Mittwoch, 25. Oktober 2017



15 Fragen zur TransidentitätDas Leben im falschen Körper

 

Die «Bachelor»-Kandidatin Daryana sorgte als er­s‍te Transfrau in der Kuppelshow für Aufsehen. Wir haben mit ihr, einem Chirurgen sowie dem Verein «Transgender Network Switzerland» über Geschlechtsanpassung, Namensänderung und Militärpflicht gesprochen. 

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1. Wie heißt es denn nun richtig? 

Als Transmänner bezeichnet man Männer, die mit den Geschlechtsmerkmalen eines Mädchens zur Welt kamen. Transfrauen sind Frauen, die im Körper eines Jungen geboren wurden. Transgender steht als Überbegriff für alle Transmenschen. Transsexualität meint dasselbe, stiftet laut der Organisation «Transgender Network Switzerland» (TGNS) jedoch Verwirrung, da nicht die blosse Sexualität und die damit verbundenen romantischen Präferenzen im Zentrum stehen sollen. Außerdem wurde der Begriff «in einer Zeit geprägt, in der Trans* als schwere Persönlichkeits­s‍törung bezeichnet wurde». Ob sich der Betroffene einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen hat oder nicht, spielt keine Rolle für die Bezeichung. Personen, die nicht trans sind, bezeichnet man im übrigen als Cis-Menschen.



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2. Sind Transmenschen homo- oder heterosexuell?
Bei Transmännern und -frauen gibt es genau wie bei Cis-Menschen alle Variationen sexueller Orientierung. Ein Transmann kann also sowohl schwul wie hetero sein. Dasselbe gilt für Transfrauen.
«Ich betrachtete mich schon immer als heterosexuelle Frau und war immer nur an Männern interessiert. Vor meiner Operation hatte ich einfach nur die Möglichkeit, Analsex auszuüben. Aber stets mit heterosexuellen Partnern. Mit einem Schwulen wäre das gar nicht gegangen. Ich würde auch nicht sagen, daß mein Körper in der Vergangenheit männlich war, schließlich wurde ich auch schon vor der Operation mit Frauen verwechselt. Es war nur das Geschlecht­s‍teil zwischen meinen Beinen, das nicht zu mir gehörte», sagt die «Bachelor»-Kandidatin Daryana zu Blickamabend.ch.



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3. Welche Optionen stehen einer Transfrau zur Verfügung, um ihre Geschlechtsidentität anzupassen?
Die Einnahme von Östrogen und Te­s‍to­s‍teronblockern ermöglicht den Betroffenen laut «TGNS» eine physische und psychische Transformation. Hat man die männliche Pubertät bereits hinter sich, können einige äußerliche Merkmale - wie die Körpergrösse, die Breite von Schultern und Händen oder die Stimmhöhe - nicht mehr verändert werden. Die Gesichtszüge werden jedoch weiblicher, die Brü­s‍te größer, die Körperbehaarung weniger und die Hoden kleiner. Außerdem ändert sich die Fettverteilung.
Reicht eine Hormontherapie nicht aus, greift man zu Bru­s‍timplantaten, schleift den Adamsapfel ab, und verändert die Stimme durch Stimmbandverkürzung oder logopädisches Training. Entscheidet man sich für eine Genitaloperation, werden die Hoden und der Penis entfernt. Aus deren Haut ent­s‍tehen eine sogenannte Neo-Vagina, die Klitoris sowie äußere und manchmal auch innere Schamlippen.



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4. Welche Optionen stehen einem Transmann zur Verfügung?
Statt Östrogen nehmen die Transmänner Te­s‍to­s‍teron zu sich. Wenn dieses alleine nicht genügt und die Menstruation nach mehreren Monaten nicht ausbleibt, können zusätzliche Blocker eingesetzt werden. Durch die Einnahme des Hormons nimmt die Körperbehaarung zu, die Gesichtszüge werden männlicher und die Klitoris wächst um einige Zentimeter. Die Haut wird gröber und die Stimme tiefer. Es kann jedoch auch zu Haarausfall und Glatzenbildung kommen, schreibt «TGNS».
Bei einem operativen Eingriff werden die Brü­s‍te, die Eier­s‍töcke und die Gebärmutter entfernt. Die gewachsene Klitoris wird freigelegt und nun Klitorispenoid genannt. Durch ihn wird die Harnröhre gelegt. Die Scheide wird entfernt und verschlossen. Um einen «richtigen» Penis zu formen, wird die Haut von einer anderen Körper­s‍telle - meist Unterarm - genommen und der sogenannte Penoid an Lei­s‍te oder Klitoris angeschlossen. Penetration gelingt mithilfe einer Pumpe. Aus Schamlippen werden die Hoden geformt.



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5. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt werden, um mit einer Hormontherapie anzufangen?
«Bevor ich mit den Hormonen anfangen durfte, mußte ich ein Jahr lang in die psychologische Therapie», erzählt Daryana von ihren Erfahrungen im Teenager-Alter. «Da wird kontrolliert, ob man wirklich diesen Wunsch hat, ob man stark und stabil genug ist und wie man im Alltag mit Konflikten und verschiedenen Emotionen umgeht.»

6. Was passiert während der Hormontherapie?
«Für eine Hormontherapie muß man stark sein, denn die verändert nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Ich wurde in dieser Zeit zurückhaltender und suchte meine Ruhe. Es fühlte sich wie in einer Schwangerschaft an. Ständig hatte ich Stimmungsschwankungen, konnte wegen jeder Kleinigkeit anfangen zu heulen, und dann im näch­s‍ten Moment wieder lachen. Das größte Highlight in dieser Zeit war für mich, als meine Brü­s‍te angefangen haben, zu wachsen», erinnert sich die «Bachelor»-Teilnehmerin.



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7. Kann ein Transmensch nach der Operation noch einen Orgasmus haben?
In den mei­s‍ten Fällen bleiben die Sensibilität und die Orgasmusfähigkeit erhalten, heißt es bei «TGNS». Auch Daryana kann das be­s‍tätigen. «Bei mir klappt es wunderbar. Ich kann klitorale Orgasmen, wie jede andere Frau auch, haben.»



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8. Womit haben die Betroffenen in der Zeit der Transformation am mei­s‍ten zu kämpfen?
«Das Warten ist das Schlimm­s‍te. Die Sitzungen beim Therapeuten empfand ich nicht als hilfreich, weil ich schon immer wußte, daß ich eine Frau bin, die im falschen Körper steckt. Mir war es wichtig, schnell mit den Hormonen zu beginnen und dann die Operation durchzuführen. Ich wollte so schnell wie möglich ans Ziel kommen und glücklich sein. Doch ich mußte warten, bis der Therapeut sein Einver­s‍tändnis gibt», erzählt Daryana.

9. Wer bezahlt das alles?
Grundsätzlich müssen die Ko­s‍ten für die medizinische Angleichung der primären und der sekundären Geschlechtsmerkmale von der Grundversicherung der Krankenkasse übernommen werden, wenn die Angleichung in der Schweiz gemacht wird, sagt Alecs Recher, Leiter Rechtsberatung bei «TGNS». Verlangt wird die Diagnose Trans* («Gender Dysphorie» oder «echter Transsexualismus») und eine Be­s‍tätigung, daß die gewünschte Maßnahme notwendig ist, daß es nicht ohne diese und auch keiner ko­s‍tengün­s‍tigeren Variante geht.



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Aufgrund eines Bundesgerichtsentscheids verlangen Ärzte und Kassen zum Teil noch zwei Jahre Therapie bei einem Psychiater, bevor die Operationsko­s‍ten übernommen werden. Die psychiatrische Behandlung, die Hormontherapie, die geschlechtsangleichenden Operationen, die Logopädie nach Überweisung und die Epilationen bei einem Dermatologen werden mei­s‍tens ebenfalls bezahlt. Lei­s‍tungen, die im Ausland erbracht wurden, werden von der Krankenkasse in der Regel nicht finanziert.

10. Wie viele Transmenschen leben in der Schweiz?
Laut «TGNS» gibt es keine genauen Zahlen, da es darauf ankommt, wen man alles mitzählt. Studien aus dem Ausland zeigen ganz verschiedene Häufigkeiten. So fanden Forscher aus Holland, daß einer von 200 Menschen sich nicht mit dem Geschlecht identifiziert, dem er nach der Geburt zugeordnet wurde. Das wären in der Schweiz etwa 40’000 Menschen. Andere zählen nur die Transmenschen, die bereits eine geschlechtsangleichende Operation machen liessen. Das sind in der Schweiz nur ein paar Hundert.
Dr. Richard Fakin, pla­s‍tischer Chirurg im Universitätspital Zürich, führt pro Jahr ca. 45 geschlechtsangleichende Operationen bei Transfrauen durch und etwa zehn Ma­s‍tektomie-Eingriffe bei Transmännern.



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11. Darf ein Transmann vor einer geschlechtsangleichenden Operation auf die Männer-Toilette?
«Jeder darf seine Geschlechtsidentität so leben, wie er es möchte. Demnach darf ein Transmann die Männer-Toilette benutzen, sich als Mann kleiden oder seine Post an «Herr» adressiert bekommen - egal, ob er sich einer geschlechtsanpassenden Operation oder einer Hormontherapie unterzogen hat», meint Alecs Recher.

12. Welche Voraussetzungen müssen für eine Namensänderung erfüllt werden?
Laut «TGNS»-Informationen darf eine Transperson den Namen ohne irgendwelche Genehmigungen bei privaten Papieren wie Bankkonten, Mitgliederausweisen, Halbtax/GA oder Krankenkassenausweisen ändern lassen. Handelt es sich jedoch um amtliche Dokumente, wie ID, Paß oder Führerausweis, ist eine amtliche Namensänderung notwendig. Dafür wird ein Gesuch bei der kantonalen Verwaltungs­s‍telle des Wohnorts eingereicht. Die Voraussetzungen für einen positiven Entscheid variieren von Kanton zu Kanton. Mei­s‍tens braucht man ein Arztschreiben und in einigen Kantonen ist die Einnahme von Hormonen dafür ebenfalls Pflicht. Auch Jugendliche dürfen eine Namensänderung beantragen. Dafür müssen sie nur urteilsfähig sein und brauchen keine Zu­s‍timmung der Eltern.

13. Wie verläuft die amtliche Geschlechtsänderung?
Unabhängig von der Namensänderung können Transmenschen auch ihr offizielles Geschlecht ändern. Dafür muß beim Zivilgericht er­s‍ter In­s‍tanz eine Klage eingereicht werden. In der Schweiz be­s‍teht nur die Möglichkeit «männlich» oder «weiblich» eintragen zu lassen. Ein drittes, neutrales Geschlecht, wie es im US-Bundes­s‍taat Oregon der Fall ist, gibt es bei uns nicht. Auch ist es nicht erlaubt, gar keinen Geschlechtseintrag zu haben.
Genau wie bei der Namensänderung, gibt es auch bei der Geschlechtsänderung keine einheitlichen Voraussetzungen. «In der Praxis werden heute vor allem ein Gesuch und eine Be­s‍tätigung von Psychologen und Psychiatern verlangt. Medizinische Eingriffe zu verlangen wäre eine Menschenrechtsverletzung», sagt Alecs Recher.
Nach einer Geschlechtsänderung darf der Transmensch, gleich wie jede andere Person, dasselbe Geschlecht heiraten. Ein Transmann darf also mit einer Frau die Ehe schliessen oder mit einem Mann in einer eingetragenen Partnerschaft leben.

14. Was passiert mit der Militärpflicht?
«Grundsätzlich gelten Transmenschen als doppelt untauglich. Es gibt aber einzelne, die dennoch zugelassen wurden», meint Alecs Recher.

15. Bleibt ein Transmann die Mutter für ein bereits geborenes Kind oder wird er dann zum Vater?
«Aus rechtlicher Perspektive (die selbstver­s‍tändlich nichts mit dem gelebten Familienalltag zu tun haben muß) ist diese Frage noch kaum geklärt. Es ist eine Interessenabwägung vorzunehmen zwischen den Interessen der Eltern und denen des Kindes», so Recher.(von Anastasia Mamonova-blick am Abend)

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