Frankreichs neuer Star Louis
Mit Haut und Haaren dem Schmerz ausgeliefert
Edouard Louis gilt als neuer Literaturstar Frankreichs.
Sein neuer Roman handelt von den Risiken eines freizügigen Lebens als
Homosexueller. Der Erzähler wird in seiner eigenen Wohnung vergewaltigt.
Das letzte Wort hat Imre Kertész. Der großartige Erzähler,
der mit seinem nobelpreisgekürten Jahrhundertbuch „Roman eines Schicksallosen“
den atemberaubenden Versuch unternahm, von der Shoah in der Tradition des
Schelmenromans zu erzählen, gab in „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“
Auskunft über seinen Schreibantrieb. Das zitiert Edouard Louis am Schluß seines
neuen Buches. Der Kernsatz lautet: „Ich schreibe nicht, um Freude zu finden,
sondern ich suche mit meinem Schreiben den Schmerz, den größtmöglichen, beinahe
schon unmöglichen Schmerz, denn der Schmerz ist die Wahrheit.“
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| Foto-Süddeutsche.de |
Was, fragt man sich,
kann wohl im Leben eines heute lebenden Vierundzwanzigjährigen geschehen sein,
daß er sich ein solches Diktum zueigen macht? Was ist der Anlaß für seine
Schmerzbesessenheit? Nun, die Antwort ist schnell gegeben: Der Roman „Im Herzen der Gewalt“ handelt von einer
Vergewaltigung.
Das Opfer, der
Ich-Erzähler, ist derselbe junge Mann, dem wir bereits in Louis’ Debüt „Das Ende von Eddy“
begegnet sind: ein aus dumpfem, homophobem Prekariat stammender zartbesaiteter
Jüngling, der seine Herkunftswelt verläßt. Ganz in der Tradition der
provinziellen Jungmänner, die Balzac zu den Helden seiner Romane machte, verspricht er sich vom Leben in Paris
den fulminanten Neuanfang.
Ehrgeizige junge Männer
Doch um den
Wahlfranzosen Franz Hessel zu zitieren: „Paris ist schwer“. Paris verlangte
schon den aufstiegswilligen jungen Herren bei Balzac einiges ab. Sie mußten
sich hier Kulturtechniken erwerben, die ihnen an der Wiege nicht gesungen
worden waren. Das gilt auch für ihre Nachfahren. Selbst wenn sie, wie bei
Edouard Louis, weniger an sozialer Arrivierung interessiert sind als vielmehr
daran, in der Metropole endlich ihre Homosexualität auszuleben.
Das hat aber trotz
der Freizügigkeit, die schon immer für Paris typisch war, seine Tücken. Auch
unabhängig von der Ansteckungsgefahr durch Aids sollte man sehr genau
überlegen, mit wem man sich einläßt. Der junge Held von „Im Herzen der Gewalt“,
der wie sein Autor auf den Vornamen Edouard hört, macht da
gleich mehrere kapitale Anfängerfehler.
Erstens läßt sich
der hier noch Zwanzigjährige abseits der Pfade seiner gay community von
einem Araber anquatschen. Dieser Reda macht ihm, für schwule Kontaktanbahnung
ganz ungewöhnlich, die blumigsten Komplimente, die darauf hindeuten, daß er
wohl mehr Erfahrung mit weiblichen Objekten der Begierde hat.
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| Foto-Paris-Reviewe |
Im Bett ganz toll
Edouard, weit davon entfernt, mißtrauisch zu werden, nimmt
Reda, weil der so insistiert, mit nach Haus. Zweiter kapitaler Fehler. Denn
dort kommt es zwar, wie es kommen soll und ist zunächst im Bett ganz toll. Aus
der Dusche zurück, muß Edouard allerdings entdecken, daß Reda sein iPad
eingesackt hat.
Er stellt ihn. Doch statt den hübschen Dieb nun rauszuschmeißen, will er – dritter Fehler – mit ihm reden. Das Therapeuthensprech à la „Es ist nicht zu spät, du nimmst deine Sachen und mein Geld, wenn du willst, du gehst einfach und ich mache nichts“ versteht der Araber nicht. Er wird so aggressiv, daß er sich den Ich-Erzähler noch einmal vornimmt. Plötzlich ist auch ein Messer im Spiel. Es fließt viel Blut.
Trotz seiner Traumatisierung durch die Vergewaltigung, zu
der sich noch die Angst gesellt, mit HIV infiziert worden zu sein,
will Edouard „aus politischen Gründen“ keine Anzeige erstatten. Er will
vielmehr die Rolle des aufgeklärten Weißen aufrechterhalten, der sich mehr um
die Zukunft seines Aggressors mehr als um sich selber sorgt. Um wirklich ganz
dem Schmerz auf den Grund zu gehen, kommt er auf die aparte Idee, sich
ausgerechnet auf einer Reise nach Istambul mit der muslimischen Welt zu
versöhnen.
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Literarische Selbstentblößung
Das geht natürlich schief. Aber es verschafft Edouard
Gelegenheit, sich wirklich mit Haut und Haar seinen Ängsten, seinem Schmerz
auszuliefern. Das ganze Ausmaß dieser Verwirrungen detailliert nachzuzeichnen,
macht zweifellos den Reiz dieser literarischen Selbstentblößung aus.
Allerdings zeigt der Held – anders als die Protagonisten
bei Balzac – keine Einsicht in die Tatsache, daß er sein Unglück selbst
herbeigeführt hat. Dadurch gerät der Roman in eine Schieflage. Seine
Schmerzsuche erscheint als pseudoromantisches Konstrukt, wenn nicht als
persönliche Wehleidigkeit.
Von der unverschuldeten Schmerzwahrhaftigkeit eines Imre
Kertész ist sie ohnehin Äonen weit entfernt. (





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