Homosexuelle Männer verdienen weniger Geld als gleichqualifizierte Heterosexuelle. Das hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung anhand von Statistiken herausgefunden. Doch was sind die Gründe für die Benachteiligung?
Das Deutsche
Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat herausgefunden, daß
homosexuelle Männer weniger Geld verdienen als gleichqualifizierte
heterosexuelle Männer in vergleichbaren Berufen. Heterosexuelle Männer
verdienten etwa 18 Euro brutto die Stunde, homosexuelle dagegen nur 16,40 Euro.
Dieser Abstand mag deutlich geringer sein als der Abstand zu den Frauen,
die nur 14,40 Euro verdienten. Aber dennoch ist es ein erklärungsbedürftiger Befund.
Insbesondere weil er etwas verrät über die Schwierigkeit, aus einem statistischen
Merkmal auf soziale Diskriminierung zu schließen und diese dann auch noch mit
einer kausalen Begründung zu erklären.
Ein präsentes kulturelles Phänomen
Als kulturelles Phänomen mögen Schwule, Lesben und
Bisexuelle in der deutschen Gesellschaft sehr präsent sein – in der Sozialstatistik
hingegen weiß man über ihre Lebenslagen erstaunlich wenig. Das liegt auch
daran, daß große Bevölkerungsumfragen wie etwa der amtliche Mikrozensus des
Statistischen Bundesamtes nur die klassischen Daten der sozialen Schichtung
abfragen – also Alter, Geschlecht, Ausbildung, Einkommen,
Partnerschaftsverhältnisse, Religion, Kinder, Haushaltsgrößen und Herkunft,
aber nicht die sexuelle Orientierung. Das DIW selbst konnte in seiner großen
Sozialbefragung, dem Sozioökonomischen Panel (SOEP), seit 1984 ebenfalls nur
indirekt über die Fragen zur Haushaltszusammensetzung sowie den
Partnerschaftsverhältnissen auf die sexuelle Orientierung seiner Befragten
schließen. Seit 2016 können die DIW-Forscher nun erstmals auch direkt
nachfragen, ob sich ein Teilnehmer als hetero-, homo- oder bisexuell versteht.
Und wer dann feststellt, daß es nicht unerhebliche Unterschiede bei den
Einkommen gibt, wird sofort mit der Rückfrage konfrontiert werden, ob der statistische
Befund der Benachteiligung von Homosexuellen damit erklärbar ist, weil sie eben
homosexuell sind.
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Die Studie des DIW kann solche kausalen Antworten natürlich
nicht liefern. Sie kann nur feststellen, daß der besagte Lohnnachteil auch
unter Berücksichtigung von Unterschieden in Qualifikationen, Stellung im Beruf,
Berufserfahrung, Arbeitszeitmodellen und Branchen bestünde. Das ist auch
deshalb erstaunlich, weil die Homosexuellen in dieser SOEP-Auswertung eine
höhere Schul- und Berufsausbildung haben als die Heterosexuellen, nämlich 47
Prozent (Fach)Hochschulreife gegenüber nur 36 Prozent. Und doch steige der
Lohnvorteil der Heterosexuellen sogar auf über zwei Euro, wenn man diese durchschnittlich
höhere Schulbildung statistisch berücksichtige. Aber warum ist das Abitur
eines Homosexuellen insofern weniger wert als das eines Heterosexuellen?
Diskriminierung äußert sich in indirekten und subtilen Formen
Ein einfaches Modell von Diskriminierung müßte annehmen, daß
man wegen seiner sexuellen Identität nur benachteiligt werden könne, wenn diese
Identität bekannt ist. Jemand zeigte also etwa bei einer Bewerbung um einen Job
seine Homosexualität ganz offen, und würde dann von einem potentiellen
Arbeitgeber genau deshalb abgelehnt. Oder als bereits Beschäftigter bei
Beförderungen und Gehaltserhöhungen übergangen – erneut wegen seiner bekannten
Homosexualität. Nun weiß man bereits aus der umfangreichen Forschung zur
Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt, daß es leider nicht so einfach
ist. Leider? Ja, wenn es nämlich um die rechtliche Bekämpfung von
Diskriminierung geht, wäre es so viel leichter, diese nachzuweisen und einen
dafür Schuldigen zu identifizieren. In der Wirklichkeit jedoch äußert sich
Diskriminierung in indirekteren und subtileren Formen. Man muß wohl den Umweg
über den Begriff des sozialen Netzwerkes gehen: Arbeitsplätze sind Teil von
Organisationen – von Betrieben, Behörden, Teams. Über Erfolg oder Mißerfolg
entscheidet hier mehr als nur fachliche Kompetenz, Fleiß oder Ehrgeiz. Die
Einbettung der Erwerbstätigkeit in ein ganz eigenes soziales Leben von
Freundschaftsverhältnissen, Kollegen, Betriebsfeiern, und eben auch Klatsch und
anderen informellen Informationsquellen entscheidet oft mit über persönliche
Vorteile, die Karriere, den Aufstieg.
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Wer dort sozialen Erfolg hat, kann
diesen oft in ökonomische Gewinne übertragen. Das mag für jemanden Nachteile
bedeuten, der entweder durch das Verbergen seiner sexuellen Identität oder
gerade durch deren offenes Ausleben von solchen Netzwerken der heterosexuellen
Mehrheit zumindest zum Teil ausgeschlossen wird, also: nicht mitfeiert, keine
Kollegen nach der Arbeit trifft oder den Chef nie zum Essen einlädt.
Aber natürlich wirft ein solches Modell schwierige Fragen
auf: Haben wir es hier nicht auch mit Selbstdiskriminierung zu tun? Daß ein
Homosexueller vielleicht kein Interesse an der Freizeitkultur seiner
heterosexuellen Kollegen hat, ist ja völlig legitim. Oder eine junge Mitarbeiterin
an der ihrer älteren Kolleginnen. Wäre es anders, würde man ihnen also das
Recht auf eine eigene Kultur absprechen, läge ja genau darin die
Diskriminierung. Die Frage ist aber, ob man die Folgen einer solchen
kulturellen Selbstabgrenzung gleichzeitig als ökonomische Diskriminierung
beklagen kann. (von Gerald Wagner-FAZ.)



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