Donnerstag, 28. September 2017



Wenn die Gewalt ganz subtil daher kommt: Jenaer Institut forscht zu Diskriminierung

Was ist Diskriminierung? Wo fängt sie an? Warum schützen Gesetze nicht genug? – Antworten von Janine Dieckmann vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena.

Jena. Vieles ist geregelt, zum Beispiel im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, weshalb falsche Formulierungen in den Stellenanzeigen zu Klagen führen können. Und doch begegnen wir Diskriminierung im Alltag. Frauen erfahren sie, Homosexuelle, Sozialschwache und andere Gruppe mehr. „Nur weil es Gesetze gibt, heißt es nicht, dass es Diskriminierung nicht mehr gibt“, sagt Janine Dieckmann. Die Wissenschaftlerin am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft arbeitet an dem Thema Diskriminierung.

Frau Dieckmann, was ist eigentlich Diskriminierung?

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Sozialpsychologisch ausgedrückt ist Diskriminierung die als ungerechtfertigt wahrgenommene Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund einer Gruppenzuschreibung. Das heißt, Menschen fühlen sich diskriminiert, wenn sie sich aufgrund einer Gruppenzugehörigkeit schlechter behandelt fühlen als andere. In Bezug auf das gesellschaftliche Zusammenleben in Deutschland wird im Grundgesetz und im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) genau definiert, aufgrund welcher Merkmale Menschen vor Diskriminierung besonders geschützt werden müssen: zum Beispiel aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Behinderung, ihrer Religion.

Also gibt es zwei Ebenen einer Definition: Die, die im AGG festgezurrt ist, und ein sozialpsychologischer Prozess?

Ja, das sind unterschiedliche Perspektiven, die psychologische und die gesetzliche. Im Sinne einer demokratischen Gesellschaft wird nicht alles als Diskriminierung definiert. Die Benachteiligung und die Schlechterbehandlung von übergewichtigen Menschen ist zum Beispiel gesetzlich nicht als Diskriminierung definiert, kommt aber in unserer Gesellschaft häufig vor.
Liegt Diskriminierung vor, wenn die Fans des FCC die Anhänger von RW Erfurtnicht mögen und dies auch äußern?
Gutes Beispiel. Ja, die diskriminieren sich auch gegenseitig, aus sozialpsychologischer Sicht. Aber aus menschenrechtlicher Sicht im Sinne einer Teilhabe und persönlichen Entfaltung in unserer demokratischen Gesellschaft wird diese Art der Diskriminierung eben nicht gesetzlich als Diskriminierung definiert. Es gibt kein Menschenrecht auf die Liebe zum Fußballverein. Gruppenzugehörigkeiten, die vor Diskriminierung geschützt werden, sind nicht einfach so zu verändern und meist nicht selbst gewählt, zum Beispiel das Geschlecht, die sexuelle Orientierung, Religion oder Herkunft.

Wo im Alltag begegnen wir Diskriminierung?

Überall. Sie kann uns in Gesprächen am Arbeitsplatz oder der Freizeit, also auf individueller Ebene, begegnen. Dann gibt es die institutionelle Ebene, also die behördliche: Bestimmte Menschen werden durch Institutionen anders behandelt als andere: Frauen sind in Vorständen, auch in Thüringer Unternehmen, weniger vertreten als Männer. Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund haben schlechtere Bildungschancen und so weiter. Auch die Berichterstattung in einigen Medien ist vorurteilsbehaftet und diskriminierend. Oftmals ist übrigens auch das Ignorieren und Nicht-mit-denken von bestimmten Gruppen ein Problem, zum Beispiel beim Thema barrierefreier Bau von neuen Gebäuden.

Das Thema ist also so präsent, dass es eine Umfrage rechtfertigt. Woran machen Sie das fest?

Wir sind ja mit dem IDZ ganz nah an zivilgesellschaftlichen Akteuren dran. In Gesprächen mit diesen bekomme ich immer wieder mit, wie wichtig es ist, unterschiedliche Diskriminierungsformen in Thüringen sichtbar zu machen. Erst dann können mehr Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Ezra, die Mobile Beratung für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen, ist ein ganz gutes Beispiel. Das ist eine Beratungsstelle für Betroffene von Gewalt, aber was ist mit den Menschen, die keine körperliche Gewalt erfahren haben, die auf subtile Art und Weise im Alltag ausgegrenzt und diskriminiert werden oder eben von Behörden? Für die gibt es in Thüringen keine Beratungsstelle.

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Taucht man in das Thema ein, tun sich Abgründe auf: Wir leben vermeintlich in einer aufgeklärten Welt, diskutieren über die Gleichstellung von Mann und Frau, es gibt die AGG, bei Stellenausschreibungen sind Hinweise auf das Geschlecht und die Religion nicht mehr statthaft. Eigentlich könnte man glauben, dass alles geregelt ist. Und doch scheint der Nachholbedarf enorm zu sein.
Nur weil es Gesetze gibt, heißt es nicht, dass es Diskriminierung nicht mehr gibt. Und auch nicht alle Fälle von Diskriminierung kann man so einfach gesetzlich regeln. Erst kürzlich wurde mir in Erfurt der Fall erzählt, dass eine Frau mit einem Kopftuch zwar eingeladen wurde zum Bewerbungsgespräch, es in diesem Gespräch dann aber nur um die Fluchterfahrung dieser Frau ging und nicht um ihre fachliche Qualifikation. Sie bekam den Job nicht. Aber natürlich klagte die Frau auch nicht – aus Angst vor den Folgen.

Welche Gruppe ist besonders von Diskriminierung betroffen?

Da möchte ich keine Betroffenenhierarchie erstellen. Die psychologischen Auswirkungen von Diskriminierung sind für alle Menschen gleich schlimm. Manche Menschen haben ein höheres Diskriminierungsrisiko, vor allem Menschen, die mehrere Merkmale aufweisen, zum Beispiel Frauen mit Behinderung oder schwule Migranten.

Sind Schwule und Lesben mit der gleichen Form von Diskriminierung konfrontiert?

Was die Auswirkungen anbelangt, gibt es keine Unterschiede. Bei Frauen kommt allerdings noch der sexistische Faktor hinzu. Lesben sind mit Homofeindlichkeit und Sexismus konfrontiert. Wenn Frauen zum Beispiel Fußball spielen, liegt doch häufig eine Homosexualitätsannahme vor. Die muss doch lesbisch sein und ist keine „richtige Frau“.
Ein doppeltes Risiko also.
Ja. Ein doppeltes Risiko, Opfer einer Diskriminierung zu werden. Eine Migrantin mit Behinderung ist zum Beispiel auch einem höheren Risiko ausgesetzt, als ein deutscher Mann ohne Behinderung.
Zu Beginn des Jahres hat ein offener Brief junger Frauen aus Jena für Aufsehen gesorgt: Sie klagten über sexuelle Übergriffe in den Jenaer Clubs. Überraschend daran war, dass die Fälle in einem Umfeld geschahen, in denen man es nicht vermutete. Clubs, in denen ein vermeintlich aufgeklärtes Klientel verkehrt. Hat Sie das überrascht?
Nein, das überrascht mich nicht. Sexismus findet sich in allen gesellschaftlichen Milieus. In Räumen, in denen man es nicht vermutet, fällt es auch mehr auf. In anderen Clubs wird es eventuell manchmal auch als normal angesehen, wenn sexistische Witze oder Übergriffe stattfinden. Individuelle Diskriminierung wird immer aus Sicht des oder der Betroffenen bewertet.

Wie meinen Sie das? Ein Klaps auf den Po ist nicht immer ein Klaps auf den Po?

Ob sich eine Person diskriminiert fühlt, muss sie in erster Linie selbst entscheiden. Wenn Frauen diesen Klaps nicht als Diskriminierung wahrnehmen, ist es unerheblich, wie wir es als Außenstehende bewerten. Meine Wertvorstellungen sind nicht der Maßstab. Diskriminierung ist situationsabhängig. Wenn die Frau den Klaps als Diskriminierung empfindet, ist es gut, dass sie darauf aufmerksam macht und somit das Umfeld – zum Beispiel die Clubs – für das Problem sensibilisiert. Die Jenaer Clubs haben sich danach alle mit dem Thema beschäftigt, soweit ich weiß, und haben Maßnahmen ergriffen.

Ist Diskriminierung ein typisches rechtsextremes Thema?

Diskriminierung hat nicht immer einen rechtsextremen Hintergrund. Aber Menschen mit einer rechtsextremen Ideologie sind häufig diskriminierend: Sie haben eine ausgeprägte Ungleichwertigkeitsideologie von unserer Gesellschaft, glauben, dass es Gruppen gibt, die höherwertig sind. Wichtig aber ist es auch, Diskriminierung jenseits von Rechtsextremismus sichtbar zu machen. Diskriminierung ist in unserer Gesellschaft schon immer vorhanden und lässt sich bei vielen Orten und Menschen finden.

Die AfD huldigt traditionellen Werten und betont die Familie, kürt aber eine Frau zu Spitzenkandidatin, die in einer lesbischen Beziehung lebt. Ist das ein Widerspruch?

Anscheinend funktioniert es für die Partei. Auch unter Lesben und Schwulen gibt es Menschen, die manche Ungleichbehandlungen nicht als Diskriminierung ansehen. Die Ungleichwertigkeit der homo- und heterosexuellen Partnerschaft und damit Lebensweise, welche die AfD in ihren Positionen vertritt, scheint die Lesben und Schwule in der AfD nicht zu stören. Die Mehrheit der Menschen in Deutschlandstören die diskriminierenden Ungleichwertigkeitsvorstellungen der AfD.

Sie haben betont, dass der wiederholte Konflikt um die Behindertenparkplätze am Universitäts-Klinikum in Jena keine Überraschung sei. Warum?

Weil es ein Symptom ist von diskriminierenden Strukturen und Denkweisen. Es kommt doch immer wieder vor, dass Behindertenparkplätze von Menschen ohne Behinderung blockiert werden. Auch der Rollstuhlfahrer, der dann doch wieder vor Treppen steht, ist keine Seltenheit. Warum verfügen in Thüringen nicht alle Bahnhöfe über einen Fahrstuhl?
Die Stadt Jena räumt ein, dass nicht alle Wahllokale barrierefrei sind, aber behinderte Menschen gegebenenfalls auf Hilfe hoffen können. Können Sie das akzeptieren?
Nein, kann ich nicht. Das ist 2017 ein Unding. Man könnte sehr schnell die Situation verändern, wenn man zum Beispiel mobile Rampen an dem Tag einsetzt. Da fehlt mir das Mitdenken. Da bewegen sich die Behörden immer noch zu langsam.
Und das Wahlrecht für Behinderte? „Wahlberechtigt ist, wer das 18. Lebensjahr vollendet hat“ – so steht es im Grundgesetz.
Es steht im Grundgesetz und dennoch gilt es für Zehntausende, die eine Behinderung haben, nicht. Sobald ein Betreuungsrichter diesen Menschen einen Betreuer „in allen Angelegenheiten“ zuspricht, werden sie aus dem Wahlregister gestrichen. Zum Glück gibt es da auch viel Protest aus der Behindertenbewegung und hoffentlich ändert sich das nach dieser Wahl.

Nun trat in Jena ein Direktkandidat an, der schwerbehindert und arbeitssuchend ist. Fehlt dieser Klientel eine Stimme im Bundestag?

Eine Repräsentanz von gesellschaftlich stigmatisierten und schwächer gestellten Gruppen in der Politik und in sonstigen Gremien ist immer wünschenswert. Sonst werden ihre Belange und Anliegen nicht direkt gehört.

Sind wir als Gesellschaft bereit, das Thema Inklusion voranzutreiben oder bleibt es eine Utopie?

Wir müssen viel mehr Basisarbeit leisten. Da fehlt immer noch ein Grundverständnis und die Sensibilität für die Bedürfnisse der Menschen. Dabei geht es mir nicht nur um das Bewusstsein in der Politik. Dieses Bewusstsein muss in der ganzen Gesellschaft gesteigert werden, sonst wird sich nichts ändern.

Schon lange beklagen sich Menschen, dass die Minderheitenförderung längst zu einer umgekehrten Diskriminierung geworden sei. Haben sie recht?

Individuell mag das so wahrgenommen werden. Historisch betrachtet gibt es doch einen Grund, warum jene Minderheiten besonders gefördert werden. Sie waren bislang immer schlechter gestellt gewesen sein und wurden weniger unterstützt.
„Bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt eingestellt."
Genau. Das mag man individuell diskriminierend finden, historisch betrachtet muss man aber doch erkennen, dass Frauen weniger Rechte und geringere Chancen hatten. Um diese lange Ungleichbehandlung auszugleichen, ist es eben nun wichtig, zum Beispiel bei öffentlichen Arbeitgebern die Maßgabe zu setzen, den Frauenanteil zu erhöhen. Und irgendwann ist das hoffentlich nicht mehr nötig, dann, wenn Frauen und Männer in der Arbeitswelt gleichbehandelt werden.

Gibt es eine Diskriminierung von sozial schwachen Menschen?

Natürlich. Wer über ein geringes Einkommen verfügt, wird in unserer Gesellschaft doch ganz anders behandelt als Wohlhabende. Die Diskriminierung beginnt auf dem Amt, in der Schule der Kinder und endet beim Kinobesuch, der unerschwinglich ist. Langzeitarbeitslose sind eine Gruppe, die sehr häufig diskriminiert wird. Eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat gezeigt, dass der soziale Status ein häufiger Grund für Diskriminierung ist. Er rangiert an zweiter Stelle. Schon die Einführung von Hartz IV hat dazu geführt, dass es die Empfänger als stigmatisierte Gruppe gibt. Viele ALG-II-Empfänger berichten, dass sie sich beim Ämterbesuch so fühlen und so behandelt werden, als ob sie sich etwas erschleichen wollen. Da ist bereits eine Voreingenommenheit auf Seiten der Behörden zu spüren, die man mit Fortbildung wieder abbauen könnte.

Gibt es ein Stadt-Land-Gefälle?

Menschen, die einem höheren Diskriminierungsrisiko ausgesetzt sind, leben lieber in den Städten. Dort geht es anonymer zu. In einem 100-Seelen-Dorf mag eher eine homogene Werte-vorstellung vorherrschen, von der man ganz schnell abweichen kann.(Thorsten Büker-TLZ.de)

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