Montag, 18. September 2017



Das Ende von Eddy: Roman

Wir alle haben uns be­s‍timmt schon einmal fremd gefühlt, unerwünscht oder sogar diskriminiert. Für Eddy, den Protagoni­s‍ten dieses Romans, ist dieses Gefühl allgegenwärtig. Nicht nur die Nachbarn und überhaupt alle Bewohner seines Heimatdorfes im Norden von Frankreich, sondern sogar seine eigenen Eltern und seine Geschwi­s‍ter finden ihn „tuntig“ und „unmännlich“. Ein vernichtendes Urteil in einer Gemeinschaft, in der Männlichkeit der wichtig­s‍te Wert ist und sogar Frauen von sich sagen, daß sie „Eier in der Hose“ haben.

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Eddy ist anders, er läuft schon immer mit Hüftschwund und redet ein paar Lagen zu hoch. Er hat kein Interesse an und keine Begabung für Fußball, saufen findet er sinnlos und die Brü­s‍te von Mädchen lassen ihn völlig kalt. Er frisiert seine Freundinnen lieber als mit ihnen zu knutschen und seine er­s‍ten erfüllenden sexuellen Erfahrungen macht er mit Jungs. Dafür wird er nicht nur verbal gedemütigt, sondern über viele Jahre beinahe jeden Tag in der Schule vermöbelt und bespuckt. Auch wenn sein Vater ihn liebt, kann er mit seinem femininen Sohn nichts anfangen. Sein Bruder haßt ihn offen und seine Mutter kann ihren Sohn nicht vor Anfeindungen beschützen, vor allem nicht, da sie die Werte des Dorfes letztlich teilt und ihren eigenen Sohn nicht ver­s‍teht.

Was sich liest wie ein Roman aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, spielt in Wirklichkeit um die Jahrtausendwende. Was es bedeutet, wenn sich eine archaische Vorstellung von Männlichkeit auch über offen dargestellte Homophobie definiert, kann der Leser am Beispiel von Eddy erfahren, der als schwuler Junge den Hass eines ganzen Dorfes aushalten muss und in der Vorstellung gefangen ist, dass der Fehler bei ihm liegt, sodass er versucht sich zu verbiegen und ein anderer zu werden, was natürlich zum Scheiter verurteilt ist. Sprache kann genauso schmerzen wie Schläge und dass das eine oft den Nährboden und die Legitimation des anderen ist, sieht man hier sehr deutlich.

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Der Roman ist auf der einen Seite wegen der dargestellten seelischen und körperlichen Gewalt erschütternd, auf der anderen Seite verbreitet er auch Hoffnung, denn trotz aller Widrigkeiten kann sich Eddy behaupten und er schafft es, seinen eigenen Weg zu gehen und sich selbst zu finden. Ich fand es, auch wegen der authentischen Sprache, fesselnd und bewegend, Eddy auf seinem Weg in eine bessere Zukunft zu begleiten. Eine lohnender und empfehlenswerter Roman!
Louis beschreibt das patriarchalische Gefüge innerhalb seine Familie, innerhalb des gesamten Dorfes, sehr intensiv. Da materielle Güter aufgrund von Armut kaum vorhanden sind, halten die Menschen an stark traditionellen Werten und Rollenverteilungen fest, wohlgemerkt, im 20. Jahrhundert. Resultierend daraus ergeben sich auf der einen Seite saufende, gewalttätige, echte Kerle. Auf der anderen Seite vom Einkommen der Männer abhängige Frauen als Gebärmaschinen.
Eddy Bellegueules Schicksal erschüttert, weil der Autor und sein Protagonist erst nach 1990 geboren sind. Das geschilderte Ausmaß des Unwissens noch in der Gegenwart ist nur schwer vorstellbar. In einer Zeit, in der in Frankreichs Vorstädten Bibliotheken als Vorposten des verhassten Staates in Brand gesteckt werden, wirft Édouard Louis Roman die Frage danach auf, ob und wie ein Bildungssystem für die Teilhabe aller Kinder aus allen Bevölkerungsschichten sorgen kann.

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