Montag, 2. Oktober 2017



“Ich bin nicht krank, nur weil ich transsexuell bin”

Liandro Liam Lang aus Neustadt/WN ist ein Transmann. Was heißt das, für ihn und für andere?

"Warum bist du so?"
Eine Frage, die Liandro Liam Lang aus Neustadt an der Waldnaab schon oft gehört hat. Zu oft. Diese Frage sei das Einzige, was ihn von anderen Menschen unterscheidet, schreibt er auf seiner Facebook-Seite. “Es gibt keine Antwort auf dieses ‘Warum?’ Warum bist du schwul? Warum bist du hetero? Warum liebst du die Person? Über sowas hat man keine Macht und darüber möchte ich auch niemals eine Macht besitzen.”

Foto-onetz.de
“Die Frage nach dem ‘Warum?’ ist das Einzige, was mich von anderen unterscheidet. Es gibt keine Antwort auf dieses ‘Warum?’”
Liandro ist transsexuell, genauer gesagt ein Transmann: Geboren im Körper eines Mädchens, doch eigentlich schon immer ein Junge, mit 20 Jahren heute ein junger Mann. “Früher wollte ich da gar nicht drüber reden”, erzählt er. “Ich habe mich zwar niemals versteckt, aber mit anderen darüber reden wollte ich nicht.” Inzwischen möchte er reden. Möchte, dass ihm zugehört wird. Deshalb hat er seine Facebook-Seite gestartet, auf der er über seine Transsexualität schreibt. 
Transsexualität hat nichts mit sexueller Orientierung zu tun
Wer sich über dieses Thema unterhalten möchte, muss sich erst einmal über die Begrifflichkeiten im Klaren sein. Allzu leicht ist es, hier in Fettnäpfchen zu treten - oder gar zu diskriminieren, sei es aus Unwissenheit. Transgender ist nicht automatisch gleich Transsexualität. Und gar nichts zu tun hat Transsexualität mit Transvestitismus oder Zwittern
Transsexualität und geschlechtliche Identität haben auch nichts mit sexueller Orientierung zu tun. Ein Transmann oder eine Transfrau steht nicht automatisch auf Frauen oder Männer. Ihre sexuelle Orientierung ist genauso individuell wie bei Nicht-Transfrauen und -männern.

Kleines Glossar 

Transgender ist eine weit gefasste Bezeichnung für Menschen, bei denen Geschlechtergrenzen überschritten werden. Das können Menschen sein, die sich mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht identifizieren oder die jede Form der Geschlechtszuweisung ablehnen, weil sie sich zwischen den Geschlechtern empfinden. 
Transsexualität bezeichnet Menschen, die eine geschlechtliche Identität besitzen, die nicht ihrem biologischen Geschlecht entspricht. Sie fühlen sich also klar einem Geschlecht zugehörig. Transmänner sind Transsexuelle, die sich als Mann empfinden, aber in einem weiblichen Körper geboren wurden. Bei Transfrauen ist es umgekehrt. Wissen muss man, dass viele Transsexuelle diese Bezeichnung ablehnen - und das aus durchaus nachvollziehbaren Gründen: Der Wortbestandteil “Sexualität” legt schließlich nahe, es handle sich um eine sexuelle Präferenz und nicht um eine Frage der Identität. Der Begriff ist also irreführend und greift nicht weit genug. Liandro bezeichnet sich selbst als transsexuell, daher ist es in diesem Beitrag auch in Ordnung, ihn so zu beschreiben.
Trans* (“Trans Sternchen”) ist ein noch recht neuer Begriff, der - wie bei Suchmaschinen üblich - das Sternchen als Platzhalter für diverse mögliche Wortbestandteile nutzt. Zum Beispiel transgender, transsexuell, transident. Damit spiegelt dieser Begriff am deutlichsten die Vielfalt transgeschlechtlicher Identitäten, Selbstbezeichnungen und Lebensentwürfe. 
Denn: Den einen transgender oder transsexuellen Prototypen gibt es nicht. Trans*-Menschen lassen sich ebenso wenig über einen Kamm scheren wie Nicht-Transsexuelle.

Foto-Privat
Liandro, Spitzname Lino, ist ein echter Oberpfälzer: geboren in Weiden, aufgewachsen bei Luhe-Wildenau, wohnhaft in Neustadt/WN. Der 20-Jährige fährt hobbymäßig gerne Kart, kickt ab und zu einen Fußball und geht gerne shoppen. “Ich hab einen kleinen Kleider-Fetisch”, sagt er und grinst. Vor allem Caps haben es ihm angetan: “Ohne kriegt man mich eigentlich nicht zu sehen.”
Liandro mit Sonnenbrille, Cap und Tank-Top. Das Foto entstand im Juni 2015 und zeigt einen besonderen Moment: “Das erste Mal nur im Tank-Top draußen! Da musste ein Lachen schon mal her für diesen Erfolg und diese Freiheit. Denn das kann man nicht kaufen. Man(n) muss es erreichen”, schreibt er dazu bei Facebook. Er grinst auch heute noch, wenn er an dieses Erlebnis denkt: “Ein gutes Gefühl.”

Transsexuell in der Oberpfalz - wie schwierig ist das?

Ob es als Transmann in Berlin einfacher wäre als in der Oberpfalz? “Man hätte in der Großstadt alles mehr in der Nähe”, sagt er nach kurzem Überlegen. In München zum Beispiel gebe es Stammtische und Trans-Zentren, in der Oberpfalz könne man die Möglichkeiten und Gleichgesinnten an einer Hand abzählen. 

Aber das Internet verbindet, in Form von Foren, Facebook-Gruppen und -Seiten. “Denn alles weiß man auch nicht”, sagt Liandro. Es gibt Fragen zu stellen, viele Fragen. Im Internet wird er sie los, bekommt Antworten. Was man von dem 20-Jährigen nicht hört: Schimpfereien über Intoleranz auf dem Land, dabei hat er davon sicher einiges erlebt. Er lässt das aber nicht mehr so an sich heran wie früher.
So selbstsicher, vor allem nach außen, war Liandro nicht immer. Aber er wusste schon immer, wer er ist.( Onetz.de / Sonja Kaute)

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