Samstag, 16. September 2017



Literaturkritiker warnt Schwule: Laßt euch nicht mit Arabern ein!

Praktische Lebenshilfe findet sich an den überraschend­s‍ten Stellen, sogar in der „Literarischen Welt“. Am vergangenen Samstag gab der Kritiker Tilman Krause homosexuellen Männern den Rat, sich nicht mit Arabern einzulassen. Tun sie es doch, sollten sie sich hinter nicht beschweren, wenn sie vergewaltigt oder fast umgebracht werden.

So muß man wohl seine Besprechung von „Im Herzen der Gewalt“ lesen, dem neuen Roman des jungen französischen Schrift­s‍tellers Édouard Louis. Der Erzähler lernt Weihnachten 2013 einen Algerier namens Reda kennen, der in Paris lebt und ihn nett anspricht. Er nimmt ihn mit nach Hause, sie verbringen eine leidenschaftliche Nacht voll gemeinsamer Lust, irgendwann merkt er, daß Reda sein Handy und sein iPad stehlen will. Als er ihn zur Rede stellt, vergewaltigt ihn Reda und versucht ihn umzubringen. 

Foto-Pinterest

Das ist keine Fiktion. Der Roman ist autobiographisch. Louis hat das Geschehen nur in eine literarische Form gebracht.

Das Buch wird von vielen Rezensenten gefeiert. „Welt“-Kritiker Tilman Krause ist nicht begei­s‍tert, aber das scheint weniger formale, als inhaltliche Gründe zu haben.
Von den „Risiken eines freizügigen Lebens als Homosexueller“ handele das Buch, steht über seiner Besprechung. Als Ausgangspunkt nimmt Krause, daß Louis – wie die Helden in den Romanen von Honoré de Balzac – aus der französischen Provinz nach Paris gezogen sei, um dort einen Neuanfang zu versuchen und dafür „Kulturtechniken“ erwerben müsse, die ihm fremd seien. Louis wolle in der Metropole endlich seine „Homosexualität ausleben“, schreibt Krause, und mache dabei „gleich mehrere kapitale Anfängerfehler“. Krause mahnt: „Auch unabhängig von der An­s‍teckungsgefahr durch Aids sollte man sehr genau überlegen, mit wem man sich einläßt.“
Die drei „Anfängerfehler“ Louis‘ sind laut Krause: Er läßt sich von einem Araber anquatschen. Er nimmt den Araber mit nach Hause. Er glaubt, mit dem Araber reden zu können.
Doch, wirklich: Das sind die Dummheiten – die einem erfahreneren Homosexuellen wie Krause natürlich nicht passieren würden. Er zählt sie, er­s‍tens, zweitens, drittens, auf:
Er­s‍tens läßt sich der hier noch Zwanzigjährige abseits der Pfade seiner Gay Community, nämlich an der Place de la République, an Heiligabend (!) von einem Araber anquatschen.

Auch noch am heiligen Abend!

Louis hätte Zweifel haben müssen, erklärt Krause, weil Reda ihm „die blumig­s‍ten Komplimente“ machte, was „für schwule Kontaktanbahnung ganz ungewöhnlich“ sei.
Èdouard, weit davon entfernt, mißtrauisch zu werden, nimmt Reda, weil der so insi­s‍tiert, mit nach Haus. Zweiter kapitaler Fehler.
Der „dritte Fehler“ ist dann, daß er den „hübschen Dieb“, nachdem er ihn ertappt hat, zur Rede stelle:
Das Therapeuthensprech [sic] à la „Es ist nicht zu spät, du nimmst deine Sachen und mein Geld, wenn du willst, du gehst einfach und ich mache nichts“ ver­s‍teht der Araber nicht. Er wird so aggressiv, daß er sich den Ich-Erzähler noch einmal vornimmt. Plötzlich ist auch ein Messer im Spiel. Es fließt viel Blut.
Man läßt sich nicht von einem Araber anquatschen. Man nimmt ihn nicht mit nach Hause. Und der Araber ver­s‍teht keinen Therapeutensprech.
Und weil Louis diese drei Fehler gemacht hat, darf er sich weder wundern noch beklagen, daß er dann von dem Araber vergewaltigt wurde. Der Held zeige „keine Einsicht in die Tatsache, daß er sein Unglück selbst herbeigeführt hat“, diagno­s‍tiziert Krause. „Seine Schmerzsuche erscheint als pseudoromantisches Konstrukt, wenn nicht als persönliche Wehleidigkeit.“ Von der „unverschuldeten Schmerzwahrhaftigkeit eines Imre Kertész“, den Louis am Ende zitiert, sei sein Buch ohnehin weit entfernt.

Foto-Tagesspiegel

Èdouard Louis, der vergewaltigt und fast umgebracht wurde, muß sich von dem Berliner Literaturkritiker der „Welt“ „persönliche Wehleidigkeit“ vorwerfen lassen. Das Unglück habe er selbst herbeigeführt. Er sei schuld daran, daß er vergewaltigt wurde.
Die Schuld für eine Vergewaltigung beim Opfer zu suchen, ist eine klassische Umkehr. Üblicherweise müssen Frauen das ertragen, hier nun ein schwuler Mann.
Aber der Clou ist, was der entscheidende Fehler des Opfers aus der Sicht Krauses war: sich mit einem Araber eingelassen zu haben. Als Araber wird Reda im Buch übrigens gar nicht bezeichnet: Er ist Kabyle, Angehöriger eines Berbervolkes aus Algerien. Es sind die Polizi­s‍ten, die im Buch auf die Personenbeschreibung reagieren, und ihn fragen: „Ist das so Ihr Ding, alles Arabische?“ Ihr Rassismus schockiert Louis. Rassismus spielt eine wichtige Rolle im Buch. Der Erzähler versucht sehr, sich vom Schmerz nicht zu Verallgemeinerungen, Rassismus oder Haß verleiten zu lassen.
Édouard Louis hat sich nach eigenem Bekunden viel Mühe gegeben, seiner Geschichte eine literarische Form zu geben, „die jede rassi­s‍tische Lesart des Buches pulverisiert und unmöglich macht“. Gegen Tilman Krauses Rassismus kam er nicht an.(übermedien)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen