Epidemie der Einsamkeit: Warum Drogen, Depressionen und Selbstmorde unter Schwulen so verbreitend sind, wie noch nie
Homosexuelle bringen sich häufiger um als Heteros. Und sie leiden öfter an psychischen Problemen. Michael Hobbes über das Drama des schwulen Mannes
"Ich war immer so gereizt, wenn das Meth alle
war", sagt mein Freund Jeremy.
"Wenn du es hast, mußt du es weiter nehmen. Wenn du
keins mehr hast, ist das wie ‚Okay, ich kann jetzt in mein Leben zurück'. Ich
hab das ganze Wochenende nicht geschlafen und bin zu diesen Sexpartys und habe
mich anschließend bis Mittwoch beschissen gefühlt. Vor ungefähr zwei Jahren bin
ich auf Kokain umgestiegen, weil ich dann am nächsten Tag arbeiten konnte."
Jeremy liegt im Krankenhaus, als er mir das erzählt. Er sagt
nicht, wie es genau zu der Überdosis gekommen ist, nur daß ein Unbekannter den
Krankenwagen gerufen hat und er hier aufgewacht ist.
"Die Drogen waren eine Kombination aus Langeweile und
Einsamkeit"
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| Foto-Huffingtonpost |
Ich hätte nicht gedacht, daß ich mit meinem Freund Jeremy
mal ein solches Gespräch führen würde. Bis vor ein paar Wochen hatte ich keine
Ahnung, daß er härtere Drogen konsumiert als Martinis.
Er ist sportlich, intelligent, glutenfrei und trägt an jedem
x-beliebigen Wochentag ein sauberes Hemd. Als ich ihn vor drei Jahren
kennenlernte, wollte er wissen, wo man gut Croßfit machen kann.
"Die Drogen waren eine Kombination aus Langeweile und
Einsamkeit", sagt er. "Freitagabend kam ich nach Hause, völlig k.o.
von der Arbeit, und fragte mich: ‚Was jetzt?' Also hab ich rumtelefoniert, um
mir Meth liefern zu lassen und im Internet Partys zu checken. Entweder das oder
allein einen Film angucken."
Jeremy ist nicht mein einziger schwuler Freund, der Probleme
hat. Malcolm geht kaum aus dem Haus, weil er unter schweren Angstzuständen
leidet. Wegen Jareds Depressionen beschränken sich seine sozialen Kontakte
inzwischen auf mich, das Fitneßstudio und das Internet. Und da war Christian,
der zweite Mann, den ich je geküßt habe und der sich mit 32 Jahren umbrachte,
zwei Wochen nachdem sein Freund ihn verlassen hatte.
Schon seit Jahren sehe ich, wie das Leben meiner
heterosexuellen und meiner schwulen Freunde auseinanderdriftet. Die eine Hälfte
meines sozialen Netzwerks hat sich in Familien und Vororte verabschiedet, die
andere kämpft sich durch Isolation und Angstzustände, harte Drogen und
riskanten Sex.
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Depression, Einsamkeit und Drogen in der schwulen Gemeinde
noch genauso verbreitet wie vor Jahrzehnten
Nichts davon paßt zu dem, was ich mir vorgestellt hatte
unter dem Leben eines schwulen Mannes. Genauso wenig wie ich wurde Jeremy von
Gleichaltrigen gemobbt oder von seiner Familie abgelehnt. Er kann sich nicht
mal daran erinnern, daß er je Schwuchtel genannt wurde.
Seine lesbische Mutter erzog ihn in einem Vorort an der
Westküste. "Sie outete sich mir gegenüber, als ich zwölf war", sagt
er. "Und im nächsten Satz sagte sie, daß ich schwul bin. Mir war das
damals selbst noch kaum klar."
Jeremy und ich sind 34. In unserem Leben haben die Schwulen
größere gesellschaftliche und rechtliche Akzeptanz erreicht als je zuvor. In
meiner eigenen Teenagerzeit war die Homo-Ehe ein ferner Traum, von den
Zeitungen in Gänsefüßchen gesetzt. Heute ist sie höchstrichterlich abgesegnet.
Die gesellschaftliche Zustimmung zur Homo-Ehe ist von 27
Prozent im Jahr 1996 auf 61 Prozent im Jahr 2016 gestiegen. In der Popkultur
sind schwule Figuren so alltäglich, daß sie sogar Fehler haben dürfen.
Trotzdem - während wir Ausmaß und Tempo dieses Wandels
feiern, sind Depression, Einsamkeit und Drogen in der schwulen Gemeinde noch
genauso verbreitet wie vor Jahrzehnten. Je nach Studie ist die Suizidrate bei
Schwulen zwei- bis zehnmal so hoch wie bei Heteros. Depressive Phasen gibt es
bei uns doppelt so häufig.
Laut einer Untersuchung unter schwulen Männern, die erst
seit kurzem in New York wohnen, litten drei Viertel von ihnen unter
Angstattacken oder Depressionen, nahmen Drogen oder Alkohol oder praktizierten
ungeschützten Sex. Auch wenn wir dauernd von "Wahlfamilien" sprechen,
haben schwule Männer nicht so viele enge Freunde wie Heteros oder lesbische
Frauen.
In den Niederlanden leiden Homosexuelle dreimal so oft an
affektiven Störungen wie Heterosexuelle
Ich will nicht so tun, als sei ich objektiv. Ich bin ein
zeitweise allein lebender Schwuler, in einer normalen Kleinstadt von Eltern
erzogen, die in einem Verein von Angehörigen Homosexueller organisiert waren.
Niemand in meiner Bekanntschaft starb an Aids. Ich bin nie
direkt diskriminiert worden und habe mich in einer Welt geoutet, in der Heirat,
Jägerzaun und ein Golden Retriever für einen homosexuellen Mann nicht nur
erreichbare Ziele waren, sondern geradezu von ihm erwartet wurden.
"Für manche Schwule waren die Homo-Ehe und die
Gesetzesänderungen eine Verbesserung", befindet Christopher Stults. Er
untersucht an der New York University die Unterschiede in der seelischen
Gesundheit von Schwulen und Heterosexuellen. "Viele andere aber waren
enttäuscht. Jetzt haben wir diesen rechtlichen Status erreicht, und doch haben
sich nicht alle Erwartungen erfüllt."
Nicht nur Amerikaner kennen dieses Gefühl der Leere. In den
Niederlanden existiert die Homo-Ehe seit 2001, und trotzdem leiden
Homosexuelle dreimal so oft an affektiven Störungen wie Heterosexuelle, und
"Selbstverletzungen in suizidaler Absicht" treten bei ihnen zehnmal
so häufig auf.
In Schweden gibt es eingetragene Partnerschaften seit 1995
und die gleichberechtigte Ehe seit 2009, aber bei Männern, die mit Männern
verheiratet sind, ist die Suizidrate dreimal so hoch wie bei Männern, die mit
Frauen verheiratet sind.
All diese schwer erträglichen Statistiken führen zur
selben Schlußfolgerung: Wenn man sich als Mann zu anderen Männern hingezogen fühlt,
riskiert man auch heute noch eine gefährliche Entfremdung. Die gute Nachricht:
Epidemiologen und Sozialwissenschaftler verstehen die Gründe mittlerweile
besser denn je.
Travis Salway, Forscher am Centre for Disease Control in
Vancouver, befaßt sich seit fünf Jahren mit der Frage, warum schwule Männer
sich immer noch umbringen.
"Früher waren schwule Männer einsam, weil sie sich nicht outen konnten", sagt er. "Aber heute haben sich Millionen Schwule geoutet, und sie fühlen sich noch genauso isoliert."
"Früher waren schwule Männer einsam, weil sie sich nicht outen konnten", sagt er. "Aber heute haben sich Millionen Schwule geoutet, und sie fühlen sich noch genauso isoliert."
Schwule Männer wurden aus ihren Familien verstoßen, ihr
Liebesleben war verboten
Wir treffen uns zum Mittagessen in einer winzigen Nudelbar.
Es ist November, und er trägt Jeans, Überschuhe und einen Ehering.
"Schwule Ehe?", frage ich.
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"Sogar monogam", sagt er.
Salway wuchs in Celina, Ohio, auf, einer abgetakelten
Industriestadt mit etwa 10.000 Einwohnern, in der bei den 21-Jährigen die Ehe
mit dem College konkurrierte. Er wurde schon als schwul beschimpft, bevor es
ihm selbst klar war.
"Ich war feminin und sang im Chor", sagt er.
"Das genügte." Die meiste Zeit in der Highschool hatte er eine
Freundin und vermied Beziehungen mit Jungen, bis er weggehen konnte.
Gegen Ende der Nullerjahre war er Sozialarbeiter und
Epidemiologe, und der zunehmende Abstand zwischen heterosexuellen und
schwulen Freunden irritierte ihn ebenso wie mich. Gab es vielleicht noch mehr
als das, was man über schwule Männer und seelische Gesundheit bis dahin
angenommen hatte?
In den 50er- und 60er-Jahren trat die Disparität erstmals
zutage, und die Ärzte hielten sie für ein Symptom der Homosexualität an sich,
für eine von vielen Erscheinungsformen des damals als "sexuelle
Inversion" bekannten Phänomens. Als die Schwulenbewegung Fahrt aufnahm,
wurde die Homosexualität aus der Liste der psychischen Defekte gestrichen und
das Problem mit einem Trauma erklärt. Schwule Männer wurden aus ihren Familien
verstoßen, ihr Liebesleben war verboten. Selbstverständlich erreichten ihre
Depressionen und Suizidraten beunruhigende Level.
"So schätzte ich das auch ein", sagt Salway,
"daß der schwule Suizid Produkt einer früheren Zeit war oder vor allem bei
Jugendlichen auftrat, die keinen anderen Ausweg sahen."
Dann nahm er sich die Daten vor. Das Problem war nicht nur
die Selbsttötung, und sie trat nicht nur bei Teenagern auf, nicht nur in
Gegenden mit grassierender Homophobie.
Er stellte fest, daß Schwule überall und in jedem Alter
häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Sexsucht, Erektionsstörungen,
Allergien, Asthma und vielen anderen Erkrankungen leiden. In Kanada sterben
seit Jahren mehr Schwule an Suizid als an Aids.
Vom Streß, ständig darauf gefaßt zu sein, diskriminiert zu
werden
"Es gibt schwule Männer, die nie sexuell oder physisch
angegriffen worden sind und an ähnlichen posttraumatischen Belastungsstörungen
leiden wie Menschen, die Kampfsituationen oder Vergewaltigungen erlebt
haben", sagt Alex Keuroghlian, Psychiater am Fenway Institute's Center
for Population Research in LGBT Health.
Schwule Männer sind darauf "geeicht, Diskriminierung zu
erwarten", glaubt Keuroghlian. Ununterbrochen scannen wir unser Umfeld, ob
wir vielleicht herausfallen. Wir kämpfen um Selbstbehauptung. Wir spielen uns
unsere sozialen Fehlschläge in einer Endlosschleife vor.
Am meisten aber erstaunt bei diesen Symptomen die
Tatsache, daß wir sie im allgemeinen nicht einmal als Symptome wahrnehmen. Seit
er sich mit diesen Daten befaßt, interviewt Salway schwule Männer, die einen
Suizidversuch überlebt haben.
"Wenn man sie fragt, warum sie sich das Leben nehmen
wollten, erwähnen die meisten ihre Homosexualität gar nicht."
Stattdessen erzählen sie ihm von Beziehungsproblemen, beruflichen Problemen,
finanziellen Problemen. "Sie nehmen ihre Sexualität nicht als
entscheidenden Faktor in ihrem Leben wahr. Und doch ist ihre Suizidrate zehnmal
so hoch."
Dieses Phänomen wird in der Wissenschaft mit dem
"Minderheitenstreßmodell" beschrieben. In seiner direktesten Form
ist es ziemlich einfach: Die Zugehörigkeit zu einer Randgruppe bringt
zusätzliche Anstrengungen mit sich.
Als einzige Frau in einem geschäftlichen Meeting oder als
einziger Schwarzer im Studentenwohnheim muß man sich viel mehr Gedanken machen
als die Angehörigen der Mehrheit. Wenn man sich gegen den Chef wehrt oder aber
es nicht tut, entspricht man dann den Klischees über Frauen am Arbeitsplatz?
Wenn man einen Test verhaut, denken die Leute dann, daß es
an der Rasse liegt? Selbst wenn man nicht offen stigmatisiert wird,
hinterlassen diese fortwährenden Grübeleien auf die Dauer ihre Spuren.
Die ganze Ablehnung spielte sich nur in meinem Kopf ab
John Pachankis forscht in Yale über Streß. Seiner Ansicht
nach entsteht die Störung in den etwa fünf Jahren zwischen der Entdeckung der
eigenen Sexualität und dem Zeitpunkt, wenn wir mit anderen darüber sprechen.
In dieser Zeit wirken sich sogar relativ unbedeutende
Streßsituationen unverhältnismäßig stark aus - nicht weil sie traumatisch
wären, sondern weil wir uns darauf einstellen, daß sie passieren. "Du
mußt nicht mal schwul genannt werden, damit du dein Verhalten so anpaßt, daß
dir das nicht passiert", sagt Salway.
So war es auch in meiner Teenie-Zeit: immer auf der Hut,
bloß nichts Falsches sagen, immer im Streß, immer überkompensieren. Als ich in
einem Erlebnisbad mit einem Schulfreund an der Wasserrutsche wartete, erwischte
er mich, wie ich ihn anstarrte.
"Alter, was glotzt du mich an?" Ich konnte gerade
noch ablenken, so was wie "Sorry, du bist nicht mein Typ", aber in
den Wochen danach quälte mich der Gedanke, was er wohl über mich dachte. Dabei
kam er nie darauf zurück. Die ganze Ablehnung spielte sich nur in meinem Kopf
ab.
Das Heranwachsen als Schwuler ist ähnlich belastend wie
das Heranwachsen in extremer Armut
"Das eigentliche Trauma für Schwule ist die lange
Zeitdauer", sagt William Elder, Traumaforscher und Psychologe. "Bei
einem einzelnen Trauma erleidet man eine posttraumatische Belastungsstörung,
die in einem halben Jahr Therapie geheilt werden kann.
Aber wenn man jahrelang immer wieder kleine stressige
Situationen erlebt und sich dann jedes Mal fragt: War das jetzt wegen meiner
Sexualität?, kann das den Effekt sogar noch intensivieren." Wer seine
Homosexualität versteckt, ist laut Elder in der Lage eines Menschen, dem
immer wieder leicht auf den Arm geschlagen wird.
Am Anfang ist er genervt. Nach einiger Zeit ist er wütend.
Schließlich kann er an nichts anderes mehr denken.
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Und dann baut sich der Streß im Körper auf, weil man sich
Tag für Tag damit beschäftigt.
Anscheinend ist das Heranwachsen als Schwuler ähnlich belastend
wie das Heranwachsen in extremer Armut.
Nach einer Untersuchung von 2015 produzieren Schwule weniger
von dem streßregulierenden Hormon Cortisol. Ihr Organismus war in ihrer
Adoleszenz ständig so aktiv, daß sie als Erwachsene träge werden, sagt Katie McLaughlin,
eine der Autorinnen der Studie.
Unter Männern herrscht ein rauher Ton, das ist bei Schwulen
nicht anders
2014 wurden die kardiovaskulären Risikofaktoren von hetero-
und homosexuellen Jugendlichen verglichen. Dabei stellte sich heraus, daß die
schwulen Kids nicht mehr Streßsituationen ausgesetzt waren - daß also auch
heterosexuelle Jugendliche Probleme haben -, daß diese ihr Nervensystem aber
stärker schädigten.
Sogar Salway, der sich gründlich mit dem Minderheitenstreß
befaßt, fühlt sich manchmal unwohl, wenn er mit seinem Partner durch Vancouver
schlendert.
Noch nie ist er angegriffen worden, aber irgendwelche
Idioten haben ihn in der Öffentlichkeit mal beschimpft. So etwas muß nur ein
paar Mal passieren, und schon wartet man darauf und schlägt das Herz etwas
schneller, sobald sich ein Auto nähert.
Unter Männern herrscht ein rauher Ton, das ist bei Schwulen
nicht anders. Im Gegenteil.
Mit Minderheitenstreß allein lassen die vielfältigen
Gesundheitsprobleme schwuler Männer sich jedoch nicht erklären. Tatsächlich
kommt es zur ersten Schädigung, während sie sich verstecken, die zweite und
vielleicht gravierendere kommt aber erst danach.
Auch in der schwulen Community lauern Diskriminierungen
Jahrzehnte hindurch nahmen Psychologen an, daß die entscheidenden
Phasen in der Bildung der schwulen Identität zum Coming-out führen und daß wir,
wenn wir uns in unserer Haut endlich wohlfühlen, unser Leben aufbauen können,
gemeinsam mit Menschen, die die gleichen Erfahrungen gemacht haben.
Die Forschung der letzten zehn Jahre zeigt jedoch, daß der
Kampf um Anpassung sogar noch heftiger wird. Nach einer Untersuchung von 2015
leiden Männer, die sich kurz vorher geoutet hatten, stärker an Ängsten und
Depressionen als solche, die ihre Homosexualität noch verstecken. Denn auch
in der schwulen Community lauern Diskriminierungen.
Jeder Schwule, den ich kenne, trägt ein Päckchen mit all den
Fiesheiten, die andere Schwule ihm gesagt oder angetan haben. Als ich mal zu
einem Date kam, stand der Typ sofort auf, als er mich sah, warf mir vor, daß
ich kleiner sei als auf meinen Fotos, und ging. Alex, Fitnesstrainer in
Seattle, bekam von einem Mitglied seines Schwimmteams zu hören:
"Ich bin bereit, über dein Gesicht hinwegzusehen, wenn
du mich ohne Kondom fickst." Martin, ein Brite in Portland, hat etwa fünf
Kilo zugenommen, seit er da wohnt, und - an Weihnachten - bekam er über Grindr
diese Nachricht: "Du warst immer so sexy. Schade, daß du das versaut
hast."
In anderen Minderheiten werden Ängste und Depressionen
durch die Unterstützung der Community weniger. Die Nähe zu Menschen, von
denen man sich instinktiv verstanden weiß, ist hilfreich. Bei uns dagegen
ist das Gegenteil der Fall.
Mehrere Studien haben gezeigt, daß die Tendenz zu ungeschütztem
Sex und Meth steigt, das Engagement für Ehrenämter oder Sport dagegen sinkt,
wenn man in einem schwulen Viertel wohnt. Aus einer Untersuchung von 2009 geht
hervor, daß Schwule, die eng mit ihrer schwulen Community verbunden sind, mit
ihren eigenen Liebesbeziehungen weniger zufrieden sind.
Schwule Männer behandeln sich gegenseitig mies, weil wir
Männer sind.
"Schwule und bisexuelle Männer bezeichnen die schwule
Community als großen Streßfaktor", sagt John Pachankis, der in Yale zu
genderbezogenen Krankheiten forscht. Der Hauptgrund sei, daß die
Diskriminierung innerhalb der Gruppe die Psyche stärker schädige als die
Zurückweisung durch Angehörige der Mehrheit.
Wenn man von Heterosexuellen zurückgewiesen wird, kann man
leicht darüber hinwegsehen, man kann mit den Augen rollen oder ihnen den
Mittelfinger zeigen - man braucht ihre Anerkennung ja nicht. Die Ablehnung
durch andere Schwule tut mehr weh, weil man diese Leute stärker braucht.
Die Forscher, mit denen ich gesprochen habe, gehen davon
aus, daß Schwule sich aus zwei Gründen häufig verletzen. Der Hauptgrund, der
auch am häufigsten genannt wird, ist, daß schwule Männer sich gegenseitig
mies behandeln, weil wir Männer sind.
"In einer Gemeinschaft von Männern wird Männlichkeit
besonders herausgefordert", sagt Pachankis. "Männlichkeit ist ein
flüchtiges Gut. Sie muß ständig inszeniert oder verteidigt oder eingefordert
werden. Wenn die Männlichkeit infrage gestellt wird, kann man sehen, wie dumm
Männer darauf reagieren. Sie nehmen aggressive Posen ein, stürzen sich in
finanzielle Risiken, wollen Sachen zerschlagen."
Bei femininen Schwulen sind Suizid, Einsamkeit und
psychische Krankheiten noch weiter verbreitet
So läßt sich auch die allgegenwärtige Stigmatisierung
femininer Männer in der schwulen Community besser verstehen. Dane Whicker,
klinischer Psychologe und Forscher an der Duke University, hat herausgefunden,
daß sich die meisten schwulen Männer für maskuline Männer interessieren und
selbst möglichst maskulin auftreten möchten.
Das könnte daran liegen, daß maskuline Männer historisch in
der heterosexuellen Gesellschaft geringere Probleme hatten. Vielleicht haben
wir es aber auch mit verinnerlichter Homophobie zu tun: Feminine Schwule werden
stereotyp immer noch als Bottom, als rezeptiver Partner beim Analverkehr,
gesehen.
Bei femininen Schwulen sind Suizid, Einsamkeit und
psychische Krankheiten denn auch weiter verbreitet. Maskuline Schwule wiederum
leiden mehr unter Ängsten, neigen zu ungeschütztem Sex und greifen öfter zu
Drogen und Tabak.
Während die Schwulenbars verschwinden, treffen sich auf
Grindr immer mehr
Der zweite Grund, warum die schwule Gemeinde ihre Mitglieder
so sehr streßt, hat nicht mit dem Warum unserer wechselseitigen Ablehnung zu
tun, sondern mit dem Wie. In den letzten zehn Jahren sind die traditionellen
schwulen Treffpunkte - Bars, Nachtclubs, Saunen - nach und nach verschwunden,
an ihre Stelle sind die sozialen Medien getreten.
Mindestens 70 Prozent der homosexuellen Männer nutzen
heute Dating-Apps wie Grindr oder Scruff. Im Jahr 2000 lernten sich etwa 20
Prozent der schwulen Paare online kennen. 2010 waren es bis zu 70 Prozent. Die
Zahl der schwulen Paare, die sich durch Freunde gefunden haben, ist von 30 auf
12 Prozent gesunken.
Öfter liest man über die App Grindr, deren Nutzer sie
durchschnittlich 90 Minuten am Tag verwenden, irgendwelche Horrorstorys in den
Medien: über Mörder oder Homophobe, die hier ihre Opfer abschleppen.
Oder es geht um die beunruhigenden
"Chemsex-Partys", die sich in Berlin, London und New York ausbreiten.
Und ja, das sind Probleme. Die eigentliche Wirkung der Apps aber ist stiller,
unauffälliger, und sie geht in mancher Hinsicht auch tiefer: Viele von uns
kommunizieren hauptsächlich auf diesem Weg mit anderen Schwulen.
Diese Apps vermitteln uns nachdrücklich das Gefühl, häßlich
zu sein
Das Schlimmste an den Apps jedoch und der Grund, warum sie
sich so unterschiedlich auf die Gesundheit von schwulen bzw. heterosexuellen
Männern auswirken, ist nicht nur, daß wir sie so intensiv nutzen. Vielmehr
eignen sie sich fast perfekt dazu, unsere negative Selbstwahrnehmung noch zu
verschärfen.
Der Traumaforscher Elder führte im Jahr 2015 Interviews mit
Schwulen und fand heraus, daß 90 Prozent seiner Probanden einen Partner
wollten, der groß, jung, weiß, muskulös und maskulin sein sollte. Die meisten
von uns entsprechen kaum einem dieser Kriterien, geschweige denn allen fünf,
und so vermitteln diese Apps uns nachdrücklich das Gefühl, häßlich zu sein.
Das alles ist natürlich nicht neu. Der seit den Achtzigern
mit gesellschaftlicher Isolation befaßte Psychologe Walt Odets erklärt, schwule
Männer hätten an den Saunen genauso gelitten wie heute an Grindr. Doch bei
seinen jüngeren Patienten sieht er diesen Unterschied:
"Wenn man in der Sauna von jemandem abgelehnt wurde,
konnte man anschließend immer noch mit ihm darüber reden. Vielleicht konnte
daraus eine Freundschaft werden oder wenigstens eine positive soziale
Erfahrung. Bei den Apps wird man einfach weggedrückt, wenn man nicht als
sexuell oder romantisch interessant wahrgenommen wird."
Die Apps verstärken oder beschleunigen vielleicht auch nur
die erwachsene Version der Hypothese, die Pachankis als "Der beste
kleine Junge auf der Welt" bezeichnet. Wenn wir als Jugendliche unsere
Sexualität verstecken, konzentrieren wir unser Selbstwertgefühl auf das, was
die Außenwelt von uns will: gut sein im Sport, in der Schule etc.
Als Erwachsene drängen die sozialen Normen unserer eigenen
Community uns, unser Selbstwertgefühl noch weiter zu konzentrieren: auf unser
Aussehen, unsere Männlichkeit, unsere sexuellen Leistungen.
Aber selbst wenn wir hier wettbewerbsfähig sind, selbst wenn
wir unser Ideal vom maskulinen dominanten Top erreichen - selbst dann haben wir
uns in Wirklichkeit darauf konditioniert, daß wir am Boden zerstört sind,
wenn wir ihm nicht mehr entsprechen, was unvermeidlich der Fall sein wird.(Aus dem Englischen von Elisabeth
Thielicke. Huffingtonpost)





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