Der Kampf um Gender
Anti-aufklärerisch und kulturrelativistisch: Wie ein noch junges Studienfach die dringenden Themen der Gegenwart verschläft.
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Die Gender-Studies befinden sich in einer
Legitimationskrise: Die Öffentlichkeit begegnet dem Fach mit Ablehnung,
Biologen fechten ihre Wissenschaftlichkeit an, und politische Gruppierungen
mobilisieren wahlweise gegen einen «Wahn» oder eine «Ideologie». Alle
beanstanden Sinn und Zweck eines Studienfachs, das mit zwanzig Jahren noch
relativ jung ist, gleichwohl aber eine Vielzahl an Kontroversen durchlaufen
hat. Der zunehmende Lärm dieser Einsprüche übertönt Belange, die bisher
deutlich weniger Gehör gefunden haben.
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Dazu zählt die Kritik an Forschungstendenzen, die auf den ersten Blick überraschend anmuten, weil sie jedweden aufklärerischen Anspruch bezüglich Geschlecht und Sexualität konterkarieren. So gehen manche Gender-Studies-Arbeiten von einer deterministischen «Kultur» aus, die einem Individuum wesensbestimmend übergeordnet sei.
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Ebenfalls ist ein damit einhergehender Kulturrelativismus zu beobachten, der die Genitalverstümmelung von Mädchen schon einmal mit der westlichen Wahlfreiheit, ein Genitalpiercing zu tragen oder nicht, vergleicht oder Selbstmordattentate als «queer» interpretiert, weil diese Unordnung in der «symbolischen Ordnung» stifteten. Generell ist eine Verschiebung weg von der Beschäftigung mit Ausbeutung hin zu Strategien zu verzeichnen, die sich nicht an einer Beseitigung gewalttätiger Verhältnisse interessiert zeigen, sondern Betroffenen bisweilen nahelegen, sich in diese zu fügen.
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Genese der Gender-Studies
Dass sich solche Positionen in einem Fach finden, das mit
dem akademischen wie gesellschaftspolitischen Anspruch angetreten ist, für
geschlechter- und sexualitätsrelevante Fragen zu sensibilisieren, und dabei
stets auch eine globale Tragweite geltend gemacht hat, dürfte zunächst
verwundern. Tatsächlich waren Behauptungen wie die vorgenannten während der
Institutionalisierung der neuen Disziplin noch nicht prominent vertreten. War
die Frühphase der Gender-Studies in den 1990er Jahren stark von
psychoanalytischen und literaturwissenschaftlichen Zugriffen geprägt, hatten im
nachfolgenden Jahrzehnt sogenannte «selbstreflexive» Ansätze Konjunktur.
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Wichtiger als der Nachweis der Veränderbarkeit von Geschlechterrollen wurden Fragen nach dem Sprechort der Einzelnen. Bedeutsamer als das, was gesagt wurde, war nun, wer etwas sagte. Identitäten, deren historische Herkunft und deren etwaige Überwindung zunächst im Fokus des Fachs gestanden hatten, wurden damit neu errichtet und hoffnungsvoll aufgeladen. Diese Aufmerksamkeitsverschiebung verstärkte eine Kulturalisierung des Partikularen – und damit die Abkehr vom Universalismus. Infolgedessen blühten die besagten antiemanzipatorischen Inhalte auf.
Die Kritik an diesen ist bisher zumeist von aussen
vorgetragen worden: Innerhalb der Gender-Studies ist es noch nicht zu einer
Debatte darüber gekommen. Hier wird ein starker Kontrast zu anderen geistes-
und sozialwissenschaftlichen Fächern deutlich: Es gibt bekanntlich nicht die
Historikermeinung, nicht den Soziologenstandpunkt und auch nicht die
politikwissenschaftliche Einschätzung eines Problems, sondern konkurrierende,
bisweilen sehr hart miteinander um die richtigen Methoden, Theorien und
Resultate streitende Schulen und Denkströmungen.
In den Gender-Studies hingegen
hatten bisher noch die bedenklichsten Positionen keine fachinterne Anfechtung
zu befürchten: Sie blieben ohne Widerspruch.
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Wozu Gender-Studies?
In einem polemischen Beitrag hat Stefan Hirschauer vor
wenigen Jahren die Frage «Wozu Gender-Studies?» gestellt. Der antifeministische
Tenor des Artikels war zwar bedauerlich, schmälerte allerdings nicht den Wert
des Arguments. So plädierte der Soziologe dafür, dass sich
Geschlechterforscherinnen nicht mit der Sache gemeinmachen sollten, der sie
nachgingen, und sprach vom «verdrucksten Schweigen» jener, «die schon lange
ahnen, dass etwas schiefläuft», jedoch keine Stellung bezögen.
Zu den
Fehlentwicklungen zählte Hirschauer die systematische Überbewertung des Status,
welcher der Geschlechterunterscheidung in modernen Gesellschaften zukomme, vor
allem aber die Abwesenheit «kaltblütige[r] Bilanzierungen der historischen
Gleichzeitigkeit des politisch Ungleichzeitigen – von archaischen Gewaltakten
gegen Frauen über die Irrelevanz von Geschlecht bis zur Benachteiligung von
Männern». Er beklagte weiter eine «Wagenburgmentalität», die sich vor der
Komplexität der Welt verriegle, statt dieser analytisch gerecht zu werden.
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Wagenburgmentalität
Hiervon zeugen von Jargon geprägte Gender-Studies-Schriften,
die sich zwar mit sozialen Veränderungen befassen, den Dialog ausserhalb des
eigenen Radius allerdings nicht suchen. Solche Abhandlungen fallen hinter die
Möglichkeiten des Romans zurück, des allen zugänglichen Laboratoriums des
Denkbaren: Weitaus emanzipatorischere und phantasievollere Vorstellungen, was
das Abstreifen überholter Geschlechterrollen anbelangt, sind in den letzten
Jahrzehnten beispielsweise in den Werken von Monique Wittig, Octavia Butler
oder Jeanette Winterson angedacht worden. Zum anderen befördert jene von
Hirschauer monierte «Wagenburgmentalität» die Tendenz, sich gegenseitig nicht
zu kritisieren.
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Hiervon profitieren vor allem Arbeiten, die zweifelhafte Positionen vertreten können, weil sie keine innerdisziplinären Herausforderungen zu befürchten haben. Die Gender-Studies wurden auf einer sprachlichen Unterscheidung gegründet, die es im Deutschen nicht gibt: Sinnstiftend wurde «gender», d. h. Ausdruck der Geschlechtsidentität, und nicht «sex», das im Englischen die biologisch-materielle Dimension meint (und das Sexuelle stärker evoziert).
Nach aussen hat diese Präferenz schroffe Ablehnung
provoziert, wodurch die gesellschaftspolitische Vermittlung der Frage
beeinträchtigt wurde, weshalb es sich lohnt, über die Ordnung der Geschlechter
nachzudenken. Nach innen wiederum hat der Vorzug von «gender» gegenüber «sex»
entschieden den Blick auf Repräsentationsweisen favorisiert.
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Dies beförderte ein Missverhältnis zwischen der Frage danach, wie etwas dargestellt wird, und der Frage, warum dem Geschlecht eine bestimmte Funktion zukommt – gesellschaftlich, politisch, ökonomisch. Und die wesentliche, nicht austauschbare Funktion ist diejenige der Reproduktion der Gattung: Sie wird von Frauen geleistet. Während der Second Wave Feminism der 1970er Jahre dies zentral zum Thema hatte, sind die Schwangerschaft sowie der Körper als dezidiert geschlechtlich ausgewiesene Belange in den Gender-Studies zu Sekundärthemen geworden.
Der Fokus auf Sprache und Bedeutung hat zudem das Gewicht
von einigen entscheidenden Feldern wegverlagert, auf denen sich die Krisen und
Herausforderungen der Gegenwart besonders bemerkbar machen. Forschung zur
jihadistischen Gefahr etwa kam bisher vor allem aus der Politikwissenschaft,
während sich Arbeiten aus den Gender-Studies vorwiegend mit der
Täterrepräsentation in westlichen Medien befassen. Damit wird die
wissenschaftliche Klärung der Genese dieses Phänomens anderen Fächern
überlassen, die den evidenten geschlechterrelevanten Aspekt dann in der Regel
übergehen. Eklatante Wissenslücken bleiben so bestehen.
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Materielle Realität
Gleiches gilt für weitere gewichtige Forschungsfelder. Die
rasanten Durchbrüche und Veränderungen in der Bio- und Hochtechnologie der
letzten zwanzig Jahre müssten mit weitaus höherer Aufmerksamkeit als bisher
verfolgt werden, gerade weil viele davon geschlechtliche Belange tangieren und
von globaler Dimension sind: Leihmutterschaft, Abtreibung, HIV/Aids,
Hormontherapien und geschlechtsangleichende Operationen sowie
Schönheitschirurgie sind als evidente Beispiele zu nennen. Für eine vertiefte
Auseinandersetzung mit diesen Themen müssten bereits Bachelorstudierenden der
Geschlechterforschung elementare Kenntnisse in Biologie, Medizin und
Anthropologie vermittelt werden (und nicht, wie bisher, feministische
Biologiekritik).
Dies würde ihnen die Diskussion mit skeptischen Vertretern
jener Disziplinen ermöglichen sowie dem interdisziplinären Selbstverständnis des
Faches gerecht werden. Vor allem würde dies ihre Teilhabe an der Gestaltung des
21. Jahrhunderts entschieden vorantreiben und das dringende, bis anhin fehlende
Gegengewicht zu den eingangs skizzierten Aporien bilden.
Die gewichtigste Antwort auf Hirschauers Frage liegt in der
Tatsache begründet, dass das Emanzipationsversprechen in der Welt ist: Es gilt
für alle. Menschenrechte und zivilisatorische Mindeststandards stehen nicht zur
Verhandlung. Die politische Agitation hiergegen, die unter akademischen Vorzeichen
von einigen betrieben wird und auf alle zurückfällt, die über Geschlecht
arbeiten, ist gegen gute Bücher einzutauschen. Es ist zudem «sex», das darüber
entscheidet, wer von Reproduktion, Abtreibung und unbezahlter Haus- und
Care-Arbeit betroffen ist, und nicht «gender». Die wissenschaftliche
Beschäftigung mit dieser sich materiell manifestierenden Realität ist ein
dringlicher Beitrag zur Analyse der globalen Gegenwart: darum
Geschlechterforschung.
Vojin Saša Vukadinović ist Historiker. Er forscht gegenwärtig zu den
Anfängen des kapitalistischen Bewusstseins im 20. Jahrhundert-NZZ











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