Ehe für alle: Ab sofort: Spießertum für alle!
Lesben und Schwule sind wie alle. Das ist Grundlage ihrer Gleichberechtigung. Ihr Wunsch nach der Ehe zeigt: Sie sind auch genauso bieder wie alle.
Es war ein notwendiges Mißverständnis, anzunehmen,
lesbische Frauen und schwule Männer seien weniger spießig, weniger langweilig
und hätten ein geringeres Bedürfnis nach Anpassung als heterosexuelle Frauen
und Männer. Diese Fehleinschätzung begleitete den Befreiungskampf der
Homosexuellen der 1970er- und 1980er-Jahre und war Grundlage dafür,
homosexuelle Ausrichtung als politisch zu begreifen. Gerade für Frauen, die
sich während der Emanzipationsbewegung wie ein Bohrer durch die Mauern des
Patriarchats fraßen, war das Lesbischsein mit dem Ideal verknüpft, ein Leben
außerhalb patriarchaler Strukturen führen zu können.
Grenzte es zwar Frauen voneinander ab, ob sie beim Sex einen
Penis in der Vagina haben oder etwas anderes, einte sie doch das Ziel, als
eigenständiges, unabhängiges Wesen wahrgenommen zu werden und sich als
solches in der Gesellschaft zu behaupten. Es war die Zeit, als Frauen gegen die
Hausfrauenrolle aufbegehrten und Scheidung eine Option wurde, um eine ungute
Ehe zu beenden (und viele den Mut fanden, zu schauen, was es mit der Liebe zu
und unter Frauen auf sich hat). In den 1970er-Jahren war die Befreiung aus der
Ehe für viele mehr als ein individueller Akt im luftleeren Raum. Es war auch
ein politischer Akt in einem gesellschaftspolitisch relevanten Kontext.
Warum hätte in einer solchen Zeit irgendeine Lesbe auf die
Idee kommen sollen, heiraten zu wollen? Heiraten, das war das Korsett der
anderen, die Zwangsjacke, in die sich arme Heteros aus irgendeinem unverständlichen
Grund – noch dazu freiwillig – begaben. Auch viele schwule Männer blickten
mitleidig auf die Entsagung, zu der sich so viele ihrer Geschlechtsgenossen
verpflichteten, während ihr Leben auch innerhalb einer festen Beziehung so
viele hübsche Alternativen bereithielt.
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Es ist eine Freude, ein Sieg, ein Triumph, wenn jetzt, rund
40 Jahre später, zum 1. Oktober Lesben und Schwule eine Ehe eingehen können, die der
zwischen Heterosexuellen gleichgestellt ist. Wenn ihnen nicht länger
lediglich eine "Verpartnerung" angeboten wird, die in ihren beschnittenen
Rechten so deutlich machte: Ihr seid als Mensch nicht gleichberechtigt. Ihr
habt den falschen Sex. Ihr macht mit euren Geschlechtsteilen nicht das, was
die Mehrheit damit macht und was die Kirche gut findet, weswegen wir euch
leider die Rechte der Mehrheit vorenthalten.
Wenn jetzt die Ehe für alle möglich ist, wenn man jetzt
bereit ist, Lesben und Schwulen die gleichen Möglichkeiten wie Heterosexuellen
einzuräumen, dann hat das auch damit zu tun, daß der Sex der Heteros sich aus
der Missionarsstellung befreit hat. Damit, daß auch sie heute zum Teil sehr
selbstverständlich Dinge tun, bei denen sich die Grenzen zwischen Hetero und
Homo auflösen. Es hat damit zu tun, daß Lesben und Schwule weniger kämpfen
müssen. Daß sie ihre vermeintliche Andersartigkeit nicht mehr hervorstellen
müssen, wenn sie Gleichheit verlangen.
Mit den Jahren ist die "Tunte" verschwunden. Der
schrille, überdrehte Mann mit Handtasche und Federboa, der im Café Tuc Tuc ein
Likörchen trinkt. Stattdessen kann man aus wohl jeder politischen Fraktion
mindestens einen offenlebenden Schwulen oder eine Lesbe benennen. Politiker
und Politikerinnen, die ihr Amt nicht für die Gleichstellung nutzen, sondern
dafür, Europas Grenzen dichtzumachen oder Konsequenzen für Autofirmen im Dieselskandal
zu fordern.
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Die Homosexualität ist, in großen Teilen, in der Mitte
unserer Gesellschaft angekommen. Und damit genau dort, wo die Langeweile zu
Hause ist. Die Bürgerlichkeit. Und eben auch die Ehe. Die Bewegung hin zur
Mitte hat die Ecken und Kanten der Schwulenbewegung und ihrer Protagonistinnen
und Protagonisten gerundet und die Unebenheiten abgeschliffen. Der Wunsch entstand,
so zu sein wie die anderen, die Norm einer heterosexuellen Gesellschaft wurde
erstrebenswert. Das Glück liegt in der Bürgerlichkeit, egal ob wir uns in das
andere Geschlecht verlieben oder in das eigene. Und das ist es vielleicht auch,
was der Ehe für alle den leicht bitteren Beigeschmack gibt: Die Erkenntnis, daß
für so viele Menschen das bürgerliche Leben ein anzustrebendes Ideal ist.
Selbst wenn man "anders" ist, möchte man doch gleich sein. Andere
Lebensentwürfe, andere Vorstellungen und Ideale werden in das Normsystem
der Anpassung gequetscht. Die eigene Identität, egal, welcher sexuellen
Orientierung, wird der Konformität untergeordnet. Verheiratet sein – der neue
alte Traum vom Happy End.
Wenn man der Meinung anhängt, daß das Private politisch ist,
dann bringt diese Sehnsucht nach Biederkeit etwas Enttäuschendes mit sich.
Gleichzeitig ist sie das beste Indiz dafür, daß es keine Grundlage für die
Ausgrenzung Homosexueller gibt: Lesben und Schwule sind genau so spießig wie
ein Großteil der Bevölkerung. Und je mehr Rechte und wirkliche
Gleichberechtigung ihnen zugestanden wird, desto braver werden sie. Es ist
das Prinzip, mit dem Gruppenleiter aufsässige Teilnehmer bändigen: Einbinden.
Bezieh' die Störer ein, gib ihnen die Möglichkeit, Teil des Geschehens zu sein,
und sie werden handzahm.
Es gehört zum Prinzip der gleichen Rechte für alle innerhalb
einer Gesellschaft, daß jeder die Möglichkeit auf alle Optionen hat. Wer
spießig sein will, dem soll die Möglichkeit gegeben werden. Spießertum für
alle! Unbedingt.(von Silke Burmester-Zeit.online)



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