Ein drittes Geschlecht räumt die Probleme transsexueller Menschen nicht aus der Welt
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«Ich bin, was ich sein will», lautet das Credo der Genderbewegung. Mit der Etablierung eines dritten Geschlechts hat sie in Deutschland einen Etappensieg errungen. Was ist damit erreicht?
«Ich bin nicht homosexuell, nicht bisexuell, ich bin einfach
sexuell»: Tron, eine Figur aus einem Musical des deutschen Schwulenaktivisten
Rosa von Praunheim, brachte seine erotische Befindlichkeit so knapp wie
selbstironisch auf den Punkt. Das war 1983, und Tron hatte recht. Wozu das
ganze Theater, wenn's doch eigentlich überhaupt keine Rolle spielt, wie das
Herz tickt und wo der Unterleib sich hingezogen fühlt? Warum ausgerechnet in
Sachen Sexualität auf fixen Kategorien beharren? Weshalb auch noch diesen
Bereich mit Normen und unnötigen Tabus besetzen, in dem die Menschen die
Möglichkeit haben sollten, sich frei von Einschränkungen selbst zu erfahren und
auszuleben – zumindest so lange, wie sie damit die Rechte und Freiheiten
anderer nicht verletzen?
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Sollte man meinen. Doch die Zeiten solcher Lockerheit liegen lange zurück. Mehr als dreissig Jahre sind seit Trons Bonmot vergangen. Von der Nonchalance, die aus ihm spricht, sind wir heute meilenweit entfernt. Und das, obwohl wir an einem ganz anderen Punkt stehen. Lesben, Schwule und Bisexuelle haben für die Anerkennung ihrer sexuellen Orientierung gekämpft. Und hatten Erfolg. Rechtliche Diskriminierungen sind beseitigt, gesellschaftlich ist die gleichgeschlechtliche Liebe akzeptiert.
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Drittes Geschlecht
Doch die Begehrlichkeiten sind damit noch lange nicht
befriedigt. Die Forderungen von aus den Reihen von Lesben, Schwulen,
Bisexuellen, Transgendern, Intersexuellen und Queers gehen mittlerweile weiter,
und sie zielen auf den Kern der Sache: auf die sexuelle Identität. Eingeklagt
wird das Recht, sich nicht mehr auf ein Geschlecht festlegen zu müssen, und am
allerwenigsten auf das, mit dem man geboren wurde. Vor gut zwei Wochen hat das
deutsche Bundesverfassungsgericht entschieden, dass
das Zivilstandsregister neben «männlich» und «weiblich» eine dritte Option
vorsehen muss – für Einträge wie «inter» oder «divers». Ein Entscheid, der
dem gesellschaftlichen Trend folgt. Ob er Probleme löst, ist allerdings
fraglich.
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Das dritte Geschlecht zielt einerseits auf Menschen, die genetisch weder eindeutig weibliche noch eindeutig männliche Geschlechtsmerkmale zeigen, also nicht ohne weiteres einem der beiden Geschlechter zugewiesen werden können. Es zielt aber auch auf Menschen, die sich emotional weder weiblich noch männlich fühlen, obwohl sie genetisch klare Geschlechtsmerkmale tragen. Und diese Gruppe ist anscheinend am Wachsen. Rund drei Prozent der Bevölkerung sind es, so wird geschätzt, die in einem Niemandsland zwischen Mannsein und Frausein schweben. Sie haben entweder ein anderes Geschlecht, als sie bei ihrer Geburt hatten, fühlen sich nicht dem Geschlecht zugehörig, mit dem sie geboren sind, oder lehnen die Attribute «männlich» und «weiblich» überhaupt ab.
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Wahrgenommen wurden sie lange Zeit kaum. In die
Öffentlichkeit getreten sind sie zum Beispiel im
Zusammenhang mit dem «bathroom war», wie die Debatte in den USA heisst. Der
Frage also, ob in öffentlichen Gebäuden Toiletten für Menschen eingerichtet
werden müssten, die sich weder als Mann noch als Frau fühlen – oder ob man
überhaupt darauf verzichten soll, Toiletten nach Geschlechtern zu trennen.
Barack Obama erliess am Ende seiner Amtszeit eine Anordnung an alle Schulen,
wonach jedes Kind die Toilette seiner Wahl benützen darf, auch wenn diese nicht
für das Geschlecht bestimmt ist, dem der Körper oder der Personalausweis es
zuweist. Donald Trump hat die Regelung mittlerweile rückgängig gemacht. Die
Frage mottet weiter.
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Der Streit wirkt aus der Distanz bizarr. Nur, es geht um
weit mehr als um die Frage, wer wo pinkeln darf. Zur Debatte steht die
Einteilung der Menschen in Mann und Frau – Kategorien, die als anthropologische
Konstanten betrachtet werden dürfen, obwohl ihre Gültigkeit neuerdings auch mit
biologischen Argumenten angezweifelt wird. Vor allem aber geht es darum, wie
weit der Mensch an die Vorgaben seiner Natur gebunden ist. Wie weit er sich
ermächtigen kann, sich selber zu dem zu machen, was er sein will – Mann, Frau,
beides, von beidem ein wenig oder keines von beidem. Und schliesslich geht es
darum, welche gesellschaftlichen Folgen es hat, wenn Geschlechtsidentität von
einer Frage des Schicksals zu einer Frage der Wahl wird.
Man kann die Forderung nach Selbstbestimmung der
geschlechtlichen Identität als Überheblichkeit einer wohlstandsverwöhnten
Gesellschaft kritisieren, die keine Grenzen mehr anerkennt. Als Hybris einer
Generation, die nicht mehr bereit ist, sich in vorgegebene Strukturen zu fügen,
und die ganze Welt nur dem eigenen Willen unterwerfen will. Man kann sie aber
auch als ultimativen Akt der Freiheit verstehen, als Vollendung des Projekts
Aufklärung: Ein Mensch, der sich geschlechtlich selber definiert, macht den
letzten Schritt aus der Unmündigkeit. Er macht sich zu dem, was er sein will
und sein kann – mit der Entschliessung und dem Mut, sich ohne Leitung eines
anderen seines Verstandes zu bedienen, wie Kant dies fordert. Er sprengt die
Fesseln, welche die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit behindern, lässt die
zufälligen Beschränkungen der Geburt hinter sich – und verlangt von der
Gesellschaft folgerichtig, als das anerkannt zu werden, als was er selber sich
erkannt hat.
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«Exit gender»
Nur, was bedeutet das? Ein Blick auf die Debatte zeigt, dass
sich die Anerkennung anscheinend vor allem in der richtigen, das heisst
politisch korrekten Sprache ausdrücken muss. Da sind die Forderungen aus der
Lesbian-Gay-Bisexual-Transgender-and-Intersexual-Community (LGBTI) Legion:
Kampf der Zweigeschlechtigkeit, nur geschlechtsneutrale Formulierungen und Anreden,
aber auch neue Begriffe und Pronomina für Menschen, die dem dritten oder
vierten Geschlecht angehören wollen: «sier» heissen die geschlechtslosen
Pronomina beispielsweise oder «hen». Und Hochschuldozenten mit fliessender
Geschlechtsidentität bestehen darauf, als «Professx» oder, in einem besonders
originellen Fall, «Prof. ecs» bezeichnet zu werden – wobei «ecs» für «exit
gender» steht und eine Person bezeichnen soll, welche die Niederungen
herkömmlicher Geschlechtlichkeit schon weit hinter sich gelassen hat.
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Politische Veränderungen verlaufen eben ganz entscheidend
über die Sprache, das haben die LGBTI verinnerlicht.
Vor allem aber fällt auf,
wie gehässig und feindselig der Diskurs geführt wird. Wenn es um
Geschlechterfragen geht, brennen alle Sicherungen durch. Und zwar bei denen,
die jede Diskussion über Gender als Generalangriff auf eine naturgegebene
Ordnung der Dinge betrachten, genauso wie bei denen, die Geschlecht als
bürgerlich-kleinkarierte Kategorie auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgen
wollen. Verständigung scheint unmöglich, statt Diskussionen gibt's
Beschimpfungen, statt mit Argumenten wird mit Anfeindungen gekämpft.
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Hass und Häme
Der Geschlechterdiskurs ist zur Kampfzone geworden, in der
alles und jeder unter verschärfter Beobachtung steht. Genderaktivisten werden
als geisteskrank verschrien, Rechtspopulisten warnen vor der «grossen
Verschwulung» und decken alles mit Hass und Häme ein, was nicht dem
traditionellen Geschlechter- und Familienbild entspricht. Anderseits: Wer es
wagt, die Dogmen der LGBTI-Szene infrage zu stellen, wird vernichtet, zumindest
medial, und bekommt die ganze Härte einer Community zu spüren, die Toleranz
fordert, aber im Grunde nichts anderes verlangt als die bedingungslose
Unterordnung einer Mehrheit unter die Forderungen einer verschwindend kleinen
Minderheit. Einer Minderheit zudem, deren Ansprüche schwierig zu erfüllen sind,
weil sie völlig verschieden sind, je nachdem, aus welcher Ecke sie gerade
kommen.
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Eines immerhin verbindet die Community: das Nein zu einer Mehrheitsgesellschaft, die sich nicht vom Mann-Frau-Schema lösen kann. Von einer Ordnung, die nach Ansicht der Genderforschung nichts weiter ist als eine Übereinkunft. Das ist natürlich falsch: Männlichkeit und Weiblichkeit sind biologische Tatsachen, die man nicht aus der Welt reden kann. Und es ist richtig: Geschlecht ist eine soziale Konstruktion. Denn welche Merkmale sich eine Gesellschaft aussucht, um ihre Mitglieder danach zu gliedern, ist nicht gottgegeben, sondern beruht auf einem bewussten Entscheid. Nur, weder ein drittes Geschlecht noch eine politisch korrekte Sprache räumen die Probleme transsexueller Menschen aus der Welt. Um ihnen zu helfen, braucht es mehr als ein paar neue Begriffe. Mit einer Genderszene, die sich auf ihrem Rücken politisch profilieren will, ist ihnen am allerwenigsten gedient.(NZZ-Kommentar)
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