Warum Kondome, wenn's Schutzpillen gibt?
Mancher Arzt ist euphorisch: Mittel zur HIV-Vorbeugung könnten die Neuansteckungen unter Homo- und Bisexuellen endlich senken. Nur schafft die Pille davor neue Probleme.
Kondome mochte Michael Kappel* nie besonders. An den ersten
Sex, bei dem er das Gummi wegließ, erinnert er sich deshalb noch lebhaft.
"Das Gefühl war so schön intensiv", erzählt der Mittdreißiger in einem
Café in Berlin-Neukölln. Er hatte damals Sex mit seinem Ex-Freund. Richtig
fühlte es sich trotzdem nicht an: "Unsere Generation ist mit der Warnung
aufgewachsen, dass wir beim Sex Kondome nehmen müssen, weil wir sonst Aids
bekommen und sterben." Seit Kurzem gibt es etwas gegen das schlechte
Gewissen und die Angst: kleine blaue Pillen, wie sie Michael nun jeden Tag
einnimmt. Seine Befreiung, wie er sagt.
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Die Pille zur HIV-Prophylaxe ist ein Mix aus den Wirkstoffen
Tenofovir und Emtricitabin, bekannt unter dem Markennamen Truvada. Und sie wird
immer beliebter. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt das Mittel
inzwischen als essenzielle Arznei. In New York stieg die Zahl derer, die
Truvada einnehmen, in den letzten beiden Jahren um fast das Zehnfache (Infectious Diseases Society of America, 2017).
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Seit gut einem Jahr ist das Mittel in Deutschland zugelassen. Weil Truvada zur Vorbeugung vor dem möglichen Kontakt mit HI-Viren genommen wird, nennen Mediziner es PrEP, kurz für Prä-Expositions-Prophylaxe. Sie verringert das Risiko, sich bei ungeschütztem Sex anzustecken. Dank PrEP, so die Hoffnung vieler Forscher, ließe sich die Zahl der HIV-Neuinfektionen senken, die in Deutschland (Robert Koch-Institut, 2017, pdf) und vielen anderen Ländern derzeit stagniert.
Noch aber sind viele Fragen offen: Wer sollte die Pille
bekommen? Wer bezahlt dafür? Und was ist mit anderen Geschlechtskrankheiten,
wenn deswegen Menschen beim Sex das Gummi weglassen?
Die Wirkstoffe Tenofovir und Emtricitabin, die in den blauen
Pillen stecken, sind beide schon länger für die antiretrovirale HIV-Therapie
zugelassen. Sie sollen dafür sorgen, dass sich HIV im Körper nicht fortpflanzt,
indem sie ein Schlüsselenzym des Virus, Reverse Transkiptase, hemmen. Dieses
Enzym stellt normalerweise eine Kopie des Virus-Erbguts her und schleust es in
das Genom, also das Erbgut der menschlichen Zelle ein. Truvada reichert
sich unter anderem in den Zellen der Schleimhäute an. Gelangen HI-Viren
daraufhin bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr dorthin, können sie sich nicht
weiter vermehren. Deshalb stecken sich die meisten PrEP-Nutzer auch beim Sex
mit einem HIV-Positiven nicht an. Die Nebenwirkungen der PrEP-Medikamente sind
meist mild und mit denen der entsprechenden HIV-Therapie vergleichbar: ein
wenig Bauch- und Kopfschmerzen, eine etwas verminderte Filtrationsleistung der
Nieren.
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PrEP könnte Tausende HIV-Infektionen verhindern
Tatsächlich sind die Pillen sehr wirksam. In einer
französischen Studie, an der homo- und bisexuelle Männer teilnahmen,
verringerten sie das Risiko, dass diese sich mit HIV ansteckten, um 86 Prozent
(New England Journal of Medicine: Molina et al., 2015).
Andere Studien deuten darauf hin, dass die Pille noch effektiver sein könnte,
wenn die Behandelten sie verlässlich jeden Tag einnehmen und nicht hin und
wieder vergessen (New England Journal of Medicine: Grant et al., 2010).
Michael Kappel ist Patient bei Heiko Jessen, einem
Infektiologen, den man in der schwulen Szene Berlins gut kennt. Seine Praxis
hat er in der Motzstraße in Berlin-Schöneberg, im schwulen Herzen der
Hauptstadt, dort, wo überholt geglaubte Klischees über Schwule wahrhaftig
werden: Gegenüber der Praxis wirbt ein Geschäft mit satten Rabatten auf Dildos,
nebenan werden Sexschaukeln, Ganzkörper-Latexanzüge und Brustwarzenklammern
verkauft. In Jessens Sprechzimmer stehen deckenhohe Bücherregale, auf jedem
zweiten Einband steht das Wort Aids. "Das Thema Safer Sex ist noch zu
stark auf das Kondom konzentriert", erklärt Jessen. Wenn es nach dem Arzt
geht, sollten noch viel mehr Menschen mit hohem Ansteckungsrisiko Truvada
nehmen. Also vor allem homo- und bisexuelle Männer, die häufig ihre Sexpartner
wechseln, denn innerhalb dieser Risikogruppe kommen noch immer mehr als die
Hälfte der HIV-Neuinfektionen vor. "Das große Problem aber waren bis jetzt
die Kosten und die Übernahme durch die Krankenkassen."
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Eine Monatspackung Truvada kostete bis vor Kurzem rund 820 Euro. Krankenkassen übernehmen die Kosten für die PrEP, anders als in Frankreich, hierzulande nicht. Der Grund: Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), der über die Erstattungsfähigkeit von Medikamenten entscheidet, fühlt sich für die PrEP nicht zuständig. Josef Hecken, Vorsitzender des G-BA, in dem Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen sitzen, sagt, dafür gebe es gute Gründe: Der Gesetzgeber habe klar geregelt, was die Krankenkassen übernehmen sollen. Für Medikamente sollen sie nur zahlen, wenn diese zur Behandlung Kranker dienen. Für Prävention also nicht. Einzige Ausnahme: Impfungen. Pillen als Vorbeugung vor eine HIV-Infektionen fielen deshalb sozusagen durch das Raster. Aus Sicht der Deutschen Aidshilfe ist das eine klare Lücke im Regelwerk.
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Viele Männer haben mit Kondom Erektionsprobleme
Für den Arzt Heiko Jessen verbirgt sich hinter der
Argumentation aber noch etwas anderes: Für die Sicherheit des privaten,
sexuellen Vergnügens will selten eine staatliche Stelle bezahlen. "In
Deutschland hat sich die Sexualmoral seit den Fünfzigerjahren eben kaum
weiterentwickelt", sagt er. Dass Truvada nicht nur vor Ansteckung schützt,
sondern noch dazu Männern hilft, die beim Einsatz von Kondomen
Erektionsprobleme bekommen, ist für Krankenkassen natürlich auch kein Argument,
dafür aufzukommen. "Und das ist eine große Gruppe", sagt Jessen und
verweist auf eine kürzlich erschienene Studie, für die 479 Männer befragt
wurden. Mehr als die Hälfte gab an, beim Sex mit Kondom Erektions- und Orgasmusprobleme
zu haben (AIDS and Behavior: Sanders et al., 2014).
Aus finanzieller Sicht für das Gesundheitssystem erscheint
es wenig sinnvoll, dass die Krankenkassen keine Vorbeugung bezahlen. Das rechnete ein holländischer Mediziner dieses Jahr den
niedergelassenen deutschen Hausärzten vor, die HIV-Kranke versorgen (David van de Vijver, 2017 – Vortrag als pdf). Die
Tabletten, die pro Patient knapp 10.000 Euro pro Jahr kosten, seien viel
günstiger als die 17.000 Euro, die die Krankenkassen für die Behandlung eines
HIV-Infizierten ausgeben müssen. Das deckt sich mit Studien aus den
Niederlanden (The Lancet Infectious Diseases: Nichols et al., 2016) und Großbritannien (The Lancet
Infectious Diseases: Cambiano et al., 2017).
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Andere Geschlechtskrankheiten werden häufiger
Ein Problem könnte der zunehmende Einsatz der Pillen aber
mit sich bringen: Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Herpes, Gonorrhö und
Chlamydien könnten weiter zunehmen. Weil Safer Sex seltener wird. "HIV und
seine Übertragungswege sind in der Bevölkerung sehr gut bekannt. Die
Bekanntheit anderer sexuell übertragbarer Infektionen liegt deutlich
niedriger", sagt Klaus Jansen von der Abteilung für
Infektionsepidemiologie des Robert Koch-Instituts. Die Anzahl von Syphilis-Infektionen sei in den letzten Jahren
besonders stark angestiegen, vor allem unter homo- und bisexuellen Männern.
85 Prozent der Neuinfektionen, zeigt eine Studie von Jansen, entfallen
inzwischen auf diese Gruppe (Bundesundheitsblatt: Bremer, Jansen et al., 2017).
Ein Grund dafür könnte ein verändertes Risikoverhalten sein.
Viele Männer, die Sex mit Männern haben, würden neuerdings gezielt nach
HIV-negativen Sexpartnern suchen, um ohne Kondom mit ihnen schlafen zu können.
Die Folge: die Fälle an Infektionen mit andere Geschlechtskrankheiten nimmt zu,
wie eine Studie aus Frankreich zeigt (21st
International AIDS Conference: Mascolini, 2016). Die Verfügbarkeit einer
HIV-Prophylaxe könne zu diesem Trend beitragen. Ob das wirklich so ist, ließe
sich jetzt aber noch nicht beurteilen.
Truvada-Nutzer Michael Kappel jedenfalls ist sich der
Ansteckungsgefahr bewusst. Er hatte selbst schon einmal eine
Gonokokken-Infektion im After. "Die hatte ich aber auch schon mal vor zwei
Jahren, als ich beim Sex noch Kondome benutzt habe", sagt er. Kappel lässt
sich alle drei Monate routinemäßig auf HIV und andere Geschlechtskrankheiten
testen, eine Frequenz, zu der Ärzte wie Jessen auch anderen PrEP-Nutzern raten.
"So reduzieren Sie das Risiko, eine mögliche Infektion
weiterzugeben", erklärt Kappel.
Seit Kurzem: PrEP für 50 Euro im Monat
Er besorgt sich seine Pillen auf Grund der hohen Kosten aus
dem Internet. Dort bieten indische Hersteller wie der Pharmakonzern Cipla
Truvada-Verschnitte für 65 Euro an. Eine Forschergruppe aus Großbritannien fand
heraus, dass die online erhältlichen Mittel genauso sicher sind wie das
Originalpräparat Truvada (HIV Medicine: Wang et al., 2017). (von Sebastian
Danz-zeitonline)







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