Grüsse von der Gender-Front
Wie macht man sich zum Feind der queeren Szene? Indem man sich gegen deren Betroffenheitskult stellt.
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| Foto-Thefederalist |
Einst stand der Begriff «queer» für den Versuch, die
angestammte, als aufgezwungen erlebte gesellschaftliche Position zu verlassen.
Es ging um die Möglichkeit, sich zumindest für den Moment von den Rollenbildern
zu befreien, die Geschlecht oder sexuelle Orientierung mit sich bringen. Heute
steht der Begriff vor allem für eine Politikform, in der die eigene
gesellschaftliche Position Dreh- und Angelpunkt anklagender Moral ist.
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Der Fokus der «queeren» Praxis, die ihre Stichworte aus der
postmodernen «queer theory» bezieht, liegt auf der Affirmation von
Gruppenzugehörigkeit und subjektiver Weltsicht. Nur wer persönlich von
Diskriminierung betroffen sei, dürfe sich dazu äussern, heisst es von der
Mehrheit der queeren Vertreter.
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Im Zentrum des Handelns steht also die eigene Betroffenheit. Die Folge: Was genau die Konsequenzen gesellschaftlicher Benachteiligung sind, gilt als ausschliesslich von «Betroffenen» definierbar. Ächtung und Ungerechtigkeit sind in dieser Denkform allein eine Frage von Machtverhältnissen, die sich primär in Sprache ausdrückten.
Einige Resultate dieser Haltung sind populär geworden: An
Universitäten gibt es Initiativen, welche Kant und Hegel aus dem Curriculum
streichen wollen, da in deren Schriften der Begriff «Neger» vorkommt. Der
Begriff ist heute zweifellos als rassistisch erkannt, die Tilgung wird jedoch
damit begründet, dass Schwarze als Betroffene von Rassismus während der Lektüre
persönlich verletzt sein könnten.
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Weisse, die Dreadlocks oder Kimonos tragen, werden als «rassistisch» gebrandmarkt.
Islamische Gemeinden dagegen werden trotz fehlender
Geschlechtergerechtigkeit und mitunter offener Hetze gegen Israel hofiert.
Kritik aus der Szene selbst
Rechts- und liberalkonservative Strömungen kritisieren diese
Methoden schon lange, jedoch unterscheiden sich ihre Motive. Die Wortführer der
ersteren beziehen sich ebenfalls positiv auf Identität, die Rücksicht auf
Minderheitenperspektiven lehnen sie jedoch ab. Liberalkonservative indes
legitimieren die Ungleichheit bestimmter sozialer Gruppen als gesellschaftliche
Notwendigkeit oder leugnen sie schlicht.
Nun problematisieren feministische und LGBT-Aktivistinnen
und -Aktivisten gemeinsam queere Politik, die subjektive Erfahrungen von
Diskriminierung ins Zentrum stellt und die momentan als Stichwortgeberin für
alle zeitgenössischen pädagogischen und sozialwissenschaftlichen Diskurse dient.
Sie kritisieren die in dieser Denkform angelegte Idealisierung von
Benachteiligung als kulturelle und schützenswerte Eigenart.
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An den negativen Reaktionen lässt sich beispielhaft nachvollziehen, wie das universitäre und das politische Queer-Milieu mit Kritik umgeht.
Eine «verletzende Sprache» diagnostizierte etwa Heinz-Jürgen
Voss, Professor für Sexualwissenschaften, auf seinem Blog, eine Sprache also,
die von rücksichtslosen Subjekten zeuge, welche mit dem Buch eine pathologisierende
Rufmordkampagne gegen Gender-Aktivisten, psychisch kranke Menschen und Muslime
führten.
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Im Sommer schaltete sich die international bekannte Literaturwissenschafterin Judith Butler persönlich ein und schrieb zusammen mit der Berliner Gender-Forscherin Sabine Hark einen Kommentar in der Wochenzeitung «Die Zeit». Dort warfen sie den Autoren vor, sich undifferenziert auf die akademische Disziplin der Queer-Studies zu stürzen – was den Sammelband anschlussfähig für rechte Diskurse mache. Eine «Vergleichgültigung» mittels der «Beseitigung von Binnendifferenzen» sei die Strategie, wenn sezierend Szenekämpfe offengelegt und gefährliche interne Dynamiken benannt würden.
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Auf welche Weise diese Homogenisierung stattfinden soll, liessen Hark und Butler elegant offen. Im queeren Geflecht, das frei von formalen Hierarchien, dafür umso mehr von subtilen Strukturen der Redemacht durchsetzt ist, übernahmen andere die Ausführung dieser Anklage. Queer-Aktivistinnen und universitäre Geschlechterreferate fabulierten auf Twitter und Blogs in fieberhafter Aufruhr von einem Angriff angeblicher homosexueller Nationalisten im Stile eines Milo Yiannopoulos.
Polemik statt Argumente
Doch die akademischen Gender-Studies und die aktivistische
Queer-Szene, beide eng verwoben mit aktueller linker Politik an den
Universitäten, haben keine Antworten auf die im Sammelband vorgebrachten
Argumente. Die Reaktion beläuft sich auf ostentatives Beleidigtsein oder eine
beredte Nichtreaktion.
Die Positionen der beteiligten Autoren werden delegitimiert
und Nachwuchswissenschafter schlicht als dumme Jungen dargestellt – was
insbesondere im Falle der wiederholten Hervorhebung Vojin Saša Vukadinovićs
durch Wissenschafterinnen, die Rassismus-Sensibilität für sich reklamieren,
merkwürdig anmutet. Die Autoren des Buches erhalten Hassmails, kurzfristige
Absagen ihrer Vorträge sowie geplanter Zeitschriftenbeiträge und sind Angriffen
auf ihre wissenschaftliche Laufbahn ausgesetzt. Zuletzt wurde dem Querverlag
sogar die Präsentation auf einer queer-feministischen Buchmesse untersagt.
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Das von der Kritik gezeichnete Bild des schwulen weissen Mannes aus Berlin-Mitte, der einen skandalösen Bestseller intendiert, um seinen ausufernden Lebensstil finanzieren zu können, bedient nicht nur billigste homophobe Ressentiments. Vorwürfe, die Autoren könnten im Hintergrund Einfluss auf die Verteilung von Geldmitteln nehmen, um der anständigen, subalternen Queerszene zu schaden, erinnern nicht zufällig an antisemitische Motive. Es spricht zudem für sich, dass die queer-feministischen Kritiker in ihren Verrissen bisher genau jene Beiträge im Band auffällig ignorierten, die von Frauen verfasst wurden. Das Feindbild passt einfach zu gut.
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Warum dieses Bild der «Beissreflexe»-Autorenschaft beschworen wird, wird plausibel, wenn man einen Blick darauf wirft, wen die Herausgeberin Patsy l'Amour laLove in ihrer Anthologie versammelt hat: Es sind Individuen, die sich zusammengetan haben, um ein Problem anzusprechen, das sie selbst am meisten betrifft. Sie sind nicht nur in der Geschlechter- oder LGBT-Politik aktiv, sondern selbst von Diskriminierung betroffen. Die Beiträge im Sammelband stammen von homo-, bi- und heterosexuellen Menschen, die mit Behinderungen oder psychischen Pathologien leben, transsexuell oder transgender sind, Missbrauch und Gewalttaten erlebt haben, in religiös-fundamentalistischen Familien aufwuchsen, einen Migrationshintergrund haben oder gar in der tiefsten ostdeutschen Provinz lebten. Sie kennen die Zwänge, die jene treffen, die nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft sein können oder wollen, ihre politische Arbeit wollen sie nicht mit ihrer gesellschaftlich aufgezwungenen Identität verknüpfen. Auch im Buch outen sie sich nicht.
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Anspruch auf Objektivität
Stattdessen formulieren sie streitbar und transparent ihre Positionen
und verfolgen dabei den Anspruch, ihre Erfahrungen objektiv vermittelbar zu
machen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht hinter ihren Erfahrungen
verschwinden und nicht als repräsentatives Kollektiv von Diskriminierten
auftreten wollen.
Sie stellen vielmehr die Idee und den Wunsch,
Benachteiligung zur Identität zu erheben, grundlegend infrage. Die Anthologie
ist keine erschöpfende Darstellung des queeren Milieus und bei weitem nicht die
erste linke Kritik an diesem. Ihre Brisanz erfährt sie jedoch dadurch, dass sie
von Individuen verfasst worden ist, die die von identitätspolitischen
Kleinkriegen geprägte Queer-Szene gut kennen – «Beissreflexe» ist somit eine
Sammlung von Briefen von der Front.
Begründet wird die vehemente Abwehr und Ignoranz mit einem
Verteidigungskampf gegen die erstarkenden postfaktischen und sexistischen
Kräfte des Mainstreams. Die Realität ist jedoch weitaus trivialer: Teile der
queeren Wissenschaften und Szenen wähnen sich im Krieg. Es geht um
Selbstschutz, getarnt als Notwehr.
Was das kleine Büchlein «Beissreflexe» angreift, sind nicht
bedauerliche Einzelfälle in der queeren Szene oder emotionale Eruptionen
einiger weniger. Wenn sich Betroffene nicht mehr einig sind und sich auch mit
bestem Willen und höchstem Druck keine Einigkeit unter ihnen herstellen lässt,
scheitern der postmoderne Glaube an standpunktgebundene Theoriebildung und die
sich daraus ergebende Subjektivierung eines jeden Wahrheitsanspruchs.
Von Relevanz ist deshalb, wie kritische und für
Gleichberechtigung einstehende Wissenschafter, als die sich Hark, Butler und
Voss verstehen, mit diesem eklatanten Widerspruch umgehen. Bis jetzt ist kein
Interesse an der Aufklärung der im Sammelband vorgebrachten Vorwürfe und
Analysen auszumachen. Sind die Berichte von Rufmordkampagnen und der Umgang mit
den Autoren für sie nur bedauerliche Einzelfälle – oder gar Nebeneffekte eines
grundsätzlich guten queeren Paradigmas?
Die queer geprägten Gender-Studies sind als Wissenschaft und
als politische Szene im Verfall begriffen. An dieser Erkenntnis hängen die hart
umkämpften Arbeitsplätze in der Akademie, Stipendien und Fördermittel.
Im freien Fall
Wären in den Gender-Studies in ihrer jetzigen Form nicht nur
vereinzelte Forscher wissenschaftlich ernst zu nehmen, sprächen die Leistungen
der Disziplin unmissverständlich für sich. Böten die zugehörigen Szenen mehr
als unmittelbare Selbsttherapie und wütende Baseballschläger-Ästhetik, wäre
ihre Politik kein blosser Egozentrismus. Keine Geschlechterforscherin hätte es
dann nötig, gekränkte Rechtfertigungen auf queeren Blogs und im bürgerlichen
Feuilleton zu veröffentlichen.
Der Gender-Kaiser ist nackt – das ist allen bewusst oder
unbewusst klar.
Caroline Alisa Sosat ist Psychologin. Sie forschte zur
Verdrängung in Prozessen politischer Teilhabe und forscht gegenwärtig zu
Sexualität und geschlechtlicher Subjektwerdung. Sie hat zum Buch Beissreflexe
beigetragen.












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