Welche deutsche Nachrichtenseite verbreitet die meisten Falschmeldungen auf Facebook?
Wir haben fast 2.000 Facebook-Posts nachrecherchiert, um der Hysterie um Fake News ein paar Daten entgegenzusetzen.
Was ist denn da schon wieder in Dortmund los? Es ist Ende
November und eine skandalöse Facebook-Meldung macht die Runde: Ein
Woolworth-Geschäft "verkauft ab sofort keine Weihnachtsartikel mehr".
Und warum? "Wir sind ein muslimisches Geschäft", heißt es in dem
Post, der einen Artikel zu dem Thema ankündigt. Ein dicker Hund.
Man kann sich die Kommentare unter dem Post bildhaft vorstellen:
Islamisierung des Abendlandes, Überfremdung, Grenzen zu, Merkel wegsperren,
Höcke for President! Nur: Das Ganze stimmt so nicht.
Wie Woolworth wenig später genervt klarstellt, habe man sich wegen des schleppenden
Absatzes dieser Artikel dazu entschieden, das Weihnachtszeug auf die
umliegenden Filialen zu verteilen. Bei Winterjacken, die sich schlecht
verkaufen, mache man das genauso, versichert eine Sprecherin gegenüber der Rheinischen Post. Kein Wort von einem Glaubenskrieg auf dem
Grabbeltisch.
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| Foto-ndl-Medien. |
Aber wer würde so einen Quatsch in die Welt setzen? Es ist
kein kleiner, unseriöser Blog, sondern die deutsche Ausgabe der Huffington Post
mit immerhin 647.000 Facebook-Fans. Ihr unschuldiger Claim lautet: "Die
Welt ist besser als ihre schlechten Nachrichten. Wir müssen nur
hinschauen". Mit 604 Shares ist die vorweihnachtliche Empörungsente die am
meisten geteilte Nachricht in einer Woche. Ein voller Erfolg – zumindest für
die Facebook-Performance von HuffPost. Auch im sehr kurzen Artikel wird die Falschmeldung nicht aufgelöst. Nur wenn
man das Video zum Artikel anschaut, heißt es in den letzten zehn Sekunden des
Clips: "Der Grund für den Weihnachtsartikel-Stop: Nicht Religion, sondern
Marktwirtschaft."
Und wo kommt dieses Zitat vom muslimischen Geschäft, das die
schönen Christbaumkugeln verbannt hat, nun eigentlich her? Von
"Medienberichten", heißt es im HuffPost-Artikel, der ohne jede eigene
Recherche auskommt. Der Focus schreibt, die Bild hätte dieses Zitat
eingesammelt. Bild dagegen hat sich diesen vermeintlichen Vorfall aber nur aus
zweiter Hand von einer empörten Kundin erzählen lassen – vielleicht.
Egal: HuffPost berichtet das mal eben mit Zitat in der Facebook-Copy, als
hätten sie es selbst eingesammelt – wie auch weitere Medien im deutschsprachigen Raum.
Warum wir Falschmeldungen untersuchen, ohne Fake News zu sagen
Es gibt wohl kaum einen Begriff, der blitzartig einen so
dramatischen Aufstieg und Fall in den Medien hingelegt hat, wie Fake News:
Noch im Oktober 2016 wußte kaum jemand etwas mit dem Begriff anzufangen, kurz
vor der US-Präsidentschaftswahl gab es sie dann plötzlich überall. Ende 2016
wurde der Begriff schließlich so lange herumgeworfen, verzerrt und je nach
Agenda umgedeutet und mißbraucht, bis ihm jede Bedeutung aus den Buchstaben
herausgelutscht wurde. Kein Wunder in Zeiten, in denen der US-Präsident
kritische Nachrichten pauschal als Fake bezeichnet und Thomas de Maizière schon
von einem "Fake-News-Abwehrzentrum" träumt.
Weil die Debatte so schnell so groß geworden ist, gibt es
gleich mehrere Probleme. Das erste: Es gibt keine einheitliche Definition von
dem, was Fake News eigentlich sein sollen – auch wenn es gute, differenzierte Ansätze dazu gibt, welche ganz
unterschiedlichen Technologien, Akteure und Mechanismen hinter dem Problem der
Desinformation stecken. Zweitens: Darüber, wie weit verbreitet diese falschen
Meldungen denn nun eigentlich sind, gibt es noch immer kaum Daten. Gerade in
Deutschland scheint es, als führten wir eine Phantomdebatte, die vor Meinungen
und vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen nur so strotzt – ohne dabei zu verstehen,
was das Problem ausmacht und wie es zustande kommt. Daran wollten wir
arbeiten.
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| Foto-Twitter.com |
Was haben wir untersucht?
Über einen Zeitraum von sechs aufeinanderfolgenden Tagen
haben wir die Facebook-Seiten von acht verschiedenen deutschsprachigen
Online-Nachrichtenmedien mit großer Reichweite untersucht. Jeden ihrer rund
2.100 Facebook-Posts in dieser Woche haben wir gespeichert und inhaltlich
vorsortiert. Es blieben noch 1.905 Nachrichtenposts. Jeden davon haben wir
nachrecherchiert und haben dabei auch notiert, wie häufig sich die Posts
verbreitet haben.
Um den Wahrheitsgehalt der Posts zu verifizieren, haben wir
die Informationen in jeder einzelnen Überschrift, dem Bild des Facebook-Posts
und in der sogenannten Copy berücksichtigt. Die Copy ist jener oft nur ein Satz
kurze Anreißer, der über dem Bild eines Posts steht und die Leser für den
gesamten Artikel interessieren soll. Die im Facebook-Post präsentierten
Informationen haben wir anschließend bei anderen Quellen nachrecherchiert und
sie dann nach ihrem Wahrheitsgehalt in drei Kategorien einsortiert.
Was heißt hier überhaupt "falsch"?
Wer sich über einen längeren Zeitraum die von deutschen
Facebook-Nutzern besonders häufig geteilten Artikel anschaut, stellt schnell
fest: Mit einer starren Zweiteilung in wahr und unwahr kommt man nicht weit.
Immer wieder haben Meldungen zwar einen richtigen Kern, aber werden auf
Facebook so verzerrt oder verkürzt berichtet, daß man sie zwar nicht als ganz
falsch, aber auch nicht als akkurat berichtete Nachricht bezeichnen kann, die
journalistischen Standards entspricht und den Leser informiert.
Dem glitschigen Diskurs setzen wir für unsere Recherche
daher eine andere, dreiteilige Einordnung entgegen.
Kategorie A, "richtig" – unsere Definition einer
sauberen Geschichte: Der Inhalt des Facebook-Posts basiert auf Fakten. Es läßt
sich nachrecherchieren, daß das Gepostete weitestgehend so passiert ist.
Kategorie B, "na ja" – unsere Definition einer
Halbwahrheit: Der Inhalt des Posts beruht nur teilweise auf Fakten und/oder ist
sehr irreführend und reißerisch aufgemacht. Unter diese Kategorie fällt damit
beispielsweise auch das, was als Clickbait bezeichnet wird.
Kategorie C, "falsch" – unsere Definition einer Falschmeldung:
Der Inhalt des Posts läßt sich gar nicht verifizieren, ist so nicht passiert
und/oder vermittelt über die Facebook-Aufmachung ein völlig falsches Bild.
Den aufgeladenen und mißverständlichen Begriff "Fake
News" lassen wir im folgenden in Frieden ruhen und verwenden stattdessen
die drei Kategorien "richtig" (A), "na ja" (B) und
"falsch" (C). "Fake" benutzen wir allein schon deshalb
nicht, weil wir uns in unserer Auswertung kein Urteil darüber erlauben, aus
welchen Gründen eine irreführende oder falsche Information in die Welt gesetzt
wurde – nicht immer kann man Absicht unterstellen, und damit auch nicht den
Vorsatz einer Fälschung.
Wir haben bei unserer Auswertung also nicht berücksichtigt, was die Motivation für das Verbreiten einer Falschmeldung sein könnte.
Ob
hinter den fehlerhaften Informationen gezielte Lügen, Propaganda, handwerkliche
Fehler, Zeitdruck oder der Wunsch nach Klicks steckt, ist erstens kaum
nachzuweisen und zweitens für unsere Untersuchung nebensächlich: Die Unwahrheit
ist schließlich in der Welt und hat mit Facebook ein ideales Biotop zur
Weiterverbreitung.
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| Foto-News Top-Aktuell - WordPreß.com |
Warum wir Facebook-Posts statt Artikel analysiert haben
Facebook ist für Nachrichtenmedien enorm wichtig geworden,
um Leser zu erreichen. Das soziale Netzwerk ist der lukrativste Marktplatz,
um Leser zu gewinnen; es ist die Plattform, auf der sich mit über 30 Millionen aktiven Usern in Deutschland das mit Abstand
größte Publikum für Nachrichtenmeldungen findet. Auf keiner anderen Plattform
haben Geschichten ein solches Potential, um viral zu gehen und sich rasant zu
verbreiten.
Längst beziehen in Deutschland mehr
Internetnutzer ihre Nachrichten über Soziale Medien als über die
Online-Angebote von Nachrichtenseiten – auch wenn Deutschland dabei im
internationalen Vergleich hinterherhinkt. Das wirft Fragen auf: Welche
Verantwortung haben Journalisten für die Aufmachung ihrer Inhalte auf
Facebook? Sollte man den Leser dort genauso umfassend informieren wie in
Anreißer und Überschrift auf einem Website-Artikel – oder ist Zuspitzung
erlaubt? Und wenn ja, wie viel?
Untersuchungen haben gezeigt, daß 60 Prozent der geteilten Artikel nie gelesen werden. Das
bedeutet: Bei vielen Facebook-Usern bleibt nicht mehr von einem Thema hängen
als Überschrift, Bild und die Copy. Genau deshalb ist es wichtig, die Darstellung
der Fakten in den Facebook-Posts in den Blick zu nehmen. Längst nicht jeder
deutsche User dürfte Überspitzungen, Falschmeldungen und Clickbait immer als
solches erkennen. Laut einer OECD-Studie sind die deutschen Social-Media-Nutzer formal
weniger gebildet als der Durchschnitt – damit ist Deutschland ein Sonderfall.
Welche Rolle große Medien spielen
Schaut man sich den US-Wahlkampf 2016 an – also die Zeit, in
der die Fake-News-Debatte hochkochte –, fällt auf, daß Falschmeldungen vor
allen Dingen auf sehr einseitigen Nachrichten-Blogs entstanden, die aggressiv
für einen der beiden Kandidaten Partei ergriffen und versuchten, dem jeweils
anderen eine Schmutzkampagne anzuhängen. Diese Storys erlangten enorme
Reichweite und eine erschreckend hohe Glaubwürdigkeit – doch das war eben in
den USA.
Die mazedonischen
Blogger-Kids, die fürs schnelle Geld Fake News gegen Hillary Clinton produziert
haben, sind im deutschen Kontext noch nicht aufgetaucht. Noch immer haben
wir hierzulande ein recht solides Mediensystem und können uns im europäischen
Vergleich auf eine relativ stabile Vertrauensbasis an Lesern verlassen, die
ihre Informationen zu einem großen Teil von etablierten Medien beziehen.
Noch immer spielen in Deutschland traditionelle Massenmedien
und etablierte Marken eine größere Rolle für die Meinungsbildung als das breite
Spektrum verschiedener Online-Angebote, wie die Medienwissenschaftler Konrad
Lischka und Christian Stöcker in einem Paper gezeigt haben. Eindeutige
Falschmeldungen gab es in der Vergangenheit in Deutschland eher auf obskuren
Blogs oder auf abseitigen Nachrichtenseiten zu lesen. Häufig stecken
dahinter rechte
Propaganda oder Verschwörungstheorien. Doch diese Websites haben bis auf einzelne Ausreißer kaum Reichweite in der breiten
Gesellschaft. Deshalb ist es wichtig, eine Analyse der Viralität von
Falschmeldungen auch bei jenen Medien durchzuführen, wo sich eine signifikante
Menge von Lesern und Nutzern dauerhaft rumtreibt – und das sind eben in
Deutschland eher große Medienmarken als kleine Blogs.
Wenn man die virale Verbreitung von Falschmeldungen im Netz
untersuchen will, muß man die Suche dort beginnen, wo sich eine breitere Basis
an Nutzern online informiert: bei den Social-Media-Kanälen großer Nachrichtenseiten – denn
Soziale Medien spielen mittlerweile in Deutschland eine fast ebenso große Rolle
als Nachrichtenquelle wie Online-Nachrichtenangebote. Und wenn es ins Bild
paßt, dann dient eine falsch berichtete Meldung auf etablierten Medien auch
randständigen Blogs als Legitimation für die eigene Agenda.
Warum wir genau diese acht Medien ausgesucht haben
Vor diesem Hintergrund haben wir uns auf zweimal vier
deutschsprachige Medien konzentriert – vier neuere Medien und vier etablierte.
Die neueren Medien wurden nach folgenden Kriterien ausgewählt:
Reichweite: Die Online-Angebote der von uns ausgewählten
Medien haben pro Monat mindestens 3,5 Millionen Aufrufe. Zur Vergleichbarkeit
haben wir für alle Medien die Zahlen des Analysedienstes Similarweb genutzt.
Kritik: Wir haben uns besonders für solche Seiten
interessiert, die bereits häufiger im Zusammenhang mit falschen oder
irreführenden Nachrichten in Erscheinung getreten sind und kritisiert wurden.
Vollredaktion: Wir haben nur Online-Medien in Betracht
gezogen, die sich nicht nur an einem Themenkomplex abarbeiten, sondern beanspruchen,
den Leser in vollem Umfang mit Nachrichten des aktuellen Zeitgeschehens zu
versorgen. Damit fallen auch monothematische Blogs oder sogenannte
Aggregatoren, die nur Inhalte anderer Medien sammeln, heraus. Auch Medien, die
von Politikwissenschaftlern politisch klar links oder rechts eingeordnet
werden, wie die taz oder die Junge Freiheit, haben wir nicht berücksichtigt.
Nach den bisherigen drei Kriterien haben wir vier Seiten
ausgesucht: Epoch Times, Huffington Post, RT Deutsch und Sputnik. Alle Angebote
existieren in Deutschland erst seit wenigen Jahren. Um herauszufinden, wie
weit verbreitet das Phänomen mit den Falschmeldungen in Deutschland ist,
wollten wir aber nicht nur die größeren "neuen" Player auf dem Markt
untersuchen, sondern auch etablierte Angebote näher betrachten.
Aus einigen der größten deutschen Nachrichtenmedien haben
wir eine Kontrollgruppe erstellt: Mit der Bild ist das reichweitenstärkste
Medium überhaupt vertreten, mit der Facebook-Seite von Spiegel Online das
größte linksliberale Medium und mit Focus die größte konservative
Nachrichtenseite. Und weil wir selbst schließlich auch ein Onlinemagazin sind,
haben wir unsere Firma, also den Facebook-Output von VICE Deutschland, auch
gleich selbst untersucht.
Was wir herausgefunden haben
Unsere Recherche zeigt, daß das Problem der Desinformation
nicht erst bei absurden, über Blogs und Foren verbreiteten
Verschwörungstheorien wie der sogenannten Pizzagate-Story über
einen angeblichen von Clinton-Vertrauten betriebenen Pädophilenring anfängt –
sondern, daß es die nicht ganz korrekten, hoch emotionalen und reißerischen
News sind, die falsche Vorurteile fördern und den Leser weniger informiert als
vorher zurücklassen.
Das Problem mit der Wahrheit™ reicht viel weiter als eine
einfache Zweiteilung in wahr und falsch: Verkürzte Darstellungen, verbogene
Zitate oder unauffindbare Pseudo-Fakten gibt es nämlich auch von Medien immer
wieder auf Facebook, wie unsere Analyse zeigt. Jedes Medium trägt dabei seine
eigene Handschrift der Halbwahrheit, um Geschichten möglichst weit unters Volk
zu bringen – sei es aus politischen Motiven oder Schlampigkeit. (Therese Locker -Vice)
Was
die von uns untersuchten Medien zu den Vorwürfen sagen und wie sich die
Strategien unterscheiden
Mehr zum Artikel und alle Daten wenn Du dem Link folgst.




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