Sonntag, 15. Oktober 2017



Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens

Bischof kritisiert "öffentliche Debatte" über Homophobie in seiner Kirche

Ein schwuler Jugendwart erhält in der evangelischen Kirche Sachsens Predigtverbot. In einem Interview verwahrt sich Landesbischof Car­s‍ten Rentzing gegen Kritik aus Politik und Medien.
Der sächsische Bischof Car­s‍ten Rentzing hat in einem Interview die öffentliche Debatte um offene Homophobie gegen einen schwulen Jugendwart in seiner Landeskirche kritisiert: "Ich ärgere mich darüber, daß das Thema öffentlich diskutiert wird, während es doch viel mehr auf persönlicher Ebene geführt werden müßte", erklärte der Chef der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Foto-Forcus.
Rentzing über "politische Instrumentalisierung" erzürnt
Anstatt die Homophobie anzuprangern, zeigt Rentzing auf mutmaßliche Schuldige an dem Streit – diese kämen von außerhalb der Kirche. Er kritisierte etwa, daß die SPD-Politikerin Petra Köpping, die sächsische Staatsmini­s‍terin für Gleich­s‍tellung und Integration, mit dem diskriminierten Jugendwart gesprochen habe: "Für mich ist das politische Instrumentalisierung des Themas. Eine öffentliche Debatte gefährdet den Gesprächsprozeß", so Rentzing. Die Medien mischten sich ebenfalls ein: "Auch die Medien verhärten in diesem Zusammenhang die Fronten nur noch stärker. Das geht alles auf Ko­s‍ten von Jens Ullrich und ist nicht zu verantworten. Ich hoffe, daß wieder etwas Ruhe eintritt und die Gespräche nicht von äußeren Vorgängen überlagert werden."
Rentzing gilt als konservativer Bischof, der aus seiner Ablehnung gegenüber Homosexuellen nie einen Hehl gemacht hat. Der evangelische Würdenträger behauptete etwa kurz nach seinem Amtsantritt 2015, daß "gelebte Homosexualität" pauschal nicht "dem Willen Gottes" entspreche
Im neuen epd-Interview bekräftigte der 50-jährige Bischof, daß er persönlich keine homosexuellen Paare segnen werde. Auch Gegner des schwulen Jugendwarts nahm er ausdrücklich in Schutz: "Die Beteiligten vor Ort fühlen sich verletzt, so wie Jens Ullrich sich verletzt fühlt", behauptete Rentzing. "Wir werden nicht die theologischen Unterschiede ausräumen können." Grundsätzlich wolle er das Thema nicht angehen: In internen Gesprächen werde es "nicht um Homosexualität gehen, sondern um den Umgang miteinander." (dk-Queer.de)




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Bischof Rentzing bekräftigt Notwendigkeit des Dialogs
Der Bundestagswahlausgang, der hohe Prozentsatz an AfD-Wählern in Sachsen sowie das neue Gesetz zur "Ehe für alle" beschäftigt die evangelische Landeskirche in Sachsen. Debattiert wird ebenso über die Diskriminierung eines homosexuellen Jugendwarts im Erzgebirge sowie über die kirchliche Strukturreform. Der Evangelische Pressedienst (epd) sprach in Dresden mit dem Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Car­s‍ten Rentzing, über die aktuellen Herausforderungen.

Wird sich nach der bundesweiten Einführung der "Ehe für alle" an der Praxis innerhalb der sächsischen Landeskirche etwas ändern?

Car­s‍ten Rentzing: Für eine öffentliche Segnung dieser Partnerschaften in einem Gottesdienst gilt die Regelung, daß Pfarrer, die es vor ihrem Gewissen verantworten können, diese Segnung auch praktizieren dürfen. Dazu gibt es eine kirchliche Handreichung.


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Würden Sie selbst homosexuelle Paare in einem Gottesdienst segnen?


Rentzing: Ich habe immer gesagt, das ich das nicht machen würde. Dabei bleibe ich auch weiter. Die neue Rechtslage ändert nichts in der theologischen Frage.

Gibt es denn konkrete Anfragen von gleichgeschlechtlichen Paaren in Sachsen, die sich in einem evangelisch-lutherischen Gottesdienst segnen lassen wollen?

Rentzing: Aktuell sind mir keine Anfragen bekannt. Die Landeskirche wird allerdings analog zur "Ehe für alle" ihre Regelungen für die eingetragenen Lebenspartnerschaften formal anpassen. Das wird auf Kirchenleitungsebene geklärt. Eine Zu­s‍timmung der Synode ist dafür nicht erforderlich.

Die sächsische Landeskirche ringt um eine Lösung für den Jugendwart Jens Ullrich, der im Kirchenbezirk Aue zum Teil mit Predigtverbot belegt wurde. Wie steht es derzeit um die Debatte?

Rentzing: Der Fall beschäftigt uns regelmäßig in der Kirchenleitung. Leider ist der Weg, den wir gerade eingegangen sind, schon wieder gefährdet. Ich ärgere mich darüber, daß das Thema öffentlich diskutiert wird, während es doch viel mehr auf persönlicher Ebene geführt werden müßte. Wir wollen den Fall nicht verschweigen, aber er muß auf der richtigen Ebene diskutiert werden.

"Ich will helfen, den geschwi­s‍terlichen Umgang wieder herzu­s‍tellen"

  
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Wie schätzen Sie das Gespräch der Integrationsmini­s‍terin Petra Köpping (SPD) mit Jens Ullrich ein?

Rentzing: Für mich ist das politische Instrumentalisierung des Themas. Eine öffentliche Debatte gefährdet den Gesprächsprozeß. Auch die Medien verhärten in diesem Zusammenhang die Fronten nur noch stärker. Das geht alles auf Ko­s‍ten von Jens Ullrich und ist nicht zu verantworten. Ich hoffe, daß wieder etwas Ruhe eintritt und die Gespräche nicht von äußeren Vorgängen überlagert werden.
Worin sehen Sie Ihre Rolle im Konflikt zwischen Ullrich und den Gemeinden?

Rentzing: Die Beteiligten vor Ort fühlen sich verletzt so wie Jens Ullrich sich verletzt fühlt. Im Sinne der Einheit des Kirchenbezirkes Aue will ich mich einbringen und helfen, den geschwi­s‍terlichen Umgang wieder herzu­s‍tellen. Dabei geht es um die Frage: Wie räumen wir das aus der Welt, daß wir uns wieder in die Augen schauen können? Ich habe meine Teilnahme am Gespräch aber nicht bedingungslos zugesagt.

An welche Bedingungen ist Ihre Teilnahme geknüpft?

Rentzing: Wir werden nicht die theologischen Unterschiede ausräumen können. Es wird auch nicht um Homosexualität gehen, sondern um den Umgang miteinander. Es sollte einen Ort geben, an dem alle Beteiligten offen ihre Befindlichkeiten äußern können. Es ist schwer genug, überhaupt einen Rahmen dafür herzu­s‍tellen. Aber ein Gespräch auf Augenhöhe wird nur in der gegenseitiger Offenheit funktionieren. Wir wissen aber noch nicht, was geschieht, wenn wir einladen und wer tatsächlich kommen wird.

Was ver­s‍tehen Sie unter geschwi­s‍terlichem Umgang?

Rentzing: Wichtig ist der Respekt füreinander und die Würde des Anderen zu achten - auch wenn es ganz, ganz schwer wird. Zu einem geschwi­s‍terlichen Umgang gehört für mich aber auch, das Be­s‍te für den Anderen zu wollen.
"Als Kirche werden wir darauf achten, daß der Respekt vor der Würde aller Menschen im Zentrum steht"


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Bei der Bundestagswahl hat die AfD besonders im Osten und besonders in Sachsen gepunktet. Wie sollten die Kirchen und die Gesellschaft damit umgehen?

Rentzing: Wir sollten in der Sache debattieren und uns davor hüten, in plakative Schubladen zu verfallen. Davon wird abhängen, wie die Entwicklung im Land weitergeht. Wir müssen mit allen gewählten Vertretern, und vor allem ihren Wählern, reden. Dazu sehe ich keine Alternative, wenn man nicht mit dem Feuer der gesellschaftlichen Spaltung spielen möchte. Als Kirche werden wir dabei darauf achten, daß der Respekt vor der Würde aller Menschen in unserer Gesellschaft weiter im Zentrum steht.

Die sächsische Landeskirche steht inmitten tiefgreifender Strukturveränderungen. Längerfri­s‍tig müssen Stellen eingespart und Kirchenbezirke gerade auf dem Land großräumiger gebildet werden. Wie bereiten sich die Gemeinden darauf vor?

Rentzing: Derzeit laufen Gesprächsabende in den Regionen zur Strukturreform. Drei von sachsenweit insgesamt sechs Abenden zu möglichen Strukturmodellen sind bereits gelaufen. Für die Diskussionen bin ich sehr dankbar. Ich bin stolz auf die Gemeinden, denn es wird deutlich, ihnen ist die Zukunft dieser Kirche nicht egal. Insgesamt rund 1.000 Teilnehmer haben mit Leidenschaft und innerer Anteilnahme diskutiert. Die Gespräche sind von dem Willen geprägt, den be­s‍ten Weg für unsere Landeskirche zu finden. An der Strukturreform arbeiten Kirchenvor­s‍tände und Gemeindeglieder auf konstruktive Art und Weise. Das ist ein großartiges Zeichen.
Was ist den Gemeinden besonders wichtig?

Rentzing: Wichtig ist ihnen, daß die Identität vor Ort erhalten bleibt. Das erscheint mir ein wesentlicher Bau­s‍tein, den auch die Landessynode in ihren Beschlüssen zu berücksichtigen haben wird.(Evangelisch.de)

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