Religion
Gefährdet sie den gesellschaftlichen Frieden? Aufklärung - ein Dauerauftrag gegen alle Formen der Unmündigkeit
Religionsfreiheit bedeutet auch das Bekenntnis dazu, nicht
(mehr) religiös sein zu wollen, schreibt die Theologin Petra Bahr. Diese
Grundlage unseres Gemeinwesens hat sich noch längst nicht überall
herumgesprochen.
Religion ist gefährlich. Das scheint der neue Common Sense
zu sein, nachdem der Glaube als sozialer Sachverhalt auch im 21. Jahrhundert
nicht verschwinden will. Das gilt nicht nur weltweit. Auch in Deutschland,
sogar in Berlin, der Stadt, die schon vor zweihundert Jahren als „die Gottlose“
Furore machte, mögen die Kirchenmitgliederzahlen rückläufig sein, Religion ist
es nicht. Die Weltreligionen sind in der Hauptstadt zuhause, in
Hinterhofgemeinden und in prachtvollen Domen, in Moscheen, Synagogen, Tempeln
und Kirchen, aber auch auf Schulhöfen, in Behörden und auf der Straße.
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Religion ist mehr als ein individuelles Glaubenssystem mit
rituellen Praktiken, sie prägt unsere Einstellungen.
Seit Religion vor allem als Gefahrenpotential und Konfliktstoff
wahrgenommen wird, ist die Frage nach dem friedlichen Zusammenleben auf der
religionspolitischen Agenda zurück. Religion ist in der Tat mehr ein
individuelles Glaubenssystem mit rituellen Praktiken. Sie prägt das
Alltagsethos, das Verständnis von Familie, Gemeinschaft und
Geschlechterordnung, von weltlicher Macht und vom Verhältnis zur Gegenwart und
den Beglückungen und Herausforderungen offener, freier Gesellschaften. Deshalb
ist Religion ein durchaus ambivalenter Identitätsmarker. Sie bietet
Gemeinschaft und Heimat, besonders dann, wenn Heimat und sozialer Zusammenhang
durch Migration verloren gingen. Deshalb ist Religion auch
Integrationsbeschleuniger. Gleichzeitig lebt religiöse Identitätsbildung oft
genug von Abgrenzung und Überbietungsansprüchen.
Religion führt im Alltag vor allem dann zu Konflikten, wenn
man über die Religion der Anderen gar nichts weiß.
Im theologischen Streit ist das anregend, im Alltag kann das
zu handfesten Konflikten führen, vor allem dann, wenn man über die Religion
der Anderen gar nichts weiß. Lang schwelende Konflikte in den Heimatländern
können als Nachbarschaftsstreit durchaus schlimme Folgen haben. Von den
erlernten Abgrenzungsmustern des Antisemitismus, der wechselseitigen
Verunglimpfung von Christen/Muslimen ganz zu schweigen, die als
Alltagsbeschimpfungen in Berlin an jeder Ecke zu hören sind. „Du Jude“. „Du
Muselmann“, „Du Christ“. In der Regel ist diese Identität durch Abgrenzung
besonders tückisch, wo sie indoktriniert und ständig wiederholt wird, ohne daß
irgendein faktisches Wissen oder gar eine echte Begegnung zwischen en
Religionsangehörigen vorrangegangen ist.
Diese erlernten Feindschaften lassen sich nur durch große
Anstrengungen in religiöser Bildung und leibhaftigen Begegnungen mit dem
verteufelten Anderen überwinden. Das ist mühsam, kostet Geld, Geduld und gut
ausgebildete Vermittler. Ignoranz und Nichtwissen waren in religiös motivierten
oder nachträglich religiös beglaubigten sozialen, ethnischen oder
politischen Konflikten immer schon der Brandbeschleuniger Nr. 1.
Die größten Konflikte drohen innerhalb religiöser
Gemeinschaften, bei Heiraten, mit Minderheiten, zwischen Lebensstilen.
Die größten Konflikte drohen allerdings innerhalb religiöser
Gemeinschaften. Heirat mit jemandem mit einem anderen Bekenntnis, gar einer
verhaßten Minderheit oder ein Lebensstil, der sich nicht an den Geboten der
Familien- und Gemeindemoral orientiert, ist bis zu Fragen handfester
Polizeiarbeit mindestens so gefährlich für den Frieden in der Stadt wie das
Zusammenleben in der multireligiösen Nachbarschaft. Wie dürfen Frauen und
Mädchen sich entfalten? Wie ist der Umgang mit Homosexualität? Wie steht es mit
Kontakten zu Menschen mit anderer Religionszugehörigkeit? Welcher Zugang zu
Kunst, Musik, Kultur, Bildung ist erlaubt? Wie ist der Umgang mit religiösen
und anderen Autoritäten? Die Konflikte zwischen besonders Observanten und
Liberalen, zwischen denen, die in der Fremde die Tradition wiederentdecken oder
allererst erfinden und denen, die ihre religiösen Überzeugungen mit einem
modernen Lebensstil, aufgeklärter Auseinandersetzung mit der Tradition und
neuen Auslegungsformen verbinden wollen, unterzieht nicht nur muslimische
Gemeinschaften einem Stresstest.
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Religionsfreiheit bedeutet auch das Bekenntnis dazu, nicht
(mehr) religiös sein zu wollen.
Repression und Ausschluß aus der Gemeinschaft sind die
harmlosen, Gewalt bis hin zu Mord die furchtbaren Folgen dieser Konflikte. Die
schmerzhafteste Nagelprobe ist besonders in traditionsbewußten religiösen
Gemeinden die Konversion. Doch der Wechsel der Religion oder der bewußte
Abschied von der Herkunftsreligion hat in Deutschland Verfassungsrang.
Religionsfreiheit ist nicht nur die Freiheit, seine religiösen Überzeugungen zu
leben, solange die Rechte anderer nicht berührt sind. Religionsfreiheit
bedeutet auch das Bekenntnis dazu, nicht (mehr) religiös sein zu wollen. Diese
Grundlage unseres Gemeinwesens hat sich noch längst nicht überall
herumgesprochen.
Der Respekt gegenüber der Überzeugung des Anderen müßte
deshalb das höchste Bildungsziel in Berliner Schulen sein, immer verbunden
mit der Botschaft, daß es auch legitim ist, keine religiöse Überzeugung zu
haben – oder sich sogar über Religion lustig machen zu dürfen. Diese
Herausforderung gilt auch für viele kleinere christliche und jüdische
Gemeinschaften. Die beiden großen Kirchen, die in Berlin längst ebenfalls eine
Minderheit sind, haben oft eine engere Verbindung zu Moscheen und Synagogen als
zu Christen aus Afrika oder aus dem Nahen Osten. Man teilt zwar die Gebete am
Sonntag. Doch in den Vorstellungen von Partnerschaft, Familie und einem Leben
in einem demokratisch verfaßten Gemeinwesen ist man sich ferner, als viele
denken.
Deshalb müßte hier ein Ansatzpunkt liegen: in der
gründlichen Kontaktpflege der religiösen Gemeinschaften innerhalb einer
Konfession, im Aushalten und Austragen theologischer Konflikte, in der
Einsicht, daß eine gebildete, aufgeklärte Form und Weiterführung der eigenen
Religion kein Verrat, sondern seine Einlösung in der Gegenwart liegt.
Der zweite Konfliktbeschleuniger ist die Reibung der Frommen
an Witz, Satire und Karikatur.
Auch der Konfliktbeschleuniger Nr. 2 ist in der Regel kein
Streit zwischen Religionen. Er entsteht in der Reibung mit den medialen Darstellungsformen
der Religion in modernen Gesellschaften. Der Witz und die Karikatur, der
intellektuelle Streit und die populäre Masche des Tabureizes gehören zu offenen
Gesellschaften. Freie Meinungsäußerungen tun manchmal weh. Die Wiederkehr von
„verletzten Gefühlen“ und „religiöser Ehre“ in den letzten Blasphemiedebatten
im Schatten des Karikaturenstreits zeigt, daß hier, im Umgang mit Bildern und
Selbstbildern, mit der Relativierung der eigenen Weltsicht und der Einsicht,
daß in demokratischen Gesellschaften auch die eine Stimme haben, die man
unerträglich findet, liegt vielleicht die größte Herausforderung.
Wer multireligiöse Gesellschaften friedlich halten will, muß
unermüdlich für die Aufklärung werben. Nicht als Geschichtsepoche, sondern als
Dauerauftrag gegen alle Formen der Unmündigkeit.
(Petra Bahr Leiterin Hauptabteilung Politik und Beratung der
Konrad-Adenauer-Stiftung-Tagesspiegel-Causa)
Expertise:
Dr. Petra Bahr ist evangelische Theologin. Sie leitet die
Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung seit September
2014. Von 2006 bis 2014 war sie Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen
Kirche in Deutschland und Leiterin des Kulturbüros der EKD. Sie forscht zum
Pluralismus und zur nationalen und internationalen Religionspolitik.



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