„Es hat guten Sinn, daß ein Kind Vater und Mutter hat“
„Armutszeugnis“: Berlins Erzbischof Koch geißelt die Debatte über die Ehe für alle. Es sei nur darum gegangen, ob homosexuelle Beziehungen gleichwertig sind. In der begrifflichen Glättung von Unterschieden sieht er eine Ideologie.
DIE WELT: Herr Erzbischof, der Bundestag hat beschlossen,
den Begriff der Ehe auf Lebenspartnerschaften auszuweiten. Wird die katholische
Kirche dieser Neudefinition
folgen?
Heiner Koch: Der
Staat hat nicht die Möglichkeiten, für alle Menschen und gesellschaftlichen
Gruppen Begriffe festzulegen. Das ist nicht die Aufgabe und Kompetenz des
Bundestags. Das Parlament kann dies für den staatlichen Bereich beschließen.
Das ist seine Pflicht und sein gutes Recht. Aber natürlich gibt es in anderen
Bereichen, etwa der katholischen Kirche,
einen anderen Begriffsinhalt.
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| Foto-Taz.de |
DIE WELT: Lange Zeit waren staatliche und kirchliche Vorstellungen
von der zivilen Ehe deckungsgleich. Was ist passiert?
Koch: Uns und vielen anderen war lange völlig klar, daß die
Verfasser des Grundgesetzes es so verstanden: Eine Mutter und ein Vater sind
bereit, Kindern das Leben zu schenken und das Leben zur Entfaltung zu bringen.
Deswegen ist diese Konstellation Ehe besonders schützenswert. Genau die, die
über eine lange Zeit die Ehe als lebensfeindliche Einrichtung abschaffen
wollten, fordern jetzt paradoxerweise die Ehe für alle.
DIE WELT: Gesellschaftliche Vorstellungen können sich
wandeln. Warum die heftige Kritik der Kirche?
Koch: Die begriffliche Einebnung von Differenzen ist eine
Ideologie: Wir sollen keine Differenzen mehr wahrnehmen, damit wir ein
möglichst einheitliches Denken formulieren. Das ist ein Armutszeugnis.
Unterschiedliche Partnerschaften werden nicht durch einen gemeinsamen Begriff
gleich.
DIE WELT: Liegt in der Differenzierung nicht schon die Diskriminierung?
Koch: Differenzieren ist ein Weg der Wertschätzung und
Anerkennung unterschiedlicher Lebensvollzüge. Es ist ein hoher Wert, wenn Vater
und Mutter für ihre Kinder der direkte Ort der Geborgenheit, des
Lebensschaffens und Lebenshütens sind. Andere Lebensformen sind nicht weniger
wert. Aber ich bezeichne sie anders, und sie brauchen auch einen anderen
Schutz.
Alleinerziehende brauchen eine andere Unterstützung als
kinderreiche Familien oder Familien mit behinderten Kindern. Diese Themen sind
ja völlig weg. Es geschieht auch nichts für die Integration von Vätern und
Müttern, die lange Zeit aus dem Beruf raus sind, weil sie viele Kinder haben.
Allein die Frage, ob homosexuelle Beziehungen gleichartig und gleichwertig sind,
beherrscht die Diskussion.
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| Reiner-Koch-Welt.de |
DIE WELT: Die Kirche verneint das. Welche Funktion hat eine
Ehe zwischen Mann und Frau, die eine Homo-Ehe nicht haben kann?
Koch: Zunächst einmal sind die Ehepartner die Eltern eines
gemeinsamen Kindes. In einer gleichgeschlechtlichen Beziehung ist potentiell
ein Vater oder eine Mutter dabei, der oder die nicht zur Familie gehört.
Erneut: Ich sage nicht, daß diese Beziehungen besser oder schlechter sind.
Aber ich bin persönlich davon überzeugt, daß die
Schöpfungsordnung nicht zufällig ist und daß es einen guten Sinn hat, daß ein
Kind einen Vater und eine Mutter hat. Das gilt nicht nur im Moment der Zeugung,
sondern ein Leben lang. Ich glaube, daß der Schöpfer hier sehr klug gehandelt
hat.
Die völlige Gleichstellung gefällt nicht jedem
DIE WELT: Wie kommen Sie zu der Überzeugung, daß Gott seinen
Geschöpfen eine bestimmte Lebensform empfiehlt?
Koch: Nach meiner Überzeugung hat Gott den Menschen als Mann
und Frau geschaffen, mit dieser Polarität ist der Auftrag verbunden, der Welt
menschliches Leben zu schenken. Diese tiefe Aussage aus dem Schöpfungsbericht
der Heiligen Schrift hat Jesus Christus, der Mittelpunkt meines Lebens ist,
bestärkt. Außerdem hat sich das Modell der Ehe zwischen Mann und Frau, die
offen sind für Kinder, in der Geschichte bewährt.
DIE WELT: Warum sollte eine Gesellschaft, in der gläubige Christen
zur Minderheit wurden, sich noch am christlichen Begriff der Ehe orientieren?
Koch: Also zunächst einmal: Wir sind keine kleine Gruppe.
Die katholische Kirche hat knapp 24 Millionen Mitglieder, evangelische Christen sind etwa Million weniger.
Vergleichen Sie das mal mit Parteimitgliedern. Wir haben zwar nicht das Recht,
zu sagen: Unsere Werte, unsere Überzeugungen und unsere Begrifflichkeiten sind
allgemein. Das ist eine Sache der demokratischen Organe. Aber wir haben das
Recht und die Pflicht, uns in diese Gesellschaft hineinzugeben, uns querzustellen.
Was mich in dieser Woche wirklich geärgert hat, ist, daß
fundamental andere Zugänge keine Rolle mehr gespielt haben, es war nur noch die
Frage: Schätzt ihr homosexuelle Lebenspartnerschaften gleichwertig und
gleichartig ein? Alles andere, was wir vorher jahrelang diskutiert haben, war
kein Thema mehr. Die Diskussion wurde lange geführt, der Abschluß war unwürdig.
DIE WELT: Hat die Kirche Bedenken, daß die Neudefinition Tür
und Tor öffnet für weitere Änderungen des Familienbildes?
Koch: Es besteht noch gesellschaftlicher Konsens, daß die
Polygamie nicht gleichwertig zur Ehe ist, das kann sich aber ändern. Ich sehe
die Personalität des Menschen in einer Zweierbeziehung besser gewürdigt, als
wenn der Mensch ein Glied in einer Vielfalt von Beziehungen ist. Diese
Überzeugung scheint mir nach wie vor mehrheitsfähig zu sein.
Nach den Begründungen, die wir in der vergangenen Woche
erlebt haben, halte ich es für dringend notwendig, daß auch nicht sexuelle
Gemeinschaften stärker gefördert werden. Wenn zum Beispiel eine Frau für eine
Freundin die Pflege übernimmt und sich über Jahre täglich kümmert, dann ist das
genauso rechtlich zu schützen, als wenn es eine sexuelle Gemeinschaft wäre,
beispielsweise im Erbschaftsrecht.
DIE WELT: Fürchten Sie, durch das Abrücken der Union vom
kirchlichen Ehebegriff Rückhalt im politischen Feld zu verlieren?
Koch: Erstens respektiere ich die unterschiedlichen
Entscheidungen auch innerhalb der CDU. Zweitens bin ich sehr dankbar, daß sich viele auch
kritisch geäußert haben. Drittens nehme ich aber auch wahr, daß einige Menschen
eine Neupositionierung von der Union fordern.
Ich habe eine sehr große Zahl von Briefen bekommen, die
bewußt an uns Bischöfe gerichtet sind, nach dem Motto: „Die AfD hält die
christlichen Werte hoch, sie hat sich als einzige Partei etwa im Bereich des
Lebensschutzes klar positioniert, und ihr kritisiert sie nur wegen ihrer
Position in der Flüchtlingspolitik.“ Die CDU wird um die kämpfen müssen, die
sich konservativ nennen. Das ist aber nicht mein Thema, das muß die CDU selbst
wissen.
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| Foto-Morgenmagazin.de |
Union erwartet Überprüfung durch das Verfassungsgericht
DIE WELT: Es klingt so, als hätte sich die Kirche damit
abgefunden, nur noch bedingt politischen Einfluß zu haben.
Koch: Nein. Wir werden mit allen Parteien weiter im Gespräch
bleiben und natürlich erst recht mit den Politikern, die unserer Kirche
angehören. Es ist allerdings nicht nur die Aufgabe der Kirche, für christliche
Positionen einzutreten, sondern eine Aufgabe eines jeden Christen. Ich sehe
die Zahl der Katholiken, die sich gerade in der Union engagieren, aus
verschiedensten Gründen als zu klein an. Ich ermutige junge Christen, in
die Politik zu gehen, sich in Parteien zu engagieren.
DIE WELT: Die FDP fordert die Öffnung der Reproduktionsmedizin für
Homosexuelle und die Legalisierung der nicht kommerziellen Leihmutterschaft.
Steht der große Kampf zwischen Werten der Kirche und der Politik erst noch
bevor?
Koch: Ich bin ganz sicher, daß in diesen Fragen große
Auseinandersetzungen vor uns liegen. Was ist technisch machbar und was ist
ethisch geboten? Die Leihmutterschaft ist ein ganz gefährliches Thema, bei dem
ich mich schon frage, wie man eine solche Formulierung einfach so gebrauchen
kann. Ich hoffe, daß wir Gespräche zu solchen Themen nicht erst führen, wenn
wieder eine Abstimmung ansteht. Als Kirche sind wir überzeugt, daß
Sexualität und Verantwortung und Ehe und Kinder zusammengehören. Wir haben ein
ganzheitliches Menschenbild.(




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