Wahl zum Bundestag: Vielleicht gar nicht so schlecht
Das Wahlergebnis ist ein Schock. Aber es könnte Gutes hervorbringen: Eine Koalition, die kluge Politik macht. Eine mutige SPD. Eine AfD, mit der man fertigwerden kann.
Es konnte nicht gutgehen – und es ist nicht gutgegangen.
Eine historisch ungeheuer aufgeladene Legislaturperiode mit
Eurokrise, Ukraine-Krise und Flüchtlingskrise drohte in einem fast windstillen
Wahlkampf zu enden. Den etablierten Parteien gelang es nicht, ein Thema zu
setzen, mit dem diese gewaltige Globalisierungsenergie auch nur annähernd
verarbeitet werden konnte. Also suchte sich der Wahlkampf ein Ventil, es war
die Wut einer Minderheit, die mit den Ängsten einer Mehrheit unterirdisch
korrespondierte; es war die Partei, die zu all den Zumutungen der
Globalisierung, zum Helfen-Sollen beim Euro und den Flüchtlingen, zum
Standhalten-Müssen gegenüber Rußland am lautesten Nein schrie. Wie von
Zauberhand kippte so der Wahlkampf von der vermeintlichen Langeweile in eine
manifeste Hysterie, die Demobilisierung der einen befeuerte die
Mobilisierung der anderen, alles drehte sich in den letzten vier Wochen nur
mehr um die bedauernswerte Symbolfigur der Globalisierung – den Flüchtling. Und
mit einem Mal waren flüchtlingspolitisch so viele politische Fälschungen
unterwegs, daß das Original dabei nur gut abschneiden konnte.
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| Bild-männer |
Harmlose SPD
Die Hauptverantwortung dafür tragen nicht in erster Linie
die Medien (die auch), sondern die beiden Volksparteien. Angela Merkel hat für
die Größe und die historische Wucht ihrer Politik kaum je Worte und Gesten gefunden, die ihre eigene
Klientel wirklich hätten bewegen können. Ihre asymmetrische Demobilisierung
mobilisierte diesmal asymmetrisch – die AfD. Und die SPD wagte es nicht, auch
nur eine einzige soziale Forderung zu erheben, bei der irgendjemand in der
Republik aufgeheult hätte, keine CDU, keine CSU, kein Unternehmerverband. Wie
aber soll eine Partei, die niemanden wütend macht, wütende Menschen für sich
gewinnen?
Doch obwohl der Schock programmiert war, gelang es den
Parteien am Wahlabend noch nicht, daraus wirklich Schlüsse zu ziehen. Der erste
Reflex war, die AfD zu bekämpfen, indem man noch härter gegen Flüchtlinge
vorgeht, noch mehr für die Innere Sicherheit tut, die halbe Republik, mindestens
jedoch die ganze Union wieder weiter rechts ansiedelt. Das ist wenig
aussichtsreich, weil ja diese Politik schon seit langem betrieben wird. Was für
Härten will man den Flüchtlingen denn noch angedeihen lassen, damit die AfD
wieder klein wird?
Ohnehin fehlt in der Öffentlichkeit, vor allem aber in der CSU, die jetzt
irgendwie nach rechts will, ein tieferes Verständnis dafür, warum die Union
unter Merkel liberaler und globaler geworden ist und so rechts von sich Raum
lassen mußte: weil nämlich konservative und national orientierte Politik in
einer globalisierten Welt an jeder Wegkreuzung in Paradoxien führt, wie zurzeit
in den USA und in Großbritannien gut zu besichtigen ist. Ein Land, das noch
dazu so sehr von seinem Export lebt und dessen Zugriff auf den Nationalismus
aus nahe liegenden Gründen sehr begrenzt ist, kann gar nicht anders als liberal und weltoffen geführt werden. Es liegt
gewissermaßen im nationalen Interesse Deutschlands, nicht national zu sein.
Zudem, und das ist die mit der meisten psychischen Energie verdrängte
Wahrheit: Ein Exportweltmeister kann nicht anders, als sich auch einen Teil
der Probleme der Welt da draußen zu importieren. (Es sei denn, man wäre eine
Insel wie Australien oder Kanada.)
Der Gott der Demokratie – das Volk – hat nun in seiner
unendlichen Weisheit eine Konstellation geschaffen, in der dieses
konservative Dilemma voll zum Austrag kommt. Die CSU, deren Vorsitzender aus
seinem taktischen Nirwana rechte Töne sendet, muß nun um des Vaterlandes willen
eine Koalition schmieden, die all das enthalten wird, was ein modernes
Deutschland eben so braucht: ökologischer Avantgardismus, größte
gesellschaftliche Liberalität, internationale Verantwortung nicht zuletzt mit
auch finanziell hohem Einsatz etwa für die EU. Jamaika wird, und das liegt
nicht an den Farben, eine recht farbenfrohe Veranstaltung. Wie Horst Seehofer
unter diesen Umständen zugleich die "rechte Flanke schließen" will,
um bei der heiligen Bayern-Wahl in einem Jahr die absolute Mehrheit zu
gewinnen, das ist ein tiefes Rätsel – dessen Lösung vielleicht sein Rücktritt
sein könnte. Wenn Jamaika scheitern sollte, dann jedenfalls nicht an den Grünen
oder der FDP, sondern an der CSU und ihrem Traum von absoluten Mehrheiten in
sehr relativen Zeiten.
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| Foto-railbow-Netzwerk |
Merkels große Aufgabe
Nicht zuletzt darf man hier auf die Kanzlerin gespannt sein.
Sie wird als lame duck und halbe Wahlverliererin weniger Macht haben als
zuletzt, sie wird aber auch freier sein als je zuvor. Eine ihre größten
Aufgaben hat sie sich am Wahlabend selbst gestellt: einen Teil der AfD-Wähler
wieder zurückzuholen. Da sie konstitutionell unfähig ist, das mit rechter
oder autoritärer Politik zu versuchen, darf man umso gespannter sein auf die
Frage: Wie denn dann?
In der Opposition wiederum können zwei linke Parteien dafür
sorgen, daß die Menschen, die von der Globalisierung wenig profitieren und auf
deren Zumutungen darum umso aggressiver reagieren, sich wieder gemeint und
gesehen fühlen. Die Aufgabe von SPD und der Linken besteht genau darin:
soziale und kulturelle Ängste aufzunehmen, bevor sie sich in rassistische
Gefühle verwandelt haben. Sogar eine mittelfristige Rückverwandlung von
identitären in soziale Forderungen ist ja nicht ausgeschlossen. Daß sowohl SPD
wie Linke ein ausgeprägtes antifaschistisches Sensorium haben, könnte in der
neuen Konstellation ebenfalls helfen. Zwar ist die AfD noch keine voll
ausgebildete rechtsextreme Partei, aber sie dürfte – gerade auch im Parlament –
sehr viel Gegenwind und Widerstand brauchen, damit sie es nicht wird.
Die AfD hat gesagt, sie wolle sich "ihr Land
zurückholen". Nun, da wüßte man gern, welches Land sie da meint und auf
welchen Zeitraum sich dieses Zurück bezieht. Diese Partei lebt in einer Traumwelt,
genauer in einer Alptraumwelt, weil sie sich nach etwas sehnt, was
unwiederbringlich verloren ist, weil es zu keiner Zeit da war: eine mächtig
stolze deutsche Nation, ergriffen von sich selbst, geordnet und gereinigt. Das
Nein zu allen Rückwirkungen einer Globalisierung, die nicht zuletzt von
Deutschland ausgeht, ist ebenso aussichtslos wie das Ja zu einer deutschen
Geschichte, die nicht mehr von den zwölf Jahren reden möchte und dabei
unablässig bei den zwölf Jahren landet. Das darf man nie vergessen: Im Kern der
AfD sitzt Verzweiflung, diese Leute machen keine Politik für Deutschland, sie
treiben politische Archäologie, sie graben mit Teelöffeln nach einem Land, das
es nie gab. Mit sowas kann man wirklich fertig werden – auch ganz ohne selber
rechts zu werden.
Diese Wahl war ohne Zweifel eine Zäsur. Doch gegen allen ersten
Anschein und gegen alle verständliche Abscheu: Es muß keine Wende zum
Schlechteren werden.(Ein Kommentar von Bernd Ulrich,zeit.de )



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