Leitkultur? Ja bitte!
Schluß mit der Vielfaltseuphorie!
Aus Toleranz ist längst das Diktat geworden, alles ertragen
zu müssen. Das beschädigt die Gesellschaft - und ermöglicht Gauland. Wir
sollten uns auf das Gemeinsame besinnen, laßt uns nach einer Leitkultur streben.
Die Postmoderne ist Realität. Das "Anything goes"
und der Dissens wurden zum neuen Konsens. Keine gemeinsame Wahrheit, keine
gemeinsame Identität, keine Einheit haben die postmodernen Denker des
Partikularen und Besonderen mehr gelten lassen. Und sie haben gewonnen.
Heute ist alles erlaubt und (fast) alles sagbarEin radikaler
Relativismus und Pluralismus ist Realität geworden. Alles ist nun erlaubt,
(fast) alles sagbar. Es gibt keine Grenzen mehr, weil es keine Wahrheit mehr
gibt.
Wie ist es dazu bloß gekommen? Am Anfang war auch da das
Wort.
Worte beweisen sich in der Lebenswelt. Daraus folgt,
daß sie viele Bedeutungen haben könnenDie Bedeutung eines Wortes erweist sich
in dessen Gebrauch in der Sprache, hat Ludwig Wittgenstein gesagt, er nannte
das „Sprachspiele“. Woraus folgt, daß verschiedene Lebenswelten verschiedene
Worte verschieden gebrauchen. Hölzern gesprochen: der Arzt, der Bauarbeiter und
der Manager vollziehen unterschiedliche Sprachspiele. Oder um in begrifflicher
Anlehnung an Karl Marx zu sprechen: Sprache schafft Bewußtsein - und das Sein
und die Sprache der eigenen Lebenswelt bestimmen das Bewußtsein.
Bei zu viel Heterogenität ist Konsens nicht mehr zu erwartenNun
werden aber Werte grundsätzlich in Sprachspielen erzeugt, haben postmoderne
Denker daraus gefolgert. Und wenn die als konstitutiv heterogen angenommen
werden, dann erzeugen sie über heterogene Diskurse auch heterogene Werte. Denn
es fehlt an einer universellen Urteilsregel. Konsens ist also nicht zu
erwarten.
Es geht in der Postmoderne vor allem um das Aushalten von
Unterschieden. Das ist problematisch
Nach dem französischen Postmoderne-Theoretiker Jean-Francois
Lyotard komme es nun darauf an, das Heterogene zu ertragen und Feingefühl für
die Differenzen zu entwickeln. Das Nebeneinanderbestehen dieser Diskurse wird
hier vor allem als Befreiung gefeiert. Man müsse es halt nur aushalten, daß
eine Vielheit von verschiedensten Perspektiven unauflösbar nebeneinander bestehen.
Toleranz wird hier so zur demokratischen Kerntugend erklärt.
Auf eine diffuse und keineswegs idealtypische Art ist dieses
idealpostmoderne Denken Realität geworden. Kurzum: Es ist eine diffuse
Realpostmoderne entstanden.
Aus dem Relativismus ist ein Toleranzextrem geworden
Nun ist es aber so gekommen, daß der postmoderne
Relativismus sich in ein Extrem bewegt hat. Und spätestens seit der Denkfigur
der „Dialektik der Aufklärung“ – geprägt von den Philosophen Theodor Adorno und
Max Horkheimer – wissen wir, daß etwas, was in sein Extrem gebracht wird, auch
in sein Gegenteil umschlagen kann.
Was bedeutet das?
Die fatale Konsequenz der Toleranz: nichts wird mehr als
wahr akzeptiert
Führen wir uns die Bedeutung von Relativismus zunächst vor
Augen: Relativismus heißt, daß es keine Meinung gibt, die behaupten kann
gerechtfertigter zu sein als eine andere Meinung. Keine Position könne „die
Wahrheit“ für sich behaupten beziehungsweise keine Position könne eine höhere
Legitimität oder Richtigkeit beanspruchen als eine andere Position.
Relativismus heißt schlicht: Keine Position ist besser oder richtiger als eine
andere Position.
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| Foto-dertoonpol |
Der extreme Relativismus muß auch Verschwörungstheorien
gelten lassen
Wenn dieser Relativismus nun in sein Extrem gebracht wird,
können Menschen selbst irre Verschwörungstheorien und Lügen als ihre Wahrheit
annehmen, wenn sie auf Fakten und auf die Meinung des Anderen keinen Wert mehr
legen, sondern nur noch ihr Weltbild sehen und das grundsätzlich als legitim
erachten können – egal wie viel ein anderer dies kritisieren mag.
Jede Weltsicht gilt - das ist ein riesiges Problem. Der
Relativismus ist aus dem Ruder gelaufen
Genau das ist alles passiert. Die Stichworte des
„postfaktischen Zeitalters“ und der „Posttruth-Zeit“ sprechen diesen Umstand
schon länger aus. Das ist ein großes Problem. Und Donald Trump ist quasi die
Personifizierung dieser Entwicklung, der „alternative Fakten“ bietet, oft lügt,
seine eigene Weltsicht konstruiert, in der alles „great“ ist, und der die
„anderen Meinungen“ nur noch als „Fake News“ und einfach falsch betrachten
kann. Man darf sagen: Da ist etwas mit dem Relativismus aus dem Ruder gelaufen.
Und man darf sagen: Mit dem postmodernen Denken hat das alles angefangen.
Gauland äußert sich rassistisch - und es wird geduldet.
Das geht nicht
Die Postmoderne ist eine große Gefahr. Nirgends sieht man es
deutlicher als im momentanen Fall Alexander Gaulands, der die
Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz in „Anatolien entsorgen“ will. Ich neige
nicht zu liberalen Moralismus, ich finde es sogar falsch immer und überall mit
der Moralkeule zu schwingen und „Rassismus“ zu unterstellen. Das wurde zu
inflationär gemacht zuletzt und trug dazu bei, dem Rassismus-Vorwurf seine
moralische Kraft zu nehmen. Nichtsdestotrotz ist Rassismus manchmal einfach
Rassismus. Wie im Fall von Gauland.
Im Fall Gauland erweist sich die Toleranz als schwach
Aber unsere postmoderne Gesellschaft duldet Gaulands Relativierungen.
Die Toleranz erweist sich hier als schwach. Toleranz will immer nur ertragen.
Und viele Linke tun selbst momentan so, als wollen sie die Rechtspopulisten
eigentlich nicht ertragen, verkaufen das aber als höhere Einsicht und sind
folglich auch entsprechend moralistisch unterwegs. Aber diese postmodernen
Linken, sind, wie Gauland, Teil desselben Problems. Das Problem heißt
„Postmoderne“. Unsere Gesellschaft läßt das alles zu: Die Überheblichkeit der
postmodernen Linken und den Rassismus vieler Rechtspopulisten.
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| Foto-bourgersicht |
Die Linken haben "anything goes" gepredigt, die
Rechten haben das ausgenutzt
Man darf sagen: Die linken Postmodernisten haben das
Problem geschaffen, in dem sie ein wildes anything goes und ein diffuses
Differenzdenken gepredigt haben. Die Rechten nutzen nun diese neue Toleranz
schamlos aus und bringen unsere Demokratie so in ein Stadium des moralischen
Verfalls.
Postmoderne Linke und neue Rechte kritisieren das Gemeinsame
- da sind sie sich ähnlich
Die neuen Rechten sind paradoxerweise wie die postmodernen
Linken. Denn sie loben die Differenz. Bei den neuen Rechten heißt das dann zum
Beispiel „Ethnopluralismus“. Bei den postmodernen Linken geht es um die
Andersheit des Anderen, die wertgeschätzt werden solle. Postmoderne Linke und
neue Rechte sind sich einig in ihrer Kritik am Universalismus und dem
Gemeinsamen. Daher sind sie beide Wahrheitskritiker.
Wir müssen zur Suche nach dem Gemeinsamen zurück
Aber die Menschheit und eine moderne Gesellschaft brauchen
Wahrheit. Deswegen müssen wir zur Wahrheit – also zur Suche nach einem
Gemeinsamen – zurückfinden.
Es gibt falsche Meinungen, das muß wieder klar werden
Es geht nämlich einfach nicht um Toleranz, sondern um
Wahrheit. Und zur Wahrheit gehört hier zum Beispiel: Herr Gauland hat hier
Rassismus betrieben. Das kann man nicht mehr schönreden oder
relativieren. In der Gesellschaft muß man noch zwischen „wahr“ und
„unwahr“ und „richtig“ und „falsch“ unterscheiden können. Und Rassismus ist
eben falsch. Es gibt Meinungen, die falsch sein können.
Der Relativismus muß überwunden werden
Die Postmoderne und der Relativismus, das muß überwunden
werden. Das ist noch nicht das Ende allen Nachdenkens. Das „Ende der
Geschichte“ (Francis Fukuyama) ist weder mit dem Sieg des Liberalismus noch mit
der Postmoderne erreicht. Das war alles eine schreckliche Illusion. Es ist Zeit
das nun zu erkennen. Es ist Zeit nun die Moderne zu retten – nichts mehr und
nichts weniger.
Es gilt den fundamentalen Glauben der Moderne
zurückzugewinnen. Dieser fundamentale Glaube der Moderne ist in der Postmoderne
nämlich erodiert. Dieser Glaube der Moderne meint, daß man in der Lage ist,
rational einsichtig etwas ein für alle Mal als unantastbar zu beweisen. Und
dieser Glaube ist erodiert, weil es in der Moderne nie gelang diese
Einsichtigkeit zu erreichen. Die Postmoderne ist daher das Resultat einer
Ernüchterung und nicht einer fortschrittlichen Erkenntnis.
Wir müssen mit der Vielfaltseuphorie aufhören
Nun regiert jedenfalls der Glaube an den strukturell
unüberwindbaren Dissens die realgewordene Postmoderne. Die Suche nach der
gemeinsamen Wahrheit wurde aufgegeben – an ihre Stelle trat die Akzeptanz der
strukturell unüberwindbaren Uneinigkeit. Die Postmoderne darf aber nicht
das Ende der (Philosophie-)Geschichte sein. Es muß weiter gehen. Der
Relativismus darf nicht das Ende sein. Wir müssen uns gegen den Relativismus
wenden.
"Celebrate diversity"? Nein! Differenzen sind
nicht großartig
Wir müssen so mit der Vielfaltseuphorie und dem nahezu
ausufernden Differenzfetischismus und Toleranzfetischismus aufhören.
Differenzen sind nicht großartig. Differenzen müssen wir nicht ständig
abfeiern. Unterschiede nicht ständig hervorheben. Und vor allem nicht ständig
zum Anderssein aufrufen. „Celebrate diversity“ hieß dieses postmoderne Plädoyer
für das Anerkennen der Differenzen beim Eurovision Song Contest dieses Jahr.
Das ist aber falsch.
Wichtiger als Toleranz gegenüber dem Falschen ist die Suche
nach dem Wahren
Denn es geht einfach nicht um Toleranz. Es geht um Wahrheit.
Es geht um Konsens. „Celebrate unity“ also. Es geht nicht darum, uns
gegenseitig unsere eigenen subjektiven Wahrheiten zu dulden und zu ertragen,
sondern es geht um Übereinkunft und Einigung. Wir müssen miteinander in einen
liebenden Kampf um die gemeinsame Wahrheit. Denn wo nur noch Desinteresse
füreinander ist, da ist bald oft auch viel Häme und Verachtung. Irgendwann kann
man nur noch übereinander sprechen und nicht mehr miteinander. Bald gibt es nur
noch ein Denken in „Wir und die“ – und das auf allen Seiten. In so eine
Situation sind wir mit der Postmoderne bereits sehr stark geraten. Wenn wir
aber nun dagegen nicht aufbegehren und wenn wir sogar noch die letzten
Rudimente der Moderne verschwinden lassen, dann wird das nicht gutgehen.
Wir sollten nach einer Leitkultur streben
Wir sollten also wieder nach gemeinsamer Wahrheit suchen.
Wir sollten im Gespräch bleiben. Wir sollten miteinander ringen, anstatt uns
nur noch zu beschuldigen und das eigene Weltbild gegen ein anderes zu setzen.
Wir sollten nach einer Leitkultur streben. Eine Gesellschaft verträgt
Gleichgültigkeit nicht. Diese Gleichgültigkeit bringt Toleranz aber mit sich.
Toleranz ist doch eine Form von Egoismus. Wer den Anderen nur toleriert, dem
ist der Andere doch vielleicht auch egal. So eine Gleichgültigkeitsgesellschaft
ist aber ein brodelndes Faß, weil irgendwann der Punkt kommt, wo alle sich so
sehr in ihre Ansichten geflüchtet haben, daß sie nicht mehr in der Lage sind
für Kompromisse und für Veränderung ihrer selbst. Darum ist Toleranz das
falsche Konzept für die Demokratie und der Streit um den Konsens das richtige
Konzept.
Forderungen nach Toleranz unterstützen den moralischen
Verfall
Den Wertekonflikt dieser Tage löst man auch nicht dadurch,
daß man den Rechtspopulisten sagt: Ihr müßt jetzt tolerant sein. Denn im
Namen der Toleranz und der Meinungsfreiheit sind diese doch sehr provokativ und
zum Teil rassistisch. Mit Forderungen nach mehr Toleranz – ihrer Form der
Toleranz – wird der liberale Mainstream der deutschen Politik also eher den
moralischen Verfall unterstützen, als ihn wieder einzufangen.
Die Linke muß lernen, über Werte nicht nur zu reden, sie muß
sie durchsetzen wollen
Darum geht es darum in einen neuen Verständigungsprozeß
über die ethischen Werte und die ökonomische Grundstruktur der Gesellschaft zu
kommen. Das wird nicht ohne Streit gehen. Die Linken sind nun also
aufgefordert, ihren Fokus auf Kulturkampf für mehr Toleranz zu beenden, und
stattdessen einerseits die „soziale Frage“ wieder auf die politische Agenda zu
setzen, um nicht hauptsächlich nur über „Werte“ zu reden, und andererseits
diese „Werte“ so zu behandeln, daß man um sie kämpfen und für sie überzeugen
muß. Letztere Haltung nannte man mal sokratisch. Das brauchen wir: Eine
Rückkehr des politischen Sokratismus.
(Nils Heisterhagen Grundsatzreferent SPD -TagesspiegelCausa)
Expertise:
Nils Heisterhagen ist Grundsatzreferent der
SPD-Landtagsfraktion in Rheinland-Pfalz. Zuvor war er Grundsatzreferent und
Redenschreiber der letzten beiden IG



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