Dienstag, 10. Oktober 2017



Religion 

Gefährdet sie den gesellschaftlichen Frieden? Aufklärung - ein Dauerauftrag gegen alle Formen der Unmündigkeit

Religionsfreiheit bedeutet auch das Bekenntnis dazu, nicht (mehr) religiös sein zu wollen, schreibt die Theologin Petra Bahr. Diese Grundlage unseres Gemeinwesens hat sich noch längst nicht überall herumgesprochen.

Religion ist gefährlich. Das scheint der neue Common Sense zu sein, nachdem der Glaube als sozialer Sachverhalt auch im 21. Jahrhundert nicht verschwinden will. Das gilt nicht nur weltweit. Auch in Deutschland, sogar in Berlin, der Stadt, die schon vor zweihundert Jahren als „die Gottlose“ Furore machte, mögen die Kirchenmitgliederzahlen rückläufig sein, Religion ist es nicht. Die Weltreligionen sind in der Haupt­s‍tadt zuhause, in Hinterhofgemeinden und in prachtvollen Domen, in Moscheen, Synagogen, Tempeln und Kirchen, aber auch auf Schulhöfen, in Behörden und auf der Straße.

Foto-Toonpol
Religion ist mehr als ein individuelles Glaubenssy­s‍tem mit rituellen Praktiken, sie prägt unsere Ein­s‍tellungen.
Seit Religion vor allem als Gefahrenpotential und Konflikt­s‍toff wahrgenommen wird, ist die Frage nach dem friedlichen Zusammenleben auf der religionspolitischen Agenda zurück. Religion ist in der Tat mehr ein individuelles Glaubenssy­s‍tem mit rituellen Praktiken. Sie prägt das Alltagsethos, das Ver­s‍tändnis von Familie, Gemeinschaft und Geschlechterordnung, von weltlicher Macht und vom Verhältnis zur Gegenwart und den Beglückungen und Herausforderungen offener, freier Gesellschaften. Deshalb ist Religion ein durchaus ambivalenter Identitätsmarker. Sie bietet Gemeinschaft und Heimat, besonders dann, wenn Heimat und sozialer Zusammenhang durch Migration verloren gingen. Deshalb ist Religion auch Integrationsbeschleuniger. Gleichzeitig lebt religiöse Identitätsbildung oft genug von Abgrenzung und Überbietungsansprüchen.
Religion führt im Alltag vor allem dann zu Konflikten, wenn man über die Religion der Anderen gar nichts weiß.

Im theologischen Streit ist das anregend, im Alltag kann das zu handfe­s‍ten Konflikten führen, vor allem dann, wenn man über die Religion der Anderen gar nichts weiß. Lang schwelende Konflikte in den Heimatländern können als Nachbarschaftsstreit durchaus schlimme Folgen haben. Von den erlernten Abgrenzungsmu­s‍tern des Antisemitismus, der wechselseitigen Verunglimpfung von Chri­s‍ten/Muslimen ganz zu schweigen, die als Alltagsbeschimpfungen in Berlin an jeder Ecke zu hören sind. „Du Jude“. „Du Muselmann“, „Du Christ“. In der Regel ist diese Identität durch Abgrenzung besonders tückisch, wo sie indoktriniert und ständig wiederholt wird, ohne daß irgendein faktisches Wissen oder gar eine echte Begegnung zwischen en Religionsangehörigen vorrangegangen ist.
Diese erlernten Feindschaften lassen sich nur durch große Anstrengungen in religiöser Bildung und leibhaftigen Begegnungen mit dem verteufelten Anderen überwinden. Das ist mühsam, ko­s‍tet Geld, Geduld und gut ausgebildete Vermittler. Ignoranz und Nichtwissen waren in religiös motivierten oder nachträglich religiös  beglaubigten sozialen, ethnischen oder politischen Konflikten immer schon der Brandbeschleuniger Nr. 1. 

Die größten Konflikte drohen innerhalb religiöser Gemeinschaften, bei Heiraten, mit Minderheiten, zwischen Lebens­s‍tilen.
Die größten Konflikte drohen allerdings innerhalb religiöser Gemeinschaften. Heirat mit jemandem mit einem anderen Bekenntnis, gar einer verhaßten Minderheit oder ein Lebens­s‍til, der sich nicht an den Geboten der Familien- und Gemeindemoral orientiert, ist bis zu Fragen handfe­s‍ter Polizeiarbeit minde­s‍tens so gefährlich für den Frieden in der Stadt wie das Zusammenleben in der multireligiösen Nachbarschaft. Wie dürfen Frauen und Mädchen sich entfalten? Wie ist der Umgang mit Homosexualität? Wie steht es mit Kontakten zu Menschen mit anderer Religionszugehörigkeit? Welcher Zugang zu Kunst, Musik, Kultur, Bildung ist erlaubt? Wie ist der Umgang mit religiösen und anderen Autoritäten? Die Konflikte zwischen besonders Observanten und Liberalen, zwischen denen, die in der Fremde die Tradition wiederentdecken oder allererst erfinden und denen, die ihre religiösen Überzeugungen mit einem modernen Lebens­s‍til, aufgeklärter Auseinandersetzung mit der Tradition und neuen Auslegungsformen verbinden wollen, unterzieht nicht nur muslimische Gemeinschaften einem Stres­s‍test.

Foto-religionch
Religionsfreiheit bedeutet auch das Bekenntnis dazu, nicht (mehr) religiös sein zu wollen.
Repression und Ausschluß aus der Gemeinschaft sind die harmlosen, Gewalt bis hin zu Mord die furchtbaren Folgen dieser Konflikte. Die schmerzhafte­s‍te Nagelprobe ist besonders in traditionsbewußten religiösen Gemeinden die Konversion. Doch der Wechsel der Religion oder der bewußte Abschied von der Herkunftsreligion hat in Deutschland Verfassungsrang. Religionsfreiheit ist nicht nur die Freiheit, seine religiösen Überzeugungen zu leben, solange die Rechte anderer nicht berührt sind. Religionsfreiheit bedeutet auch das Bekenntnis dazu, nicht (mehr) religiös sein zu wollen. Diese Grundlage unseres Gemeinwesens hat sich noch längst nicht überall herumgesprochen.
Der Respekt gegenüber der Überzeugung des Anderen müßte deshalb das höch­s‍te Bildungsziel in Berliner Schulen sein, immer verbunden mit der Botschaft, daß es auch legitim ist, keine religiöse Überzeugung zu haben – oder sich sogar über Religion lu­s‍tig machen zu dürfen. Diese Herausforderung gilt auch für viele kleinere christliche und jüdische Gemeinschaften. Die beiden großen Kirchen, die in Berlin längst ebenfalls eine Minderheit sind, haben oft eine engere Verbindung zu Moscheen und Synagogen als zu Chri­s‍ten aus Afrika oder aus dem Nahen Osten. Man teilt zwar die Gebete am Sonntag. Doch in den Vor­s‍tellungen von Partnerschaft, Familie und einem Leben in einem demokratisch verfaßten Gemeinwesen ist man sich ferner, als viele denken.

Deshalb müßte hier ein Ansatzpunkt liegen: in der gründlichen Kontaktpflege der religiösen Gemeinschaften innerhalb einer Konfession, im Aushalten und Austragen theologischer Konflikte, in der Einsicht, daß eine gebildete, aufgeklärte Form und Weiterführung der eigenen Religion kein Verrat, sondern seine Einlösung in der Gegenwart liegt.

Der zweite Konfliktbeschleuniger ist die Reibung der Frommen an Witz, Satire und Karikatur.
Auch der Konfliktbeschleuniger Nr. 2 ist in der Regel kein Streit zwischen Religionen. Er ent­s‍teht in der Reibung mit den medialen Dar­s‍tellungsformen der Religion in modernen Gesellschaften. Der Witz und die Karikatur, der intellektuelle Streit und die populäre Masche des Tabureizes gehören zu offenen Gesellschaften. Freie Meinungsäußerungen tun manchmal weh. Die Wiederkehr von „verletzten Gefühlen“ und „religiöser Ehre“ in den letzten Blasphemiedebatten im Schatten des Karikaturenstreits zeigt, daß hier, im Umgang mit Bildern und Selbstbildern, mit der Relativierung der eigenen Weltsicht und der Einsicht, daß in demokratischen Gesellschaften auch die eine Stimme haben, die man unerträglich findet, liegt vielleicht die größte Herausforderung.
Wer multireligiöse Gesellschaften friedlich halten will, muß unermüdlich für die Aufklärung werben. Nicht als Geschichtsepoche, sondern als Dauerauftrag gegen alle Formen der Unmündigkeit.

(Petra Bahr Leiterin Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung-Tagesspiegel-Causa)

Expertise:
Dr. Petra Bahr ist evangelische Theologin. Sie leitet die Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung seit September 2014. Von 2006 bis 2014 war sie Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und Leiterin des Kulturbüros der EKD. Sie forscht zum Pluralismus und zur nationalen und internationalen Religionspolitik.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen