staatliches
Umerziehungsprogramm. Eine als Wissenschaft getarnte Ideologie.
Diese Polemik gegen moderne Geschlechterpolitiken ist ein
Symptom des Erstarkens der Neuen Rechten. Doch das Wort vom “Genderwahn“
spricht auch andere, weniger aggressive gesellschaftliche Kreise an. Da sind
Konservative und tief Religiöse, die ihre Familienwerte und eine als göttlich
begriffene Ordnung bedroht sehen. Da sind Männerrechtler, denen Gleichstellung
schon immer ein Dorn im Auge war. Und da sind Eltern, die befürchten, ihr Kind
könnte homosexuell oder transsexuell werden, weil irgendjemand es “auf die Idee
gebracht hat“.
Nur: Es geht nicht darum, Frauen das Frausein und Männern
das Mannsein abzusprechen. Niemand soll “umerzogen“ werden. Vielmehr soll
darüber aufgeklärt werden, daß es auch andere Identitäten gibt als –
karikierend gesprochen – “ich Tarzan, du Jane“. Sichtbare wie unsichtbare
Fesseln und vermeintliche Selbstverständlichkeiten kommen auf den Prüfstand.
Das schränkt keinen in seiner persönlichen Entfaltung ein, eröffnet aber neue
Freiheiten für Menschen, die sich unwohl fühlen in einer “zweigeschlechtlichen
Haut“. (von Dorothee Beck und Barbara Stiegler-haz.de)



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