Wenn die Gewalt ganz subtil daher kommt: Jenaer Institut forscht zu Diskriminierung
Was ist Diskriminierung? Wo fängt sie an? Warum schützen Gesetze nicht genug? – Antworten von Janine Dieckmann vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena.
Jena. Vieles ist geregelt, zum Beispiel im Allgemeinen
Gleichbehandlungsgesetz, weshalb falsche Formulierungen in den Stellenanzeigen
zu Klagen führen können. Und doch begegnen wir Diskriminierung im Alltag.
Frauen erfahren sie, Homosexuelle, Sozialschwache und andere Gruppe mehr. „Nur
weil es Gesetze gibt, heißt es nicht, dass es Diskriminierung nicht mehr gibt“,
sagt Janine Dieckmann. Die Wissenschaftlerin am Institut für Demokratie
und Zivilgesellschaft arbeitet an dem Thema Diskriminierung.
Frau Dieckmann, was ist eigentlich Diskriminierung?
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Sozialpsychologisch ausgedrückt ist Diskriminierung die als
ungerechtfertigt wahrgenommene Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund einer
Gruppenzuschreibung. Das heißt, Menschen fühlen sich diskriminiert, wenn sie sich
aufgrund einer Gruppenzugehörigkeit schlechter behandelt fühlen als andere. In
Bezug auf das gesellschaftliche Zusammenleben in Deutschland wird im
Grundgesetz und im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) genau definiert,
aufgrund welcher Merkmale Menschen vor Diskriminierung besonders geschützt
werden müssen: zum Beispiel aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer
sexuellen Orientierung, ihrer Behinderung, ihrer Religion.
Also gibt es zwei Ebenen einer Definition: Die, die im AGG festgezurrt ist, und ein sozialpsychologischer Prozess?
Ja, das sind unterschiedliche Perspektiven, die
psychologische und die gesetzliche. Im Sinne einer demokratischen Gesellschaft
wird nicht alles als Diskriminierung definiert. Die Benachteiligung und die
Schlechterbehandlung von übergewichtigen Menschen ist zum Beispiel gesetzlich
nicht als Diskriminierung definiert, kommt aber in unserer Gesellschaft häufig
vor.
Liegt Diskriminierung vor, wenn die Fans des FCC die
Anhänger von RW Erfurtnicht mögen und dies auch äußern?
Gutes Beispiel. Ja, die diskriminieren sich auch
gegenseitig, aus sozialpsychologischer Sicht. Aber aus menschenrechtlicher
Sicht im Sinne einer Teilhabe und persönlichen Entfaltung in unserer
demokratischen Gesellschaft wird diese Art der Diskriminierung eben nicht
gesetzlich als Diskriminierung definiert. Es gibt kein Menschenrecht auf die
Liebe zum Fußballverein. Gruppenzugehörigkeiten, die vor Diskriminierung
geschützt werden, sind nicht einfach so zu verändern und meist nicht selbst
gewählt, zum Beispiel das Geschlecht, die sexuelle Orientierung, Religion oder
Herkunft.
Wo im Alltag begegnen wir Diskriminierung?
Überall. Sie kann uns in Gesprächen am Arbeitsplatz oder der
Freizeit, also auf individueller Ebene, begegnen. Dann gibt es die institutionelle
Ebene, also die behördliche: Bestimmte Menschen werden durch Institutionen
anders behandelt als andere: Frauen sind in Vorständen, auch in Thüringer
Unternehmen, weniger vertreten als Männer. Schüler und Schülerinnen mit
Migrationshintergrund haben schlechtere Bildungschancen und so weiter. Auch die
Berichterstattung in einigen Medien ist vorurteilsbehaftet und diskriminierend.
Oftmals ist übrigens auch das Ignorieren und Nicht-mit-denken von bestimmten
Gruppen ein Problem, zum Beispiel beim Thema barrierefreier Bau von neuen
Gebäuden.
Das Thema ist also so präsent, dass es eine Umfrage rechtfertigt. Woran machen Sie das fest?
Wir sind ja mit dem IDZ ganz nah an zivilgesellschaftlichen
Akteuren dran. In Gesprächen mit diesen bekomme ich immer wieder mit, wie
wichtig es ist, unterschiedliche Diskriminierungsformen
in Thüringen sichtbar zu machen. Erst dann können mehr Gegenmaßnahmen
ergriffen werden. Ezra, die Mobile Beratung für Opfer rechter, rassistischer
und antisemitischer Gewalt in Thüringen, ist ein ganz gutes Beispiel. Das
ist eine Beratungsstelle für Betroffene von Gewalt, aber was ist mit den
Menschen, die keine körperliche Gewalt erfahren haben, die auf subtile Art und
Weise im Alltag ausgegrenzt und diskriminiert werden oder eben von Behörden?
Für die gibt es in Thüringen keine Beratungsstelle.
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Taucht man in das Thema ein, tun sich Abgründe auf: Wir
leben vermeintlich in einer aufgeklärten Welt, diskutieren über die
Gleichstellung von Mann und Frau, es gibt die AGG, bei Stellenausschreibungen
sind Hinweise auf das Geschlecht und die Religion nicht mehr statthaft.
Eigentlich könnte man glauben, dass alles geregelt ist. Und doch scheint der
Nachholbedarf enorm zu sein.
Nur weil es Gesetze gibt, heißt es nicht, dass es
Diskriminierung nicht mehr gibt. Und auch nicht alle Fälle von Diskriminierung
kann man so einfach gesetzlich regeln. Erst kürzlich wurde mir
in Erfurt der Fall erzählt, dass eine Frau mit einem Kopftuch zwar
eingeladen wurde zum Bewerbungsgespräch, es in diesem Gespräch dann aber nur um
die Fluchterfahrung dieser Frau ging und nicht um ihre fachliche Qualifikation.
Sie bekam den Job nicht. Aber natürlich klagte die Frau auch nicht – aus Angst
vor den Folgen.
Welche Gruppe ist besonders von Diskriminierung betroffen?
Da möchte ich keine Betroffenenhierarchie erstellen. Die
psychologischen Auswirkungen von Diskriminierung sind für alle Menschen gleich
schlimm. Manche Menschen haben ein höheres Diskriminierungsrisiko, vor allem
Menschen, die mehrere Merkmale aufweisen, zum Beispiel Frauen mit Behinderung
oder schwule Migranten.
Sind Schwule und Lesben mit der gleichen Form von Diskriminierung konfrontiert?
Was die Auswirkungen anbelangt, gibt es keine Unterschiede.
Bei Frauen kommt allerdings noch der sexistische Faktor hinzu. Lesben sind mit
Homofeindlichkeit und Sexismus konfrontiert. Wenn Frauen zum Beispiel Fußball
spielen, liegt doch häufig eine Homosexualitätsannahme vor. Die muss doch
lesbisch sein und ist keine „richtige Frau“.
Ein doppeltes Risiko also.
Ja. Ein doppeltes Risiko, Opfer einer Diskriminierung zu
werden. Eine Migrantin mit Behinderung ist zum Beispiel auch einem höheren
Risiko ausgesetzt, als ein deutscher Mann ohne Behinderung.
Zu Beginn des Jahres hat ein offener Brief junger Frauen aus Jena für
Aufsehen gesorgt: Sie klagten über sexuelle Übergriffe in den Jenaer Clubs.
Überraschend daran war, dass die Fälle in einem Umfeld geschahen, in denen man
es nicht vermutete. Clubs, in denen ein vermeintlich aufgeklärtes Klientel verkehrt.
Hat Sie das überrascht?
Nein, das überrascht mich nicht. Sexismus findet sich in
allen gesellschaftlichen Milieus. In Räumen, in denen man es nicht vermutet,
fällt es auch mehr auf. In anderen Clubs wird es eventuell manchmal auch als
normal angesehen, wenn sexistische Witze oder Übergriffe stattfinden.
Individuelle Diskriminierung wird immer aus Sicht des oder der Betroffenen
bewertet.
Wie meinen Sie das? Ein Klaps auf den Po ist nicht immer ein Klaps auf den Po?
Ob sich eine Person diskriminiert fühlt, muss sie in erster
Linie selbst entscheiden. Wenn Frauen diesen Klaps nicht als Diskriminierung
wahrnehmen, ist es unerheblich, wie wir es als Außenstehende bewerten. Meine
Wertvorstellungen sind nicht der Maßstab. Diskriminierung ist
situationsabhängig. Wenn die Frau den Klaps als Diskriminierung empfindet, ist
es gut, dass sie darauf aufmerksam macht und somit das Umfeld – zum Beispiel
die Clubs – für das Problem sensibilisiert. Die Jenaer Clubs haben sich danach
alle mit dem Thema beschäftigt, soweit ich weiß, und haben Maßnahmen ergriffen.
Ist Diskriminierung ein typisches rechtsextremes Thema?
Diskriminierung hat nicht immer einen rechtsextremen
Hintergrund. Aber Menschen mit einer rechtsextremen Ideologie sind häufig
diskriminierend: Sie haben eine ausgeprägte Ungleichwertigkeitsideologie von
unserer Gesellschaft, glauben, dass es Gruppen gibt, die höherwertig sind.
Wichtig aber ist es auch, Diskriminierung jenseits von Rechtsextremismus
sichtbar zu machen. Diskriminierung ist in unserer Gesellschaft schon immer
vorhanden und lässt sich bei vielen Orten und Menschen finden.
Die AfD huldigt traditionellen Werten und betont die Familie, kürt aber eine Frau zu Spitzenkandidatin, die in einer lesbischen Beziehung lebt. Ist das ein Widerspruch?
Anscheinend funktioniert es für die Partei. Auch unter
Lesben und Schwulen gibt es Menschen, die manche Ungleichbehandlungen nicht als
Diskriminierung ansehen. Die Ungleichwertigkeit der homo- und heterosexuellen
Partnerschaft und damit Lebensweise, welche die AfD in ihren Positionen
vertritt, scheint die Lesben und Schwule in der AfD nicht zu stören. Die
Mehrheit der Menschen in Deutschlandstören die diskriminierenden
Ungleichwertigkeitsvorstellungen der AfD.
Sie haben betont, dass der wiederholte Konflikt um die Behindertenparkplätze am Universitäts-Klinikum in Jena keine Überraschung sei. Warum?
Weil es ein Symptom ist von diskriminierenden Strukturen und
Denkweisen. Es kommt doch immer wieder vor, dass Behindertenparkplätze von
Menschen ohne Behinderung blockiert werden. Auch der Rollstuhlfahrer, der dann
doch wieder vor Treppen steht, ist keine Seltenheit. Warum verfügen
in Thüringen nicht alle Bahnhöfe über einen Fahrstuhl?
Die Stadt Jena räumt ein, dass nicht alle
Wahllokale barrierefrei sind, aber behinderte Menschen gegebenenfalls auf Hilfe
hoffen können. Können Sie das akzeptieren?
Nein, kann ich nicht. Das ist 2017 ein Unding. Man könnte
sehr schnell die Situation verändern, wenn man zum Beispiel mobile Rampen an
dem Tag einsetzt. Da fehlt mir das Mitdenken. Da bewegen sich die Behörden
immer noch zu langsam.
Und das Wahlrecht für Behinderte? „Wahlberechtigt ist, wer
das 18. Lebensjahr vollendet hat“ – so steht es im Grundgesetz.
Es steht im Grundgesetz und dennoch gilt es für
Zehntausende, die eine Behinderung haben, nicht. Sobald ein Betreuungsrichter
diesen Menschen einen Betreuer „in allen Angelegenheiten“ zuspricht, werden sie
aus dem Wahlregister gestrichen. Zum Glück gibt es da auch viel Protest aus der
Behindertenbewegung und hoffentlich ändert sich das nach dieser Wahl.
Nun trat in Jena ein Direktkandidat an, der schwerbehindert und arbeitssuchend ist. Fehlt dieser Klientel eine Stimme im Bundestag?
Eine Repräsentanz von gesellschaftlich stigmatisierten und
schwächer gestellten Gruppen in der Politik und in sonstigen Gremien ist immer
wünschenswert. Sonst werden ihre Belange und Anliegen nicht direkt gehört.
Sind wir als Gesellschaft bereit, das Thema Inklusion voranzutreiben oder bleibt es eine Utopie?
Wir müssen viel mehr Basisarbeit leisten. Da fehlt immer
noch ein Grundverständnis und die Sensibilität für die Bedürfnisse der
Menschen. Dabei geht es mir nicht nur um das Bewusstsein in der Politik. Dieses
Bewusstsein muss in der ganzen Gesellschaft gesteigert werden, sonst wird sich
nichts ändern.
Schon lange beklagen sich Menschen, dass die Minderheitenförderung längst zu einer umgekehrten Diskriminierung geworden sei. Haben sie recht?
Individuell mag das so wahrgenommen werden. Historisch
betrachtet gibt es doch einen Grund, warum jene Minderheiten besonders gefördert
werden. Sie waren bislang immer schlechter gestellt gewesen sein und wurden
weniger unterstützt.
„Bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt
eingestellt."
Genau. Das mag man individuell diskriminierend finden,
historisch betrachtet muss man aber doch erkennen, dass Frauen weniger Rechte
und geringere Chancen hatten. Um diese lange Ungleichbehandlung auszugleichen,
ist es eben nun wichtig, zum Beispiel bei öffentlichen Arbeitgebern die Maßgabe
zu setzen, den Frauenanteil zu erhöhen. Und irgendwann ist das hoffentlich
nicht mehr nötig, dann, wenn Frauen und Männer in der Arbeitswelt
gleichbehandelt werden.
Gibt es eine Diskriminierung von sozial schwachen Menschen?
Natürlich. Wer über ein geringes Einkommen verfügt, wird in
unserer Gesellschaft doch ganz anders behandelt als Wohlhabende. Die
Diskriminierung beginnt auf dem Amt, in der Schule der Kinder und endet beim
Kinobesuch, der unerschwinglich ist. Langzeitarbeitslose sind eine Gruppe, die
sehr häufig diskriminiert wird. Eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des
Bundes hat gezeigt, dass der soziale Status ein häufiger Grund für
Diskriminierung ist. Er rangiert an zweiter Stelle. Schon die Einführung von
Hartz IV hat dazu geführt, dass es die Empfänger als stigmatisierte Gruppe
gibt. Viele ALG-II-Empfänger berichten, dass sie sich beim Ämterbesuch so
fühlen und so behandelt werden, als ob sie sich etwas erschleichen wollen. Da
ist bereits eine Voreingenommenheit auf Seiten der Behörden zu spüren, die man
mit Fortbildung wieder abbauen könnte.
Gibt es ein Stadt-Land-Gefälle?
Menschen, die einem höheren Diskriminierungsrisiko
ausgesetzt sind, leben lieber in den Städten. Dort geht es anonymer zu. In
einem 100-Seelen-Dorf mag eher eine homogene Werte-vorstellung vorherrschen,
von der man ganz schnell abweichen kann.(Thorsten Büker-TLZ.de)



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