Die AfD hat ein Problem mit Homosexuellen
Auch Homosexuelle können AfD-Anhänger sein. Doch Alice Weidel ist kein Beweis dafür, daß die Partei ein Befürworter der gleichgeschlechtlichen Liebe ist.
Als ich mich vor Jahren zum Eintritt in die AfD entschied,
geschah dies aus rein politischen Gründen. Ich glaubte, daß die AfD wirksame
Strategien zur Lösung der Euro-Krise finden könnte. Daß meine sexuelle
Orientierung bei diesem politischen Engagement eine Rolle spielen könnte, wäre
mir nicht in den Sinn gekommen. Im Verlauf einer Vorstellungsrunde im
Kreisverband Recklinghausen erwähnte ich seinerzeit, daß ich homosexuell bin.
Und was folgte darauf? Nichts. Keine Häme, kein böses Wort und keine homophoben
Äußerungen. Ich wurde ermutigt, mich aktiv in die Partei einzubringen und mir
wurde versichert, wie sehr man sich über meinen Entschluß, mir ein eigenes Bild
über die Arbeit in der AfD zu machen, freue. Ich hatte den Eindruck, daß die
sexuelle Orientierung für die Arbeit in der AfD keine Rolle spielt. Dies
änderte sich in meiner aktiven Zeit in der Partei nicht.
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Ganz anders sah es außerhalb der Partei aus. In meinem Bekanntenkreis
wurde ich häufig angegriffen und man gab mir klar zu verstehen, daß man kein
Verständnis dafür aufbringen könne, warum ich ausgerechnet in die AfD
eingetreten war. Auch Freunde, die in der AfD eingetreten waren – ebenfalls
homosexuell – sahen sich gleichartigen Vorwürfen ausgesetzt.
Die Spitzenkandidatin der AfD für die Bundestagswahl, Alice
Weidel, lebt mit einer Frau zusammen.Das Paar zieht zwei Kinder auf. Immer
wieder wird auch sie gefragt: Paßt ein homosexueller Mensch in das Selbstverständnis
einer konservativen Partei?
Die Gegenfrage muß doch lauten: Warum nicht? SPD, Grüne und
die Linken vermarkten sich zwar als Kämpfer für Homosexuelle und sie
deklarieren die Themen der Gleichberechtigung, beispielsweise bei der
Diskussion um die Ehe für Alle, als eigenes Wahlkampffeld. Seit Jahrzehnten
gehen diese Parteien so auf Stimmenfang in der LGBT-Community. Doch
insbesondere die Sozialdemokraten revidierten nach den Wahlen und in anstehenden
Koalitionsverhandlungen überraschend schnell ihre Versprechungen zu Gunsten
anderer Themen. Die Schuld dafür konnten sie ohne Mühe dem Koalitionspartner
zuschreiben.
Umso erstaunlicher war es, als ausgerechnet Angela Merkel
eine Abstimmung über die Ehe für Alle in der eigenen Partei ermöglichte und den
anderen Parteien ein wichtiges Wahlkampfthema nahm, das sich dieses Mal sogar
die FDP zu eigen machen wollte. Ausgerechnet das konservative Parteibündnis aus
CDU/CSU ebnete Homosexuellen den Weg zu einer gleichberechtigten Ehe.
Auf die Sexualität beschränkt
Schade und oft sogar ärgerlich ist für mich, daß
homosexuelle Menschen in der Politik zumeist auf ihre Sexualität beschränkt
werden. Wenn ein homosexueller Mensch es trotzdem wagt, sich von dem Thema der
Sexualität zu lösen und von seinem Recht Gebrauch macht, ein politisches Wesen
zu sein, zu dem nun einmal auch das gesamte Spektrum konservativer
Ansichten gehört, können ihm erhebliche gesellschaftliche Konsequenzen drohen.
Wer als Homosexueller die von der Politik für ihn als zulässig erachteten
Betätigungsbereiche verläßt, regt andere Homosexuelle zum Nachdenken an und
ermutigt sie möglicherweise, seinem Beispiel zu folgen. Er wird so zu einer
Bedrohung für das oben beschriebene, für ihn vorgegebene Spektrum politischen
Handelns. Viele Parteien würden es begrüßen, wenn sich eine Frau wie
Alice Weidel, statt sich für die AfD stark zu machen, gar nicht in der Politik
engagierte.
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Homophobe Äußerungen in der AfD
Eine ganz andere Frage ist aber, ob der schwule Mann und die
lesbische Frau homophobe Tendenzen, wenn sie in der eigenen Partei klar zu
erkennen sind, negieren und tolerieren darf. Laut ihrem Programm ist die AfD
eine Partei, die alle sexuellen Orientierungen akzeptiert. Man braucht nicht
lange zu suchen, um in AfD-Internetforen, WhatsApp-Gruppen, aber auch an Stammtischen oder auch Parteitagen auf die ersten
Spannungen zu stoßen. Die Geschehnisse um Mirko Welsch zum Beispiel werfen Fragen
auf. Welsch war Bundessprecher der Homosexuellen in der AfD, die sich zunächst
vor allem für die Belange Homosexueller einsetzte.
Größtenteils ignoriert
Verwunderlich war, daß die Gruppe es nie geschafft hat, von
der Partei offiziell als Verband innerhalb der AfD anerkannt zu werden. Auf
Parteitagen besteht, per Antrag, dafür die Möglichkeit. Diesbezügliche
Versuche von Welsch scheiterten jedoch. Während sich immer mehr
rechtskonservative Verbände in der Partei durchsetzen konnten und nur darum
stritten, welche Gruppierung nun die Werte von Deutschland am ehesten
vertrete, wollte sich kein Parteitag des Themas annehmen. Die Vereinigung der
Homosexuellen wurde als Gruppe akzeptiert, aber größtenteils stillschweigend
ignoriert. Als Welsch seine Parteikollegen für das "Anbiedern an
rechtsextreme und nationalsozialistische Milieus" kritisierte, sah er
sich Anfeindungen aus der Partei ausgesetzt. 2017 trat er aus der AfD aus. Kurz
vor der Auflösung des Bundesinteressenverbands der Homosexuellen in der AfD, so
die offizielle Bezeichnung, kam es zu einer Abspaltung. Es entstand die
Schwul-Lesbische Plattform, öffentlich wirksam wurde sie nie. Bis heute hat es
keine homosexuelle Gruppierung geschafft, von der Partei und somit von den
Mitgliedern anerkannt zu werden.
Ein anderer Hinweis auf ein Problem der AfD mit
homosexuellen Mitgliedern ist der oftmals euphemistische Umgang mit deutlich
homophoben Aussagen einzelner Parteimitglieder. Im Sommer 2016 diskutierte man
beispielsweise im Landtag von Sachsen-Anhalt darüber, die Maghreb-Staaten zu
sicheren Herkunftsländern erklären zu wollen. Auf den Hinweis einer
Abgeordneten der Linken, daß Homosexuelle dort mit erheblichen Repressionen und
Gefängnisstrafen zu rechnen hätten, rief Andreas Gehlmann (AfD), man sollte dies auch in
Deutschland wieder machen. Die AfD-Landesspitze bemäntelte das als Mißverständnis,
eine Distanzierung blieb aus. Dieser kritiklose Umgang mit
menschenverachtenden Aussagen kann als ein eindeutiges Zeichen gewertet werden.
Keine wirkliche Kritik an Höcke
Doch es geht weiter. Im Oktober 2016 warf Björn Höcke der
Thüringer Landesregierung vor, man würde in den Schulen Mittel für
Klassenfahrten kürzen, um das Geld in die "Bespaßung" für Schwule zu
investieren. Konkret ging der Vorwurf an den Linken-Politiker Bodo Ramelow,
dem Höcke vorwirft: "Für Bodo ist Analsex pädagogisch wertvoll."
Höcke wurde, wie so oft, von seinem Weggefährten Alexander Gauland geschützt,
der ihn gerne einen "Nationalromantiker" nennt. Eine wirkliche Kritik
gab es auch hier nicht. Die AfD weiß zwar mittlerweile um die Gefahr, die für
die Reputation der AfD von Björn Höcke ausgeht, kann sich aber nicht so recht
entscheiden, gegen ihn vorzugehen.
Besonders Frauke Petry scheitert immer wieder mit ihrer
Forderung für einen kritischen Umgang mit dem Parteikollegen Höcke. Aber auch
die Bundessprecherin der Partei weiß gegen Homosexuelle Stimmung zu machen. So
sagte sieim Interview mit dem Blog Jung und Naiv: "Und wenn im
öffentlich-rechtlichen Fernsehen fast kein Spielfilm in Deutschland mehr damit
auskommt, ohne das schwule Pärchen (…), dann möchte ich einfach nicht, daß das
zum Standard erhoben wird."
Kein Aushängeschild für die AfD
Die Essenz all dieser Aussagen ist nicht das ganze Problem.
Denn sie lassen sich zu leicht entschuldigen. Es heißt dann immer, daß diese
Anfeindungen keine Programmbasis seien. Sie spiegelten nicht die Meinung der
Mehrheit wider, oder man erklärt, daß es schwierige Charaktere überall gäbe.
Viel gefährlicher ist das Schweigen nach solchen menschenverachtenden
Äußerungen. Sie unkommentiert und unkritisiert stehen zu lassen, sie also zu
dulden, ist ein eindeutiges Statement. Der Vorwurf homophober Tendenzen läßt
sich also durchaus begründen.
Es ist also das gute Recht von Alice Weidel, sich in einer
rechtskonservativen Partei zu engagieren und sich für Themen auch jenseits
ihrer Sexualität einzusetzen. Aber ebenso wenig ist sie nur auf Grund ihrer
Sexualität eine gute Politikerin oder gar ein Aushängeschild für eine angeblich
schwulen- und lesbenfreundliche Entwicklung in der AfD. (von Andre Yorulmaz-Zeit. Online)



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