Leben mit Asexualität
Wie es sich anfühlt, wenn die sexuelle Anziehung ausbleibt.
Aufgeklärte Menschen wissen mittlerweile längst, daß es weit
mehr als die Liebe zwischen Mann und Frau mit sich früher oder später einstellender
sexueller Begegnung gibt. Und auch über „schwul, lesbisch und bi“ hinaus hört
die Vielfalt nicht auf. Denn Lust hat viele Gesichter.
Doch es gibt auch Menschen, für die der Lustaspekt der Sexualität keine
oder nur sehr wenig Bedeutung hat.
Asexuell: Was heißt das?
Für viele ist es vielleicht schwer vorstellbar. Aber es
gibt Menschen, die gar keine
Gefühle von sexueller Anziehung gegenüber anderen entwickeln. Die überhaupt
kein Verlangen nach sexueller Interaktion spüren.
Nach dem unter anderem durch den Austausch in
Internetforen immer mehr darüber bekannt wurde, daß es durchaus vielen Menschen
so geht, entstand für dieses Phänomen zunächst der Begriff der „Asexualität“.
Später haben sich weitere Differenzierungen entwickelt, die dem Einzelnen oft
noch besser gerecht werden, weil sie auf die jeweiligen Bedürfnisse abzielen.
Hetero-, homo- oder biromantisch
Asexuelle Menschen verstehen sich nämlich nicht als
Eremiten, die Nähe und Beziehung in jeder Form ablehnen. Im Gegenteil: Ihnen
ist vor allem die emotionale bzw. romantische Komponente der Anziehung wichtig.
Und somit ist bei ihnen durchaus oft der Wunsch nach Beziehung vorhanden. Nur
eben auf platonischer Basis.
Je nach Orientierung wird daher auch von Hetero-, Homo- oder
Biromantik gesprochen. Diese Begriffe scheinen weniger defizitär und
stigmatisierend, weil sie das Vorhandene betonen, statt das vermeintlich
Fehlende hervorzuheben, wie im Begriff „Asexualität“.
Zur leichteren Lesbarkeit (und weil es noch viel mehr Unterbegriffe
gibt) bleiben wir im weiteren Text jedoch bei dieser Bezeichnung.
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Asexualität als Ausrede für Lustlosigkeit?
Manch einer macht sich vielleicht Gedanken, ob Asexualität
vielleicht nur eine Umetikettierung für die sich häufig einstellende Lustlosigkeit
in längeren Beziehungen sein könnte. Eine Art gutes Argument für fehlende
Lust am Beischlaf mit dem Partner. Doch diese Deutung wird dem Thema nicht
gerecht. Denn es geht hier nicht um etwas, daß abhandengekommen ist, wie es zum
Beispiel beim (vorübergehenden) Verlust der Libido in Folge psychischer
Krankheiten oder als Nebenwirkung von Medikamenten vorkommen kann.
Wenn Asexuelle auf ihr Leben zurückblicken, können sie oft
erkennen, daß sie schon lange so fühlen, vielleicht früher mal sexuell
experimentiert haben um herauszufinden, wo sie eigentlich stehen. Um dann doch
zu dem Schluß zu kommen, daß die Anbahnung von Geschlechtsverkehr ihnen nicht
wirklich selber entspringt und daß das körperliche Erleben dabei eine geringe
Bedeutung hat.
Krank oder normal?
Als Krankheit oder sexuelle Störung ist Asexualität in
moderner Literatur nicht zu finden. Dies liegt unter anderem daran, daß für
Asexuelle kein Leidensdruck dadurch besteht, daß sie keine sexuelle Anziehung
erleben. Sie sehen es als normalen Teil ihrer Persönlichkeit.
Trotzdem ergeben sich für manche Asexuelle schmerzliche
Entbehrungen. Denn es ist offenbar schwierig für sie, Gleichgesinnte zu finden.
Also andere, die sich eine innige Beziehung ohne Sexualität vorstellen
können.
Für die meisten Menschen hat die sexuelle Komponente innerhalb
der Partnerschaft nun
mal einen hohen Stellenwert. Und das Fehlen von Sexualität in einer Beziehung
wird von dieser Mehrheit als Defizit erlebt. Als Anzeiger, daß etwas nicht
stimmt mit der Partnerschaft. Die Suche nach einem Partner ist für Asexuelle
also durchaus schwierig und die Verständnislosigkeit bei anderen nach einem
„Outing“ oft groß.
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Haben Asexuelle nie Sex?
Ob oder wie oft asexuelle Menschen Sex haben, hängt von
ihren weiteren Wünschen an das Leben ab. Manche tun es hin und wieder, um ihrem
nicht asexuellen Partner entgegen zu kommen oder ihn nicht zu verlieren. Für
viele wird es wegen des Kinderwunsches ein Thema. Wobei das ja heute keine
sexuelle Begegnung mehr voraussetzt. Trotzdem rechtfertigt es für manche
offenbar eine Ausnahme. Warum auch nicht? Asexuelle finden Geschlechtsverkehr
ja nicht unbedingt ekelhaft. Er bedeutet ihnen nur wenig oder eben nichts.
Tiefere Gründe für diese Orientierung?
Psychologisch Interessierte Menschen fragen sich in diesem
Zusammenhang sicher, ob es nicht Gründe
wie sexuelle Gewalterfahrung gegeben haben muß, wenn Sexualität oder
sexuelles Verlangen für einen Menschen kein Thema ist. Dem würden jedoch viele
Asexuelle nicht zustimmen. Sie fühlen sich nicht als Opfer früherer
Ereignisse, die sie „in die Asexualität getrieben“ haben.
Ausgehend von der unter heutigen Sexualforschern anerkannten
Überzeugung, daß wir alle als sexuelle Wesen auf die Welt kommen, sei trotzdem
die Frage erlaubt: Wie war das bei den bekennenden Asexuellen? Was hat dazu
geführt, daß sie diesen
Teil in sich nicht haben oder leben wollen, der für so viele
andere Menschen ein wichtiger Quell der Freunde und Spender von Lebensenergie
und Entspannung ist?
Manch ein Asexueller sucht vielleicht nach einer Antwort auf
diese Frage. Der findet hoffentlich bei Psychologen Hilfe. Für andere stellt
sich diese Frage nicht. Sie akzeptieren sich, wie sie sind. Und das ist
letztlich das Entscheidende: Mit sich selber im Reinen zu sein. Jeder nach
seiner Fasson. Das sollte in unserer Gesellschaft möglich sein. (Redaktion-Cosmopolitan)



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