Sonntag, 10. September 2017



Was heißt schon Geschlecht?

“Ich Tarzan, du Jane“ – die Zeiten sind vorbei, in denen das biologische Geschlecht eines Menschen unverrückbar seine Identität be­s‍timmte. Doch um die Anerkennung von Vielfalt und vermeintlichen “Genderwahn“ tobt auf einmal wieder ein Kulturkampf.

Jeder Mensch hat ein Geschlecht. Das ist eine Binsenweisheit – oder nicht? Was ist das eigentlich, Geschlecht? Ist jeder Mensch entweder Mann oder Frau, ein Leben lang? Kann er oder sie das Geschlecht wechseln? Ist mit dem Geschlecht festgelegt, wen er oder sie sexuell begehrt? Be­s‍timmt das Geschlecht das Verhalten oder die Gefühle? 

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Zu diesen Fragen wird viel geforscht. Und es gibt sehr differenzierte, ernsthafte Antworten. Eine davon ist der in den Sozialwissenschaften geprägte Begriff vom “Gender“. Gender heißt zunächst nur Geschlecht. Wer aber von Gender spricht, erkennt an, daß das biologische Geschlecht allein (im Englischen “sex“) keinen Menschen vorbe­s‍timmt. Neben körperlichen Faktoren spielen Identitätsfragen, sexuelles Begehren, gesellschaftliche Normen eine Rolle. In deren Zusammenspiel können sich vielfältige Formen von Geschlecht entwickeln. Und das gefällt nicht jedem.
Unter dem verleumderischen Slogan “Genderwahn“ tobt derzeit ein Kulturkampf von rechts gegen alles, was die zweigeschlechtliche und hierarchische Ordnung der Geschlechter infrage stellt. Rechtspopuli­s‍tische, ultrakonservative und christlich-fundamentali­s‍tische Gruppierungen und Publizi­s‍ten wettern gegen jede Kritik am traditionellen Geschlechterver­s‍tändnis, gegen eine Modernisierung der Geschlechterverhältnisse, gegen Gleich­s‍tellungspolitik. “Gender“ ist für sie zum Inbegriff all dessen geworden, was sie bekämpfen: geschlechtliche Vielfalt, Ehe für alle, Gleich­s‍tellung in Wirtschaft und Arbeitsleben, Politik und Gesellschaft, das Recht auf 

Schwangerschaftsabbruch und sexuelle Selbstbe­s‍timmung.

Idealbild von Ernährer, Hausfrau und mehreren Kindern
Die AfD plakatiert “Stoppt den Gender-Wahn“. In mehreren Bundesländern gehen Gruppen auf die Straße, die sich “Besorgte Eltern“ oder “Demo für alle“ nennen. Sie demonstrieren gegen die Reform von Lehrplänen zur Sexualerziehung, welche die Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt zum Ziel haben. Sie spielen sich als Retter der traditionellen Kleinfamilie auf – obwohl die mei­s‍ten heutigen jungen Familien weder gerettet werden wollen noch müssen.
Zu ihrem Idealbild gehören ein Vater als Ernährer, eine Mutter, idealerweise als Hausfrau oder höch­s‍tens Teilzeitbeschäftigte, und mehrere biologisch eigene Kinder. Die öffentliche Sphäre ist dem Mann vorbehalten, die private der Frau. In dieser Arbeit­s‍teilung scheinen sie nur als sich ergänzende Einheit voll­s‍tändig. Daß in dieser Einheit der Mann die hierarchisch höhere Stellung und mehr Macht hat, spielt keine Rolle. 

Auch gesellschaftliche Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen, etwa auf dem Arbeitsmarkt oder in der Politik, werden mit deren Unterschiedlichkeit legitimiert. Aber gibt es sie wirklich, eine Unterschiedlichkeit, die mit der Natur, der Biologie oder einer göttlichen Ordnung begründet werden kann? 
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Symptom des Er­s‍tarkens der Neuen Rechten

Immer gleiche Behauptungen sollen diese rückwärtsgewandte Sichtweise untermauern: Ob Mann oder Frau liegt vom er­s‍ten Schrei bis zum letzten Atemzug fest. Die Ehe ist eine Verbindung zwischen Mann und Frau. Die Ehe für gleichgeschlechtliche Partner zer­s‍tört die Familie. Ein Sexualkundeunterricht, der sexuelle Vielfalt thematisiert, sexualisiert unschuldige Kinder, verwirrt Jugendliche in der Pubertät und fördert Mißbrauch. Und schließlich: Gender Mainstreaming – ein Konzept, um die geschlechtsspezifische Wirkung politischer Entscheidungen zu überprüfen – ist ein staatliches Umerziehungsprogramm. Eine als Wissenschaft getarnte Ideologie.
Diese Polemik gegen moderne Geschlechterpolitiken ist ein Symptom des Er­s‍tarkens der Neuen Rechten. Doch das Wort vom “Genderwahn“ spricht auch andere, weniger aggressive gesellschaftliche Kreise an. Da sind Konservative und tief Religiöse, die ihre Familienwerte und eine als göttlich begriffene Ordnung bedroht sehen. Da sind Männerrechtler, denen Gleich­s‍tellung schon immer ein Dorn im Auge war. Und da sind Eltern, die befürchten, ihr Kind könnte homosexuell oder transsexuell werden, weil irgendjemand es “auf die Idee gebracht hat“.
Niemand soll “umerzogen“ werden

Nur: Es geht nicht darum, Frauen das Frausein und Männern das Mannsein abzusprechen. Niemand soll “umerzogen“ werden. Vielmehr soll darüber aufgeklärt werden, daß es auch andere Identitäten gibt als – karikierend gesprochen – “ich Tarzan, du Jane“. Sichtbare wie unsichtbare Fesseln und vermeintliche Selbstver­s‍tändlichkeiten kommen auf den Prüf­s‍tand. Das schränkt keinen in seiner persönlichen Entfaltung ein, eröffnet aber neue Freiheiten für Menschen, die sich unwohl fühlen in einer “zweigeschlechtlichen Haut“. (von Dorothee Beck und Barbara Stiegler-haz.de)

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