Donnerstag, 14. September 2017



Hetze gegen Homosexuelle

Die Rechte von sexuellen Minderheiten werden fast überall in Afrika mit Füssen getreten.
Was Bischof Chri­s‍topher Senyonjo sagt und tut, ist nur wahr und vernünftig, aber es könnte ihn ins Gefängnis bringen, wenn in Uganda ein neues Gesetz über das Verbot der Homosexualität angenommen wird. Der 78-jährige anglikanische Geistliche im Unruhe­s‍tand betreibt in einem ehemaligen Ladenlokal der Haupt­s‍tadt Kampala eine Familienberatungs­s‍telle. Er ist bekannt dafür, daß seine Türen auch homosexuellen Paaren offen­s‍tehen. Schwule und Lesben hätten in Uganda ein schweres Los, sagt Senyonjo. Sie litten an Schuldgefühlen oder daran, daß sie keine Partner fänden. Wenn sich ihre Veranlagung herumspreche, würden sie drangsaliert.

Rufer in der Wü­s‍te

Der Bischof spricht ruhig und im gepflegten Englisch älterer Ugander, die noch während der Kolonialzeit in die Missionsschule gingen. Er trägt einen Ring aus Amethyst, der zum violetten Talar paßt. Diesen hat er wie zum Trotz angezogen, wenn er sonntags in die Kirche geht. Der Erzbischof von Uganda untersagte ihm, Messen zu lesen. Senyanjo hatte sich geweigert, seine Haltung gegenüber Homosexuellen zu widerrufen. Die mei­s‍ten Homosexuellen könnten sich nicht ändern, sagt er. «Sie sind Menschen wie du und ich.»
In Uganda gelten solche Ansichten als ketzerisch. Sektenprediger und Politiker schüren seit zwei Jahren eine in afrikanischen Gesellschaften latent vorhandene Homophobie. Dabei spielen sie sich als Wohltäter auf, die Schwule und Lesben von ihrem Zu­s‍tand «erlösen» wollten, und sei es mit der Androhung drakonischer Strafen. Die Hetze wurde von Martin Ssempa ausgelöst, dem Leiter der Makerere Community Church, einer der Pfingstbewegung nahe­s‍tehenden Erweckungskirche.
Vor seiner eigenen Bekehrung hatte Ssempa das ugandische Anti-Aids-Programm mitgestaltet, das mit amerikanischen Geldern der Administration Bush finanziert worden war. Dabei lernte er Missionare des Family Life Network kennen, einer amerikanischen Organisation, die im Kampf gegen Aids Treue und sexuelle Ab­s‍tinenz propagiert. 2008 und 2009 lud er seine Verbündeten zu Vortragsreihen ein, um die Ugander über die Gefahren der Homosexualität aufzuklären. An den Veranstaltungen nahmen auch Polizi­s‍ten, Lehrer und Politiker teil. Eine Kernaussage der Seminare lautete nach Beobachtern, ausländische Schwule wollten «die afrikanische Familie» zer­s‍tören.

Foto-Theindependent

 Schwulenbars vor dem Out

Laut Pepe Onziema von der Bürgerrechtsbewegung Sexual Minorities Uganda (Smug) werden Homosexuelle seither sy­s‍tematisch drangsaliert. Eine Boulevardzeitung («Red Pepper») veröffentlicht Namenli­s‍ten von Homosexuellen, die Polizei hält Schwule und Lesben oft stundenlang fest. Laut Onziema machen sich «Boda-Bodas», Fahrer von Motorradtaxis, einen Sport daraus, Schwule zusammenzuschlagen. Lesben würden, häufig von Familienmitgliedern, mit dem höhnischen Ruf bedroht, sie benötigten «eine Lektion». Onziema, eine bekennende Lesbe, kleidet sich weiterhin eigenwillig in Anzug und Krawatte, aber die 29-Jährige gibt mehr für Taxifahrten aus als für das Essen. Sie fühle sich nur in geschlossenen Räumen sicher, sagt sie.
In Kampala sind fast alle Schwulenbars verschwunden. Zuvor hatte es drei solche Treffpunkte gegeben; sie waren an allen Tagen geöffnet. Die Polizei soll darauf Gespräche mit den Besitzern geführt haben, worauf diese die Etablissements schlossen oder den Pächter auswechselten. Zurzeit können Homosexuelle noch einen Nachtklub besuchen, ohne behelligt zu werden – einmal pro Woche. Die Stimmung in dem Lokal ist an einem dieser Abende aufgeräumt. Auf einer Freiluftbühne treten Gruppen von jungen Frauen oder Männern auf, die zur aufgelegten Musik tanzen. Zwei Conférenciers reissen anzügliche Sprüche. Die Schwulen sind in der Minderheit. Sie bewegen sich ungeniert, aber nicht schamlos. Niemand weiß, wie lange die Toleranz noch währt. Im Februar wechselte die Betriebsführung auch hier.
Letztes Jahr sprangen Politiker auf den Anti-Schwulen-Zug auf. Ugandas Mini­s‍ter für Ethik und Integrität, James Buturo, warf der Uno vor, Afrikanern die Duldung der Homosexualität aufzwingen zu wollen. Anfang dieses Jahres rief er Bürgerrechtlern zu, Homosexuelle könnten «ihre Menschenrechte vergessen». Bereits im September hatte David Bahati, ein bisher weitgehend unbekannter Jungpolitiker des regierenden National Resi­s‍tance Movement, im Parlament den Entwurf für ein Anti-Homosexuellen-Gesetz eingebracht.

Rabiates Gesetz

Nach dem Gesetzesvorschlag muß als Mindeststrafe für homosexuelle Handlungen lebenslänglicher Freiheitsentzug verhängt werden. Wiederholung­s‍täter und Personen, die mit Jugendlichen sexuell verkehren, sollen gehenkt werden. Unter­s‍tützung für Homosexuelle würde mit bis zu sieben Jahren, die Beihilfe zu Homo-Ehen mit lebenslänglich Gefängnis bestraft. Wer Kenntnis hat von homosexuellen Umtrieben, muß diese innert 24 Stunden der Polizei melden; Zuwiderhandlungen werden mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft. Außerdem soll Uganda alle internationalen Verträge kündigen, welche die Rechte von Homosexuellen gewährlei­s‍ten.
Martin Ssempa, der Urheber der homophoben Welle, steht an einem sonnigen Sonntag als Vorbeter vor seiner Gemeinde. Der Gottesdienst findet in einer Halle der Universität Makerere statt. Zur Ein­s‍timmung werden Kirchenlieder gesungen. Der Pastor gibt im Rhythmus den Text vor, die rund 350 Besucher psalmodieren. Auf der Bühne täuschen feenhaft gekleidete Frauen Ek­s‍tase vor, während eine elektrische Orgel und eine Baßgitarre das Erlebnis untermalen. Ssempas Kirche ist keine Armenkirche, in der die Anhänger schnell einmal den Kopf verlieren. Laut Teilnehmern sind die meist jugendlichen Mitglieder Studenten und an der Uni ausgebildete Berufsleute.
Ssempa pflegt seine Predigten mit Fakten zu untermauern. An diesem Tag wettert er gegen die Ausbeutung der Massen durch ausländische Mobiltelefonie-Unternehmen und läßt dazu eine mehrseitige Dokumentation verteilen. Mit ähnlicher Zielsetzung projizierte er kürzlich pornografische Bilder der wü­s‍te­s‍ten Sorte an die Wand. Ssempa erwähnt sein Lieblingsthema diesmal nur am Rande, im Zusammenhang mit dem besonderen Verkaufsargument seiner Kirche, nach dem alle Sünder, ob Ausbeuter oder Homosexuelle, Läuterung erwarten dürfen. «Yes, you can», lautet das aus Amerika importierte Motto.

Foto-Mambaonline

Penelope Kirabo, die als Sekretärin in einem Anwaltsbüro arbeitet, ist mit Ssempa einver­s‍tanden. Schwule hätten «Probleme mit ihren Geschlecht­s‍teilen», die niemanden gleichgültig lassen könnten. Sie glaubt auch die demagogische Behauptung des Pastors, Ausländer lockten Studenten mit Stipendien an, um sie «für die Sache der Homosexualität zu rekrutieren». Die Absicht rechtfertige die Todesstrafe, sagt sie.
Homophobie dringt nicht nur in Uganda in den öffentlichen Raum ein, sondern in mehreren Ländern Afrikas (siehe Zusatz). Die Aktivi­s‍tin Pepe Onziema sieht als einen Grund dafür das wachsende Selbstbewußtsein von Schwulen und Lesben. In Uganda hatte die Gruppe Smug 2007 erstmals eine Medienkampagne unter dem Titel «Let us live in peace» geführt. Danach hätten die Angriffe begonnen. Eine zweite Ursache liegt wohl darin, daß Politiker die Homophobie als Resonanzkörper für wohlfeile Reden entdeckt haben, mit denen sie von der Korruption und der versäumten Entwicklung ablenken. Ssempa, der mit der First Lady, Janet Museveni, befreundet ist, hat die Korruption an der Staatsspitze bezeichnenderweise noch nie aufgegriffen.
Tabuisierung Aids-freundlich

Die dritte Triebfeder ist die Furcht vor Aids. Die amerikanische Organisation Human Rights Watch dokumentierte schon 2003, wie in Staaten des südlichen Afrika Regierungspolitiker Schwule zum Sündenbock machen. In Tat und Wahrheit ist es umgekehrt – die Tabuisierung der Homosexualität erhöht die An­s‍teckungsgefahr, wie eine letztes Jahr in der Fachzeitschrift «Lancet» veröffentlichte Untersuchung nachweist. Danach heiraten Schwule in Afrika häufig Frauen, die so einem erhöhten Risiko ausgesetzt werden. Außerdem sind Schwule oft von Angeboten im Rahmen von Anti-Aids-Maßnahmen ausgeschlossen.

Ein vierter Grund liegt in der Krise der afrikanischen Großfamilie. Früher regelte die Sitte die sexuellen Rechte und Pflichten von Familienmitgliedern rigoros. Zur Zeit seiner Eltern seien Tabus so mächtig gewesen, daß in seinem Dorf im Südwe­s‍ten Ugandas Verwandte mit abweichendem Verhalten von einem hohen Felsen ge­s‍tossen worden seien, sagt der Familiensoziologe Peter Atekyereza. In der Folge von Modernisierung und Ver­s‍tädterung ist die In­s‍titution der Großfamilie in Auflösung begriffen und lebt für viele Afrikaner nur noch in der Erinnerung fort. Als umso attraktiver erweisen sich symbolische Stützen, welche wahre und vermeintliche Traditionen anbieten.
Die Zukunft der ugandischen Vorlage ist offen. Sie ist populär und verspricht der bedrängten Regierungspartei bei den Wahlen 2011 Stimmengewinne. Aber weil das entrü­s‍tete Ausland mit einer Kürzung der Finanzhilfen droht, ist Präsident Museveni in der Zwickmühle. Gut möglich, daß er das Gesetzesprojekt schubladisieren läßt.(Markus M. Haefliger, Kampala-nzz.ch)

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