Darf man endlich wieder über Minderheiten lachen?
An Witze über Randgruppen trauen sich heutzutage nur wenige ran. Serdar Somuncu zum Beispiel. Er bewegt sich in einer humoristischen Grauzone, doch das Lachen könnte gegen Ausgrenzung helfen.
Was haben ein Schwarzer, ein Schwuler und eine Blondine
gemeinsam? Die Antwort könnte man aus den Klischees, die man mit ihnen
assoziiert, zusammenschrauben und hätte dann so etwas wie einen Witz.
Eigentlich aber kommen sie als humoristische Figuren heute eher nicht mehr in
Frage. Zumindest dann nicht, wenn der Witz über Fernsehen, Radio oder Zeitungen
ein größeres Publikum erreichen soll. Witze über Minderheiten sind
ziemlich out. Jan Böhmermann macht sie nicht. Und die Moderatoren der gern als
Gipfel aktueller Humorkunst gepriesenen US-Late-Night-Shows machen sie
auch nicht.
In einem Text in der Zeit hat der Journalist Felix Dachsel
gerade das gute alte "Handwerk" des Humors, also die Verfertigung
von auf Pointe hin konstruierten Witzen, als verlorene Kunst gepriesen. Heute
wollten alle Komiker sozialkritisch und politisch sein, warf er den
Böhmermännern und "Die Anstalt"-Machern vor. Heraus kämen dabei nur
überhebliche Moralismen. Als Gegenbeispiele, also gute alte Humorhandwerker,
führte Dachsel Harald Schmidt an, Otto Waalkes und - ja, tatsächlich - Mario
Barth, der mit seinen Männer-und-Frauen-Witzen einer der letzten notorischen
Schenkelklopfer-Produzenten ist.
Man könnte sagen: So ist das nun mal. Humortrends kommen und
gehen, wenig bleibt dauerhaft witzig. Das Minderheiten-Witz-Tabu aber ist
interessant. Es spiegelt im Humorbereich jene Rücksichtnahme, die heute viele
als "Political Correctness" schmähen. Und gegen die einige meinen,
aufbegehren zu müssen.
![]() |
| Foto-punktpunkt.ch |
Manche brechen das Tabu ganz bewußt und sehr geschickt.
Serdar Somuncu etwa, Kabarettist und "Kançler-Kandidat" der
Satirepartei "Die Partei", hat den Tabubruch zu seinem Stil gemacht.
"Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung", sagt er in
seinem Kabarettprogramm. Wenn Somuncu auf der Bühne steht, kommt es auch mal
vor, daß er sich
über einen Zuschauer mit Behinderung lustig macht. Die Menschen rutschen
dann gequält in ihren Sitzen umher, fragen sich, ob sie lachen dürfen oder
nicht. Somuncu will genau dieses Unbehagen erreichen. Aber durchaus auch das Lachen
darüber. Seine Theorie: Vielleicht schließt man Menschen eben gerade nicht aus,
wenn man über sie lacht - sondern behandelt sie nur genauso wie alle anderen.
"Indem ich jeden beleidige, kann sich keiner angesprochen fühlen",
sagt er.
Aber stimmt das? Ein kurzer Blick über den Atlantik: In der
Late-Night-Show von Stephen Colbert war kürzlich der US-Comedian Bill Burr zu
Gast und probierte einen Minderheiten-Witz aus. Burr erzählt bei seinem
Auftritt, er habe neulich eine Frau im Restaurant gesehen. Eine Lesbe.
"Es war unbestreitbar!", sagt er. Weil sie in der Aufmachung eines
Bauarbeiters herumlief. Die Kostümierung sei so überzogen gewesen, daß es
schon fast ihn als Mann beleidigt hätte. "Nicht mal wir Männer laufen ja so
herum."
Das Publikum, das jede Spitze gegen Trump bejubelt, ist verunsichert
Burr ist bekannt für solche Mini-Provokationen. Diesmal aber
machte er seinen Witz unter den sehr linken Laborbedingungen der "Late
Show" mit Stephen Colbert. Einer Sendung, in der sich Moderator und Publikum
Folge um Folge erneut auf den Widerstand gegen die Präsidentschaft Donald
Trumps einschwören.
Was also geschieht hier nach dem Lesben-Witz? Die Menschen
im Studio lachen verhalten. Ungewöhnlich für das Colbert-Publikum, das sonst
jede Spitze gegen Trump frenetisch beklatscht und bejubelt. Doch jetzt schwelt
Verunsicherung bei Zuschauern und Moderator. Darf man da lachen? Ist das alles
politisch korrekt? Burr spürt die Zurückhaltung und stellt klar: "Diese
Frau, die zufällig eine Lesbe war, war lächerlich gekleidet." Davon handle
sein Scherz, nicht von ihrer sexuellen Orientierung an sich.
An dieser Stelle des Textes mögen einige, die nur ihr
Bauchgefühl bestätigt sehen wollen, sich zurücklehnen und sagen: Ich hab's
doch gewußt: Auf Kosten Trumps dürfen zuhauf Witze gerissen werden, doch die
Minderheiten sind fein raus! Da gibt man ihnen schon alle erdenklichen Rechte
und die Political Correctness fordert dennoch immer weiter rhetorische
Rücksichtnahme ein. Sie wollen gleich sein? Dann müssen sie auch den gleichen
Spott ertragen wie die Mehrheit.
Derselbe Witz kann Identität stiften oder bösartig
verspotten
Doch so einfach ist es nicht. Zwischen der Lesbe und Donald
Trump gibt es einen gewaltigen Unterschied. Sie gehört einer Minderheit an und
er der Mehrheit in jeder Hinsicht (weiß, männlich, hetero). Trump hat alle
Privilegien, die man haben kann, gekrönt von großem Reichtum - und der riesigen
Machtfülle des US-Präsidenten. Das erklärt, warum auch ein schlechter Witz über
Trump zündet und selbst ein guter über Minderheiten bedenklich erscheint. Humor funktioniert am besten,
wenn er nach oben tritt statt nach unten. Die Wahl Trumps zum US-Präsidenten
war insofern ein Segen für viele Late Night Shows. Ein Mann war ins Zentrum der
Macht gerückt, der nie um seine Privilegien kämpfen mußte.
![]() |
| Foto-stump.cc |
Aber ist das Recht darauf, ausgelacht zu werden, nicht trotzdem legitim? Wenn die weiße Mehrheit über die eingangs erwähnte Lesbe genauso wie über Trump lacht, macht sie die beiden in gewisser Weise "gleicher", oder nicht?
Rainer Stollmann, Professor für Kulturwissenschaft und
Lachforscher, weist darauf hin, daß viele Minderheitenwitze ihren Ursprung in
der Minderheit selbst haben oder von ihr aufgegriffen werden. Humor und
Selbstverspottung sind nicht selten identitätsstiftende Bestandteile vieler
Gruppen, die Diskriminierung
erfahren. Prominentes Beispiel ist der jüdische Humor, der so scharfe Witze
hervorbrachte, daß diese häufig unverfälscht von den Nationalsozialisten
mißbraucht werden konnten. Auch heute stellt Stollmann fest:
"Schwulenwitze etwa, die auf rechten Seiten stehen, lassen sich kaum
unterscheiden von den Witzen, die die Schwulen über sich selber machen."
Die Frage sei vielmehr: Erzählt jemand den Witz über die eigene Gruppe oder von
außen, um sie womöglich zu verhöhnen. Je nachdem, wie die Antwort ausfällt,
erhält der Witz eine andere Färbung.
Daran liegt es, daß Serdar Somuncus Provokationen
funktionieren. Er ist ja selbst Teil einer Minderheit, die er ebenso satirisch
und "politisch unkorrekt" behandelt wie andere Randgruppen. Ganz
anders war es bei dem Comedian Chris Tall, dessen "Darf er
das?"-Auftritt bei TV-Total vor zwei Jahren viral ging. Da lachte er als
Weißer mit einem weißen Publikum über Behinderte und Schwarze. Über letztere:
"Das sind normale Menschen. Gut, großer Penis, rennt schnell." Talls
Philosophie ist, daß man über Minderheiten nicht nur
lachen darf, man muß. Er verstieg sich sogar in der Aussage, daß es Rassismus
wäre, es nicht zu tun. Obwohl sein Ansatz dem von Somuncu gleicht, erlebte er
ein kritischeres Medienecho, eben weil er als Weißer von außen witzelte.
In einer ungleichen Welt hat der Witz das Potential,
Minderheiten dauerhaft vom Diskurs fernzuhalten, indem er sie der
Lächerlichkeit preis gibt. Rainer Stollmann, der Lachforscher, gibt ein
anschauliches Beispiel. Nicht den Judenwitz oder den Polenwitz, sondern den
Blondinenwitz: "Neunzig Prozent davon sind unmöglich, dahinter verstecken
sich die verletzten Machos und Patriarchen, die teilweise pathologische Angst
vor der Frauenbewegung und der Weiblichkeit haben und diese kleinhalten wollen."
Ohne faden Beigeschmack über Minoritäten und diskriminierte Gruppen zu lachen, so richtig zu lachen, das geht wohl nur in einer Gesellschaft, in der absolute Gleichheit zwischen den sozialen, ethnischen und sexuellen Gruppen herrscht.
Als "Prüfstein der Wahrheit" empfiehlt
Stollmann die kritische Selbstreflexion: "Können Sie spontan und
bedenkenlos lachen oder nicht? Wenn nicht, dann bezweckt der Witz wohl eher
plumpe Stigmatisierung." Es dürfte also niemanden überfordern, sich bei
einem politisch "unkorrekten" Witz vorher zu vergewissern, wie er
aufgenommen werden könnte.
Das Late-Night-Publikum von Colbert lag letztendlich
intuitiv richtig damit, Burrs Lesbenwitz nicht direkt abzuklatschen, sondern
sich zu fragen: Ist das jetzt okay? Auch Serdar Somuncus Witze zielen auf genau
diese Selbstbefragung ab. Rücksichtnahme soll aber auch nicht dazu führen, daß
alle völlig verkrampfen und so tun, als seien Homosexuelle oder Ausländer
gefährdete Tierarten, über die man nur sehr leise spricht und schon gar nicht
laut lacht. Dabei kann reflektierter Humor die oft verbissen geführte Debatte
über Political Correctness auflockern. Wenn Motiv und Zweck des Witzes nicht
zwielichtig oder gar offen menschenfeindlich sind, dann um alles in der
Welt: Lacht! (Von Joshua Beer-SZ.online)



Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen