Waiblingen Kirchengemeinde bekennt sich zu Schwulen und Lesben
Waiblingen. Die evangelische Kirchengemeinde bekennt sich zu
Schwulen und Lesben in der Kirchengemeinde, zur Segnung gleichgeschlechtlicher
Paare und zu schwulen und lesbischen Paaren im Pfarrhaus: Mit überwältigender
Mehrheit hat der Kirchengemeinderat diesen Grundsatz-Beschluß gefaßt, der nun
der Landeskirche und der Landessynode zugeschickt werden soll. Vor der Abstimmung
hatten sich Kirchengemeinderäte nochmals grundsätzlich zum umstrittenen Thema
geäußert.
Monate nach dem ersten Antrag hat der Kirchengemeinderat
am Montagabend über den Antrag von Uli Stietz abgestimmt. Klar war nach
den Diskussionen der vergangenen Monate: Ein inhaltlicher
Kompromiß wird in dieser Frage nicht zu finden sein. „Wir sollten uns als
Gremium deutlich positionieren“, forderte Stietz. Um den Gegnern der Initiative
aber trotzdem entgegenzukommen, nahm er von seinem ursprünglichen Vorschlag Abstand,
der Initiative Regenbogen beizutreten und damit am Label der Initiative
festzuhalten.
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Jugendreferent ist skeptisch
Als einer, der ganz große Probleme mit der Öffnung der
Kirchengemeinde hat, outete sich Jugendreferent Daniel Paul. Paul selbst hat
kein Stimmrecht im Kirchengemeinderat, forderte aber, „maximal die beiden ersten
Punkte“ zu beschließen und den letzten Punkt – also die Offenheit für schwule
und lesbische Paare im Pfarrhaus – zu streichen. Viele Kirchenmitglieder hätten
sich mit diesem Punkt sehr schwer getan. Er selbst habe keine Probleme mit
Lesben und Schwulen, wohl aber damit, wenn sie im Pfarrdienst tätig sind.
Uli Stietz: Bitte keinen Wischiwaschi-Antrag
„Bitte keinen Wischiwaschi-Antrag“, wies dies Uli Stietz
zurück und warnte davor, von der Öffnung der Pfarrhäuser für
gleichgeschlechtliche Paare abzurücken: „Er ist die logische Konsequenz aus den
ersten beiden Punkte. Sonst muß man die ebenfalls ablehnen.“ Pfarrer Matthias
Wagner sprang ihm zur Seite: Er habe keine Bedenken, den Punkt zur Abstimmung
zu stellen. Einigen werde man sich wohl nie, doch die Diskussionen der
vergangenen Monate zeichneten die Gemeinde aus. Mittlerweile habe sich mit der
Ehe für alle auch die Gesetzeslage geändert. „Was wir jetzt machen, kann und
wird perspektivisch für die ganze Landeskirche sein“, prognostizierte er.
Ähnlich wie bei der Frauenordination werde diese Frage in 50 Jahren keine Rolle
mehr spielen.
Kirchengemeinderat: Waiblingen ist noch nicht so weit
Man lebe aber nicht in 50 Jahren, konterte
Kirchengemeinderat Joachim Seeger und klagte: „Waiblingen ist noch nicht so
weit. Wir sind mitten durch die Gemeinde gespalten.“ Den Vorwurf der Spaltung
wies Uli Stietz zurück: Auch durch die Haltung der Gegner würden vielen
Menschen ausgegrenzt.
Auch Luther hat nicht daran gedacht, ob er andere verprellt
„Wen schließen wir aus? Die Leute, die die Öffnung nicht
wollen, oder die Jungen?“, fragte Vikarin Susanne Kreuser in die Runde. Für sie
sei es total normal, daß Leute schwul oder lesbisch sind. „Wir haben Bock auf
Tradition, aber auf Dauer ist es nicht attraktiv, allem gesellschaftlichen
Wandel hinterherzuhinken.“
Im Reformationsjahr erinnerte sie an Luther, der bei seinen
Thesen auch nicht daran gedacht habe, ob er andere damit verprellen würde. 500
Jahre danach seien Frauen im Pfarramt nichts Besonderes mehr. „Ich kann mich
auf jede Stelle bewerben, mein schwuler Kollege aber nicht“, sagte sie. Dem
Gemeinderat wünschte sie bei der Abstimmung „eine gute Portion lutherischen
Mutes“, während Daniel Paul nochmals davor warnte, Menschen mit konservativem
Blick zu verlieren.
Niemand soll in Lüge leben müssen
„Kirche ist auch ein Raum für Lesben und Schwule“, betonte
Dekan Timmo Hertneck. Er sei nicht nur der Seismograf seiner Gemeinde, sondern
müsse sich auch vor Gott rechtfertigen. Hertneck warnte vor einer
Sonderbehandlung von Pfarrern, die man mühsam überwunden habe: „Ich bitte, das
Gewissen und die Erkenntnis des Glaubens hochzuhalten.“
Das letzte Argument vor der Abstimmung brachte
Kirchenmusikdirektor Immanuel Rößler ins Spiel. Er kenne viele Pfarrer, auch
homosexuelle: „Was mich am meisten mitnimmt, sind vertraute Menschen, die in
Lüge leben und sich verstecken müssen.“ Sogar Ehen kenne er, die geschlossen
wurden, um die Homosexualität zu verbergen. Und Leute, die eigentlich ins
Pfarramt gehört hätten, aus Not aber Religionslehrer geworden seien.
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Der Beschluß im Wortlaut
- Die ersten 16 Kirchengemeinden zwischen Heilbronn und Tuttlingen überreichten am 9. Juli 2016 dem Landesbischof und der Präsidentin der Württembergischen Evangelischen Landessynode in Heilbronn eine öffentliche Erklärung, die die evangelische Kirchengemeinde Waiblingen nun im Wortlaut übernommen hat. Sie lautet: „Wir sind offen für Lesben und Schwule in unserer Gemeinde: für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare für Pfarrerinnen und Pfarrer, die mit ihrer Partnerin/ihrem Partner im Pfarrhaus leben wollen. Für uns ist es selbstverständlich, daß Lesben und Schwule zur Kirchengemeinde gehören. Menschen unterschiedlicher Lebensformen und sexueller Identitäten sind willkommen.“
- Der Regenbogeninitiative selbst ist die Waiblinger Kirchengemeinde nicht beigetreten.
Wichtiges Zeichen.
Auch wenn die Auswirkungen im Alltag der Kirchengemeinde
nicht unmittelbar spürbar sein werden: mit ihrem Bekenntnis zu Lesben und Schwulen
in der Gemeinde und der Kirche hat die evangelische Kirchengemeinde ein starkes
und wichtiges Zeichen gesetzt. Nach mehreren Gemeindeabenden, bei denen
Betroffene, aber auch Gegner ausführlich zu Wort kamen, kann keiner sagen, daß
sich die Gemeinde den Beschluß leicht gemacht hätte. Am Ende fiel die
Entscheidung mit herausragender Mehrheit. Und das ist gut so. In Zeiten einer
erschreckend starken AFD, die trotz ihrer lesbischen Spitzenkandidatin gegen
die Homo-Ehe wettert und immer wieder offen homophob auftritt, braucht es
Menschen, die klar für eine offene Kirche und Gesellschaft einstehen. (Jutta Pöschko-Kopp-Welzheimer Zeitung)



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