Wann ist man homophob?
Du bist nicht sicher, ob du "schwul" als Schimpfwort verwenden darfst. Hier entlang.

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Der Duden listet drei unterschiedliche Definitionen für das Wort "schwul": Die erste beschreibt Aspekte männlicher Homosexualität, die zweite ist ein selten gebrauchtes (und veraltetes) Synonym für "lesbisch", die dritte lautet "unattraktiv, uninteressant, in Ablehnung hervorrufender Weise schlecht".
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"Schwul" kommt aus dem Niederdeutschen und war
ursprünglich ein Begriff für "drückend heiß" – später wurde er in das
uns bekannte "schwül" abgewandelt. Im 19.
Jahrhundert wurde "schwul" dann zum ersten Mal als beleidigende
Bezeichnung für Homosexualität verwendet.
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Für die damalige Konnotation mit hoher Temperatur gibt es unterschiedliche
Erklärungsversuche, heute klingt sie höchstens noch im umgangssprachlichen
Ausdruck "warmer Bruder" nach. Und während der immer noch als
diffamierend gilt, wurde die einstige Beleidigung "schwul" irgendwann
wertneutral, sogar positiv – indem homosexuelle Männer angefangen haben, den
Begriff für
sich zu beanspruchen. Aus einem Schimpfwort wurde eine feierliche
Selbstbezeichnung.
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Die abwertende, schwulenfeindliche Bedeutung, die dem Wort
heute (auch im Englischen) innewohnt und schuld an der dritten
Duden-Definition ist, hat sich erst im Laufe der Jahre gebildet. Laut einer Studie verwenden 62 Prozent aller Grundschüler
"schwul" oder "Schwuchtel" und immer noch 40 Prozent
"Lesbe" als Schimpfwort. Was es mit dem Selbstbild eines jungen
Menschen macht, wenn mehr als die Hälfte einer Schulklasse die eigene sexuelle
Identität synonym für etwas Minderwertiges verwendet, erklärt sich von selbst.
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Aber wenn manche homosexuellen Männer sich spaßeshalber
"Schwuchtel" nennen und die beste Freundin eines schwulen
Mannes "fag hag" ("Schwuchtelhexe"), wenn jemand
wie Tyler the Creator, der immer wieder betont,
nicht homophob zu sein, auf seinem Debütalbum ganze 213 Mal "faggot"
rappt – ist "schwul" als Schimpfwort dann überhaupt noch ein Problem?
Natürlich. Und natürlich kann man jetzt nicht einfach
hergehen und für die gesamte Community pauschal festlegen, was beleidigend ist
und was nicht. Jeder Mensch empfindet anders. So was wie allgemeingültige
LGBTQ-Statuten gibt es nicht. Man kann aber versuchen, eine Art Stütze für jene
zu bieten, die sich unsicher sind, wie man einander mit Respekt behandelt.
Und dazu gehört nun mal auch, Mitmenschen so zu nennen, wie es ihnen angenehm
ist. Wenn du dir nicht sicher bist – frag. Und wenn du nicht darauf verzichten
kannst, ein Wort, das mich und meine Person beschreibt, als Beleidigung zu
verwenden, ohne dich dabei in deiner Redefreiheit beschnitten zu fühlen, dann
solltest du vielleicht über dich nachdenken – ebenso wie ich über mich und
meinen Gebrauch von "behindert" nachdenke.
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Homophobie ist vieles, aber keine echte Phobie. Während
beispielsweise jemand mit Arachnophobie nicht gerade darauf brennt, ein paar
Weberknechte zu treten, suchen homophobe Menschen oft ganz bewusst den Kontakt
zu homosexuellen Menschen, um ihnen auf aggressive Art gegenüberzutreten. So
irrational Homophobie ist, so tief ist sie in unserer Gesellschaft
verankert. Eine EU-weite Studie ergab 2013, dass 26 Prozent aller befragten
LGBT-Personen in den fünf Jahren zuvor tätlich angegriffen oder
Gewaltandrohungen ausgesetzt wurden.
Homophobe Männer kriegen bei Schwulenpornos einen Ständer.
Kurzum: Homophobe Männer kriegen bei Schwulenpornos einen
Ständer. Von Männern ausgehende Schwulenfeindlichkeit
steht demnach in direkter Verbindung zu homosexueller Erregung, die von
Betroffenen unterdrückt oder nicht wahrgenommen wird.
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Laut Wolfgang Wilhelm von der Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche und transgender Lebensweisen liegt ein Grund für Homophobie darin, dass "lesbische und schwule Beziehungen die patriarchale Geschlechterordnung in Frage stellen" – demnach seien beispielsweise homosexuelle Männer nicht nur das Subjekt, das die Frau als Objekt begehrt, sondern beides in einem. "Dies kann heterosexuelle Frauen und Männer in ihrem Selbstverständnis verunsichern."
"Ich habe absolut nichts gegen Schwule und finde super,
dass du dazu stehst – aber wenn ich zwei Männer sehe, die sich küssen, da muss
ich kotzen."
Mir persönlich wurde mal von einem Typen Intoleranz
vorgeworfen, weil ich diese Äußerung nicht unterstützt habe. Es war
noch nicht mal so, dass ich mich irgendwie empört hätte, ich habe ihn lediglich
nicht in der Aussage bekräftigt. "Wir werden halt keine Freunde
werden", war mein ungefährer Wortlaut – woraufhin er derjenige von uns
beiden war, der sich auf den Schlips getreten fühlte. Warum ich denn so
engstirnig sei. Es sei immerhin seine Meinung, und die müsse ich doch genauso
tolerieren können, wie er ja immerhin meine Homosexualität toleriere. Das
lasse ich einfach mal so stehen.
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No homo.
Ursprünglich ein Hip-Hop-Ausdruck aus den 90ern, ist "No homo" im Zuge der Anglizismus-Welle längst auch im deutschen Sprachgebrauch angekommen und dort fest verankert. Ihr kennt das von jedem Bro aus eurem Newsfeed, der einen heterosexuellen Männerabend ausdrücklich mit einem möglichst heterosexuellen Hashtag ausweisen möchte. Der Twist ist, dass "No homo" dabei eine Position einnimmt, die zwar nicht explizit Anti-LGBTQ ist, sich aber klar davon abgrenzen möchte.
Nic Subtirelu stellt in einem Blog, der sich mit dem Gebrauch von "No Homo"
auseinandersetzt, die offensichtliche Frage: Warum würde ein heterosexueller
Mann in permanenter Alarmbereitschaft bezüglich Fehlinterpretationen seiner
eigenen Sexualität stehen, wo er doch ohnehin einer viel stärker
repräsentierten Gruppe angehört? Darüberhinaus verwenden "No homo"
oftmals auch Männer, die eigentlich tolerant gegenüber Homosexualität
auftreten, und offenbar trotzdem (oder gerade deshalb) Angst davor haben,
selbst für schwul gehalten zu werden.
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Auch wenn das buchstäblich ein First-World-Problem sein mag – es ist genau dieses unterschwellig homophobe Verhalten, das viele von uns zu spüren bekommen: Ambivalente Pseudo-Toleranz ist für Betroffene nicht unbedingt besser als offene Diskriminierung. "Wenn du merkst, dass die Leute eigentlich total offen sein wollen, aber trotzdem total indiskrete Fragen stellen", entgegnet mir eine lesbische Freundin auf die Frage, wo Homophobie für sie anfängt. "Ich habe irgendwann aufgehört, bei so etwas mitzuspielen. Wenn ich auf einer Party bin, will ich mich nicht als empirische Studie zur Verfügung stellen."
Vielleicht sollten wir da lernen, weniger empfindlich zu
sein. Vielleicht sollten aber auch alle anderen lernen, sensibler zu werden.
Vielleicht solltest du deinen Sprachgebrauch überdenken – ziemlich sicher
sogar. Vielleicht sollte ich aber auch damit beginnen, deine Absichten nicht
vorschnell einzustufen. Sprache entwickelt sich konstant – und es ist ebenso
schwer, sie zu verbieten wie ihre Bedeutung zu verändern. Vielleicht sollten
wir einander entgegenkommen, yes homo. (Franz Lichtenegger-Vice)









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