Dienstag, 19. September 2017



Homosexuelle Männer verdienen weniger Geld als gleichqualifizierte Heterosexuelle. Das hat das Deutsche In­s‍titut für Wirtschaftsforschung anhand von Stati­s‍tiken herausgefunden. Doch was sind die Gründe für die Benachteiligung?

Das Deutsche In­s‍titut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat herausgefunden, daß homosexuelle Männer weniger Geld verdienen als gleichqualifizierte heterosexuelle Männer in vergleichbaren Berufen. Heterosexuelle Männer verdienten etwa 18 Euro brutto die Stunde, homosexuelle dagegen nur 16,40 Euro. Dieser Ab­s‍tand mag deutlich geringer sein als der Ab­s‍tand zu den Frauen, die nur 14,40 Euro verdienten. Aber dennoch ist es ein erklärungsbedürftiger Befund. Insbesondere weil er etwas verrät über die Schwierigkeit, aus einem stati­s‍tischen Merkmal auf soziale Diskriminierung zu schließen und diese dann auch noch mit einer kausalen Begründung zu erklären.

Ein präsentes kulturelles Phänomen

Als kulturelles Phänomen mögen Schwule, Lesben und Bisexuelle in der deutschen Gesellschaft sehr präsent sein – in der Sozialstati­s‍tik hingegen weiß man über ihre Lebenslagen er­s‍taunlich wenig. Das liegt auch daran, daß große Bevölkerungsumfragen wie etwa der amtliche Mikrozensus des Stati­s‍tischen Bundesamtes nur die klassischen Daten der sozialen Schichtung abfragen – also Alter, Geschlecht, Ausbildung, Einkommen, Partnerschaftsverhältnisse, Religion, Kinder, Haushaltsgrößen und Herkunft, aber nicht die sexuelle Orientierung. Das DIW selbst konnte in seiner großen Sozialbefragung, dem Sozioökonomischen Panel (SOEP), seit 1984 ebenfalls nur indirekt über die Fragen zur Haushaltszusammensetzung sowie den Partnerschaftsverhältnissen auf die sexuelle Orientierung seiner Befragten schließen. Seit 2016 können die DIW-Forscher nun erstmals auch direkt nachfragen, ob sich ein Teilnehmer als hetero-, homo- oder bisexuell ver­s‍teht. Und wer dann fest­s‍tellt, daß es nicht unerhebliche Unterschiede bei den Einkommen gibt, wird sofort mit der Rückfrage konfrontiert werden, ob der stati­s‍tische Befund der Benachteiligung von Homosexuellen damit erklärbar ist, weil sie eben homosexuell sind.

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Die Studie des DIW kann solche kausalen Antworten natürlich nicht liefern. Sie kann nur fest­s‍tellen, daß der besagte Lohnnachteil auch unter Berücksichtigung von Unterschieden in Qualifikationen, Stellung im Beruf, Berufserfahrung, Arbeitszeitmodellen und Branchen be­s‍tünde. Das ist auch deshalb er­s‍taunlich, weil die Homosexuellen in dieser SOEP-Auswertung eine höhere Schul- und Berufsausbildung haben als die Heterosexuellen, nämlich 47 Prozent (Fach)Hochschulreife gegenüber nur 36 Prozent. Und doch steige der Lohnvorteil der Heterosexuellen sogar auf über zwei Euro, wenn man diese durchschnittlich höhere Schulbildung stati­s‍tisch berücksichtige. Aber warum ist das Abitur eines Homosexuellen insofern weniger wert als das eines Heterosexuellen?

Diskriminierung äußert sich in indirekten und subtilen Formen

Ein einfaches Modell von Diskriminierung müßte annehmen, daß man wegen seiner sexuellen Identität nur benachteiligt werden könne, wenn diese Identität bekannt ist. Jemand zeigte also etwa bei einer Bewerbung um einen Job seine Homosexualität ganz offen, und würde dann von einem potentiellen Arbeitgeber genau deshalb abgelehnt. Oder als bereits Beschäftigter bei Beförderungen und Gehaltserhöhungen übergangen – erneut wegen seiner bekannten Homosexualität. Nun weiß man bereits aus der umfangreichen Forschung zur Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt, daß es leider nicht so einfach ist. Leider? Ja, wenn es nämlich um die rechtliche Bekämpfung von Diskriminierung geht, wäre es so viel leichter, diese nachzuweisen und einen dafür Schuldigen zu identifizieren. In der Wirklichkeit jedoch äußert sich Diskriminierung in indirekteren und subtileren Formen. Man muß wohl den Umweg über den Begriff des sozialen Netzwerkes gehen: Arbeitsplätze sind Teil von Organisationen – von Betrieben, Behörden, Teams. Über Erfolg oder Mißerfolg entscheidet hier mehr als nur fachliche Kompetenz, Fleiß oder Ehrgeiz. Die Einbettung der Erwerb­s‍tätigkeit in ein ganz eigenes soziales Leben von Freundschaftsverhältnissen, Kollegen, Betriebsfeiern, und eben auch Klatsch und anderen informellen Informationsquellen entscheidet oft mit über persönliche Vorteile, die Karriere, den Auf­s‍tieg. 

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Wer dort sozialen Erfolg hat, kann diesen oft in ökonomische Gewinne übertragen. Das mag für jemanden Nachteile bedeuten, der entweder durch das Verbergen seiner sexuellen Identität oder gerade durch deren offenes Ausleben von solchen Netzwerken der heterosexuellen Mehrheit zumindest zum Teil ausgeschlossen wird, also: nicht mitfeiert, keine Kollegen nach der Arbeit trifft oder den Chef nie zum Essen einlädt.
Aber natürlich wirft ein solches Modell schwierige Fragen auf: Haben wir es hier nicht auch mit Selbstdiskriminierung zu tun? Daß ein Homosexueller vielleicht kein Interesse an der Freizeitkultur seiner heterosexuellen Kollegen hat, ist ja völlig legitim. Oder eine junge Mitarbeiterin an der ihrer älteren Kolleginnen. Wäre es anders, würde man ihnen also das Recht auf eine eigene Kultur absprechen, läge ja genau darin die Diskriminierung. Die Frage ist aber, ob man die Folgen einer solchen kulturellen Selb­s‍tabgrenzung gleichzeitig als ökonomische Diskriminierung beklagen kann. (von Gerald Wagner-FAZ.)

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