Donnerstag, 25. Januar 2018

Geschichten übers Coming-out


"Meine Mutter fragte: Bist du aktiv oder passiv?"


Man-Fotos

Mit 21 habe ich mich sehr verändert. Ich hatte mich vor meinen Freunden geoutet, ich war frei, ich habe viel abgenommen und mich dazu entschieden, mein Leben so zu leben, wie ich es für richtig hielt und wie es mich glücklich macht.


Mehr zum Inhalt des Vorgestellten Buches und wo Du es als E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst. Das alles findest Du---http://amzn.to/2DI1Stk

Ich beschloss mit meiner Mutter zu sprechen. Wir waren in einem Einkaufscenter und saßen in einem Café. Ich hatte es schon ein ganzes Stück geplant. Ich wollte eine Umgebung, die so neutral wie möglich ist. Ich sagte ihr ganz direkt: „Mama, ich werde Design studieren und ich weiß sicher für mich, das ich bisexuell bin.“ Dies erschien mir damals noch weniger „schlimm“, als zu sagen, dass ich schwul bin. Sie war total geschockt. Sie meinte, dass es sie extrem störe: „Bi zu sein, ist schlecht und ich verbiete dir deine Schule zu verlassen.“


Mehr zum Inhalt des Vorgestellten Buches und wo Du es als E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst. Das alles findest Du---http://amzn.to/2nbiVtp

Es war nicht die Reaktion, die ich mir erhofft hatte, aber die Karten lagen auf dem Tisch. Da ich mit mir selbst endlich zufrieden war und mich bewusst entschlossen hatte, glücklich zu sein, konnte ich mit dieser Ablehnung vielleicht besser umgehen. Ich erzählte ihr noch, dass ich es meinem Papa sagen würde, doch auch das Verbot sie mir, weil sie befürchtete, dass er durchdrehen und es nicht verkraften würde. Die Zeit danach war okay, nicht so schlecht. Ich arbeitete viel und ich war einfach unabhängiger als vorher.


Mehr zum Inhalt des Vorgestellten Buches und wo Du es als E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst. Das alles findest Du---http://amzn.to/2GiB950

Mit Anfang 20 die erste richtige Beziehung mit Männern
In den zwei Jahren, bevor ich 23 wurde und nach Deutschland ging, hatte ich meine ersten richtigen Beziehungen mit Männern. Trotz der Ablehnung durch meine Mutter wollte ich es mir nicht verbieten, sie mit zu uns nach Hause zu nehmen. Ich kann mich noch ganz gut erinnern. Mein erster Freund und ich mussten uns immer irgendwelche „Tricks“ ausdenken, damit meine Eltern nicht mitbekamen, dass es eigentlich mein Freund war. Also reparierte er, wenn er mich besuchte, meinen Rechner oder ähnliches, und obwohl er auch bei mir übernachtete, erwähnten es meine Eltern mit keinem Wort. Ich denke also schon, dass sie wussten, was los war, aber ich war damals 22 und mir war es irgendwann einfach egal.


Mehr zum Inhalt des Vorgestellten Buches und wo Du es als E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst. Das alles findest Du---http://amzn.to/2GhwsIK

Ich weiß gar nicht, woher diese Ablehnung von meiner Mutter kam. Ich vermute, es hat einfach etwas mit ihrer Erziehung zu tun. Sie kannte nur die Klischees aus dem Fernsehen und baute sich so ein eigenes, abwertendes Bild von der Homosexualität auf. Auch hatte sie Angst – Angst, dass ich gemobbt werden könnte, was eigentlich ja schon längst der Fall war. Angst, was die Verwandten und Nachbarn sagen würden. Einfach eine Gesellschaftsangst. Mir war es zu dem Zeitpunkt vollkommen egal, was irgendwer sagte. Ich wollte endlich mein Leben leben, so wie ich es mir vorstellte.


Mehr zum Inhalt des Vorgestellten Buches und wo Du es als E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst. Das alles findest Du---http://amzn.to/2n9Tus8

Deutschkurs neben dem Berliner Schwulenclub
Zeit verging. Ich zog nach Berlin. Ich merkte wie tolerant das Leben sein kann. Als ich meinen Deutschkurs besuchte, erzählte uns die Lehrerin, dass nebenan einer der größten Schwulenclubs Berlins sei und dass es hier okay ist, mit einem Mann eine Beziehung zu führen. Ich war ganz erschrocken, überrascht. Dies gab mir auch die Kraft, mich endlich „richtig“ zu outen.

DIE NEUE BONUSKARTE von Gay´s für Gay´s gibt es hier.


 

Ich hatte in dieser Zeit schnell meinen ersten deutschen Freund kennengelernt. In Berlin stand ich nun offen zu meiner Sexualität und konnte so auch viel entspannter sein. Als ich kurz danach nach Athen flog, saß ich mit meiner Mutter wieder in einem Café in der Stadtmitte. Ich sagte ihr, dass wir endlich offen darüber reden müssten. „Ich bin schwul“ - „Ja, das weiß ich schon.“

Die Mutter fragt: "Bist du aktiv oder passiv?
 Ihre nächste Frage: Aktiv oder passiv? Für sie schien dies eine wichtige Rolle zu spielen, da der aktive Part zumindest den anderen Mann dominierte. Dies würde eine Stärke, eine Macht bedeuten, die als sehr maskulin und wichtig angesehen wird. Lächerlich! Sie sagte später, dass es ihr wichtig ist, dass es mir gut geht und dass ich keine Probleme habe. Ich erzählte ihr noch, dass ich einen Freund in Deutschland habe. Er war ganz lieb und schickte mir immer Briefe, in der Zeit, wo wir getrennt waren. Ich sagte ihr, dass es doch nur um die Liebe ginge, das schöne Gefühl, was man dabei hat. Es geht nicht nur um Sex oder was auch immer. Es geht um die emotionale Verbindung von zwei Menschen.


Mehr zum Inhalt des Vorgestellten Buches und wo Du es als E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst. Das alles findest Du---http://amzn.to/2DFAooL

Und das schien sie vom Gedanken her auch gut zu finden. Das klingt ja eigentlich alles ganz positiv, doch gemeint war eher: Ich finde es zwar nicht gut, aber ich kann auch nichts daran ändern. Wir einigten uns quasi darauf, uns nicht zu einigen. Es war nicht gut, aber es war okay. Ich war trotzdem nicht wirklich zufrieden. Ich hatte so eine schlechte Kindheit gehabt und war sauer, dass es, durch mangelnde Unterstützung, 23 Jahre dauern musste, zu mir selbst zu stehen.

Der Vater sollte nichts erfahren
Wieder vergingen drei Monate. Diesmal war sie wieder hier in Berlin zu Besuch. Das Gespräch mit ihr beschäftigte mich immer noch. Wieso konnte sie mich nicht verstehen? Wieso konnte sie es nicht akzeptieren? In der Hoffnung, dass meine Mutter es irgendwann sehen und verstehen würde, dass es einfach nur um die Liebe zwischen zwei Menschen geht, hatte ich den Schriftzug „Mama, he loves me“ mit Kassettenband an die Wand in meinem Zimmer geklebt. Ich wollte ihr zeigen, dass es okay ist. Schwul sein ist nichts Schlimmes. Liebe ist Liebe.


Mehr zum Inhalt des Vorgestellten Buches und wo Du es als E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst. Das alles findest Du---http://amzn.to/2DMqfFY

Sie sah es und fragte, ob ich es extra für sie gemacht hätte. Ich verneinte, ich weiß nicht warum. Ich sagte es wäre ein Liedtext, aber ich glaube, sie verstand die Botschaft. Sie lernte später auch meinen Freund kennen. Sie wurde langsam offener. Sie war freundlich zu ihm und wir machten gemeinsame Ausflüge. Trotzdem wollte sie weiterhin nicht, dass es mein Vater, die Verwandtschaft oder die Nachbarn erfuhren.


Mehr zum Inhalt des Vorgestellten Buches und wo Du es als E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst. Das alles findest Du---http://amzn.to/2DBpobW

Wieso konnte sie mich nicht einfach komplett akzeptieren und unterstützen, wie ich bin? Ich versuchte meine Gefühle zu Papier zu bringen. Ich zeichnete ein Bild. Zu sehen ist eine schwangere Frau, die eine Fehlgeburt erleidet. Das Kind liegt am Boden und streckt die Arme nach seiner Mutter aus, doch sie steht tatenlos mit Abstand vor ihm.


Mehr zum Inhalt des Vorgestellten Buches und wo Du es als E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst. Das alles findest Du---http://amzn.to/2n9r2GX


Der Sohn, die Fehlgeburt?
Dieses Bild spiegelte meine Gefühle und Eindrücke wieder, die ich hatte, als ich meiner Mutter erzählte, dass ich schwul bin. Sie gab mir das Gefühl, mich verloren zu haben. Das Kind, von dem sie so große Dinge erwartet hatte, das Kind, was so sein sollte, wie sie es sich wünschte; ihre eigene Vorstellung von dem perfekten Sohn. Ich bin die Fehlgeburt. Ich liege da, versuche sie zu erreichen, brauche ihre Nähe, ihre Hilfe, ihre Liebe, doch sie schaut mich nur aus der Ferne an, während ihre Liebe ins Nichts geht.

Sie ist traurig und ich bin alleine. So habe ich mich gefühlt, als ich mich ihr anvertraute und für die kommenden drei Jahre, bis sie langsam ihre Einstellung änderte. Manchmal fühle ich mich immer noch so. Zusammenfassend, kann man sagen, dass es schon eine Veränderung gab, aber es immer noch ein Prozess ist. Ich bin stolz darauf, welchen Weg sie zurück gelegt hat und auf ihre Entwicklung als Mensch. Ich würde mir wirklich wünschen, dass wir offener und mehr über Dinge wie Liebe, Beziehung und Gefühle reden könnten, aber vielleicht kommt es irgendwann doch noch. 


Mehr zum Inhalt des Vorgestellten Buches und wo Du es als E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst. Das alles findest Du---http://amzn.to/2BrQaOc


Ich werde nie aufgeben.
Mein Vater ist schwer depressiv. Dadurch war es für mich schwierig, bei ihm aufzuwachsen. Es hat sehr lange gedauert, bis ich wusste, wie er denkt und warum er sich so verhält, wie er es tut. Ich wusste als Kind natürlich nichts von der Depression und es wurde mir aber auch nie wirklich erklärt. Ich hatte einfach eine schwere Kindheit und das Gefühl, dass er nie für mich bzw. für unsere Familie da war. Wir stritten uns viel und mir wurde oft vorgeworfen, dass ich kein guter Sohn sei. Es war schwierig für mich, seinen Erwartungen und Vorstellungen zu entsprechen. Für ein heranwachsendes Kind nicht unbedingt die besten Umstände.



Mehr zum Inhalt des Vorgestellten Buches und wo Du es als E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst. Das alles findest Du---http://amzn.to/2DBySAc


Immer wieder die Frage nach den Frauen
Er hatte anscheinend auch schon immer die „Angst“, dass ich schwul sein könnte. Schon mit 13 oder 14 fragte er mich immer wieder, ob ich auf Frauen stehe. Er wollte die Bestätigung haben. Zu Beginn bejahte ich noch, doch er fragte wieder und wieder bis ich ihm irgendwann sagte, dass es ihn nichts angehen würde.

Ich erinnere mich noch an einen Weihnachtsabend. Ich hatte meine Familie gefilmt, eine Art Homevideo quasi, wo ich fragte, was sich die jeweilige Person für das kommende Jahr wünsche. „Einen Abschluss vom Mathestudium und eine gute Frau“ antwortete mein Vater direkt. Meine Oma, die ich sehr, sehr liebhabe, sagte das genaue Gegenteil. „Mach das, was dich am glücklichsten macht!“ riet sie mir.

Deine Gay Travel – Gay Fun App gibt es hier


 


Nachdem ich mich mit 23 bei meiner Mutter komplett geoutet hatte, war ich der Meinung, es wäre die Zeit gekommen, es auch meinem Papa zu sagen. Sie hielt mich aber, wie schon erwähnt, direkt zurück und meinte, ich dürfe es nicht, schon allein wegen der Depression und weil er es nicht aushalten würde. Dies machte mir natürlich Angst und so kam es, dass ich weitere drei Jahre wartete. In dieser Zeit redete er weiter auf mich ein. Er fragte mich zum Beispiel, warum ich so offensichtlich schwule Facebook-Freunde habe. „Lösch die alle!“. Mir war klar, dass er schon lange eine Vermutung hatte und irgendwann fragte er mich sogar ganz direkt, ob ich schwul wäre. Ich konnte bzw. wollte nichts sagen, weil meine Mama mir wirklich Angst gemacht hatte, dass er es nicht verkraften würde.


Mehr zum Inhalt des Vorgestellten Buches und wo Du es als E-Boog oder Taschenbuch erwerben kannst. Das alles findest Du---http://amzn.to/2DGvPdd


"Du bist schwul? Das habe ich mir schon gedacht"
Mit 26 Jahren konnte ich einfach nicht mehr damit leben. Ich sagte ihm, wie schon meiner Mutter drei Jahre zuvor, dass wir endlich über die unausgesprochene Sache reden müssten. Ich sagte ihm, dass ich diese Stille, die Last nicht mehr aushalten würde. Er fragte direkt: „Was, dass du schwul bist? Das habe ich mir schon gedacht.“ Er meinte weiterhin, dass sich die Zeiten sich geändert haben, und man für so etwas nicht mehr zu Hause rausgeworfen wird. Ich war sehr überrascht: Er war nicht sauer oder enttäuscht, nein, er dachte er müsste mir helfen. Er wollte helfen. Helfen, meine Sexualität „gerade“ zu biegen.

Wir weinten beide. Eigentlich war es für mich ein sehr schöner, befreiender Moment. Obwohl er es nicht verstehen konnte, sagte er, dass er mich trotzdem lieben würde. Da er streng christlich ist, schlug er vor, dass wir zusammen zu einem Heiler gehen könnten. Ich erklärte ihm, dass Homosexualität nichts ist, was geheilt werden muss. Wie schon mit meiner Mutter, einigten wir uns, uns nicht zu einigen.


Von Gay´s für Gay´s  --- Friends The Gaymap 






Mein Vater ist ein sehr schwieriger Mensch und ich hatte Jahre lang die Angst, dass ich ihn verlieren würde. Ich denke deswegen sehe ich das Coming-out vor ihm als etwas Positives. Auch heute fällt es mir manchmal immer noch schwer, offen zu mir zu stehen. Ich merke einfach, dass die Zeit nicht alle Wunden heilen kann. Ich habe immer noch ab und zu Angst: Angst vor Ablehnung.

Ich denke, so wie es gelaufen ist, war es vielleicht der einzige Weg. Aber ich hätte als Kind gern offener geäußert, was ich wirklich will. Ich vermute, dass, wenn ich irgendeine richtige Bezugsperson, einen positiven Einfluss aus dem engeren Kreis gehabt hätte, es mir einfacher gefallen wäre, meine Meinung zu sagen und schon eher so zu leben, wie ich es wollte. Trotz alledem bin ich meinen eigenen Weg gegangen, habe studiert was ich wollte, bin weggezogen, stehe offen zu mir und ich bin stolz darauf.

Die Hoffnung nie verlieren
Was mir sehr wichtig ist: Man darf die Hoffnung nie verlieren, dass es irgendwann besser wird. Auch wenn es dir im Moment scheiße geht, auch wenn du denkst, es wird nie besser, du siehst nicht gut aus, du hast niemanden der für dich da ist. Es wird besser. Du brauchst deine Zeit. Gib dir deine Zeit.
Ich denke, was ich durch diese ganze Geschichte gelernt habe ist, wie wichtig es ist, Liebe in kleinen Sachen zu finden und zu sagen: In mir findet gerade etwas Schönes statt und so mache ich weiter. Es fällt mir heute immer manchmal schwer zu sagen, dass ich „nur“ schwul bin. Ich mag einfach keine Labels, ich möchte mich nicht kategorisieren lassen. Stehe ich auf Männer? Ja. Ich möchte mir aber dadurch nichts verbieten. Wenn ich ein Mädchen sehe und mag, will ich in meinem Kopf nicht den Gedanken haben, ich darf das jetzt nicht, weil ich schwul bin. Schwachsinn, ich darf, was ich will! Ich will damit einfach sagen, dass es nicht darum geht, ob Mann, Frau, was auch immer, sondern um den Menschen, die Verbindung und die Liebe.

Das befreiende Coming-out
Ich fühle mich seit meinem Coming-out viel freier. Aber ich suche immer noch mehr Freiheit. Ich kämpfe immer noch mit den eigenen Dämonen in mir. Nach dieser Zeit, ja ich würde es fast Missbrauch nennen, als Kind, ist es schwierig, ganz mit sich im Reinen zu sein, sich selbst wirklich und wahrhaftig zu akzeptieren. Es gibt immer diese kleine Stimme im Hinterkopf. Was damals passiert ist, war meine ganze Welt. Ich habe mich für eine lange Zeit nicht gemocht und es war nicht einfach, zu akzeptieren: „Ich bin wie ich bin, ich mag mich trotzdem und ich finde mich trotzdem schön.“ Und das ist bis heute noch mein Kampf. In mir muss ich mir immer wieder sagen und beweisen, dass es okay ist, das ich okay bin.

Ich glaube dieses Denken wird nie aufhören. Ich werde nie an einen Punkt kommen, wo die Suche wirklich zu Ende ist aber ich habe gelernt, den Menschen zu vergeben, die mir nicht geholfen haben, die mich gemobbt haben. Wenn man das nicht tut, ist und bleibt man innerlich vergiftet. „Die Verletzung bleibt, ist immer da und entweder kannst du etwas Schönes daraus machen, oder sauer sein. Ich habe mich entschieden das Beste daraus zu machen!“(Queer-Tagespiegel) 




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen