Mittwoch, 4. Oktober 2017



Die AfD hat ein Problem mit Homosexuellen

Auch Homosexuelle können AfD-Anhänger sein. Doch Alice Weidel ist kein Beweis dafür, daß die Partei ein Befürworter der gleichgeschlechtlichen Liebe ist.

Als ich mich vor Jahren zum Eintritt in die AfD entschied, geschah dies aus rein politischen Gründen. Ich glaubte, daß die AfD wirksame Strategien zur Lösung der Euro-Krise finden könnte. Daß meine sexuelle Orientierung bei diesem politischen Engagement eine Rolle spielen könnte, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Im Verlauf einer Vor­s‍tellungsrunde im Kreisverband Recklinghausen erwähnte ich seinerzeit, daß ich homosexuell bin. Und was folgte darauf? Nichts. Keine Häme, kein böses Wort und keine homophoben Äußerungen. Ich wurde ermutigt, mich aktiv in die Partei einzubringen und mir wurde versichert, wie sehr man sich über meinen Entschluß, mir ein eigenes Bild über die Arbeit in der AfD zu machen, freue. Ich hatte den Eindruck, daß die sexuelle Orientierung für die Arbeit in der AfD keine Rolle spielt. Dies änderte sich in meiner aktiven Zeit in der Partei nicht. 

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Ganz anders sah es außerhalb der Partei aus. In meinem Bekanntenkreis wurde ich häufig angegriffen und man gab mir klar zu ver­s‍tehen, daß man kein Ver­s‍tändnis dafür aufbringen könne, warum ich ausgerechnet in die AfD eingetreten war. Auch Freunde, die in der AfD eingetreten waren – ebenfalls homosexuell – sahen sich gleichartigen Vorwürfen ausgesetzt.
Die Spitzenkandidatin der AfD für die Bundestagswahl, Alice Weidel, lebt mit einer Frau zusammen.Das Paar zieht zwei Kinder auf. Immer wieder wird auch sie gefragt: Paßt ein homosexueller Mensch in das Selbstver­s‍tändnis einer konservativen Partei?
Die Gegenfrage muß doch lauten: Warum nicht? SPD, Grüne und die Linken vermarkten sich zwar als Kämpfer für Homosexuelle und sie deklarieren die Themen der Gleichberechtigung, beispielsweise bei der Diskussion um die Ehe für Alle, als eigenes Wahlkampffeld. Seit Jahrzehnten gehen diese Parteien so auf Stimmenfang in der LGBT-Community. Doch insbesondere die Sozialdemokraten revidierten nach den Wahlen und in an­s‍tehenden Koalitionsverhandlungen überraschend schnell ihre Versprechungen zu Gun­s‍ten anderer Themen. Die Schuld dafür konnten sie ohne Mühe dem Koalitionspartner zuschreiben. 

Umso er­s‍taunlicher war es, als ausgerechnet Angela Merkel eine Ab­s‍timmung über die Ehe für Alle in der eigenen Partei ermöglichte und den anderen Parteien ein wichtiges Wahlkampfthema nahm, das sich dieses Mal sogar die FDP zu eigen machen wollte. Ausgerechnet das konservative Parteibündnis aus CDU/CSU ebnete Homosexuellen den Weg zu einer gleichberechtigten Ehe.

Auf die Sexualität beschränkt
Schade und oft sogar ärgerlich ist für mich, daß homosexuelle Menschen in der Politik zumeist auf ihre Sexualität beschränkt werden. Wenn ein homosexueller Mensch es trotzdem wagt, sich von dem Thema der Sexualität zu lösen und von seinem Recht Gebrauch macht, ein politisches Wesen zu  sein, zu dem nun einmal auch das gesamte Spektrum konservativer Ansichten gehört, können ihm erhebliche gesellschaftliche Konsequenzen drohen. Wer als Homosexueller die von der Politik  für ihn als zulässig erachteten Betätigungsbereiche verläßt, regt andere Homosexuelle zum Nachdenken an und ermutigt sie möglicherweise, seinem Beispiel zu folgen. Er wird so zu einer Bedrohung für das oben beschriebene, für ihn vorgegebene Spektrum politischen Handelns. Viele Parteien würden es  begrüßen, wenn sich eine Frau wie Alice Weidel, statt sich für die AfD stark zu machen, gar nicht in der Politik engagierte.
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Homophobe Äußerungen in der AfD
Eine ganz andere Frage ist aber, ob der schwule Mann und die lesbische Frau homophobe Tendenzen, wenn sie in der eigenen Partei klar zu erkennen sind, negieren und tolerieren darf. Laut ihrem Programm ist die AfD eine Partei, die alle sexuellen Orientierungen akzeptiert. Man braucht nicht lange zu suchen, um in AfD-Internetforen, WhatsApp-Gruppen, aber auch an Stammtischen oder auch Parteitagen auf die er­s‍ten Spannungen zu stoßen. Die Geschehnisse um Mirko Welsch zum Beispiel werfen Fragen auf. Welsch war Bundessprecher der Homosexuellen in der AfD, die sich zunächst vor allem für die Belange Homosexueller einsetzte.
Größtenteils ignoriert

Verwunderlich war, daß die Gruppe es nie geschafft hat, von der Partei offiziell als Verband innerhalb der AfD anerkannt zu werden. Auf Parteitagen be­s‍teht, per Antrag, dafür die Möglichkeit. Diesbezügliche Versuche von Welsch scheiterten jedoch. Während sich immer mehr rechtskonservative Verbände in der Partei durchsetzen konnten und nur darum stritten, welche Gruppierung nun die Werte von Deutschland am ehe­s‍ten vertrete, wollte sich kein Parteitag des Themas annehmen. Die Vereinigung der Homosexuellen wurde als Gruppe akzeptiert, aber größtenteils stillschweigend ignoriert. Als Welsch seine Parteikollegen für das "Anbiedern an rechtsextreme und nationalsoziali­s‍tische Milieus" kritisierte, sah er sich Anfeindungen aus der Partei ausgesetzt. 2017 trat er aus der AfD aus. Kurz vor der Auflösung des Bundesinteressenverbands der Homosexuellen in der AfD, so die offizielle Bezeichnung, kam es zu einer Abspaltung. Es ent­s‍tand die Schwul-Lesbische Plattform, öffentlich wirksam wurde sie nie. Bis heute hat es keine homosexuelle Gruppierung geschafft, von der Partei und somit von den Mitgliedern anerkannt zu werden.

Ein anderer Hinweis auf ein Problem der AfD mit homosexuellen Mitgliedern ist der oftmals euphemi­s‍tische Umgang mit deutlich homophoben Aussagen einzelner Parteimitglieder. Im Sommer 2016 diskutierte man beispielsweise im Landtag von Sachsen-Anhalt darüber, die Maghreb-Staaten zu sicheren Herkunftsländern erklären zu wollen. Auf den Hinweis einer Abgeordneten der Linken, daß Homosexuelle dort mit erheblichen Repressionen und Gefängnisstrafen zu rechnen hätten, rief Andreas Gehlmann (AfD), man sollte dies auch in Deutschland wieder machen. Die AfD-Landesspitze bemäntelte das als Mißver­s‍tändnis, eine Di­s‍tanzierung blieb aus. Dieser kritiklose Umgang mit menschenverachtenden Aussagen kann als ein eindeutiges Zeichen gewertet werden. 

Keine wirkliche Kritik an Höcke
Doch es geht weiter. Im Oktober 2016 warf Björn Höcke der Thüringer Landesregierung vor, man würde in den Schulen Mittel für Klassenfahrten kürzen, um das Geld in die "Bespaßung" für Schwule zu inve­s‍tieren. Konkret ging der Vorwurf an den Linken-Politiker Bodo Ramelow, dem Höcke vorwirft: "Für Bodo ist Analsex pädagogisch wertvoll." Höcke wurde, wie so oft, von seinem Weggefährten Alexander Gauland geschützt, der ihn gerne einen "Nationalromantiker" nennt. Eine wirkliche Kritik gab es auch hier nicht. Die AfD weiß zwar mittlerweile um die Gefahr, die für die Reputation der AfD von Björn Höcke ausgeht, kann sich aber nicht so recht entscheiden, gegen ihn vorzugehen.
Besonders Frauke Petry scheitert immer wieder mit ihrer Forderung für einen kritischen Umgang mit dem Parteikollegen Höcke. Aber auch die Bundessprecherin der Partei weiß gegen Homosexuelle Stimmung zu machen. So sagte sieim Interview mit dem Blog Jung und Naiv: "Und wenn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen fast kein Spielfilm in Deutschland mehr damit auskommt, ohne das schwule Pärchen (…), dann möchte ich einfach nicht, daß das zum Standard erhoben wird." 

Kein Aushängeschild für die AfD
Die Essenz all dieser Aussagen ist nicht das ganze Problem. Denn sie lassen sich zu leicht entschuldigen. Es heißt dann immer, daß diese Anfeindungen keine Programmbasis seien. Sie spiegelten nicht die Meinung der Mehrheit wider, oder man erklärt, daß es schwierige Charaktere überall gäbe. Viel gefährlicher ist das Schweigen nach solchen menschenverachtenden Äußerungen. Sie unkommentiert und unkritisiert stehen zu lassen, sie also zu dulden, ist ein eindeutiges Statement. Der Vorwurf homophober Tendenzen läßt sich also durchaus begründen.
Es ist also das gute Recht von Alice Weidel, sich in einer rechtskonservativen Partei zu engagieren und sich für Themen auch jenseits ihrer Sexualität einzusetzen. Aber ebenso wenig ist sie nur auf Grund ihrer Sexualität eine gute Politikerin oder gar ein Aushängeschild für eine angeblich schwulen- und lesbenfreundliche Entwicklung in der AfD. (von   

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