Homophobie in der Schule
"'Schwuchtel' geht flott über die Lippen"
"Schwul" gilt auf Schulhöfen als eines der
häufigsten Schimpfworte. Im Gespräch erklärt Psychologe Ulrich Klocke, was
Schüler damit beabsichtigen - und warum Lehrer homophobe Stimmungen mitunter
begünstigen.
![]() |
| Foto-Iwwit |
Fast zwei Drittel der Sechstklässler in Berlin, also der
zwölf Jahre alten Schüler, verwenden "schwul" und "Schwuchtel"
als Schimpfwörter, 40 Prozent das Wort "Lesbe". Die Ergebnisse Ihrer
Befragungen klingen erschreckend.
Klocke: Diese Ausdrücke gehören in der Tat zu den
beliebtesten Schimpfwörtern auf dem Schulhof. Und die Hälfte der Sechstklässler
und Sechstklässlerinnen lästert nach Angaben ihrer Mitschüler über Personen,
die für schwul oder lesbisch gehalten werden. Alle abgefragten
Mobbing-Kriterien waren in der Grundschule, die in Berlin bis zur sechsten
Klasse geht, ausgeprägter als in den Oberschulen. Als wir für das Projekt mit
den Schulleitungen in Kontakt getreten sind, waren die teilweise erstaunt - in
jungen Jahren sei das noch kein Thema, hieß es. Aber unsere Untersuchung zeigt:
Gerade hier ist es Thema, hier muss man handeln und für ein Umdenken sorgen.
Mehr zum Inhalt des vorgestellten Buches und wo du es als
E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst, das alles findest DU---http://amzn.to/2Bm3Izp
Wir haben festgestellt, dass die Sechstklässler sehr wohl
wissen, was die Begriffe in Wirklichkeit bedeuten. Wer so etwas auf dem
Schulhof ruft, nimmt aber in der Regel nicht wahr, dass er damit
Diskriminierung ausübt. Wir haben auch mit offenen Fragen die gängigen
Schimpfwörter erforscht, oft beziehen sie sich im entferntesten Sinne auf
soziale Gruppen - Hurensohn, Schlampe, Spast, Schwuchtel, Opfer, Penner, Jude.
"Schwuchtel" geht flott über die Lippen, ganz gedankenlos. Dahinter
steckt erst mal keine homophobe Absicht. Allerdings hat es dennoch eine
homophobe Wirkung. Das ist fatal für Schüler, die vielleicht gerade ihre
sexuelle Identität entdecken. Sie stellen fest, dass sich die möglicherweise
eigene Gruppe in der Breite nur als Objekt der Beschimpfung eignet.
Mehr zum Inhalt des vorgestellten Buches und wo du es als
E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst, das alles findest DU---http://amzn.to/2DhGEPJ
Woher kommt dann diese negative Besetzung der Worte?
"Hausaufgaben sind schwul", sagen heute Schüler wie selbstverständlich.
Früher hätten die Kinder wohl eher "scheiße" gesagt.
Kinder sind sehr stark an Geschlechtsstereotypen orientiert,
beispielsweise in dem Schema: Jungen sind stark, Mädchen sind schwach. Schwul
wird in erster Linie mit weiblich assoziiert - also mit einem Verhalten, das
nicht männlich genug ist, um in der eigenen Bezugsgruppe zu bestehen. Ein Kind
hat vielleicht nichts gegen Schwule, es will aber geschlechtskonform sein,
nicht von seiner Gruppe abweichen - und wertet deswegen den Gegensatz ab, zeigt
seine Rolle bei jeder Gelegenheit. Das wird mit zunehmendem Alter weniger
wichtig, generell wächst dann ja auch die persönliche Reife. Homophobe
Ausdrücke haben wir bei Schülern der zehnten Klasse deutlich
seltener festgestellt.
Mehr zum Inhalt des vorgestellten Buches und wo du es als
E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst, das alles findest DU---http://amzn.to/2B6LTAg
Folglich finden sich die Schwulen-Ausdrücke auch bei Mädchen seltener?
Ja, das Geschlecht ist ein entscheidender Einflussfaktor bei
homophoben Beschimpfungen. Der Faktor andere sind die Lehrer. Wenn diese zum
Beispiel bei schwulenfeindlichen Witzen mitlachen, wird ein solches Verhalten
von den Kindern nachgeahmt. Sie wissen, dass sie mit solchen abschätzigen
Bemerkungen die Lacher auf ihrer Seite haben.
Mehr zum Inhalt des vorgestellten Buches und wo du es als
E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst, das alles findest DU---http://amzn.to/2B7eQMw
Die Lehrer lachen über Schwulenwitze?
Ja, das kommt durchaus vor, laut Studie bei einem Viertel
der Lehrkräfte. Noch öfter kommt es vor, dass sich Lehrer lustig machen, wenn
Mädchen sich im Alltag wie Jungs verhalten und Jungs wie Mädchen.
Mehr zum Inhalt des vorgestellten Buches und wo du es als
E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst, das alles findest DU---http://amzn.to/2B7yYhE
"Lehrer sehen keinen Problemdruck"
Was wissen die Jugendlichen eigentlich über Homosexualität?
Oder besser gefragt: Was wissen sie nicht?
Oft glauben sie, dass man sich aussucht, ob man lesbisch
oder schwul ist; dass die sexuelle Identität also eine eigenständige
Entscheidung sei, die man wie eine Mode annimmt. Wenig im Blick sind auch die
Konflikte, die homosexuelle Jugendliche oft durchzustehen haben, viele Lehrer
wissen nichts über das nachweislich erhöhte Suizidrisiko. Sie sehen keinen
Problemdruck, ganz nach der Devise: Weil Wowereit und Westerwelle schwul sind,
muss man gar nicht mehr groß über das Thema reden.
Schwul als Schimpfwort - das hört man auf Schulhöfen in ganz
Deutschland, selbst in der Provinz. Im Falle Berlins denkt man aber
unweigerlich auch an schwulenfeindliche Migranten.
Diese und frühere Studien zeigen, dass Jugendliche mit
Migrationshintergrund eher negative Einstellungen zur Homosexualität haben und
dass das auch mit traditionellen Geschlechterrollen und mit Religiosität zu tun
hat. Das erklärt den Ton auf dem Schulhof aber nicht. In unserer Studie hat
sich kein Effekt der Herkunft auf das Verhalten gezeigt, arabisch- oder
türkischstämmige Jugendliche sagen etwa nicht häufiger
"Du Schwuchtel".
Mehr zum Inhalt des vorgestellten Buches und wo du es als
E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst, das alles findest DU---http://amzn.to/2krKL46
Das allgegenwärtige Schimpfwort dürfte gerade für schwule Jugendliche heikel sein. Was können die Schulen tun?
Die Jugendzeit, die für andere Schüler mit der ersten Liebe
und den ersten sexuellen Erfahrungen zusammenhängt, ist für viele Betroffene
eine Zeit der Ängste und Fragen. Die Ächtung von Mobbing im Schulleitbild und
das Einschreiten bei homophoben Beschimpfungen fördern nachweislich die
Toleranz und das gesamte Klima, es kann Mobbing unterbinden.
Mehr zum Inhalt des vorgestellten Buches und wo du es als
E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst, das alles findest DU---http://amzn.to/2kqL6Uy
Wie soll das stattfinden? Gehört dazu ein eigener "Toleranz-Unterricht"?
Im Idealfall wird Vielfalt wie selbstverständlich
dargestellt, indem Lehrkräfte etwa Romane wählen, in denen auch lesbische und
schwule Charaktere vorkommen. Beiläufig fördert man so Toleranz, es muss nichts
Aufgesetztes sein. Es gibt aber auch direktere Möglichkeiten wie Projekttage.
Oder man kann ehrenamtliche Aufklärungsteams mit jungen Lesben und Schwulen
einladen. Sie erzählen aus ihrem Leben, ihnen können die Jugendlichen Fragen
stellen, die ihnen ansonsten keiner beantworten würde. Selbst in Berlin ist es
ja so, dass ein Drittel der Zehntklässler von keiner einzigen lesbischen,
schwulen oder bisexuellen Person in ihrem Bekanntenkreis weiß. Auch wenn das
schon rein statistisch eigentlich unmöglich ist.
Mehr zum Inhalt des vorgestellten Buches und wo du es als
E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst, das alles findest DU---http://amzn.to/2Blw24V
Also kommt es auf die Lehrer an?
Eindeutig ja. Lehrer wissen oft nicht, wie unkompliziert man
das Thema berücksichtigen kann, indem man es in den Unterricht einbindet. Damit
kann man nicht früh genug anfangen - etwa schon in den ersten Schulklassen
erwähnen, dass manche Kinder eben zwei Mütter haben. Für Kinder ist in der
Regel das normal, was ihnen als Normalität vorgelebt wird. Es geht nicht um
sexuelle Praktiken, wie manche befürchten, das wirkt auf keinen
traumatisierend. Aber es sensibilisiert.
Mehr zum Inhalt des vorgestellten Buches und wo du es als
E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst, das alles findest DU---http://amzn.to/2BNDHsf
Wie sollten sich Lehrer verhalten, die selbst homosexuell sind - können Sie Vorbild sein? Oder ist ein Outing in der Schule problematisch?
Es gibt Hinweise, dass die Bekanntheit homosexueller
Lehrkräfte positive Einstellungen und solidarisches Verhalten befördert. Da
wäre es natürlich wünschenswert, wenn mehr Lehrer offen damit umgehen - sich
nicht unbedingt mit großem Rummel hinstellen, sondern es wie selbstverständlich
erwähnen, so wie etwa eine Kollegin von ihrem Mann spricht. Die Frage ist, wie
man sich das in seiner eigenen Situation zutraut. Zu empfehlen ist wohl, sich
bei der Schulleitung oder den Kollegen erst mal vorzutasten. Heikler ist fast
der Fall, wenn die Lage unklar ist, wenn über eine Lehrkraft gemunkelt wird und
Schüler das vielleicht für eine Machtprobe missbrauchen. Wenn klar ist, dass
jemand selbstbewusst damit umgeht, bietet er wenig Angriffsfläche. Aber die
Vorbildwirkung ist wahrscheinlicher, wenn ein Lehrer ohnehin Ansehen bei den
Schülern genießt.
Mehr zum Inhalt des vorgestellten Buches und wo du es als
E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst, das alles findest DU---http://amzn.to/2Bmyg4n
Insgesamt gesehen gibt es offensichtlich Handlungsbedarf an den Schulen. Nach den jüngsten Homo-Ehe-Urteilen predigt die Politik die Gleichstellung. Ist die Gesellschaft weiter als ihre Jugend?
Nein, unsere Untersuchung hat auch gezeigt, dass drei
Viertel der Schüler sagen, dass schwule und heterosexuelle Paare natürlich die
gleichen Rechte haben sollten. Man muss unterscheiden: Es geht bei den Schülern
nicht um strukturelle Diskriminierung, sondern um zwischenmenschlichen Umgang.
Ich kann mir aber gut vorstellen, dass sich die Einstellungen verbessern, wenn
Schüler sehen: Es wird auch von rechtlicher Seite ein Zeichen gesetzt.(von Johann Osel-Süddeutsche.de)












Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen