Sexueller Mißbrauch
"Viele Männer verdrängen jahrelang, daß sie mißbraucht wurden"
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Männern passiert so etwas nicht: Thomas Schlingmann vom Verein "Tauwetter" erklärt, warum es männlichen Opfern oft schwer fällt, sich mit sexuellen Gewalterfahrungen auseinanderzusetzen - und warum es bisher kaum Hilfsangebote für sie gibt.
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Die Vorwürfe gegen den Schauspieler Kevin Spacey sind schwer:
Er soll Jungen und Männer sexuell belästigt und mißbraucht haben. Warum es
für Männer noch immer außerordentlich schwer ist, sich einzugestehen, daß sie
Opfer sexueller Gewalt geworden sind, erklärt Thomas Schlingmann von der
Beratungsstelle "Tauwetter".
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Herr Schlingmann, wird sexuelle Gewalt gegen Jungen oder Männer in der Öffentlichkeit anders diskutiert als gegen Frauen?
Thomas Schlingmann: Meines Erachtens: Ja. Es herrscht das
Bild, daß Männern sexuelle Gewalt nicht passiert. Immer noch. Männer müssen
auch in unserer Gesellschaft noch stark sein und durchsetzungsfähig. Dazu paßt
es nicht, Opfer sexueller Gewalt zu werden. Die Opfer haben deswegen eine hohe
Hemmschwelle, es sich überhaupt einzugestehen. Weil sie sich fragen: Bin ich
überhaupt noch ein Mann? In der Aufarbeitung gibt es deswegen gewisse
Unterschiede zu Frauen.
Wir bei Tauwetter wenden uns besonders an Männer und Jungen,
die in ihrer Kindheit oder Jugend Opfer sexueller Gewalt wurden. Da läuft sehr
viel an Umdeutung und Kompensation. Das ist bei Frauen zwar auch so, wie es
geschieht, unterscheidet sich allerdings. Auch wenn man natürlich nie
verallgemeinernd von "den Männern" und "den Frauen"
sprechen kann.
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Bei Männern beobachten wir zum Beispiel oft, daß sie gegengeschlechtlicher Mißbrauch als Kind oder Jugendlicher umdeuten zum "ersten heterosexuellen Abenteuer", also zu einvernehmlichen Sex. Das paßt besser zur Männerrolle in der Gesellschaft. Gleichgeschlechtlicher Mißbrauch führt häufig zu der Frage: Bin ich etwa schwul? Diese Frage mag auf den ersten Blick seltsam wirken, ist es aber gar nicht. Zum Beispiel wissen viele Menschen nicht, daß Jungen wie Männer auch in Situationen von sexueller Gewalt Erektionen oder Ejakulationen haben können. Sie interpretieren das dann oft selbst als Zeichen, daß es ihnen doch irgendwie gefällt - verstärkt vom Täter oder der Täterin, die sagen: Siehst Du! Dabei stimmt das nicht.
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Wie ist das denn bei Jungen, die schwul sind?
Jungen, die nicht dem klassischen Männerbild entsprechen, sind
in besonderer Weise gefährdet, Opfer sexueller Gewalt zu werden. Das betrifft
auch schwule Jugendliche oder solche, die es vielleicht werden. Während ihrer
Orientierungsphase oder eines möglichen Coming-Outs werden manche Opfer von
Männern, die genau die Suche ausnutzen. Andere werden Opfer von sexueller
homophober Gewalt.
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| Foto-welt.de |
Das Ergebnis ist in beiden Fällen eine massive
Verunsicherung. Einige erleben den Mißbrauch als unangenehm und hinterfragen
dann ihre sexuelle Orientierung, andere werden gleichsam auf Ältere geprägt und
haben oft Probleme mit Gleichaltrigen. Dritte schrecken zurück und lassen sich
nie wieder auf homosexuelle Beziehungen ein. Die einvernehmliche Einführung
Minderjähriger in die Sexualität durch eine ältere Person - egal ob Mann oder Frau
- ist aber ein Legitimationsmythos.
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Wie verarbeiten Männer solche Übergriffe?
Sexuelle Gewalt ist immer ein sehr starker Angriff auf die
eigene Identität. Viele Männer verdrängen jahrelang, daß sie mißbraucht wurden.
Das kann so aussehen, daß ein Jugendlicher ganz erleichtert ist, wenn er in der
Bravo liest: Daß Jungs zusammen masturbieren ist ganz normal, das heißt
nicht, daß man schwul ist. Der Junge denkt sich: Gott sei Dank! Erst 20 Jahre
später gesteht er sich ein: Hier haben überhaupt nicht zwei Jungs miteinander
masturbiert, sondern mein Gegenüber war ein Erwachsener. Das
war Mißbrauch.
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Viele Männer, die sehr tief in klassischen Männlichkeitsvorstellungen stecken, haben auch wenig Zugang zu ihren Gefühlen. Das hat mit der Erziehung zu tun. Für sie ist es schwer, die erlebte Verletzung zu realisieren. Das kann man natürlich nie verallgemeinern, weil es durchaus Männer gibt, die sehr viel mit ihren Gefühlen beschäftigt sind. Aber die gesellschaftlichen Vorstellungen, die Männern vermittelt werden, sehen anders aus.
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Macht es einen Unterschied, ob die sexuelle Gewalt von einer Frau oder einem Mann ausging?
Ja. Zum Beispiel ist es für viele Außenstehende durchaus
vorstellbar, daß ich als Junge einem Mann unterlegen bin. Aber einer Frau?
Das geht ganz schwer mit dem Bild zusammen, in dem Männlichkeit immer noch als
Form von Überlegenheit konstruiert wird. Auf der anderen Seite ist Schwulsein
in Teilen der Öffentlichkeit immer noch verpönt, was dann bei den Opfern zu den
Konflikten führt, die ich schon beschrieben habe.
Die Öffentlichkeit vermischt außerdem sehr gern sexuelle
Gewalt und Homosexualität. Gerade, wenn es um Kinder und Jugendliche geht.
Viele Männer, die sich selbst als pädophil bezeichnen, haben diese Vermischung
in den 80er und 90er Jahren bewußt vorangetrieben, Anschluß zur
Schwulenbewegung gesucht, sich als neue diskriminierte Gruppe inszeniert. Gott
sei Dank geht inzwischen der größte Teil der schwulen Szene deutlich auf Distanz
dazu. Doch das Bild ist immer noch da. Ich bin hingegen vorsichtig, den Begriff
"Pädophiler" in diesem Zusammenhang überhaupt zu gebrauchen, denn
eigentlich hat sexueller Mißbrauch nichts mit sexuellen Präferenzen
zu tun.
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Womit dann?
Es geht um Macht. Das läßt sich auch aus den Berichten
herauslesen, die über Kevin Spacey kursieren. Sollten sie denn wahr sein, dann
hat er Übergriffe auf einen 14-Jährigen verübt, aber auch auf erwachsene
Männer. Hollywood ist
überhaupt ein Musterbeispiel dafür, wie Hierarchie und Macht sexuell
verkleidet werden.
Anlaufstellen für mißbrauchte Männer sind rar
Gibt es eigentlich verläßliche Zahlen, wie viele Männer
Opfer sexueller Gewalt werden und ob die häufiger von Frauen oder Männern
ausgeht?
Leider gibt es keine repräsentativen Studien zu dem Thema,
die wirklich belastbare Zahlen liefern. Es gibt ungefähre Zahlen, wie viele
Männer in Kindheit oder Jugend mißbraucht wurden, wie vielen das im
Erwachsenenalter passiert, ist unklar. Die Dunkelziffer ist außerdem
extrem hoch.
Von den Männern, die in unsere Beratungsstelle kommen,
sind etwa ein Viertel bis ein Drittel in ihrer Kindheit von Frauen mißbraucht
worden. Wobei etwa die Hälfte davon wiederum nicht nur von einer Frau, sondern
zusätzlich von einem Mann Gewalt erfahren haben. Dunkelfeldstudien zu dem
Thema geben an, daß etwa fünf bis 15 Prozent der sexuellen Gewalt gegen Jungen
und männliche Jugendliche von Frauen ausgeht. Über das Ausmaß sexueller Gewalt
von Frauen gegen erwachsene Männer wissen wir kaum etwas.
Wie sieht es in Deutschland mit Hilfsangeboten für sexuell
mißbrauchte Jungen und Männer aus?
Natürlich kann ich als Junge oder Mann zur ganz normalen
Opferhilfe gehen. Anlaufstellen, die sich speziell mit sexueller Gewalt gegen
Jungen und Männer beschäftigen, gibt es aber sehr wenige. Eine Erhebung kam mal
auf sieben Beratungsstellen deutschlandweit. Viele davon wenden sich an
Männer, die in ihrer Kindheit Opfer wurden, wie wir bei Tauwetter auch.
Unser Grundsatz ist allerdings: Jeder, der zu uns kommt,
wird beraten. Aber es ist schon eine andere Beratungssituation, wenn jemand ein
Kindheitstrauma aufarbeiten muß als wenn ein Erwachsener zu mir kommt und sagt:
Mir hat gestern jemand im Club K.O.-Tropfen in den Drink getan. In der
Schwulenszene gibt es außerdem einige Anlaufstellen für homophobe Übergriffe
und auch gegen Gewalt in schwulen Paarbeziehungen. Aber insgesamt ist das Netz
für Männer leider sehr dünn.
Hat sich die Debatte in Ihrer Wahrnehmung in den vergangenen
Jahren verändert?
Ja, wenn es im um sexuelle Gewalt gegen Jungen geht. Nein,
wenn es zum Beispiel sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gegen erwachsene
Männer betrifft. Wir von Tauwetter haben uns 1991 als Selbsthilfegruppe
zusammengefunden. Das ist dann immer weiter gewachsen, 1995 wurden wir zur
Anlaufstelle, 1999 zum Verein. Inzwischen bieten wir auch Fortbildungen an,
sitzen an Runden Tischen. Interessant ist: Wir waren in der Ursprungsgruppe ein
Sozialarbeiter, ein Psychologe, ein Mediziner und ein Buchhalter. Wir hatten
also zufälligerweise alles an Expertise, was man für eine solche Anlaufstelle
braucht. Sollte man denken. Allerdings hatte keiner von uns in seiner
Berufsausbildung oder bisherigen Laufbahn irgendwas über sexuelle Gewalt gegen
Jungen gelernt.
Das Thema war einfach nicht vorhanden.
Das ist heute schon anders. Der größte Einschnitt war 2010,
als der Mißbrauch am Canisius-Kolleg und an der Odenwald-Schule öffentlich
wurde. Da hieß es plötzlich: Ach, Männer auch! Dabei hat sicherlich eine Rolle
gespielt, daß es sich um Eliteeinrichtungen gehandelt hat, daß die betroffenen
Männer aus bestimmten gesellschaftlichen Schichten kamen und daher ein
anderes Standing hatten, als wenn das Ganze an einer Brennpunktschule passiert
wäre. Das hatte aber nicht nur positive Folgen.
Inwiefern?
Teilweise wurden Geschlechterunterschiede verwischt. Früher
hieß es: Opfer von sexuellem Mißbrauch werden Mädchen. Jetzt heißt es häufig:
Kinder. Dabei sind es Mädchen und Jungen. Und natürlich Kinder, die nicht in diese
beiden Geschlechter passen. Ich bin der letzte, der ständig die Unterschiede
der Geschlechter betonen will, es gibt ja in der Tat viele Gemeinsamkeiten
unter Opfern sexuellen Mißbrauchs. Aber es gibt eben auch Unterschiede und die
muß man immer mitdenken.(von Hannah Beitzer, Berlin-SZ)











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