Heiße Liebesbriefe unter Männern
Rosa von Praunheim hat soeben in Weimar und Gotha sein Dokudrama über Homoerotik in der Goethezeit abgedreht.
Weimar. Der junge Goethe träumt, so schreibt er im August
1774 in Frankfurt, den Augenblick: „habe deinen Brief und schwebe um
dich.“
Und: „Du hast gefühlt, dass es mir Wonne war, Gegenstand
deiner Liebe zu seyn. – O das ist herrlich dass jeder glaubt, mehr vom andern
zu empfangen als er giebt! O Liebe, Liebe!“
Dergleichen schrieb er keiner Frau, nicht irgendeiner Lotte
etwa, sondern dem „lieben Fritz“, dem Philosophen Friedrich Heinrich
Jacobi.
Der Brief kommt vor im Dokudrama „Männerfreundschaften“, das
Rosa von Praunheim soeben
in Weimar und Gotha abgedreht hat. Goethe tritt darin als
die durchgehende Figur auf; Matthias Luckey vom
Staatsschauspiel Dresden spielt ihn.
Der 74-jährige Filmregisseur, eine Ikone der
Schwulenbewegung, wiederholt mit Goethe jedoch nicht, was er einst
mit Alfred Biolek oder Hape Kerkeling in einem
„Verzweiflungsschrei“ tat: Er outet ihn nicht als schwul. „Ob er eine
homosexuelle Erfahrung hatte, ist ja auch schwer nachzuvollziehen“, sagt
von Praunheim im Gespräch mit unserer Zeitung. „Auf jeden Fall hat er
aber eine große Toleranz gehabt.“ Die Briefe an Männer waren „sehr viel liebevoller
und inniger“ als jene an Frauen: eine Mode der Zeit, die „nicht als schwul
empfunden“ worden ist.
Von Praunheim befasst sich in seinem Film, so
heißt es auch in der Synopsis, mit einem in der Weimarer Klassik sehr
verbreiteten Freundschaftskult unter Männern. Als Quellen dafür dienen demnach
leidenschaftliche Briefwechsel, intime Tagebucheinträge und homoerotische
Auszüge aus literarischen Werken.
„Goethe hat viele schwule Gedichte geschrieben“
Der Regisseur verweist auf „eine gewisse Freiheit“ im
Zeitalter der Aufklärung, das die Religion in ihrer Bedeutung zurückdrängte
oder aber doch veränderte. Das zeitigte „etwas Erstaunliches“, sagt er: dass
deutsche Männer heiße Liebesbriefe austauschten. „Von heute aus gesehen klingt
das alles sehr schwul, aber natürlich war es das nicht immer.“ Im 19.
Jahrhundert ging es mit der Romantik dann „wieder spießiger“ zu.
Rosa von Praunheim beruft sich unter anderem auf
das Buch „Warm Brothers“ (warme Brüder), das ihm zu einer Initialzündung wurde.
Der Literaturwissenschaftler Robert Tobin brachte es 2000 bei der
Pennsylvania-Universität heraus. Darin wendete er die Queer-Theorie aufs
Goethe-Zeitalter an, also den Zusammenhang von biologischem und sozialem
Geschlecht sowie dem sexuellen Begehren dazwischen.
![]() |
| Foto-Fluter.de |
Ein anderes Buch zum Thema veröffentlichte der Berliner
Literaturprofessor Andreas Kraß 2016: „Ein Herz und eine Seele.
Geschichte der Männerfreundschaft“. Kraß, der die Forschungsstelle
„Kulturgeschichte der Sexualität“ an der Humboldt-Universität gründete und
am dortigen Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien mitarbeitet,
tritt in von Praunheims Film als einer der Experten auf. Mit der Weimarer
Literaturwissenschaftlerin und Autorin Annette Seemann hat der
Regisseur ebenfalls gesprochen.
„Man hat Goethe und seine Zeitgenossen immer heterosexuell
gesehen“, sagt er nun, „und kam gar nicht darauf, den Bezug zu Männern zu
untersuchen. Das fand ich sehr spannend: weil Goethe ja als großer
Frauenliebhaber galt, aber nach allem, was man wissen kann, erst mit 36
erstmals Sex hatte; die Frauengeschichten waren Schwärmereien.“
Dafür aber habe Goethe „viele schwule Gedichte“ geschrieben.
Literatur ist ein Bezugsrahmen des Filmes. Von Praunheim verweist
unter anderem auf die androgyne Mignon im Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“,
die Goethe mal als sie, mal als ihn beschrieb. Oft als Zwitterwesen betrachtet,
nennt von Praunheimsie „nach heutiger Auffassung eine Transgender-Figur“.
Schwule Szenen sind aber schon mehrfach auch in „Faust II“
ausgemacht worden: „Die Racker sind doch gar zu appetitlich“, ließ Goethe dort
seinen Mephisto sagen.
Ähnliches gilt für Schillers letztes, Entwurf gebliebenes
Drama „Die Malteser“. Ein Trauerspiel in „griechischer Manier“ sollte es
werden, in dem eine homosexuell gedeutete Beziehung zweier Ritter vorkommt.
„Aber auch die Männerfreundschaft in ,Don Karlos‘ ist ja sehr intensiv“,
erinnert Rosa von Praunheim.
Der erste Schwulenroman der deutschen Literatur indes stammt
aus Gotha: „Kyllenion – Ein Jahr in Arkadien“. Autor war Herzog August von
Sachsen-Gotha-Altenburg.
Herzog August, die Tunte aus Gotha
Von ihm ist überliefert, dass er nicht nur exzentrische
Kostüme gerne trug, sondern auch Frauenkleider. „Von heute aus betrachtet“, so
von Praunheim, „würde man vielleicht sagen: Das war eine Tunte.“
Solchen und anderen Figuren nähert sich der Film seinem
Regisseur zufolge stets von der Gegenwart aus: Schauspieler von heute
verwandeln sich sichtbar in Menschen von damals. In historischen Kostümen
schlugen sie am 26. August auch beim Erfurter „Christopher Street Day“ (CSD)
auf. Dabei entstand „ein interessanter Kontrast“.
Die meisten Schauspieler übernahmen mehrere Rollen. So auch
die aus Gothastammende Petra Hartung, bis 2013 am Deutschen
Nationaltheater in Weimarengagiert. Als Caroline Gräfin Görtz drehte
sie zum Beispiel im Kirms-Krackow-Haus. Die Gattin eines häufig verreisten
Prinzenerziehers übermittelte diesem in Briefen stets den neuesten Tratsch
aus Weimar; heute gilt sie als eine Zeitzeugin für den Beginn der
Klassik-Epoche.
War diese bei den einen von Andeutungen und Spekulationen
geprägt, wusste man bei anderen deutlich mehr: Den Begründer der
Kunstgeschichte, Johann Joachim Winckelmann, dem soeben eine große und
großartige Ausstellung im Neuen Museum gewidmet war, kannten seine Zeitgenossen
bereits als Homosexuellen. Ähnliches gilt für den Dichter August von Platen,
der seine Sexualität in Literatur goss. Der intime Briefwechsel der
Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim und Johann Georg
Jacobi in Halberstadt wurde damals schon zum Skandal. Sie alle
tauchen in von Praunheims Film ebenso auf wie Heinrich
von Kleist oder Alexander von Humboldt.
Finanziert unter anderem von der Mitteldeutschen
Medienförderung, drehte der Regisseur bereits im September 2016 eine Woche
in Weimar für sein Dokudrama. Nun folgten im August zwei weitere
Wochen auch in Halberstadt und Gotha.
Hauptquartier der Produktion war die „Other Music Academy“
um Alan Bern in Weimar. Dort ist unter anderem der Berliner
Performer, Tanzwissenschaftler und Kulturaktivist Valentin Schmehl verortet,
den von Praunheim gut kennt. Schmehlverkörpert im Film einige
der Rollen.
Bis Ende des Jahres soll das Werk fertiggestellt sein und
dann auf einem Festival Premiere feiern. In die Kinos kommt es, prognostiziert
Rosa von Praunheim, im nächsten Frühjahr.(Michael Helbing / 08.09.17-TLZ.de)


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen