Der homophobe Kontinent – oder DER VERGESSENE Kontinent !
In den meisten Staaten Afrikas ist Homosexualität strafbar
– weil sie «unafrikanisch» sei.
Im letzten Jahr hat der ugandische Präsident Yoweri Museveni
ein Gesetz unterzeichnet, das Homosexuellen lebenslängliche Gefängnisstrafen
androht. In einer früheren Version war sogar die Todesstrafe vorgesehen. Ein
paar Wochen davor verabschiedete der Präsident Nigerias, Goodluck Jonathan, ein
ähnliches Gesetz. In der Mehrheit der afrikanischen Länder sind homosexuelle
Praktiken illegal, und die Tendenz geht Richtung Verschärfung. Ausnahmen
stellen Staaten wie Côte d'Ivoire, Mali, Gabon, Tschad oder Südafrika dar, wo
Homosexualität nicht strafbar ist. In Mauretanien, Sudan, Somalia und einigen
Gliedstaaten im nördlichen Nigeria hingegen steht auf gleichgeschlechtlichem
Sex die Todesstrafe. Auffällig ist, daß Museveni erklärte, es gehe bei der
Kriminalisierung der Schwulen und Lesben darum, Ugandas Unabhängigkeit
gegenüber westlichem Druck zu demonstrieren. Auch der Präsident von Simbabwe,
Robert Mugabe, und andere afrikanische Wortführer des Schwulenhasses stellen
Homosexualität gerne als Folge eines schändlichen, dekadenten Einflusses des Westens
auf Afrika dar, mithin als eine Art neokoloniale Infizierung eines Kontinents,
dem Homosexualität «eigentlich» fremd ist.
Importierte Homophobie
Beinahe ist man versucht, diese Sichtweise pervers zu
nennen, da sie die Tatsachen ins Gegenteil verkehrt. Es ist weniger die
Homosexualität, die von den Weissen nach Afrika gebracht wurde, sondern die
radikale Homophobie. Auch in Afrika wurden zwar je nach kulturellen und
historischen Gegebenheiten sexuelle Abweichungen stigmatisiert. Aber im
allgemeinen herrschte im Vergleich zu Europa ein eher liberales Klima. Weil
Fruchtbarkeit so hoch geachtet wurde, kam es kaum zur Abwertung des Sexuellen
per se wie in christlichen Ländern. Zwar wurden Praktiken, die nicht zu
Nachwuchs führten, tendenziell abgewertet, aber man begegnete ihnen weniger mit
Haß als mit Bedauern oder Kopfschütteln.
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| Foto-NWZonline |
Die Ethnologen Murray und Roscoe zeigen in ihrem Buch «Boy
Wives And Female Husbands: Studies of African Homosexualities», daß es ein
koloniales Vorurteil war, den Afrikanern besondere Nähe zur Natur
zuzuschreiben; infolgedessen sollte bei ihnen auch so etwas «Unnatürliches» wie
gleichgeschlechtliche Liebe nicht existieren. Diese koloniale Argumentation
wird heute von Politikern wie Museveni verwendet. Auch Forscherinnen wie die
Uganderin Tamale oder die Nigerianerin Amadiume zeigen in ihren Werken, daß
Homosexualität in Afrika auch vor der Ankunft der Weissen existierte.
Alles andere wäre beim Stand der Wissenschaft auch erstaunlich.
Homosexualität entsteht nicht aus einer freien Wahl oder aufgrund all zu
großer Liberalität und moralischer Verkommenheit. Ob Homosexualität genetisch
oder entwicklungspsychologisch bedingt ist, ist dabei zweitrangig; entscheidend
ist, daß die sexuelle Orientierung weder durch Strafen noch Therapien verändert
werden kann.
Die Kriminalisierung der Homosexualität hielt in Afrika
einerseits durch Kolonialisierung und Missionierung Einzug, andererseits durch
die evangelikalen Kreuzzüge vor allem amerikanischer Prediger. Die Prüderie des
ugandischen Präsidenten hat mit dem europäischen Christentum des 19.
Jahrhunderts und amerikanischem Puritanismus zu tun, nicht mit dem
präkolonialen Afrika.
Missionare und Evangelikale
Museveni und seine fromme Gattin Janet haben sich nicht nur
durch ihr Engagement gegen Homosexuelle hervorgetan, sondern auch durch ein
«Anti-Pornografie-Gesetz», das Frauen das Entblössen von Brüsten und
Schenkeln und das Tragen von Miniröcken verbietet. Man muß kein Ethnologe sein
um zu wissen, daß Barbusigkeit in Afrika definitiv kein Import aus England war.
Die Situation ist paradox. Museveni, Mugabe und Konsorten inszenieren den
«antikolonialen» Kampf gegen die angeblich aus Europa importierte
Homosexualität, während doch eher ihr eigener Diskurs durchtränkt ist von
viktorianisch-verklemmter Sexualmoral und amerikanisch-fundamentalistischer
Apokalyptik.
Konkret handelt es sich beispielsweise um die amerikanische
Bewegung The Fellowship, deren Einfluß in Washington gewichtig ist. Eines ihrer
Mitglieder ist Scott Lively, erzkonservativer Pastor und Mitautor eines Buches
mit dem Titel «Pink Swastika», das die These verficht, Schwule und Lesben
strebten die Weltherrschaft an. Lively ist ein vehementer Unterstützer des
ugandischen Abgeordneten Bahati, einer der homophoben Scharfmacher. Ein enger
Freund von ihm ist Ssempa, Gründer der Makerere Community Church, einer der
größten Kirchen Ugandas. Ssempa führt seinen Schäfchen gerne Hardcore-Pornos
mit schwulen Sadomasopraktiken vor, wobei er ihnen erklärt, daß es solche von
Schweinereien seien, die westliche Schwule mit afrikanischen Kindern anstellen
wollten. Rund die Hälfte der Bevölkerung Ugandas besucht evangelikale Kirchen
wie jene von Ssempa, und den Kindern wird in fundamentalistisch geprägten
Schulen von klein auf beigebracht, daß die sündigen Schwulen dereinst in der
Hölle schmoren müssen. Wenn Museveni, seit 28 Jahren Präsident, 2016 Jahr
abermals die Wahlen gewinnen will, kommt er nicht an diesen Kreisen vorbei. Das
beste Rezept, um sie zu gewinnen, sind homophobe Sprüche mit einem Schuß
Antikolonialismus und anti-weissem Rassismus.
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| Foto-Unitenigeria |
Die «200 Top-Homos»
Paradox ist auch, daß diese Rechtsaussen-Fundamentalisten,
die noch vor kurzem gegen die Gleichberechtigung der Schwarzen in den USA
wetterten und früher beim Ku-Klux-Klan Jagd auf Schwarze gemacht hätten, nun
als Kronzeugen für wahres Afrikanertum dienen. Ein weiteres paradoxes Problem
ist allerdings auch, daß jede kritische Reaktion aus dem Westen die
afrikanischen Schwulenhasser im Glauben bestärkt, es handle sich um Angriffe
auf Afrika – ein Teufelskreis. Andererseits: Kann man schweigen, wenn eine
ugandische Zeitung unter dem Titel «200 Top-Homos» Namen und Fotos
veröffentlicht, und diese angeblich homosexuellen Ugander praktisch zum Abschuß
freigibt? Wirksamer als westliche Proteste dürften die engagierten
Wortmeldungen der Musiker Femi und Seun Kuti, des Nobelpreisträgers Soyinka und
der Autorin Adichie, alle aus Nigeria, sein. Oder das Coming-out des
populären kenyanischen Autors Wainaina. Sie machen den Populisten einen
Strich durch die Rechnung – jene Rechnung, die so banal und vulgär definiert,
was afrikanisch sei und was westlich.( David Signer-nzz.ch.)



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