Eltern mal zwei
Als erstes Land der Welt öffneten die Niederlande 2001 die Ehe für Lesben und Schwule. Da immer mehr Homosexuelle Familien gründen, diskutiert das Land nun über das modernste Familienrecht der Welt.
Floris Rijkenberg zieht seinen Ärmel hoch und präsentiert
die Tätowierung auf seinem Unterarm. An einem schwarzen Schlüsselbund hängt ein
Paar von männlichen Mars-Symbolen mit aufstrebenden Pfeilen, daneben zwei
ineinander verschränkte weibliche Venus-Symbole. «Ich wollte ein Tattoo haben,
das meine Familiensituation repräsentiert», sagt der 22-Jährige. «Vielleicht
ist das meine Art zu zeigen, daß ich stolz bin auf meine Herkunft.» Der junge
Mann streicht sich die langen Haare aus dem Gesicht und blickt in die Runde. Am
Küchentisch im obersten Stockwerk des Reihenhauses im Amsterdamer Viertel
De Pijp ist seine ungewöhnliche Familie versammelt: In der Mitte sitzen Floris
Rijkenberg und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Lennart Sweers. Links und rechts
von ihnen sitzen die lesbischen Mütter. Die schwulen Väter haben auf der
gegenüberliegenden Tischseite Platz genommen.
«Alle vier sind für uns gleich»
Der eher feingliedrige Floris und der bulligere Lennart
ähneln sich nicht und führen unterschiedliche Familiennamen, sind aber zusammen
aufgewachsen und pflegen einen brüderlichen Umgang. Rechtlich und biologisch
gesehen sind sie gar nicht miteinander verwandt, da sie weder den gleichen
leiblichen Vater noch die gleiche leibliche Mutter haben. Eine Rolle spielte das
in der Familie nie. «Für mich gab es auch nie einen Unterschied zwischen den
biologischen und den nichtbiologischen Eltern», sagt Lennart. «Alle vier sind
für uns gleich», pflichtet Floris ihm bei, «wobei viele Leute sagen, ich sähe
meinem leiblichen Vater extrem ähnlich.»
Floris betätigt sich neben dem Studium in sozialer Arbeit
als DJ, und er verkehrt in der Amsterdamer Klub- und Kreativszene. Bereits
als Kind erzählte er jedem, der es hören wollte, von seinen Eltern. «Negative
Reaktionen kenne ich nicht. Aber manche Leute nehmen seltsamerweise an, ich sei
schwul, weil meine Eltern homosexuell sind.
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«Bei mir hat nie jemand angenommen, daß ich schwul sei»,
sagt Lennart lachend. Der 20-Jährige pflegt einen diskreteren Umgang mit seiner
Herkunft. Er absolviert eine Ausbildung im sozialen Bereich, hat aber einen
tieferen Schulabschluß als sein Bruder und interessiert sich mehr für Fußball
als für elektronische Musik. In seinem Umfeld ist seine Familiensituation nicht
immer nur auf Akzeptanz gestossen. Als Kind kam es auf dem Pausenplatz oder
auf dem Fußballfeld auch einmal zu Streitereien, wenn Lennart seine Eltern
gegen homophobe Kommentare verteidigen mußte. «Ich bin etwas vorsichtig
geworden, wem ich von meiner Familie erzähle und wem nicht.»
In Nordamerika und Westeuropa ist es im Jahr 2017 nichts
Außergewöhnliches, daß Schwule und Lesben Familien gründen. Vor einem knappen
Vierteljahrhundert aber war dies für die Väter Peter Sweers und Hein Rijkenberg
auch im liberalen Amsterdam keine Selbstverständlichkeit. «Für mich war das
wie ein zweites Comingout», sagt Hein, «denn wir kannten keine anderen
homosexuellen Eltern.» «Die meisten unserer schwulen Freunde fanden das sehr
spiessig», erinnert sich Peter.
Leicht fiel der Entscheid auch den Müttern Jet de Waard und
Yvonne Koene nicht, zumal ihnen auch die Möglichkeit offengestanden wäre, auf
einen Samenspender zurückzugreifen und zu zweit eine Familie zu gründen. «Doch
als Hein und Peter an uns gelangten, beschlossen wir, daß unsere Kinder ihre Väter
kennen sollten», sagt Yvonne Koene. Ein Jahr lang nahmen sich die zwei Paare
Zeit, um sich im Alltag und in gemeinsamen Ferien nah kennenzulernen und ihren
Entschluß reifen zu lassen. Nach der Geburt von Floris kauften sie das Haus im
Viertel De Pijp. Die Väter bezogen die obersten Stöcke, die Mütter die
unteren Etagen. Die Söhne teilten sich zu Beginn die Zeit nach einem fixen
Wochenplan zwischen den beiden Haushalten auf. Als sie größer wurden, blieben
sie permanent im Zwischengeschoß und wohnten unter den Vätern und über den
Müttern.
Homo-Paare und Single-Frauen
Wie viele Kinder in den Niederlanden mit mehr als zwei
Elternteilen aufwachsen, wird statistisch nicht erfaßt – auch zur Zahl
homosexueller Eltern gibt es keine seriösen Schätzungen. Anhaltspunkte gibt die
Plattform «meer dan gewenst»
(«Mehr als erwünscht»), die Einzelpersonen oder homosexuelle Paare mit
Kinderwunsch berät und zusammenführt. «Alle kennen die Co-Elternschaft von
heterosexuellen Paaren, die sich nach der Trennung gemeinsam um ihre Kinder
kümmern», sagt Vorstandsmitglied Sara Coster, die als heterosexuelle
Single-Frau mit einem schwulen Paar zwei Knaben im Alter von 10 und 12 Jahren
aufzieht. «Bei uns aber schliessen sich Menschen zusammen, die eine Familie
gründen wollen, ohne eine Liebesbeziehung zu suchen.»
Gesetzlich stehen Homosexuellen die gleichen Wege zur
Familiengründung offen wie Heterosexuellen. Lesbische Paare greifen oft auf
Samenspenden zurück, doch für Adoptionen oder Leihmutterschaften sind die
praktischen, regulatorischen und finanziellen Hürden hoch. Laut Coster stößt
die Co-Elternschaft bei schwulen Paaren auf grosses Interesse, aber auch bei
homo- oder heterosexuellen Single-Frauen. Die Zahl der Personen, die sich an
die Organisation wenden, ist seit 2012 von 120 auf 900 pro Jahr angestiegen.
Die Niederlande sehen sich gerne
als liberale Vorreiter in Sachen Schwulen- und Lesbenrechte. 2001 waren sie
das erste Land der Welt, das die Ehe (und das Recht auf Adoption) für
homosexuelle Paare ermöglichte. Nun steht die Einführung des weltweit modernsten
Familienrechts zur Debatte, das vorsähe, daß bis zu vier Erwachsene als Eltern
eines Kindes gelten könnten und erziehungsberechtigt sein dürften.
Ende
2016 präsentierte eine Expertenkommission ein Gesetzesprojekt, das die
Legalisierung der Mehrelternschaft vorsieht. Die Begründung: Immer mehr
niederländische Kinder wüchsen mit nur einem Elternteil, in Regenbogenfamilien
mit homosexuellen Eltern oder in Patchworkfamilien auf, in denen sich mehrere
Erwachsene um die Erziehung kümmerten. Die Mehrelternschaft soll aber nur unter
Auflagen erlaubt werden: Vor der Zeugung des Kindes müßten die angehenden
Eltern einem Familiengericht einen Vertrag zur Genehmigung vorlegen. Darin
müßten sie im Detail darlegen, wie sie die Erziehungsaufgaben und die
finanzielle Lastenteilung organisieren wollen, wo das Kind wohnen und welchen
Nachnamen es tragen soll.
Unbestritten ist das Gesetzesprojekt nicht – vielmehr gehört
es in den seit
den Wahlen vom März andauernden Koalitionsverhandlungen zu den kontroversen
Themen. Die rechtsliberale VVD des Wahlsiegers Mark Rutte und die
sozialliberale D66 haben sich im Wahlkampf klar zur Mehrelternschaft bekannt.
Da auch linke und grüne Parteien das Projekt unterstützen, wäre es im
Parlament wohl mehrheitsfähig. Doch die VVD und die D66 versuchen eine
Regierung mit der christlichdemokratischen CDA und der protestantischen
Kleinpartei Christen Unie zu bilden. Die beiden wertkonservativen Parteien
lehnen das Gesetzesprojekt ab, was die Chancen auf eine rasche Realisierung
reduziert.
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«Alles viermal erzählen»
Als Floris Rijkenberg erfuhr, daß nur ein Vater und eine
Mutter auch rechtlich seine Eltern sind, kümmerte ihn das wenig, da sich im
Alltag nichts änderte. «Erst als ich später mit meiner Freundin darüber sprach,
begann es mich gefühlsmässig zu stören.» Für die Eltern hatte die Rechtslage
nie zu großen Problemen geführt, aber für latente Unsicherheit gesorgt. Bei
Auslandsreisen oder Formalitäten in der Schule mußte jeder Sohn von einem
gesetzlichen Elternteil begleitet sein. Bei medizinischen Notfällen hatten nur
die leiblichen Eltern Zugang zum Spital, der Tod eines Vaters oder einer Mutter
hätte Fragen zum Sorgerecht aufgeworfen. Nicht zuletzt ist die Rechtslage für
die Eltern auch emotional unbefriedigend: «Ich habe zwei Söhne», sagt Yvonne
Koene. «Aber für den Staat habe ich nur einen.»
Auch das modernste Familienrecht der Welt kann aber die
Komplexität nicht beseitigen, die einer Co-Elternschaft eigen ist. Vier
Elternteile bedeutet vier Meinungen. Wie oft dürfen die Kinder fernsehen? In
welche Schule gehen sie? Wie lange dürfen sie abends wegbleiben? Nicht alle
Erziehungsfragen lassen sich im Vorfeld regeln. Auch die Kinder immer wieder
loszulassen und zu teilen, kann in der Realität emotional viel schwieriger sein
als in der Theorie.
Die Eltern von Lennart Sweers und Floris Rijkenberg hatten
ein detailliertes Vorgehen vereinbart für den Fall, daß sich eines der
Elternpaare trennen würde. Eine allfällige neue Partnerin oder ein neuer
Partner würde keine Elternrolle übernehmen, und der dritte Haushalt wäre für
die Söhne kein Wohnsitz. Als sich die Mütter vor zehn Jahren tatsächlich
trennten, ging die Scheidung in entsprechend gutem Einvernehmen und mit großer
Rücksichtnahme über die Bühne. «Es lief alles problemlos ab», bestätigt
Lennart. «Nur wurde es noch komplizierter, zu wissen, wann ich bei welchen
Eltern esse.»
Es ist eines der letzten Familientreffen zu sechst am
Küchentisch im Amsterdamer Elternhaus. Floris ist schon im vergangenen Jahr
ausgezogen, Lennart bezieht bald ein eigenes Studio. Auch die Eltern haben nun
einen Käufer für das Haus gefunden – im Oktober geht für die Familie eine Ära
zu Ende. War es im Rückblick ein Vorteil oder ein Nachteil, mit zwei Vätern und
zwei Müttern aufzuwachsen? «Sowohl als auch», sagen die Söhne. «Man leidet
sicher nicht an einem Mangel an Aufmerksamkeit», meint Lennart lachend, «auch
wenn ich es manchmal satthatte, alles viermal zu erzählen.» Sein älterer Bruder
sieht es ähnlich: Heikle Anliegen oder spezielle Wünsche habe er stets an jenen
Elternteil gerichtet, von dem er sich am meisten Entgegenkommen erhofft habe,
sagt er augenzwinkernd. «Aber wenn du mal Mist baust, dann mußt du dir dafür
auch viermal was anhören.»
Qualität der Beziehung ist entscheidend
nn. Amsterdam · Die Gegner der gesetzlichen Regelung einer
Co-Elternschaft in den Niederlanden führen in erster Linie ethische Bedenken
ins Feld. Die Partei Christen Unie beispielsweise ist dagegen, die
«biologische Realität» zu ignorieren, daß jedes Kind nur einen leiblichen Vater
und eine leibliche Mutter hat. Andere Gegner warnen vor Streitigkeiten zwischen
so vielen Eltern zulasten des Kindes.
Die Niederlande kennen die Homo-Ehe mit Adoptionsrechten schon seit 16 Jahren. Kaum mehr zu hören ist darum das Argument, Kinder nähmen Schaden, wenn sie mit zwei Vätern oder mit zwei Müttern aufwüchsen. Die Pädagogikprofessorin Henny Bos forscht seit 2000 in den Niederlanden und in den USA zu Kindern aus Regenbogenfamilien, wobei sie auch an Langzeitstudien zum Verhalten und zur Gesundheit von Kindern beteiligt war. «Ob Kinder mit homosexuellen oder mit heterosexuellen Eltern aufwachsen, hat in keiner Studie einen signifikanten Unterschied ergeben», sagt Bos auf Anfrage. Das Wohlergehen der Kinder hänge vielmehr von der Qualität der Beziehungen ab. Wichtig sei die Beziehung zwischen Eltern und Kind, aber auch jene zwischen den Elternteilen sowie jene zwischen den Geschwistern.
Auch das Aufwachsen in zwei Haushalten sei grundsätzlich unproblematisch. Allerdings ist laut Bos zwischen einer Trennung der Eltern und einer gut geplanten Co-Elternschaft zu unterscheiden, in der die Kinder von Beginn weg in zwei Haushalten leben.(Niklaus Nuspliger, Amsterdam-nzz.ch)
Die Niederlande kennen die Homo-Ehe mit Adoptionsrechten schon seit 16 Jahren. Kaum mehr zu hören ist darum das Argument, Kinder nähmen Schaden, wenn sie mit zwei Vätern oder mit zwei Müttern aufwüchsen. Die Pädagogikprofessorin Henny Bos forscht seit 2000 in den Niederlanden und in den USA zu Kindern aus Regenbogenfamilien, wobei sie auch an Langzeitstudien zum Verhalten und zur Gesundheit von Kindern beteiligt war. «Ob Kinder mit homosexuellen oder mit heterosexuellen Eltern aufwachsen, hat in keiner Studie einen signifikanten Unterschied ergeben», sagt Bos auf Anfrage. Das Wohlergehen der Kinder hänge vielmehr von der Qualität der Beziehungen ab. Wichtig sei die Beziehung zwischen Eltern und Kind, aber auch jene zwischen den Elternteilen sowie jene zwischen den Geschwistern.
Auch das Aufwachsen in zwei Haushalten sei grundsätzlich unproblematisch. Allerdings ist laut Bos zwischen einer Trennung der Eltern und einer gut geplanten Co-Elternschaft zu unterscheiden, in der die Kinder von Beginn weg in zwei Haushalten leben.(Niklaus Nuspliger, Amsterdam-nzz.ch)



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