Ich habe Angst, daß mein Freund bisexuell ist
Sandra (33) führt seit vier Jahren eine glückliche Beziehung – bis ihr Liebster auf einer Party vor ihren Augen mit ihrem besten Kumpel knutscht. Seither ist nichts mehr, wie es war.
Ein bißchen bi schadet nie. Aber wie bi ist zu bi, und wäre
auch schwul noch cool? Flapsig ausgedrückt sind genau das die Fragen, mit denen
ich mich gerade beschäftige. Und ich hoffe, mein Freund tut das auch. Denn es
geht um die Frage, ob es eine gemeinsame Zukunft überhaupt noch geben wird. Der
Gedanke, daß ich Chris verlieren könnte, macht mir Angst.
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Die Befürchtung, daß Chris vielleicht nur bei mir bleibt,
weil er nicht den Mut hat, seine wahren Gefühle auszuleben, zermürbt mich. Ich
weiß nicht, was von beiden schlimmer wäre. Ich habe Angst davor, einen Teil
meines Lebens zu verlieren, weil mein Freund gerade einen Teil seines Lebens
entdeckt – und keiner von uns weiß, wie wir damit umgehen sollen. Aber das
werden wir lernen müssen, wenn wir uns lieben.
Ich weiß, daß ich Chris liebe, ich glaube, er liebt mich
auch. Ich hoffe es zumindest. Chris und Roman sind die Menschen, die mir am
nächsten stehen. Chris ist die Liebe meines Lebens, Roman ist mein schwuler
bester Freund. Ich liebe ihn von Herzen. Auch wenn er der Auslöser dafür ist,
daß ich an meiner Beziehung zweifle.
Roman und ich sind Chris gemeinsam begegnet: Als ich auf
einer Party vor vier Jahren über die Katze des Gastgebers stolperte und diesem
Mann mit der Chris-Isaak-Frisur bei der Gelegenheit schwungvoll ein Glas
Chianti übers weiße Oberhemd kippte, war es Roman, der in die Küche stürmte,
einen feuchten Lappen aus der Spüle zog, mit dem er ihm über die
rotbesprenkelte Brust rubbelte – und damit alles schlimmer machte. Also, den
Fleck. Verliebt haben wir uns trotzdem. Chris und ich.
Bei Roman und Chris hat’s ein bißchen länger gedauert. Ob
Chris verknallt in ihn ist? Oder geht es nur um Sex? Ist Roman ehrlich zu mir?
Ist überhaupt jemand ehrlich in dieser verdammten Dreierkonstellation, in der
sich wahrscheinlich jeder von uns für den größten Verlierer hält? Die
"Sache" – oder wie soll ich es nennen? Affäre? Liebschaft? Also, die
"Geschichte" oder was auch immer das zwischen Roman und Chris nun
ist, begann auch auf einer Party. Auf meiner Party. Wir feierten meinen
Geburtstag, es gab Margaritas, und gegen zwei tanzten wir zu viert Lambada im
Wohnzimmer. Die letzten Gäste sind die lustigsten, so ist es ja immer.
Roman hüftkreiselte neben Chris, der eindeutig den besten Hüftschwung von uns
allen hat, ich wackelte eng umschlungen mit meiner Freundin Janine.
Eng, enger, wir tranken und kicherten, weil wir ständig aus
dem Rhythmus kamen, dann küßte sie mich. Ich küßte zurück. Spürte, wie es
kribbelte. Ich lachte, weil ich verlegen war. Alles nur ein Scherz, sollte das
Lachen sagen. Ich genoß es, auch, weil ich wußte, daß Chris uns sah. Ich kam
mir wild und gefährlich vor: "Guck mal, was ich hier anstelle,
Baby!" Dann sah ich aus dem Augenwinkel, wie Roman Chris tief in die Augen
blickte und ihn küßte. Ihn küßte? Mein Freund küßt meinen besten Kumpel!
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Während Janine an meiner Unterlippe knabberte, sah ich, wie
Roman den Mann meines Herzens ableckte. Jawohl, ableckte! Das war eindeutig
kein zärtliches Gebussel, die beiden schoben sich heftig die Zunge in den
Rachen. Von wegen wild und gefährlich, das, was Chris da anstellte, war
wilder. Und gefährlicher, das ahnte ich bereits, als ich hüftschwingend zu
"meinen" beiden Männern wackelte. Die waren so vertieft ineinander,
daß ich ihnen synchron in den Hintern zwicken mußte, um sie zu trennen.
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Ich war plötzlich gar nicht mehr in Partystimmung. Mein
Freund küßt einen Mann? Hat er dabei dasselbe gespürt wie ich eben bei Janine? Chris
packte mich und drückte mir einen verrutschten Kuß ins Gesicht. Ich roch das
Aftershave von Roman. Das war gleichzeitig vertraut und erschreckend. Die
Situation war bizarr. Zu viele Margaritas, zu viele Küsse, zu viel
Durcheinander. Roman tanzte mit Janine. Für ihn war’s wohl nur ein Scherz
gewesen. Ich war ein bißchen erleichtert, zog Chris Richtung Schlafzimmer. Schluß
mit der Party. Die Hoffnung, meine Verwirrung mit Sex zu bekämpfen, wurde von
plötzlichem Schnarchen zerstört. Es war alles nur ein Spaß, so beruhigte ich
mich.
Beim Frühstück fragte ich Chris: "War Roman der erste
Mann, den du geküßt hast?" Das Thema war ihm unangenehm. "Das war er.
Es hat sich seltsam angefühlt", sagte er schließlich und blickte mir
direkt in die Augen. Dann stand er auf. Thema erledigt. Ein bißchen bi schadet
nie. Das gilt für Frauen. Mädchen dürfen knutschen. Aber heterosexuelle Männer?
Nein, das ist schwul!
Bin ich nicht sexy genug für ihn? Sehnt er sich nach etwas,
das ich ihm nicht geben kann?
Ist mein Freund schwul? Bin ich nicht sexy genug für ihn?
Sehnt er sich nach etwas anderem? Kann ich ihm nicht geben, was er eigentlich
will? Verdammt viele Fragen. Keine Antwort. Nur die von Roman: "Ich
glaube, er fand’s geil. Er küßt gut!" Ach, Roman. Er ist zumindest
ehrlich, auch wenn’s wehtut. Und das tat es, als mein Kumpel eine Woche nach
der Party vor der Tür stand. "Ich will nicht, daß du denkst, ich würde
dich hintergehen. Also schau." Er zeigte mir eine Nachricht. Absender
Chris: "Hey, du hast mich verwirrt. Können wir reden? LG C." "Was
soll ich machen? Was will er? Hat er dir was gesagt?", fragte Roman. Doch
mich beschäftigte nur: Wo bin ich in dieser Geschichte? "Das hat überhaupt
nichts mit dir zu tun", beschwor mich mein Freund später. "Mit dir
finde ich es genauso geil wie immer."
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Sandra, das verwirrt mich! Ich habe noch nie einen Mann
geküßt – und ich hätte nie gedacht, daß ich es mag! Wie die Sache nun
weitergeht? Roman will sich nicht wieder allein mit Chris treffen. Chris sich
auch nicht mit Roman. Ich mich nicht mit beiden zusammen. Alle haben jetzt
irgendwie Angst voreinander. Warum macht Liebe eigentlich so viel Angst? (Graziamagazin)





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