Mittwoch, 1. November 2017




Vom Brudermord an den alten "Spießern"


Gibt es „Sprechverbote“ in der queeren Community?“


So heftig und kontrovers wie Patsy l'Amour laLoves neuer Sammelband "Beißreflexe" wurde seit langem kein Buch mehr diskutiert. Eine Annäherung von Kevin Clarke.

Da hat die aktivi­s‍tische "Polittunte" Patsy l'Amour laLove offensichtlich den Finger in eine klaffende Wunde gelegt: So viele leidenschaftliche Pro- und Kontra-Reaktionen gab's auf einen eher akademischen Sammelband mit Texten zur aktuellen LGBTIQ*-Szene wohl lange nicht.

Diese reichen von wü­s‍ten Beschimpfungen, Boykottaufrufen und kopfschüttelndem Unver­s‍tändnis darüber, wie Patsy l'Amour laLove denn "so etwas" nur tun konnte, bis zu Applaus und Unter­s‍tützung der Gegenseite dafür, daß da "endlich mal jemand das ausspricht", was vielen (wie es scheint) am aktuellen Diskurs in der queeren Szene so tierisch auf die Nerven geht. Die im Titel angesprochenen  „ Beißreflexe“ sind also in vollem Gange, auf allen Seiten.

Und es wird tatsächlich wild zugebissen. Die Folge: Veranstaltungen, wo Patsy oder eine_r ihrer diversen Autor_innen auftreten, sind bis auf den letzten Platz gefüllt, es gibt endlose Diskussionen auf allen Social-Media-Kanälen, Museen und andere In­s‍titutionen veranstalten Panels, große Tageszeitungen und Magazine berichten genüßlich über das diskursive Gemetzel. Andererseits formieren sich Protestgruppen vor Veranstaltungsräumen und verhindern Auftritte. Derweil die er­s‍te Auflage des Buchs vom kleinen Berliner Querverlag nach nicht einmal einer einzigen Woche ausverkauft war. Unmittelbarer Nachdruck erforderlich, weil so viele wissen wollen, worum es hier geht. Chapeau!

Die "Schuld" des weißen alten schwulen Cis-Mannes

Für viele Homosexuelle, die sich außerhalb aktivi­s‍tischer Szenen bewegen und mit queerem Hochschulalltag wenig zu tun haben, muß der Krieg, der da tobt, er­s‍taunlich wirken, wenn nicht gar befremdlich. Vielleicht wirkt die Debatte auf manche auch weit entfernt, als habe sie mit ihrem eigenen Leben wenig zu tun. Das stimmt aber nicht ganz, weil es um Fragen geht, die letztlich jeden direkt betreffen. 



Mehr zum Buch und wo du es erwerben kannst, wenn Du dem Link folgst-http://amzn.to/2ikyX1H



Vor allem steht die Frage zentral im Raum: Wie wollen wir innerhalb und außerhalb der LGBTIQ*-Community miteinander umgehen? Und: Gibt es überhaupt noch eine solche Community? Wollen wir, daß es eine gibt? Oder ist sie ein Relikt aus vergangenen Zeiten, das nicht mehr paßt und möglicherweise mehr Schaden anrichtet als Menschen zu helfen, befreit und glücklich miteinander zu leben?

Als ich Patsy l'Amour laLoves 30-seitige Einleitung las und die dort skizzierte Ansammlung von Anfeindungen, die sie erlebt hat – mit Vorwürfen "rassi­s‍tisch" zu sein, "weiß und priviligiert", "reaktionär" usw. usf. – erkannte ich viele Dinge, die ich selbst im letzten Jahr wiederholt hören durfte. Wobei auch ich mich gefragt habe, wieso mir, entgegen meinem eigenen Selbstver­s‍tändnis, derartige Sachen um die Ohren fliegen, verbunden mit der Frage, wie ich damit nun umgehen will.

Was für Argumente gibt es, wie könnte ich mich verbal verteidigen, sollte ich mich überhaupt auf die Diskussion einlassen und wie viel "Schuld" liegt bei mir als weißem alten schwulen Cis-Mann, daß ich andere – offensichtlich – mit Worten und Verhaltensweisen so vor den Kopf stoße, allein schon durch meine Präsenz und meine "weiße Machtposition"? Habe ich einfach den Zug der Zeit verpaßt und hänge antiquierten Weltbildern nach, die von einer nachgerückten Generation über den Haufen geworfen wurden? Sollte ich mich besser zurückziehen in harmlose Bereiche wie die Operettenforschung und die politischen Debatten und den politischen Aktivismus anderen überlassen? Will ich das?

Wie "sprechberechtigt" sind "Nichtbetroffene"?

Patsy l'Amour laLove hat eine Gruppe von 25 Autoren und Autorinnen versammelt, die primär für eine Sicht der Lage stehen, mit der ich mich persönlich stark identifizieren kann. Nicht unbedingt in jedem Einzelfall. Aber im großen und ganzen. Primäre Aussage: Ich will mich nicht schuldig dafür fühlen, daß es mir möglicherweise besser geht als anderen, ich will auch nicht unter­s‍tellt bekommen, daß ich mir nicht vor­s‍tellen könne, was es heißt, als "Person of Color" (PoC) oder "Frau" ausgegrenzt zu werden, ich will auch nicht darauf verzichten, an Diskussionen über die Lage von Flüchtlingen und anderen Gruppen teilzunehmen, nur weil ich selbst nicht direkt zu diesen Gruppen gehöre und deshalb nicht "sprechberechtigt" sein soll, als sogenannter "Nichtbetroffener" und "Unterdrücker".

Als Patsy l'Amour laLove bei einem Vortrag mit Podiumsdiskussion im taz-Café – veranstaltet von der Initiative Queer Nations ("Verein zur Förderung von queeren Wissenslandschaften sowie von gesellschaftlichen Debatten") – forderte, daß wir uns alle fair und mit Respekt behandeln sollten, konnte ich darin nichts Radikales erkennen, es ist für mich eher eine Selbstver­s‍tändlichkeit. Daß in einem Sammelband, in dem Journali­s‍ten wie Elmar Kraushaar oder Dirk Ludigs mitschreiben, manche Dinge zugespitzt formuliert werden, ist mir als Leser ebenso selbstver­s‍tändlich und willkommen. Deshalb gleich von reaktionärer Polemik zu sprechen, erschließt sich mir nicht. Aber ich bin ja offensichtlich auch im "falschen" Lager (oder "richtigen", je nachdem wie herum "Mann" die Sache betrachtet).

Foto-Grüne Bayern


"Patsy redet doch auf allen Podien"


Und so geht die Schlacht weiter. Eine lesbische Bekannte sagte kürzlich zu mir: "Was heißt hier Sprechverbote? Patsy redet doch auf allen Podien… Non­s‍top!" Während andere Lesben sich beklagen, nicht genug zu Wort zu kommen und nicht ausreichend in "Beißreflexe" repräsentiert zu werden. Auf die Frage, warum sie nicht einen eigenen Essayband herausbringen und eine Gegenposition formulieren, kommt als Antwort: "So einfach ist das nicht, die Männer besetzen alle publizi­s‍tischen Entscheidungspositionen!" Was kraß ist, denn selbst der Querverlag hat mit Ilona Bubeck auch eine lesbische Chefin, die als Autorin in "Beißreflexe" vertreten ist, Special Media (wo die "Siegessäule" rauskommt) hat zwei lesbische Verlegerinnen, und der Konkursbuchverlag wird von Claudia Gehrke geleitet (die "Mein lesbisches Auge" herausbringt). Es ist nicht so, daß es keinerlei Optionen gäbe.

Daß es für PoC und Menschen mit Migrationshintergrund schwieriger ist, sich entsprechend publizi­s‍tisch Verhör zu verschaffen, mag stimmen, es mag auch stimmen, daß diese Gruppen derzeit andere Sorgen haben, als einen Essayband mit gesellschaftspolitischen Positionierungen herauszubringen. Aber sollte deshalb Patsy keinen Band rausbringen? Ist das die Schlußfolgerung? Und ist es Patsy l'Amour laLoves Verantwortung, in ihrem Buch dafür zu sorgen, daß alle Gruppen gleichberechtigt vorkommen? Seit wann funktioniert so Publizi­s‍tik?

Okay, wenn dieser Band als Titel hätte "Die aktuelle LGBTIQ* Szene im Überblick" und bei einem Großverlag wie der Oxford University Preß erschienen wäre, dann hätte ich erwartet, daß alle Gruppen mit Quotenregelung fair verteilt zu Wort kommen. Aber dann wäre es ein mit viel Geld gefördertes Projekt gewesen. So ist es ein leidenschaftlicher Aufschrei einer Herausgeberin und damit ein Beitrag zur aktuellen Debatte., neben dem viele andere Beiträge Platz haben.

Eine Wiederholung der Kämpfe aus den Siebzigern?

In einem anderen neuen Sammelband mit dem Titel "Politiken in Bewegung. Die Emanzipation Homosexueller im 20. Jahrhundert", herausgegeben von Andreas Pretzel und Volker Weiß (Männerschwarm Verlag), berichtet der Historiker Jens Dobler davon, wie die Schwulenbewegung der Siebzigerjahre mit damals neuen Formen des Protests aufwartete: "das Laute, das Provokante, das Unversöhnliche" wurde dem "Spießigen" der Vorgängergeneration gegenüberge­s‍tellt, die versucht hatte, versöhnlicher die politischen Ziele zu erreichen. Damit entpuppten sich die jungen Protestler als "Brudermörder" der "spießigen älteren Brüder". Und: Ihr Verhalten "zeitigte Erfolg".

Ist die leidenschaftlich geführte "Beißreflexe"-Debatte, mit ihren Morddrohungen, Denunziationen, Rufmordkampagnen und all dem, was Patsy und ihre Mitautor_innen beschreiben, eine Wiederholung dessen, was wir in den Siebzigern mit dem Auf­s‍tand studentischer Gruppen erlebt haben, denen der gesellschaftliche Wandel nicht schnell genug ging? Sind die Autorinnen in "Beißreflexe" und alle, die sich mit deren Thesen identifizieren können, die spießigen älteren Brüder und Schwe­s‍tern, gegen die die progessiven Jüngeren sturmlaufen?

Wohin die Reise geht, muß sich noch zeigen. Und ob sich die aktuellen radikalen Queerfemini­s‍tinnen durchsetzen werden oder irgendeine andere Gruppe, bleibt abzuwarten. Unlängst sagte ein junger Philosophie­s‍tudent zu mir, als wir von Revolution und ideologischen Schlachten sprachen: "Grundsätzlich wollen alle sicher gehen, daß sie nach der Revolution auf der richtigen Seite der Macht stehen!"

Im Fall von "Beißreflexe" geht es genau darum: Welche In­s‍titutionen und ihre Vertreter_innen werden gefördert, welche nicht? Wer bekommt Po­s‍ten an Universitäten, in Zeitungen, in politischen Stiftungen? Wer wird in Kuratorien gewählt und wer bleibt draußen? Wer kann dann be­s‍timmen, wessen Anhänger_innen Aufträge bekommen? Wer bekommt die Deutungshoheit und definiert künftig die Geschichte?

Mit anderen Worten: Es geht ums Eingemachte; und unabhängig von Einzelpositionen in "Beißreflexe" ist das der wunde Punkt, in den Patsy l'Amour laLove den Finger gelegt hat. Weswegen die Reaktionen so extrem ausfallen. Und weswegen es nötig ist, daß alle mitdiskutieren.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen