Tarifkonflikt beim Lesben- und Schwulenverband - Mitarbeiter fordern Tarifvertrag mit faireren Arbeitsbedingungen
Ein Verein, der sich Bürgerrechte auf die Fahne schreibt, aber die Rechte der eigenen Mitarbeiter nicht ernst nimmt? Beim Berliner Lesben- und Schwulenverband schwelt ein Konflikt um Arbeitsbedingungen und die Frage, ab wann eine Gewerkschaft eine Gewerkschaft ist.
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| Foto-RBB |
300 angesammelte Überstunden in einem halben Jahr, immer
wieder befristete Arbeitsverträge: Den Beschäftigten des Bildungs- und
Sozialwerks des Lesben- und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg (BLSB) reicht
es. Ein Haustarifvertrag soll her, um ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Am Donnerstagabend sind sie zum ersten Mal auf die Straße
gegangen. In der Schöneberger Kleiststraße haben rund 40 Mitarbeiter,
Gewerkschafter und Unterstützer vor dem Sitz des Vereins gegen die
gescheiterten Tarifverhandlungen protestiert.
BLSB-Mitarbeiter
Mitarbeiter organisieren sich in kleiner Basisgewerkschaft
"Am meisten stört mich, wie mit legitimen Forderungen
umgegangen wird", sagte ein Mitarbeiter, der lieber anonym bleiben möchte,
rbb|24. Anfang des Jahres hätten sich die rund 20 Mitarbeiter des Bildungswerks
zusammengesetzt und überlegt, wie sie ihre Arbeitsbedingungen verbessern
könnten. Die meisten seien projektbasiert angestellt. Nach jeder Kündigung
hätten sie sich jedes Jahr wieder beim Arbeitsamt melden müssen, berichtete er.
Und die vielen Überstunden hätten einen hohen Krankenstand zur Folge. Ihr Ziel
deshalb: ein Tarifvertrag für alle – mit unbefristeten Arbeitsverträgen und Überstundenregelungen.
So gründeten sie mit Hilfe der Freien Arbeiterinnen und
Arbeiter Union (FAU) Berlin eine eigene Betriebsgruppe. Denn das verdi-Modell
mit nur einem Betriebsrat sei ihnen zu klein gewesen.
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| Gerechtigkeit Fordern, aber an der Tür der Arbeitnehmer ist dieser vorbei |
Für die Verhandlungen
gründeten sie eine vierköpfige Tarifkommission bestehend aus zwei
FAU-Mitgliedern aus der Belegschaft und zwei Gewerkschaftern.
Die "anarcho-syndikalistische" Basisgewerkschaft
FAU wurde 1977 gegründet. Deutschlandweit ist die basisdemokratische
Gewerkschaftsföderation in rund 50 Lokalföderationen organisiert. Ihr Ziel:
"mit Streiks und anderen Mitteln der direkten Aktion für ein besseres
Leben und eine Welt ohne Bosse, Ausbeutung und Grenzen" kämpfen.
Es geht um Arbeitsschutz, eine Beschwerdestelle und entfristete Verträge
Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter ist nach FAU-Angaben
Mitglied bei der sogenannten anarcho-syndikalistischen Basisgewerkschaft. Eine
genaue Mitgliederzahl will sie nicht nennen. Nach einem ersten Treffen mit
der Tarifkommission im September habe der Vorstand im Oktober bei einem zweiten
Treffen einen Zeitplan vorgelegt, sagte Gewerkschaftssprecher Valentin Domann
rbb|24.
Gemeinsam mit der Belegschaft habe die FAU elf, wie er es
nennt, "eher moderate" Forderungen aufgestellt – orientiert am
Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst in Berlin. Die Forderungen:
entfristete Verträge unter Finanzierungsvorbehalt, die Einrichtung einer
unabhängigen Beschwerdestelle für Diskriminierungsfälle, die Einführung
von Arbeitszeitkonten, Überstundenregelungen und regelmäßige Supervisionen
[berlin.fau.org].
Grundbedingung für die Verhandlung war für die
Betriebsgruppe aber, dass während der Gespräche ein halbes Jahr lang niemand
gekündigt wird.
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Da habe der Vorstand nicht eingewilligt, so Domann.
Verhandlungen scheitern nach Kündigungswelle
Denn der überwiegende Teil der Mitarbeiter sei einen Tag
nach dem ersten Treffen im September gekündigt worden, sagte der
Gewerkschafter. "Darunter sehr viele von unseren Mitgliedern." Dem queeren Stadtmagazin blu erklärte BLSB-Geschäftsführer
und Bürgerrechtler Jörg Steinert in der vergangenen Woche, die Kündigungen
seien nicht als Druckmittel zu verstehen, sondern mit dem Projektförderungsende
turnusgemäß ergangen.
Nun schieben sich Gewerkschaft und Geschäftsführung
gegenseitig die Verantwortung zu. Laut FAU seien die Gespräche abgebrochen
worden, weil der Vorstand nicht der Verhandlungsbedingung, während der
Tarifverhandlungen Kündigungen auszusetzen, zustimmen wollte. Geschäftsführer
Steinert weist dagegen die Vorwürfe der FAU zurück. Den Tarifkonflikt
kommentierte er gegenüber rbb|24 schriftlich kurz und knapp: "Uns war die
FAU bislang nicht bekannt. Daher fanden Kennenlerngespräche statt. Diese wurden
von der FAU abgebrochen. Daher erübrigt sich eine Stellungnahme zu deren Forderungen
und Behauptungen."
Der Mitarbeiter gibt sich überrascht, dass die Gespräche
vorerst geplatzt sind. Denn der Zeitplan sei vom Vorstand gekommen. "Die
wollten mit uns reden". Die meisten Punkte wie Arbeitszeitkonten und
Urlaub sollten noch in diesem Jahr besprochen werden, so der Mitarbeiter. Nur
das Thema Entfristung habe nicht auf der Liste gestanden.
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| Foto-LSVD |
"Ich finde es frustrierend, dass der Vorstand die
Verhandlungen abgebrochen hat, obwohl er einen Zeitplan vorgelegt hat und wir
nur das fordern, was im Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst steht",
sagte er. Verband stellt Legitimität der FAU infrage.
Unterdessen stellte die Geschäftsführung des Lesben- und
Schwulenverbands die Legitimität der Gewerkschaft infrage. Dem Magazin blu sagte Steinert am 21. November: "Gemäß
Rechtsprechung des Landesarbeitsgerichts Berlin und des Kammergerichts ist die
FAU nicht tariffähig. Sie ist damit im Gegensatz zu richtigen Gewerkschaften
nicht zum Abschluss von verlässlichen Tarifverträgen berechtigt."
Für Domann ein vorgeschobener Grund: "Es gab kein
Hauptverfahren, dass wir nicht tariffähig wären". Außerdem gebe es keine
konkurrierende Gewerkschaft in der Belegschaft. "Wir verstehen die
Äußerungen von Geschäftsführer Jörg Steinert nicht nur als einen Angriff gegen
die organisierte Belegschaft des BLSB und die FAU Berlin, sondern allgemein als
einen Angriff auf ein soziales und universelles Menschenrecht", teilte die
Gewerkschaft einen Tag später auf ihrer Internetseite [berlin.fau.org] mit und meint
damit die Organisation und Gründung von Gewerkschaften zur Verbesserung der
Arbeitsbedingungen.
"Warum können wir keinen Tarifvertrag schließen, wenn
das der Wille der Mehrheit ist?"
Harte Vorwürfe gegen einen Verband, der sich
Bürgerrechtspolitik auf die Fahne geschrieben hat. Gegenüber rbb|24 wies
Steinert die Behauptungen der FAU insgesamt zurück. Der Mitarbeiter ist ratlos:
"Wenn die Mehrheit der Belegschaft in der Gewerkschaft organisiert ist,
warum sollte die nicht tariffähig sein? Warum können wir keinen Tarifvertrag
schließen, wenn das der Wille der Mehrheit ist?" Er habe von niemandem
gehört, der dagegen ist oder die Forderungen für überzogen hält. Es gebe nur
ein paar, die sich neutral verhalten.
Rückendeckung bekommt er dabei von Arbeitsrechtlerin Lena
Rudkowski. Im deutschen Arbeitskampfrecht müsse eine tariffähige Gewerkschaft
"sozial mächtig" sein, so die Juniorprofessorin an der Freien
Universität Berlin. Die Mächtigkeit bemesse sich vor allem nach der Zahl der
Gewerkschaftsmitglieder, aber auch nach der Funktion ihrer Mitglieder im
Arbeitsleben. "So kann auch eine Gewerkschaft mit eher
geringer Mitgliederzahl tariffähig sein, wenn sie Arbeitnehmer
organisiert, die in geringer Zahl durch ihre Arbeitsniederlegung spürbaren
Druck auf den Arbeitgeber ausüben können", so Rudkowski.
Über Facebook haben die Mitarbeiter nun zur Solidarität
aufgerufen und "fordern für ihren eigenen Betrieb nichts weiter als das,
wofür sie sich in ihrer alltäglichen Arbeit in anderen Bereichen der
Gesellschaft einsetzen: einen respektvollen zwischenmenschlichen Umgang und die
Anerkennung ihrer (Grund-)Rechte", wie sie in der Veranstaltungseinladung
schrieben.
Unter dem Motto "Lohnarbeit verdient Respekt"
protestierten am Donnerstagabend rund 40 Menschen vor dem Vereinssitz. Die
große Hoffnung: "Dass der Vorstand mal sieht, wie viele organisiert
sind", so der Mitarbeiter.
Plakat-Protestaktion zur Verleihung des Respektpreises
Aufgeben kommt auch für Gewerkschafter Domann nicht in
Frage: "Wir hoffen auf die Unterstützung der Geldmittelgeber und der
Community." Bei ihrem Protest zeigen sie sich durchaus kreativ. So haben
sie am 23. November zur Verleihung des Respektpreises des Bündnisses gegen
Homophobie, dem auch der Lesben- und Schwulenverband angehört, am Berliner Messegelände
Protestplakate aufgehängt. Auf den #KeinRespektpreis-Plakaten rund um das
Internationale Congress Centrum prangerten sie den vermeintlich fehlenden
Respekt gegenüber den eigenen Mitarbeiter an und forderten: "Tarifvertrag
jetzt!"
"Der Verein feiert sich als Menschenrechtsorganisation,
aber setzt es in den eigenen Betriebsstrukturen nicht um", so das Urteil
von Bomann. Er wertet es als Erfolg, dass der Preisträger des Respektpreises,
der LGBTI-Blog Queerspiegel, den Tweet der FAU retweetete.
Letztes Mittel: Streik?
Die Mitarbeiter sind enttäuscht. "Es ist krass, die
Leute reißen sich teilweise den Arsch auf und der Vorstand tut gar
nichts", sagte einer von ihnen. Er hofft, dass die Verhandlungen wieder
aufgenommen werden – damit sie ihre Arbeit ordentlich machen können.
"Bei uns zu streiken, kann ja dem Beratungsbetrieb schaden."
Er befürchtet aber auch, dass ein paar der Kollegen keinen
neuen Vertrag bekommen werden und der Vorstand den Konflikt ins neue Jahr
verschleppt: "Wer von den alten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bleibt,
ist unklar."(von Mareike Witte-RBB)





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