Hetze gegen Homosexuelle
Die Rechte von sexuellen Minderheiten werden fast überall in
Afrika mit Füssen getreten.
Was Bischof Christopher Senyonjo sagt und tut, ist nur
wahr und vernünftig, aber es könnte ihn ins Gefängnis bringen, wenn in Uganda
ein neues Gesetz über das Verbot der Homosexualität angenommen wird. Der 78-jährige
anglikanische Geistliche im Unruhestand betreibt in einem ehemaligen
Ladenlokal der Hauptstadt Kampala eine Familienberatungsstelle. Er ist
bekannt dafür, daß seine Türen auch homosexuellen Paaren offenstehen. Schwule
und Lesben hätten in Uganda ein schweres Los, sagt Senyonjo. Sie litten an
Schuldgefühlen oder daran, daß sie keine Partner fänden. Wenn sich ihre
Veranlagung herumspreche, würden sie drangsaliert.
Rufer in der Wüste
Der Bischof spricht ruhig und im gepflegten Englisch älterer
Ugander, die noch während der Kolonialzeit in die Missionsschule gingen. Er
trägt einen Ring aus Amethyst, der zum violetten Talar paßt. Diesen hat er wie
zum Trotz angezogen, wenn er sonntags in die Kirche geht. Der Erzbischof von
Uganda untersagte ihm, Messen zu lesen. Senyanjo hatte sich geweigert, seine
Haltung gegenüber Homosexuellen zu widerrufen. Die meisten Homosexuellen
könnten sich nicht ändern, sagt er. «Sie sind Menschen wie du und ich.»
In Uganda gelten solche Ansichten als ketzerisch. Sektenprediger
und Politiker schüren seit zwei Jahren eine in afrikanischen Gesellschaften
latent vorhandene Homophobie. Dabei spielen sie sich als Wohltäter auf, die
Schwule und Lesben von ihrem Zustand «erlösen» wollten, und sei es mit der
Androhung drakonischer Strafen. Die Hetze wurde von Martin Ssempa ausgelöst,
dem Leiter der Makerere Community Church, einer der Pfingstbewegung nahestehenden
Erweckungskirche.
Vor seiner eigenen Bekehrung hatte Ssempa das ugandische
Anti-Aids-Programm mitgestaltet, das mit amerikanischen Geldern der
Administration Bush finanziert worden war. Dabei lernte er Missionare des
Family Life Network kennen, einer amerikanischen Organisation, die im Kampf
gegen Aids Treue und sexuelle Abstinenz propagiert. 2008 und 2009 lud er
seine Verbündeten zu Vortragsreihen ein, um die Ugander über die Gefahren der
Homosexualität aufzuklären. An den Veranstaltungen nahmen auch Polizisten,
Lehrer und Politiker teil. Eine Kernaussage der Seminare lautete nach
Beobachtern, ausländische Schwule wollten «die afrikanische Familie» zerstören.
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| Foto-Theindependent |
Schwulenbars vor dem Out
Laut Pepe Onziema von der Bürgerrechtsbewegung Sexual
Minorities Uganda (Smug) werden Homosexuelle seither systematisch
drangsaliert. Eine Boulevardzeitung («Red Pepper») veröffentlicht Namenlisten
von Homosexuellen, die Polizei hält Schwule und Lesben oft stundenlang fest.
Laut Onziema machen sich «Boda-Bodas», Fahrer von Motorradtaxis, einen Sport
daraus, Schwule zusammenzuschlagen. Lesben würden, häufig von
Familienmitgliedern, mit dem höhnischen Ruf bedroht, sie benötigten «eine
Lektion». Onziema, eine bekennende Lesbe, kleidet sich weiterhin eigenwillig in
Anzug und Krawatte, aber die 29-Jährige gibt mehr für Taxifahrten aus als für das
Essen. Sie fühle sich nur in geschlossenen Räumen sicher, sagt sie.
In Kampala sind fast alle Schwulenbars verschwunden. Zuvor
hatte es drei solche Treffpunkte gegeben; sie waren an allen Tagen geöffnet.
Die Polizei soll darauf Gespräche mit den Besitzern geführt haben, worauf diese
die Etablissements schlossen oder den Pächter auswechselten. Zurzeit können
Homosexuelle noch einen Nachtklub besuchen, ohne behelligt zu werden – einmal
pro Woche. Die Stimmung in dem Lokal ist an einem dieser Abende aufgeräumt. Auf
einer Freiluftbühne treten Gruppen von jungen Frauen oder Männern auf, die zur
aufgelegten Musik tanzen. Zwei Conférenciers reissen anzügliche Sprüche. Die
Schwulen sind in der Minderheit. Sie bewegen sich ungeniert, aber nicht
schamlos. Niemand weiß, wie lange die Toleranz noch währt. Im Februar wechselte
die Betriebsführung auch hier.
Letztes Jahr sprangen Politiker auf den Anti-Schwulen-Zug
auf. Ugandas Minister für Ethik und Integrität, James Buturo, warf der Uno
vor, Afrikanern die Duldung der Homosexualität aufzwingen zu wollen. Anfang
dieses Jahres rief er Bürgerrechtlern zu, Homosexuelle könnten «ihre
Menschenrechte vergessen». Bereits im September hatte David Bahati, ein bisher
weitgehend unbekannter Jungpolitiker des regierenden National Resistance
Movement, im Parlament den Entwurf für ein Anti-Homosexuellen-Gesetz
eingebracht.
Rabiates Gesetz
Nach dem Gesetzesvorschlag muß als Mindeststrafe für
homosexuelle Handlungen lebenslänglicher Freiheitsentzug verhängt werden.
Wiederholungstäter und Personen, die mit Jugendlichen sexuell verkehren,
sollen gehenkt werden. Unterstützung für Homosexuelle würde mit bis zu sieben
Jahren, die Beihilfe zu Homo-Ehen mit lebenslänglich Gefängnis bestraft. Wer
Kenntnis hat von homosexuellen Umtrieben, muß diese innert 24 Stunden der
Polizei melden; Zuwiderhandlungen werden mit bis zu drei Jahren Gefängnis
bestraft. Außerdem soll Uganda alle internationalen Verträge kündigen, welche
die Rechte von Homosexuellen gewährleisten.
Martin Ssempa, der Urheber der homophoben Welle, steht an
einem sonnigen Sonntag als Vorbeter vor seiner Gemeinde. Der Gottesdienst
findet in einer Halle der Universität Makerere statt. Zur Einstimmung werden
Kirchenlieder gesungen. Der Pastor gibt im Rhythmus den Text vor, die rund 350
Besucher psalmodieren. Auf der Bühne täuschen feenhaft gekleidete Frauen Ekstase
vor, während eine elektrische Orgel und eine Baßgitarre das Erlebnis
untermalen. Ssempas Kirche ist keine Armenkirche, in der die Anhänger schnell
einmal den Kopf verlieren. Laut Teilnehmern sind die meist jugendlichen
Mitglieder Studenten und an der Uni ausgebildete Berufsleute.
Ssempa pflegt seine Predigten mit Fakten zu untermauern. An
diesem Tag wettert er gegen die Ausbeutung der Massen durch ausländische
Mobiltelefonie-Unternehmen und läßt dazu eine mehrseitige Dokumentation
verteilen. Mit ähnlicher Zielsetzung projizierte er kürzlich pornografische
Bilder der wüstesten Sorte an die Wand. Ssempa erwähnt sein Lieblingsthema
diesmal nur am Rande, im Zusammenhang mit dem besonderen Verkaufsargument
seiner Kirche, nach dem alle Sünder, ob Ausbeuter oder Homosexuelle, Läuterung
erwarten dürfen. «Yes, you can», lautet das aus Amerika importierte Motto.
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| Foto-Mambaonline |
Penelope Kirabo, die als Sekretärin in einem Anwaltsbüro
arbeitet, ist mit Ssempa einverstanden. Schwule hätten «Probleme mit ihren
Geschlechtsteilen», die niemanden gleichgültig lassen könnten. Sie glaubt
auch die demagogische Behauptung des Pastors, Ausländer lockten Studenten mit
Stipendien an, um sie «für die Sache der Homosexualität zu rekrutieren». Die
Absicht rechtfertige die Todesstrafe, sagt sie.
Homophobie dringt nicht nur in Uganda in den öffentlichen
Raum ein, sondern in mehreren Ländern Afrikas (siehe Zusatz). Die Aktivistin
Pepe Onziema sieht als einen Grund dafür das wachsende Selbstbewußtsein von
Schwulen und Lesben. In Uganda hatte die Gruppe Smug 2007 erstmals eine
Medienkampagne unter dem Titel «Let us live in peace» geführt. Danach hätten
die Angriffe begonnen. Eine zweite Ursache liegt wohl darin, daß Politiker die
Homophobie als Resonanzkörper für wohlfeile Reden entdeckt haben, mit denen sie
von der Korruption und der versäumten Entwicklung ablenken. Ssempa, der mit der
First Lady, Janet Museveni, befreundet ist, hat die Korruption an der Staatsspitze
bezeichnenderweise noch nie aufgegriffen.
Tabuisierung Aids-freundlich
Die dritte Triebfeder ist die Furcht vor Aids. Die
amerikanische Organisation Human Rights Watch dokumentierte schon 2003, wie in
Staaten des südlichen Afrika Regierungspolitiker Schwule zum Sündenbock machen.
In Tat und Wahrheit ist es umgekehrt – die Tabuisierung der Homosexualität
erhöht die Ansteckungsgefahr, wie eine letztes Jahr in der Fachzeitschrift
«Lancet» veröffentlichte Untersuchung nachweist. Danach heiraten Schwule in
Afrika häufig Frauen, die so einem erhöhten Risiko ausgesetzt werden. Außerdem
sind Schwule oft von Angeboten im Rahmen von Anti-Aids-Maßnahmen
ausgeschlossen.
Ein vierter Grund liegt in der Krise der afrikanischen
Großfamilie. Früher regelte die Sitte die sexuellen Rechte und Pflichten von
Familienmitgliedern rigoros. Zur Zeit seiner Eltern seien Tabus so mächtig
gewesen, daß in seinem Dorf im Südwesten Ugandas Verwandte mit abweichendem
Verhalten von einem hohen Felsen gestossen worden seien, sagt der
Familiensoziologe Peter Atekyereza. In der Folge von Modernisierung und Verstädterung
ist die Institution der Großfamilie in Auflösung begriffen und lebt für viele
Afrikaner nur noch in der Erinnerung fort. Als umso attraktiver erweisen sich
symbolische Stützen, welche wahre und vermeintliche Traditionen anbieten.
Die Zukunft der ugandischen Vorlage ist offen. Sie ist
populär und verspricht der bedrängten Regierungspartei bei den Wahlen 2011
Stimmengewinne. Aber weil das entrüstete Ausland mit einer Kürzung der
Finanzhilfen droht, ist Präsident Museveni in der Zwickmühle. Gut möglich, daß
er das Gesetzesprojekt schubladisieren läßt.(Markus M. Haefliger, Kampala-nzz.ch)



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