Montag, 18. September 2017



Frankreichs neuer Star Louis

Mit Haut und Haaren dem Schmerz ausgeliefert

Edouard Louis gilt als neuer Literatur­s‍tar Frankreichs. Sein neuer Roman handelt von den Risiken eines freizügigen Lebens als Homosexueller. Der Erzähler wird in seiner eigenen Wohnung vergewaltigt.

Das letzte Wort hat Imre Kertész. Der großartige Erzähler, der mit seinem nobelpreisgekürten Jahrhundertbuch „Roman eines Schicksallosen“ den atemberaubenden Versuch unternahm, von der Shoah in der Tradition des Schelmenromans zu erzählen, gab in „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ Auskunft über seinen Schreibantrieb. Das zitiert Edouard Louis am Schluß seines neuen Buches. Der Kernsatz lautet: „Ich schreibe nicht, um Freude zu finden, sondern ich suche mit meinem Schreiben den Schmerz, den größtmöglichen, beinahe schon unmöglichen Schmerz, denn der Schmerz ist die Wahrheit.“

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Was, fragt man sich, kann wohl im Leben eines heute lebenden Vierundzwanzigjährigen geschehen sein, daß er sich ein solches Diktum zueigen macht? Was ist der Anlaß für seine Schmerzbesessenheit? Nun, die Antwort ist schnell gegeben: Der Roman „Im Herzen der Gewalt“ handelt von einer Vergewaltigung.

Das Opfer, der Ich-Erzähler, ist derselbe junge Mann, dem wir bereits in Louis’ Debüt „Das Ende von Eddy“ begegnet sind: ein aus dumpfem, homophobem Prekariat stammender zartbesaiteter Jüngling, der seine Herkunftswelt verläßt. Ganz in der Tradition der provinziellen Jungmänner, die Balzac zu den Helden seiner Romane machte, verspricht er sich vom Leben in Paris den fulminanten Neuanfang.

Ehrgeizige junge Männer

Doch um den Wahlfranzosen Franz Hessel zu zitieren: „Paris ist schwer“. Paris verlangte schon den auf­s‍tiegswilligen jungen Herren bei Balzac einiges ab. Sie mußten sich hier Kulturtechniken erwerben, die ihnen an der Wiege nicht gesungen worden waren. Das gilt auch für ihre Nachfahren. Selbst wenn sie, wie bei Edouard Louis, weniger an sozialer Arrivierung interessiert sind als vielmehr daran, in der Metropole endlich ihre Homosexualität auszuleben.
Das hat aber trotz der Freizügigkeit, die schon immer für Paris typisch war, seine Tücken. Auch unabhängig von der An­s‍teckungsgefahr durch Aids sollte man sehr genau überlegen, mit wem man sich einläßt. Der junge Held von „Im Herzen der Gewalt“, der wie sein Autor auf den Vornamen Edouard hört, macht da gleich mehrere kapitale Anfängerfehler.
Er­s‍tens läßt sich der hier noch Zwanzigjährige abseits der Pfade seiner gay community von einem Araber anquatschen. Dieser Reda macht ihm, für schwule Kontaktanbahnung ganz ungewöhnlich, die blumig­s‍ten Komplimente, die darauf hindeuten, daß er wohl mehr Erfahrung mit weiblichen Objekten der Begierde hat.

Foto-Paris-Reviewe

Im Bett ganz toll

Edouard, weit davon entfernt, mißtrauisch zu werden, nimmt Reda, weil der so insi­s‍tiert, mit nach Haus. Zweiter kapitaler Fehler. Denn dort kommt es zwar, wie es kommen soll und ist zunächst im Bett ganz toll. Aus der Dusche zurück, muß Edouard allerdings entdecken, daß Reda sein iPad eingesackt hat.

Er stellt ihn. Doch statt den hübschen Dieb nun rauszuschmeißen, will er – dritter Fehler – mit ihm reden. Das Therapeuthensprech à la „Es ist nicht zu spät, du nimmst deine Sachen und mein Geld, wenn du willst, du gehst einfach und ich mache nichts“ ver­s‍teht der Araber nicht. Er wird so aggressiv, daß er sich den Ich-Erzähler noch einmal vornimmt. Plötzlich ist auch ein Messer im Spiel. Es fließt viel Blut.

Trotz seiner Traumatisierung durch die Vergewaltigung, zu der sich noch die Angst gesellt, mit HIV infiziert worden zu sein, will Edouard „aus politischen Gründen“ keine Anzeige erstatten. Er will vielmehr die Rolle des aufgeklärten Weißen aufrechterhalten, der sich mehr um die Zukunft seines Aggressors mehr als um sich selber sorgt. Um wirklich ganz dem Schmerz auf den Grund zu gehen, kommt er auf die aparte Idee, sich ausgerechnet auf einer Reise nach Istambul mit der muslimischen Welt zu versöhnen.

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Literarische Selb­s‍tentblößung

Das geht natürlich schief. Aber es verschafft Edouard Gelegenheit, sich wirklich mit Haut und Haar seinen Äng­s‍ten, seinem Schmerz auszuliefern. Das ganze Ausmaß dieser Verwirrungen detailliert nachzuzeichnen, macht zweifellos den Reiz dieser literarischen Selb­s‍tentblößung aus.
Allerdings zeigt der Held – anders als die Protagoni­s‍ten bei Balzac – keine Einsicht in die Tatsache, daß er sein Unglück selbst herbeigeführt hat. Dadurch gerät der Roman in eine Schieflage. Seine Schmerzsuche erscheint als pseudoromantisches Konstrukt, wenn nicht als persönliche Wehleidigkeit.
Von der unverschuldeten Schmerzwahrhaftigkeit eines Imre Kertész ist sie ohnehin Äonen weit entfernt. (Von Tilman Krause-Welt.de) 

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