Mittwoch, 13. September 2017



„Es hat guten Sinn, daß ein Kind Vater und Mutter hat“

„Armutszeugnis“: Berlins Erzbischof Koch geißelt die Debatte über die Ehe für alle. Es sei nur darum gegangen, ob homosexuelle Beziehungen gleichwertig sind. In der begrifflichen Glättung von Unterschieden sieht er eine Ideologie.

DIE WELT: Herr Erzbischof, der Bundestag hat beschlossen, den Begriff der Ehe auf Lebenspartnerschaften auszuweiten. Wird die katholische Kirche dieser Neudefinition folgen?
Heiner Koch: Der Staat hat nicht die Möglichkeiten, für alle Menschen und gesellschaftlichen Gruppen Begriffe festzulegen. Das ist nicht die Aufgabe und Kompetenz des Bundestags. Das Parlament kann dies für den staatlichen Bereich beschließen. Das ist seine Pflicht und sein gutes Recht. Aber natürlich gibt es in anderen Bereichen, etwa der katholischen Kirche, einen anderen Begriffsinhalt.

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DIE WELT: Lange Zeit waren staatliche und kirchliche Vor­s‍tellungen von der zivilen Ehe deckungsgleich. Was ist passiert?
Koch: Uns und vielen anderen war lange völlig klar, daß die Verfasser des Grundgesetzes es so ver­s‍tanden: Eine Mutter und ein Vater sind bereit, Kindern das Leben zu schenken und das Leben zur Entfaltung zu bringen. Deswegen ist diese Kon­s‍tellation Ehe besonders schützenswert. Genau die, die über eine lange Zeit die Ehe als lebensfeindliche Einrichtung abschaffen wollten, fordern jetzt paradoxerweise die Ehe für alle.
DIE WELT: Gesellschaftliche Vor­s‍tellungen können sich wandeln. Warum die heftige Kritik der Kirche?
Koch: Die begriffliche Einebnung von Differenzen ist eine Ideologie: Wir sollen keine Differenzen mehr wahrnehmen, damit wir ein möglichst einheitliches Denken formulieren. Das ist ein Armutszeugnis. Unterschiedliche Partnerschaften werden nicht durch einen gemeinsamen Begriff gleich.
DIE WELT: Liegt in der Differenzierung nicht schon die Diskriminierung?
Koch: Differenzieren ist ein Weg der Wertschätzung und Anerkennung unterschiedlicher Lebensvollzüge. Es ist ein hoher Wert, wenn Vater und Mutter für ihre Kinder der direkte Ort der Geborgenheit, des Lebensschaffens und Lebenshütens sind. Andere Lebensformen sind nicht weniger wert. Aber ich bezeichne sie anders, und sie brauchen auch einen anderen Schutz.
Alleinerziehende brauchen eine andere Unter­s‍tützung als kinderreiche Familien oder Familien mit behinderten Kindern. Diese Themen sind ja völlig weg. Es geschieht auch nichts für die Integration von Vätern und Müttern, die lange Zeit aus dem Beruf raus sind, weil sie viele Kinder haben. Allein die Frage, ob homosexuelle Beziehungen gleichartig und gleichwertig sind, beherrscht die Diskussion.

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DIE WELT: Die Kirche verneint das. Welche Funktion hat eine Ehe zwischen Mann und Frau, die eine Homo-Ehe nicht haben kann?
Koch: Zunächst einmal sind die Ehepartner die Eltern eines gemeinsamen Kindes. In einer gleichgeschlechtlichen Beziehung ist potentiell ein Vater oder eine Mutter dabei, der oder die nicht zur Familie gehört. Erneut: Ich sage nicht, daß diese Beziehungen besser oder schlechter sind.
Aber ich bin persönlich davon überzeugt, daß die Schöpfungsordnung nicht zufällig ist und daß es einen guten Sinn hat, daß ein Kind einen Vater und eine Mutter hat. Das gilt nicht nur im Moment der Zeugung, sondern ein Leben lang. Ich glaube, daß der Schöpfer hier sehr klug gehandelt hat.
Die völlige Gleich­s‍tellung gefällt nicht jedem

DIE WELT: Wie kommen Sie zu der Überzeugung, daß Gott seinen Geschöpfen eine be­s‍timmte Lebensform empfiehlt?
Koch: Nach meiner Überzeugung hat Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen, mit dieser Polarität ist der Auftrag verbunden, der Welt menschliches Leben zu schenken. Diese tiefe Aussage aus dem Schöpfungsbericht der Heiligen Schrift hat Jesus Chri­s‍tus, der Mittelpunkt meines Lebens ist, be­s‍tärkt. Außerdem hat sich das Modell der Ehe zwischen Mann und Frau, die offen sind für Kinder, in der Geschichte bewährt.

DIE WELT: Warum sollte eine Gesellschaft, in der gläubige Chri­s‍ten zur Minderheit wurden, sich noch am christlichen Begriff der Ehe orientieren?
Koch: Also zunächst einmal: Wir sind keine kleine Gruppe. Die katholische Kirche hat knapp 24 Millionen Mitglieder, evangelische Chri­s‍ten sind etwa Million weniger. Vergleichen Sie das mal mit Parteimitgliedern. Wir haben zwar nicht das Recht, zu sagen: Unsere Werte, unsere Überzeugungen und unsere Begrifflichkeiten sind allgemein. Das ist eine Sache der demokratischen Organe. Aber wir haben das Recht und die Pflicht, uns in diese Gesellschaft hineinzugeben, uns querzu­s‍tellen.
Was mich in dieser Woche wirklich geärgert hat, ist, daß fundamental andere Zugänge keine Rolle mehr gespielt haben, es war nur noch die Frage: Schätzt ihr homosexuelle Lebenspartnerschaften gleichwertig und gleichartig ein? Alles andere, was wir vorher jahrelang diskutiert haben, war kein Thema mehr. Die Diskussion wurde lange geführt, der Abschluß war unwürdig.

DIE WELT: Hat die Kirche Bedenken, daß die Neudefinition Tür und Tor öffnet für weitere Änderungen des Familienbildes?
Koch: Es be­s‍teht noch gesellschaftlicher Konsens, daß die Polygamie nicht gleichwertig zur Ehe ist, das kann sich aber ändern. Ich sehe die Personalität des Menschen in einer Zweierbeziehung besser gewürdigt, als wenn der Mensch ein Glied in einer Vielfalt von Beziehungen ist. Diese Überzeugung scheint mir nach wie vor mehrheitsfähig zu sein.
Nach den Begründungen, die wir in der vergangenen Woche erlebt haben, halte ich es für dringend notwendig, daß auch nicht sexuelle Gemeinschaften stärker gefördert werden. Wenn zum Beispiel eine Frau für eine Freundin die Pflege übernimmt und sich über Jahre täglich kümmert, dann ist das genauso rechtlich zu schützen, als wenn es eine sexuelle Gemeinschaft wäre, beispielsweise im Erbschaftsrecht.

DIE WELT: Fürchten Sie, durch das Abrücken der Union vom kirchlichen Ehebegriff Rückhalt im politischen Feld zu verlieren?
Koch: Er­s‍tens respektiere ich die unterschiedlichen Entscheidungen auch innerhalb der CDU. Zweitens bin ich sehr dankbar, daß sich viele auch kritisch geäußert haben. Drittens nehme ich aber auch wahr, daß einige Menschen eine Neupositionierung von der Union fordern.
Ich habe eine sehr große Zahl von Briefen bekommen, die bewußt an uns Bischöfe gerichtet sind, nach dem Motto: „Die AfD hält die christlichen Werte hoch, sie hat sich als einzige Partei etwa im Bereich des Lebensschutzes klar positioniert, und ihr kritisiert sie nur wegen ihrer Position in der Flüchtlingspolitik.“ Die CDU wird um die kämpfen müssen, die sich konservativ nennen. Das ist aber nicht mein Thema, das muß die CDU selbst wissen.

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Union erwartet Überprüfung durch das Verfassungsgericht


DIE WELT: Es klingt so, als hätte sich die Kirche damit abgefunden, nur noch bedingt politischen Einfluß zu haben.
Koch: Nein. Wir werden mit allen Parteien weiter im Gespräch bleiben und natürlich erst recht mit den Politikern, die unserer Kirche angehören. Es ist allerdings nicht nur die Aufgabe der Kirche, für christliche Positionen einzutreten, sondern eine Aufgabe eines jeden Chri­s‍ten. Ich sehe die Zahl der Katholiken, die sich gerade in der Union engagieren, aus verschieden­s‍ten Gründen als zu klein an. Ich ermutige junge Chri­s‍ten, in die Politik zu gehen, sich in Parteien zu engagieren.
DIE WELT: Die FDP fordert die Öffnung der Reproduktionsmedizin für Homosexuelle und die Legalisierung der nicht kommerziellen Leihmutterschaft. Steht der große Kampf zwischen Werten der Kirche und der Politik erst noch bevor?
Koch: Ich bin ganz sicher, daß in diesen Fragen große Auseinandersetzungen vor uns liegen. Was ist technisch machbar und was ist ethisch geboten? Die Leihmutterschaft ist ein ganz gefährliches Thema, bei dem ich mich schon frage, wie man eine solche Formulierung einfach so gebrauchen kann. Ich hoffe, daß wir Gespräche zu solchen Themen nicht erst führen, wenn wieder eine Ab­s‍timmung an­s‍teht. Als Kirche sind wir überzeugt, daß Sexualität und Verantwortung und Ehe und Kinder zusammengehören. Wir haben ein ganzheitliches Menschenbild.(von Ricarda Breyton, Marcel Leubecher-Welt.de)

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