Rußland
Homosexualität: "Ich dachte, meine Tochter sei ein Monster"
Die DW zeigt Porträts junger homosexueller Männer und Frauen aus Rußland - einem Land, in dem Homophobie weit verbreitet ist.
Homosexualität in Rußland: Ein Tabu wird zementiert
"Ihre Herzen sollen verbrannt und vergraben
werden": Dieser Vorschlag kam vom prominenten russischen Fernsehmoderator
Dmitri Kisjelow zur besten Sendezeit im Ersten Russischen Fernsehen. Er
galt Menschen "mit einer nicht-traditionellen sexuellen Orientierung",
so nennt man in Rußland Schwule und Lesben. Kisjelow ist die Lichtgestalt der
russischen Medienpropaganda. Er lügt, hetzt, beleidigt und wird dafür verehrt.
Für seinen Vorschlag der Herzverbrennung bekam er Applaus im Studio. Die
Hetzjagd auf Schwule begann. Das war im Jahr
2012.
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| Foto-eurasischesmagazin |
Ein Jahr später wurde im südrussischen Wolgograd ein
20-jähriger Mann ermordet. Weil er schwul war. Sein Kopf wurde mit einem 20
Kilogramm schweren Stein zertrümmert. Aus Haß.
Kurz darauf verabschiedete die Duma, das russische
Parlament, das sogenannte Anti-Schwulen-Gesetz. Wer sich in Anwesenheit von
Minderjährigen positiv über Homosexuelle äußerte, machte sich von heute auf
morgen strafbar. Der Staat wollte damit die sogenannte "Propaganda der
nicht-traditionellen sexuellen Orientierung" bekämpfen.
Kein Schutz für Homosexuelle
Im Umkehrschluß hieß es aber: Jeder, der die schwulen Opfer
der Gewalt öffentlich verteidigte, konnte sich strafbar machen. Russische
Homosexuelle konnten nicht mehr damit rechnen, daß der Staat sie gegen
Einschüchterungen, Erniedrigungen und Aggressionen schützt. Und das, obwohl
homosexuelle Beziehungen in Rußland offiziell erlaubt sind.
Fünf Jahre sind vergangen. Homophobie, die in Rußland quasi
per Gesetz erlaubt wurde, ist weit verbreitet. Heute kann man mit Schwulenhaß
nicht nur Geld in Talkshows verdienen, sondern offenbar auch bei Wählern
punkten. Zumindest bei ihrem ganz bestimmten orthodoxen Teil. Wer in Rußland
öffentlich gegen Schwule hetzt, wähnt sich nicht nur als Verteidiger der
sogenannten traditionellen Werte, sondern als Unterstützter der moralischen
Säulen der ganzen russischen Gesellschaft, die von außen, aus dem "faulen
Westen", angegriffen wird. Nicht mehr und nicht weniger.
Eltern verjagen ihre Kinder
Das Resultat: Der Duma-Abgeordnete der Russischen
Föderation Witali Milonow darf den Bürger der Russischen Föderation
Boris Konakow in aller Öffentlichkeit beleidigen. Ungestraft. Herr Milonow
nennt Herrn Konakow eine "AIDS-verseuchte Schwuchtel" - weil der
junge Mann gegen die Verfolgung von Schwulen in der Teilrepublik Tschetschenien
protestierte. Er kettete sich mit Handschellen für eine Stunde an das Gelände
einer Brücke in Sankt Petersburg. Einer Brücke, die den Namen des Vaters des
Tschetschenien-Führers Kadyrow trägt.
Das Resultat: Die Mutter einer Jugendlichen namens Natalia
gesteht, daß sie bereit sei, "auf Knien zu kriechen und Gott zu bitten,
ihre Tochter normal wie alle anderen zu machen". Dann gesteht sie, daß
sie sich vor ihrer eigenen Tochter "wie vor einem Monster" ekelte,
als Natalia ihr erzählte, daß sie Mädels statt Jungs liebt. Am Ende aber konnte
sich die Mutter doch überwinden. Ein Glück für Natalia, das viele andere
Jugendliche nicht haben. Andere Töchter werden von den eigenen Vätern
geschlagen. Andere Eltern verjagen ihre homosexuellen Kinder.
Menschenrechtsorganisationen dokumentieren Fälle von "korrigierenden
Vergewaltigungen". Dabei werden lesbische Töchter in einen Raum mit einem
Vergewaltiger gesperrt.
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| Foto-süddeutsche.de |
Die Flucht als letzter Ausweg
Das Resultat: Der Millionär German Sterligow eröffnet in
ganz Rußland Brotläden
mit dem Eingangsschild "Schwuchteln Zutritt verboten". Niemanden
interessiert die widerliche Äußerung, die an die Nazi-Schilder "Juden
Zutritt verboten" erinnert. Strafanzeige? Fehlanzeige! Russische Medien
empören sich lieber über die extrem hohen Brotpreise. Der Geschäftsmann
Sterligow, der einst Präsidentschaftsambitionen hatte, propagiert den gleichen
Lebensstil wie der Abgeordnete Milonow: Kinder, Küche, Kirche. Dabei geben
sich seine eigenen Mitarbeiter durchaus tolerant, stellte der junge, offen
schwule Blogger Kyrill Egor fest. Egor nahm seine Kamera und ging in einen der
Sterligow-Läden rein. Dorthin, wo ihm der Zutritt verboten war. Eigentlich.
Das Resultat schließlich: Niemand fragt nach dem Schicksal
der mehr als hundert schwulen Männer, die in einem geheimen Gefängnis in Tschetschenien
gedemütigt, mißbraucht, geschlagen wurden. Die regierungskritische Zeitung
Novaja Gazeta berichtet monatelang darüber. Als beinahe einziges Medium in
Rußland. Im Ausland dagegen breitet sich der Skandal aus. Bundeskanzlerin
Angela Merkel spricht in Anwesenheit von Rußlands Präsident Wladimir Putin vor
laufenden Kameras das Problem bei ihrem Besuch im russischen Sotschi an. Zu dem
Zeitpunkt ist "Viktor", ein junger Schwuler aus dem tschetschenischen
Städtchen Argun, bereits aus seiner Heimat Tschetschenien geflohen.
Sie alle, Boris, Natalia, Kyrill und der tschetschenische
Schwule, den wir aus Sicherheitsgründen "Viktor" nennen, erzählen mir
ihre Geschichten in Moskau und Sankt Petersburg. Geschichten voller Schmerz,
Verzweiflung, aber auch Mut. Geschichten über ihre homosexuelle Liebe, die in
diesem Land für Tausende Männer und Frauen schutzlos ist.( Juri Rescheto-deutschewelle)



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